80 Jahre berufliche Erfahrungen evangelischer Theologinnen in Württemberg
Abgewiesen, ausgegrenzt, eingeschränkt – heute unverzichtbar

Von: Christel Hildebrand
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 In lockerer Folge veröffentlicht das »Deutsche Pfarrerblatt« Artikel, die die Geschichte der Gleichstellungsarbeit für Frauen im Pfarrberuf Revue passieren lassen. Christel Hildebrand schildert Probleme und Perspektiven aus der Konventsarbeit evangelischer Theologinnen in Württemberg.


Die erste württembergische Theologin, Lydia Schmid (1897-1946), konnte 1921 ihr Studium nur mit einem Dr. theol. abschließen, und sah sich wegen fehlender beruflicher Perspektive in der Kirche genötigt, ihn 1922 mit einem Dr. phil. zu ergänzen. Erst seit 1927 wurden kirchliche Examen in der evangelischen Kirche in Württemberg möglich. Elisabeth Mack hatte erfolgreich darum gekämpft. Bis 1929 hatten drei Theologinnen dieses Examen abgelegt. Diesen vier Frauen wurde das Erteilen von Religionsunterricht erlaubt, sie führten den Titel: »Höher geprüfte kirchliche Religionshilfslehrerin.« (alle Quellen in der Literaturliste am Ende)


Netzwerk und Solidargemeinschaft

Unter solchen Gegebenheiten war das Netzwerk des Theologinnenkonvents Deutschland von großer Bedeutung. Eine Mitgliedsliste belegt, dass mindestens seit 1929 fünf und bald weitere württembergische Theologinnen dazugehörten. Sie verfolgten über diesen Zusammenschluss die Entwicklung ihrer Berufsituationen in den evangelischen Kirchen in Deutschland, tauschten sich aus über die Möglichkeiten ihrer jeweiligen Mitarbeit und überprüften herrschende Frauenbilder an den biblischen Grundlagen.

Um auf die Legislative ihrer je eigenen Kirche Einfluss nehmen zu können, wurde die Gründung von »Landeskonventen« nötig, (wenngleich diese Treffen noch unterschiedlich bezeichnet wurden). Dr. theol. Else Breuning (1905-1999), die aus einer Tübinger Juristenfamilie stammte, erkannte dies insbesondere. Sie gehörte zu den ersten vier Theologinnen in Württemberg und rief ihre Kolleginnen seit 1935 mehrmals im Jahr zu Treffen in ihrer Landeskirche zusammen. 30 Jahre lang bis 1965 nahm sie die Aufgaben und Herausforderungen einer Vorsitzenden und »Vertrauensvikarin« (so die offizielle Bezeichnung) mit Leidenschaft und hoher Kompetenz wahr.

Nach 1933 war berufliche Verbandsarbeit dringend geworden. Unsere inzwischen verstorbene Kollegin Lenore Volz (1913-2009) berichtet in ihrem 1994 erschienenen Buch »Talar nicht vorgesehen« (S. 57/58): »Nachdem bis 1932 insgesamt acht württembergische Theologinnen in Tübingen die Erste theologische Dienstprüfung abgelegt hatten und 21 noch im Studium waren, kam 1933 folgende »Bekanntmachung des Ev. Oberkirchenrats wegen Zulassung von Abiturientinnen zum Theologiestudium«: »Nachdem sich auch in diesem Jahr wieder eine größere Anzahl von Abiturientinnen zum Studium der evangelischen Theologie angemeldet hat, obwohl hinsichtlich der späteren Verwendung zur Zeit gar keine Aussicht besteht, kann bis auf weiteres keine Abiturientin mehr in das Verzeichnis der württ. Theologiestudierenden aufgenommen werden. Künftige Anmeldungen von Abiturientinnen zum Theologiestudium … sind deshalb wertlos.« 6. Juli 1933. Wurm«.

Zu fragen bleibt, wieweit die Ausgrenzung weiblicher Theologiestudierender vom Frauenbild des Nationalsozialismus »Frau und Mutter« geprägt war. Lenore Volz schreibt: »Dabei waren diese Theologinnen sich bewusst, das dies den Verzicht auf Ehe, Mann und Kinder bedeutete. Ihr Fehler bestand nur darin, dass sie keine jungen Männer waren. Und die Kirche damals konnte sich nicht vorstellen, dass Gott Frauen in den Pfarrdienst beruft.« Doch die Tübinger Theologieprofessoren ermutigten mehrheitlich ihre Studentinnen, ihre Studien fortzusetzen.


Pfarrgehilfinnen-Ordnungen und Lebenswirklichkeit

Bischof Wurm konnte nicht ahnen, dass acht Jahre später mehr als 50% seiner Pfarrer kriegsverpflichtet sein würden und die pfarramtliche Versorgung weder durch Ruhestandspfarrer noch sonstige männlichen Hilfskräfte gewährleistet werden konnte. So genötigt, entschloss er sich 1942 endlich examinierte Theologinnen für eingeschränkte pfarramtliche Dienste zuzulassen und zu verpflichten. Die Amtsbezeichnung der Theologinnen war nun »Pfarrgehilfin« oder »Vikarin« nach Einsegnung, nicht Ordination. In den Gemeinden war ihnen von Anfang an neben dem Religionsunterricht, zumeist an Mädchenschulen, auch die Frauen- und Mädchenarbeit übertragen, sowie Seelsorge an Frauen in den Kliniken, an den vielen oft noch jungen Müttern und Kriegswitwen, oder bei ausgebombten Familien.

Bei vollem Dienstauftrag erhielten sie dennoch nur 75% des Gehalts eines Vikars. Zudem war den württembergischen Theologinnen Mitte der 30er Jahre bewusst geworden, dass sie – anders als die männlichen Vikare – zunächst keinerlei soziale Absicherung besaßen, denn es bestand ja keine Anwartschaft auf ein Pfarramt. Als Dr. Else Breuning, unterstützt durch einen Anwalt, die Kirchenleitung darauf aufmerksam machte, war diese seit 1938 bereit, die Theologinnen in kirchlichen Diensten wie Angestellte zu versichern und für die geleisteten Dienstjahre nachträglich Beiträge zu entrichten.

Am 4. Oktober 1938 wurde in Württemberg erstmals eine Pfarrgehilfinnen-Ordnung beschlossen und die enthält dem lutherischen Eheverständnis zum Trotz die bereits praktizierte Zölibatsforderung: »Mit dem Eingehen einer Ehe scheidet die Pfarrgehilfin aus dem Kirchendienst aus, soweit nicht der Oberkirchenrat im Einzelfall eine Ausnahme zulässt.« Es gab keine Ausnahmen, allerdings haben eine ganze Reihe mit Pfarrern verheiratete Theologinnen während des Krieges und bei Abwesenheit ihrer Pfarrehemänner ohne eigenes Anstellungsverhältnis unermüdlich qualifizierte Dienste in ihren Gemeinden übernommen.

Während des Krieges arbeiteten die angestellten Theologinnen, zumeist dem Dekan zugeordnet, als Springerinnen: Sie durften jetzt, aber nur mit zusätzlicher besonderer Beauftragung, auch Trauerfeiern und Trauungen gestalten und im Zusammenhang mit der Leitung von Gottesdiensten auch taufen oder Abendmahl feiern. Einige wenige waren in ländlichen Regionen eigenen Gemeinden zugeordnet, sollten aber dennoch nicht häufiger als jeden zweiten Sonntag in derselben Gemeinde Gottesdienste halten. Die Amtstracht, der Talar, blieb ihnen verweigert, vorgeschrieben war ein schwarzes Kleid, für das sie während des Krieges ihren Kleiderbezugsschein einsetzen mussten. Wie unangemessen solche Kleidung in schlecht beheizten Kirchen oder auf winterlichen Friedhöfen war, lässt sich vorstellen.

Diese Frauen leisteten ihren Dienst unter schwierigsten Bedingungen: in Auseinandersetzung mit der NS-Ideologie, beobachtet von der Gestapo. Sie waren Seelsorgerinnen für Familien, die ihre Väter, Gatten und Söhne an der Front oder Angehörige in den Bombardements verloren hatten. Oft mussten ihre Dienste wegen Alarm unterbrochen werden. Leben und Besitz waren ständig bedroht, Lebensmittel knapp und oft mühsam zu beschaffen. Die alliierte Invasion erlebten sie noch in ihren Hilfsämtern. Sie leisteten erste Aufbauarbeiten nach dem Krieg. Sobald Pfarrer aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrten, hatten sie den übernommenen Dienst unverzüglich abzutreten. Ihre berufliche Zukunft war ungewiss.

Aufgrund der noch immer unklaren und oft situationsabhängigen Regelungen für Theologinnen verabschiedete der Landeskirchentag in Württemberg (heute Landessynode) am 10. November 1948 eine Theologinnenordnung. Dort heißt es u.a.: »Das geordnete öffentliche Predigtamt, das als solches die Leitung in sich schließt, ist daher Aufgabe des Mannes.« Genau einen Monat später, am 10. Dezember 1948, hörte die Welt die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen, die mit dem Satz beginnt: »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten.«


Zulassung zu Ordination und Pfarramt

20 weitere Arbeitsjahre wird sich für Theologinnen in Württemberg wenig ändern, ihre Aufgaben bleiben eingeschränkt. Dienstlich werden sie allerdings wie ihre Kollegen den Dekanen und Prälaten unterstellt und eine Vertrauensvikarin wird als Vermittlerin anerkannt, aber ohne Mitsprache in der Beaufsichtigung. In all diesen Jahren hatte sich die Vertrauensvikarin, selbst viele Jahre mit der Ausbildung von Gemeindehelferinnen/Diakoninnen beauftragt, unentwegt um angemessene berufliche Anerkennung von Frauen in ihrer Kirche bemüht. 1965 wird Dr. Else Breuning 60 Jahre alt und tritt von der Konventsarbeit zurück. Lenore Volz übernimmt das Amt der Vertrauensvikarin.

Der Dienst in ihrer Kirche hatte den Theologinnen viel Demut abverlangt und sie Demütigungen erleben lassen, aber sie hatten von ihrer Amtsfähigkeit und Berufung Gemeinden überzeugt: 2005 schreibt unsere Kollegin Karin Oehlmann rückblickend: »Die Frauenordination wurde auf zwei Feldern erkämpft, erschrieben, errungen, auf dem Feld der Theologie und auf dem Feld der praktischen Gemeindearbeit.« Lenore Volz und ihre Mitstreiterinnen übermittelten ihre Einsichten immer wieder in Gremien und Arbeitskreisen. 1965 veröffentlichte Lenore Volz ihre Broschüre »Frauen auf die Kanzel«. Dem theologischen Gegner der Frauenordination, Peter Brunner, war bereits 1941 von Hermann Diem widersprochen worden, zwischenzeitlich haben weitere Kollegen seine biblischen Belege als einseitig und exegetisch ungenau herausgearbeitet, so u.a. Heinz-Dietrich Wendland, Friedrich Lang. 1967 beschließt die Landessynode in Württemberg mit großer Mehrheit, den OKR mit der Neufassung der Theologinnenordnung zu beauftragen.

Am 13. und 15. November 1968 fand in der Landessynode die erste und zweite Lesung der neuen Theologinnenordnung statt. Professor Friedrich Lang vertrat damals die Universität Tübingen in der Synode. Er hatte zuvor ein Referat gehalten zum Thema »Der Dienst der Frau in der Gemeinde nach dem Zeugnis der Bibel« und ihm gelingt es, nachzuweisen, dass biblisch keine Einwände gegen die Frauenordination auszumachen sind, vielmehr Frauen ebenso wie Männer zum Verkündigungsauftrag berufen sind. Die Abstimmung ergab 43 Stimmen für die neue Theologinnenordnung, 11 Nein-Stimmen und 9 Enthaltungen. Damit war mehr als eine Zweidrittelmehrheit für diese Ordnung erreicht, in der es heißt: »Der Dienst der Theologin und der Dienst des Theologen sind gleichwertig.« Wenige Wochen später fand die erste Ordination einer Theologin statt.

Viele Kolleginnen der frühen Jahre, unsere langjährigen Kämpferinnen waren inzwischen im Ruhestand oder nur wenige Jahre davor. Sollten letztere noch in die Verantwortung eines vollen Pfarramts wechseln und sich dafür ordinieren lassen oder ihre erfolgte Einsegnung aufwerten lassen? Die meisten verzichteten darauf. Ihnen wurde aber dennoch der Titel »Pfarrerin« zuerkannt, später auch den Ruheständlerinnen posthum. Am 1. Januar 1978 erhielt das Pfarrerdienstrecht in Württemberg zugleich mit demjenigen innerhalb der EKD eine Neufassung und brachte endgültig die Gleichstellung von Männern und Frauen im Pfarramt.


Fortsetzung der Konventsarbeit

Nach der Gleichstellung der Theologinnen hat sich unser Konvent nicht als überflüssig gesehen, denn es blieb in der seit 1700 Jahren von männlicher Dominanz geprägten Christenheit viel zu tun.

1975 veröffentlicht unsere inzwischen verstorbene Kollegin Dr. Erika Reichle ihre Dissertation unter dem Titel: »Die Theologin in Württemberg. Geschichte – Bild – Wirklichkeit eines neuen Frauenberufs.« Anfang der 80er Jahre ist sie 1. Vorsitzende des Konvents Evangelischer Theologinnen in Deutschland, wie ich selbst von 1996 bis 2000.

Als wir jüngeren Theologinnen ab 1968 Pfarrerin werden durften, war unsere innere Stimmung etwa die: Das Gesetz soll nicht bereut werden. Wir wollen zeigen, dass wir die Pfarrämter genauso führen können wie unsere Pfarrerkollegen. Aber was sich dann zeigte, habe ich in einem Artikel so beschrieben: »Wir Frauen wurden von den Strukturen, die wir vorfanden, oft gegen den Strich gebürstet. Jetzt durften wir auf die Kanzel, aber sie hob uns ab von der Gemeinde. Klerikale Reste störten uns mehr als die Kollegen. Unsere Gottesdienste erschienen uns leibfern, vor allem unsere Ohren waren gefragt. Wir aber wollten zusammen mit den meisten Frauen lieber mit allen Sinnen glauben. … Ermutigend fanden wir, dass die landeskirchliche Synode sich im März 1992 einen Tag Zeit für Studien zur feministischen Theologie nahm. … Am Ende des Tages sagte mir ein Synodaler: ›So spannend war schon lange kein Synodentag mehr.‹ … Die meisten von uns sind dankbar für die Forschungsarbeit der feministischen Theologinnen, weil sie auf verschüttete Frauentraditionen aufmerksam machen, unsere theologischen Fragen aufnehmen, artikulieren, weiterführen und beachtliche Ergebnisse vorlegen« (zitiert aus: »Theologinnen in der Männerkirche«, 150). Im Konvent war die Idee zu diesem Buch, das sieben Artikel enthält, entstanden. Es wurde 1996 von der ersten Frauenbeauftragten unserer Landeskirche, Gabriele Bartsch, herausgegeben.


Wichtige Impulse aus dem theologischen Engagement des Konvents

Während der gesamtdeutsche Theologinnenkonvent sich 1987 den rechtlichen Status eines eingetragenen Vereins gibt, verzichten wir Theologinnen in Württemberg bewusst darauf. Unser Konvent möchte offen sein für alle Theologinnen unserer Landeskirche und in ihrem Interesse tätig sein. Aber es zeigt sich Ende der 80er Jahre, dass zweimal jährliche Treffen nicht ausreichen, um auf kirchenpolitische und theologische Herausforderungen rasch und angemessen zu reagieren, deshalb beschließen wir beim Herbstkonvent 1991 eine Neuordnung. Auf eine Vorsitzende wollen wir bis auf Weiteres verzichten und lieber im Team arbeiten, unterstützt von drei Ausschüssen, denen je eine Teamkollegin nach Möglichkeit angehört: 1. Theologinnen und Amt, 2. Frauenförderung, 3. Theologie und Liturgie.

Von 1988 bis 1995 gehöre ich dem Leitungsteam unseres württembergischen Theologinnenkonvents an und entschließe mich, im dritten Ausschuss mitzuarbeiten. Ich bin in dieser Zeit Studienleiterin für Kultur in der Evang. Akademie Bad Boll. Unsere Kollegin, die spätere Dekanin in Geislingen Gerlinde Hühn hat unsere Konventstreffen viele Jahre in den Räumen ihrer Kirchengemeinde in Stuttgart-Fasanenhof beherbergt. Seit 1988 bis heute finden sie nun fast ausschließlich in der Evang. Akademie in Bad Boll statt; die Teilnehmerinnenzahl bewegt sich zwischen 60 und 120. Ein Studienvormittag mit aktuellem Thema und der Austausch mit Kolleginnen hat offensichtlich Attraktivität. Themen zu nennen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Am Nachmittag folgen Berichte des Teams, aus den Ausschüssen, aus Partnerorganisationen oder zu Aktuellem. In dieser Weise leisten wir m.E. einen wichtigen Beitrag zur Pfarrerinnenfortbildung und zu kirchen- und frauenpolitischen Angelegenheiten.

Der Ausschuss »Theologie und Liturgie« hat sich intensiv mit dem Abendmahl und seiner gottesdienstlichen Gestaltung befasst. Für Februar 1994 bietet der Konvent im Fortbildungsprogramm unserer Landeskirche eine viertägige Fortbildung an zum Thema: »Abendmahl, Hintergründe – Abgründe – Möglichkeiten«, die mit 22 teilnehmenden Kolleginnen als gut besucht gilt. Wir arbeiten mit an der 1995 von der Frauenarbeit herausgegebenen Broschüre »Wir Frauen und das Herrenmahl«, die in zwei Auflagen und 5000 Exemplaren wichtige Impulse vermittelt. Neun Kolleginnen liefern Artikel zu »Theologinnen in der Männerkirche«. Auch ist der Theologinnenkonvent beauftragt, 1995 das Jahrestreffen des württembergischen Pfarrvereins thematisch zu verantworten. »Abendmahl – Hingabe ans Leben« lautet das Thema, das dann allerdings viele Kontroversen auslöst. Die Referentin, Elisabeth Moltmann, erhält Körbe voll Post. Immer wieder werden Theologinnen zum Abendmahlsthema in Gemeindegruppen eingeladen. Eine Radiosendung und eine Tagung in Bad Boll zum Thema mit ca. 130 Teilnehmenden folgen.

Auch der gesamtdeutsche Theologinnenkonvent möchte an den Ergebnissen Anteil erhalten und verlegt die Jahrestagung 1997 erstmals nach dem 2. Weltkrieg aus Berlin heraus nach Bad Boll, weil nun ja der Tagungsort Berlin, um den Kontakt zu den Ostkolleginnen zu halten, nicht mehr zwingend ist. »Heilsame und schmerzende Erfahrungen mit dem Abendmahl« überschreibt der gesamtdeutsche Konvent das Treffen. Nach dreitägiger Arbeit am Thema informieren wir alle Kirchenleitungen der EKD über unsere Ergebnisse und die sich daraus ergebenden Impulse. Danach entsteht unter Mitarbeit von Teilnehmenden in der Beratungsstelle für Gottesdienste der EKHN bei mehrmaligen Treffen das Materialheft 85 mit dem Titel: »Brot des Lebens – Kelch des Heils«.

Die Klausurtagung der 12. Landessynode in Württemberg im Oktober 1998 eröffnet Bischof Eberhardt Renz mit den Worten: »Abendmahl, Rechtfertigung, Kreuz und Auferstehung, es ist eine Freude, dass so zentrale Themen unseres christlichen Glaubens wieder ›ins Gerede‹ gekommen sind«.


Vom 40-jährigen Ordinationsjubiläum zum 80-jährigen Konventsjubiläum

In all diesen Jahren haben sich zahlreiche Kolleginnen ehrenamtlich in der Konventsarbeit engagiert. Bei den Tagungen jeweils im Frühjahr und Herbst sind seit 1968 insgesamt über 90 Themen bedacht worden und noch mehr Situationen in Kirche und Christenheit in unseren Beratungen zur Sprache gekommen.

2008, zum 40-jährigen Ordinationsjubiläum, lädt der Konvent zusätzlich zu Gottesdienst mit Abendmahl und Festakt ins Ulmer Münster ein. Zusammen mit Gästen kommen mehr als 200. Bischof Dr. Frank Otfried July leitet den Gottesdienst, die Predigt hält die Ulmer Prälatin Gabriele Wulz. Während des Gottesdienstes werden in fünf Jahresschritten die Kolleginnen aufgerufen, sich zu erheben und ihren mitgebrachten Talar anzuziehen. Da muss der Bischof mit Erstaunen feststellen, dass um ihn herum in diesem Gottesdienst ca. 150 Pfarrerinnen versammelt sind, und ihm wird klar, und das sagt er auch, dass es in unserer Landeskirche düster aussähe, wenn es unseren Dienst nicht gäbe.

Auch erscheint 2008 zum 40-jährigen Ordinationsjubiläum ein Buch, an dem mehr als 20 Kolleginnen mitgearbeitet haben: »Grüß Gott, Frau Pfarrerin – 40 Jahre Theologinnenordnung – Aufbruch zur Chancengleichheit«, herausgegeben von der Gleichstellungsbeauftragten, Ursula Kress und unserer Kollegin Carmen Rivuzumvami.

Ja, zur Chancengleichheit sind wir noch unterwegs, denn in Leitungsämtern sind wir in unserer Landeskirche bis heute unterrepräsentiert. Zwar hat für die Neubesetzung unseres Bischofsamts 2005 auf Bitte des Theologinnenkonvents auch eine Kollegin kandidiert, die Tübinger Dekanin Dr. Marie-Luise Kling-de Lazzer, aber ihr war klar, dass dies nur ein Zeichenakt sein würde und in Württemberg noch keine echten Chancen bestehen. Merkwürdig, denn zwei andere Landeskirchen haben württembergische Pfarrerinnen ins Bischofsamt gerufen: Nordelbien, Bärbel Wartenberg-Potter, und Thüringen, ­Ilse Junkermann.

2014 ist eine Fortbildung angeboten – »Fit für Führung«. Die Kolleginnen sollen sich trauen und sich auf ein Leitungsamt vorbereiten. Viele von uns arbeiten lieber an der Basis und in der Seelsorge oder im Team. Sie misstrauen den Management-Anforderungen in Leitungsämtern. Auch lastet noch immer ein Großteil der familiären Care-Aufgaben überwiegend auf weiblichen Schultern.

In der Leitung unseres Konvents arbeiten wir weiterhin im Team, »geschäftsführender Ausschuss« genannt. Die Aufgaben sind verteilt, doch seit Jahren hat es sich als nützlich erwiesen, eine Kollegin des Teams mit den Aufgaben der Vorsitzenden zu betrauen. Die Arbeit in den drei Ausschüssen ruht zurzeit. Die Kolleginnen sind wegen der Umstrukturierung von Gemeinden vor Ort zu stark belastet. Eine kleine Gruppe von Kolleginnen hat es übernommen, die noch immer zweimal jährlich stattfindenden Konventstreffen mit vorzubereiten. Ca. 200 Kolleginnen finanzieren durch regelmäßige Beiträge unsere Arbeit und dankenswerterweise überweist der württembergische Pfarrverein jährlich dem Konvent einen beachtlichen Beitrag aus unseren dort eingehenden Mitgliedsbeiträgen in Anerkennung und zur Unterstützung unserer Arbeit. In der Leitung des württembergischen Pfarrvereins sind wir Kolleginnen gut vertreten, in unserer Landeskirche zu ca. einem Drittel in den Pfarrämtern, und in Tübingen ist inzwischen die Hälfte aller Theologiestudierenden weiblich.

Wen wundert es nach dieser Geschichte, dass der Konvent Evang. Theologinnen in Württemberg die Priesterinnenbewegung in der röm.-kath. Kirche (Roman Catholic Women Priests RCWP) seit Jahren unterstützt? Auch ist unser Konvent Mitglied bei der »Interreligiösen Konferenz Europäischer Theologinnen IKETH e.V.«, die auf Initiative des gesamtdeutschen Theologinnenkonvents 2000 gegründet wurde.


Ausblick

Zum 30. Oktober 2015 laden wir nach Nürnberg zu einem Frauenmahl ein, bei dem der württembergische Theologinnenkonvent zusammen mit dem bayrischen auf 80 Jahre Konventsarbeit blicken kann. Unser aller »Mutter«, den gesamtdeutschen Theologinnenkonvent, gibt es dann bereits seit 90 Jahren. Mit ihm gemeinsam werden wir Erreichtes feiern und zugleich die Herausforderungen unserer Zeit als Theologinnen im 21. Jh. in den Blick nehmen, bedenken und angehen.


Literatur

Lexikon früher evangelischer Theologinnen. Biographische Skizzen, Neukirchener Verlagshaus 2005

Erika Reichle: Die Theologin in Württemberg. Geschichte – Bild – Wirklichkeit, Europäische Hochschulschriften Bd./Vol. 35 1975

Dagmar Herbrecht/Ilse Härter/Hannelore Erhart: Der Streit um die Frauenordination in der Bekennenden Kirche, Neukirchener Verlagshaus 1997

Friedrich Lang: Der Dienst der Frauen in der Gemeinde nach dem Zeugnis der Bibel, Beiblatt Nr. 1 zum Amtsblatt 1968, Bd. 43

Lenore Volz: Talar nicht vorgesehen. Pfarrerin der ersten Stunde, Quell Verlag 1994

Gabriele Bartsch (Hg.): Theologinnen in der Männerkirche, Quell Verlag 1996

Christel Hildebrand (Hg.): Wie im Himmel so auf Erden. Festschrift 75 Jahre Konvent Evangelischer Theologinnen in Deutschland, TVT Medienverlag 2000

Ursula Kress/Carmen Rivuzumvami: »Grüß Gott, Frau Pfarrerin«. 40 Jahre Theologinnenordnung – Aufbruch zur Chancengleichheit, Kreuz Verlag 2008

 

Über den Autor

Pfarrerin i.R. Christel Hildebrand, zuletzt Studienleiterin im Referat Kultur der Evang. Akademie Bad Boll nach 25jähriger Tätigkeit in kirchlicher Jugendarbeit und im Schuldienst, mehrjährige ehrenamtliche Mitarbeit im Leitungsteam des Konvents Evang. Theologinnen in Württemberg und 1996-2000 im Konvent Evang. Theologinnen in der BRD e.V. als Vorsitzende, Initiatorin und Mitgründerin der »Interreligiösen Konferenz Europäischer Theologinnen IKETH e.V.«, Mitautorin beim »Lexikon früher evangelischer Theologinnen« (2005).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2015

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