Die Evangelische Kirche im Ersten Weltkrieg, Teil II
»Gott strafe England!«

Von: Hendrik Stössel
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Welche Rolle haben evangelische Kirche und Theologie im Vorfeld und während des Ersten Weltkriegs gespielt? In der Fortsetzung seines im Juliheft des »Deutschen Pfarrerblatts« begonnenen dreiteiligen Aufsatzes kommt Hendrik Stössel zu wenig rühmlichen Ergebnissen.


3. Zur Bewusstseinslage im Ersten Weltkrieg*

Insgesamt war die Bewusstseinslage in Kirche und Gesellschaft durch zwei Axiome geprägt, die vielfältig Eingang in Predigten und andere Äußerungen gefunden haben.


3.1. Das Axiom der politisch-militärischen Bedrohung

Da war zunächst die Idee, Deutschland sei bereits seit langem bedroht und verfolgt. Es sei durch seine Nachbarn eingekreist und verraten worden. Aus Neid auf seine Stärke in Europa und den Kolonien wolle man es nun in seinem Machtanspruch beschneiden. Dass freilich von eben diesem Deutschland mindestens seit 1870 – nicht zuletzt für Frankreich – eine erhebliche Bedrohung ausgegangen war, wurde vollständig ausgeklammert.

Eindrücklich dokumentiert dies der »Aufruf deutscher Kirchenmänner und Professoren an die evangelischen Christen im Ausland«1 aus dem Jahr 1915. Zu den knapp 30 Unterzeichnern gehören herausragende Persönlichkeiten wie der spätere Reichsbischof Friedrich von Bodelschwingh, Adolf von Harnack oder der Missionsdirektor der Herrenhuter Brüderunität Paul Otto Hennig.

Es handelt sich um die General-Rechtfertigung der deutschen Haltung zum Krieg, verbunden mit der kaum verdeckten Anklage gegen die englische Kirche. Ihr wird die alleinige Verantwortung zugewiesen für den Bruch der bisherigen ökumenisch-missionarischen Gemeinschaft und die »Verrohung der Völker… in mörderischem Kriege durch Hass und Verbitterung, (sowie dafür, dass) in den germanischen Protestantismus ein schier unheilbarer Riss gebracht ist (und) das christliche Europa ein edles Stück seiner Weltstellung einbüßt.«

Am Beginn eines »brudermörderischen Krieges, in dem die christlichen Völker Europas im Begriff (sind), sich gegenseitig zu zerfleischen« stehe Deutschland als Opfer eines »planmäßigen Lügengewebes, das den Internationalen Telegrafenverkehr beherrscht, im Auslande unser Volk und seine Regierung mit der Schuld an dem Ausbruch des Krieges zu belasten (versucht) und es gewagt (hat), uns und unserem Kaiser das innere Recht zur Anrufung des Beistandes Gottes zu bestreiten.« Niemand, der die Wahrheit sehen wolle, könne anzweifeln, dass Deutschland 43 Jahre lang Frieden gehalten habe. Doch nun müsse es sich schützen gegen die »Verwüstung durch asiatische Barbarei.«

Hier ist Russland gemeint, wobei man nicht vergessen sollte, dass der russische Zar Nikolaus II.2 ein Vetter (und übrigens der bereits 1910 verstorbene britische König Edward VII.3 ein Onkel) Wilhems II. war.

Auf England bezieht sich die Klage, selbst »die, die dem Blute, der Geschichte und dem Glauben nach unsere Brüder sind, und denen wir uns in der gemeinsamen Weltaufgabe wie kaum einem anderen Volk der Erde nah verbunden fühlten«, hätten sich nun gegen das Deutsche Reich verschworen. »Einer Welt in Waffen gegenüber erkennen wir es klar, dass wir unsere Existenz, unsere Eigenart, unsere Kultur und unsere Ehre zu verteidigen ­haben …«4.

Dieser kursorische Eindruck mag eine Vorstellung vermitteln von der Mentalität des Eingekreist-, Verfolgt- und Bedrohtseins, das die Haltung der kirchlichen und außerkirchlichen Eliten in Deutschland geprägt und die Kriegsbereitschaft befördert hat.


3.2. Das Axiom der slawischen Bedrohung

Neben diese Verfolgungsängste trat als weiteres Element deutscher Selbst- und Wirklichkeitswahrnehmung die Idee, Deutschland und seine Kultur seien der Schutzwall gegen russische Hegemonialansprüche5 und die daraus erwachsende Gefahr einer russisch-asiatischen Überfremdung Europas. Der Umstand, dass sich Russland seit der Jahrhundertwende zunehmend als Schutzmacht der slawischen Staaten – einschließlich Bosniens und Serbiens – verstanden hat, führte auf deutscher Seite u.a. zu dem Vorwurf, der Zar habe die serbisch-bosnischen Attentäter von Sarajewo protegiert und damit den Krieg herauf beschworen.6

Seinen förmlich-manifesten Ausdruck hatte insbesondere das Kulturkampfargument bereits im Jahr zuvor gefunden, am 4. Oktober 1914 in jenem verheerenden »Aufruf der 93: An die Kulturwelt« und seinem katastrophalen Bekenntnis zum deutschen Militarismus, hinter dem sich praktisch die gesamte kulturell-akademische einschließlich der theologischen Elite des Kaiserreichs versammelt hat. In zehn Sprachen übersetzt ist es in viel Tausenden Exemplaren in alle Welt gegangen.7

Der Aufruf versteht sich als Protest »gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem aufgezwungenen schweren Daseins Kampf zu beschmutzen trachten.« Dies wird in sechs thesenhaften Punkten entfaltet.8 Das Zentrum bilden die Thesen 5 und 6. Kaum sonst irgendwo findet man den kulturellen Kontext dieses Krieges so deutlich formuliert hier. Es handelt sich nur um wenige Zeilen, deshalb seien sie wörtlich zitiert9: »Es ist nicht wahr, dass unsere Kriegführung die Gesetze des Völkerrechts missachtet. Sie kennt keine zuchtlose Grausamkeit. Im Osten aber tränkt das Blut der von russischen Horden hingeschlachteten Frauen und Kinder die Erde, und im Westen zerreißen Dum-Dum-Geschosse unsern Kriegern die Brust. Sich als Verteidiger europäischer Zivilisation zu gebärden, haben die am wenigsten das Recht, die sich mit Russen und Serben verbünden und der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen.

Es ist nicht wahr, dass der Kampf gegen unseren so genannten Militarismus kein Kampf gegen unsere Kultur ist, wie unsere Feinde heuchlerisch vorgeben. Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Zu ihrem Schutz ist er aus ihr hervorgegangen in einem Lande das jahrhundertelang von Raubzügen heimgesucht wurde wie kein zweites. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. … Glaubt uns! Glaubt, dass wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle.«

Selbst 100 Jahre später ist man einigermaßen erschüttert über die lange Reihe der Gelehrten und Kulturschaffenden, die sich hinter diese furchtbare Äußerung gestellt haben. Um nur einige wenige zu nennen: z.B. der Vorsitzende der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft Alois Brandl, der Völkerrechtler Franz von Liszt oder der Kunsthistoriker Wilhelm von Bode. Daneben jede Menge großer Theologen: Adolf Deißmann und Wilhelm Herrmann, Adolf Schlatter und – allen voran wieder – Adolf von Harnack, was insofern erstaunlich ist, als er – im Gegensatz etwa zu Reinhold Seeberg (auch ein Unterzeichner) – »eigentlich« nicht als Kriegstheologe bezeichnet werden kann.10 Aber die Woge der national-deutschen Kriegsbegeisterung im Sommer 1914 hat eben auch ihn mitgerissen. Dass er den genauen Wortlaut des Aufrufs zum Zeitpunkt seiner Unterschrift offenbar nicht gekannt hat11, ist keine Rechtfertigung und gereicht einem Gelehrten seines Formats nicht zur Ehre. Entscheidend dürfte für ihn die Idee gewesen sein, die abendländische vor der sog. »mongolisch-moskowitischen« Kultur12 retten zu müssen.

Weiter begegnet man Gerhard Hauptmann und Engelbert Humperdinck, Max Reinhardt aus Berlin, Hans Thoma aus Karlsruhe und Siegfried Wagner aus Bayreuth. Man findet die großen Naturwissenschaftler jener Zeit, wie etwa Ernst Haeckel, Max Planck oder Wilhelm Röntgen.

Wir brechen ab: 93 Intellektuelle sind viele und viel mehr gab es nicht. Im Ergebnis jedenfalls war es diese Mischung aus politischer Paranoia und kultureller Hybris, die die kollektive Mentalitätslage geformt hat und das innere Selbstbild, mit dem Deutschland in den Ersten Weltkrieg gezogen ist.


4. Weitere Formen kirchenaffiner Äußerung im Ersten Weltkrieg

Wenn man in kirchlichen Archiven sucht13, findet man zwar keine »Hirtenworte« im herkömmlichen Sinne, wohl aber Chroniken, Tagebucheinträge und individuelle Erlebnisberichte, die sich in z.T. erschütternder Weise mit den Auswirkungen des Krieges im Alltag der Menschen befassen und die Stimmungslage in den Gemeinden offen legen.14 Da spiegelt sich zunächst zwar die Erwartung eines baldigen, siegreichen Endes des Krieges, doch der Jubel wird immer leiser. Man begegnet wachsender Ernüchterung, weil die anfangs lebhafte Hoffnung nicht getragen hat, Not und Elend des Kriegs würden die Menschen gewissermaßen Gott in die Arme treiben und sich in der Verlebendigung des gemeindlich-gottesdienstlichen Lebens dauerhaft niederschlagen.15

Gleichzeitig gibt es Belege für umfängliches diakonisch-fürsorgliches Engagement – insbesondere der gemeindlichen Frauenvereine – zugunsten der Soldaten und ihrer verwaisten Familien.16 Man findet Kirchen- und Gedenkbücher, Dokumentationen von Trauergottesdiensten mit Predigten und den Lebensläufen Gefallener. Und nicht zuletzt Personalakten und Nachlässe von Pfarrern, die im Kriegsdienst eingesetzt waren. Aus alldem entsteht ein gültiges Bild davon, wie die Menschen den Krieg erlebt haben und was er – jenseits allen Propagandageschreis – für Gemeinden bedeutet hat.


4.1. Die Gattung der religiösen Feldpostkarte

Zu diesen individuellen Quellen gehört nicht zuletzt die Feldpost.17 In ihr kommt die Kriegsdeutung gleichsam zurück, die zuvor von den Kanzeln gepredigt und an theologischen Fakultäten gelehrt worden ist. Im Individuellen wird hier – gewissermaßen invertiert wie auf einem alten Fotonegativ – »die« Kirche mit ihrer Haltung zum Krieg erkennbar. Da sind z.B. rege Briefwechsel zwischen den Pfarren und ihren Gemeindegliedern im Feld. Man erfährt von den Sorgen und Nöten, Haltungen und inneren Auseinandersetzungen der Soldaten, nicht selten »sub specie aeternitatis« im Licht des unmittelbar bevorstehenden Todes. Unter der Feldpost wiederum nimmt die Gattung der religiösen Feldpostkarte einen besonderen Rang ein.18

In Aufnahme dessen, was zuvor von den Kanzeln heruntergekommen ist, variiert die religiöse Feldpostkarte das Thema »Gott ist mit uns«. Kriegserfahrung wird formuliert als Glaubens- bzw. religiöse Erfahrung.19 Man findet – neben Gebetsmotiven und deutschnational geprägten Gesangbuchversen – nicht wenige, die den Krieg zum Kampf gegen den Antichristen stilisieren, inkarniert im jeweiligen Gegner. Während die Postkarten in der Entente das Deutsche Reich im Allgemeinen und Wilhelm II. im Besonderen als mit dem Teufel im Bunde sahen, war es aus deutscher Sicht vor allem England, auf das Gottes Zorn herabgerufen wurde: Das Empire war nach dem Überfall deutscher Truppen auf Belgien seinen Bündnisverpflichtungen folgend gegen Deutschland in den Krieg eingetreten. Dies interpretierte man in deutschen Kreisen als Verrat.20

Auf diesem Hintergrund entwickelte sich eine damals populäre Grußformel, die auf religiösen Feldpostkarten als vielfach variiertes Motiv erscheint.21 Auf den Satz »Gott strafe England!« erwartete man die bekräftigende Antwort »Er strafe es!«

Ihren Ursprung hat diese Formel in dem schrecklichen sog. »Hassgesang gegen England«, eine Art Volkslied von Ernst Lissauer. Man sträubt sich, dieses unschuldige Wort hier zu verwenden. Doch die Verse fanden tatsächlich in der deutschen Bevölkerung schnelle Verbreitung. Sie brachten ihrem Verfasser den Roten Adlerorden ein22, die zweithöchtste Auszeichnung, die das Reich zu vergeben hatte, verliehen durch den Kaiser selbst.

Lissauer war Mitbegründer der radikalliberalen Berliner Jüdischen Reformgemeinde.23 Sie vertrat das Konzept einer »Enthebraisierung des Judentums«, d.h. der vollständige Assimilation. Lissauer war unter denen, die dabei entschieden vorangingen. Genützt hat es ihm freilich nichts, so wenig wie andern Juden deren deutschnationale Gesinnung. Gleichwohl inspirierte sie ihn zu folgenden schlechterdings abartig anmutenden Reimen: »Was schert uns Russe und Franzos? Schuß wider Schuß und Stoß um Stoß: Wir lieben sie nicht. Wir hassen sie nicht. Wir schützen Weichsel und Wasgaupaß. Wir haben nur einen einzigen Haß …« – und am Schluss heißt es: »Haß zu Wasser und Haß zu Land. Haß des Hauptes und Haß der Hand. Haß der Hämmer und Haß der Kronen. Drosselnder Haß von siebzig Millionen. Sie lieben vereint, sie hassen vereint Sie haben alle nur einen Feind: England.«24

Wie gesagt, ein Volkslied. Es schmerzt beim bloßen Hören. Und doch ist es wichtig, es zu hören. Es bringt eine Kraft zum Ausdruck, die in engem Zusammenhang mit der religiösen Dynamik des Ersten Weltkriegs steht und eigentlich die Kirche in ihrer Gesamtheit auf den Plan hätte rufen müssen. Stattdessen fand die Gott-strafe-England-Rhetorik Eingang in nicht wenige Bibelauslegungen25 und Predigten.26


4.2. Die Gattung der Kriegspredigt

Wenn man die deutsche Predigtpraxis der Kriegsjahre in ihrer ausufernden Vielfalt zu überblicken versucht, wird jedenfalls dieses eine klar: Vor allem während des deutschen Vormarschs war der homiletische common sense über die Konfessionsgrenzen hinweg geprägt durch die religiöse Überhöhung des Krieges. Wie schon bei der religiösen Feldpostkarte, so auch hier: Gotteserfahrung im und durch den Krieg. Man sah ihn als »Gottes Stunde«, der den Glauben des deutschen Volkes prüfe und es zur Buße rufe. Der biblische wurde zum germanischen Gott.27 Vom »germanischen Protestantismus« war schon die Rede. Das Christentum ging auf im Deutschtum und im Dienst der nationalen Erhebung bzw. des staatlich-militärischen Widerstands gegen die vermeintliche Bedrohung von Außen.28

Sinn- und begründungsstiftend war dabei wesentlich ein geradezu gläubiges Kaiservertrauen.29 Zu seinen theologischen Wurzeln gehört die Abhandlung »Von der weltlichen Obrigkeit«, die Martin Luther 1523 verfasst hat. Soweit es um die Frage des Glaubens geht, wird hier die Macht des Landesherrn zwar insofern begrenzt, als »zum Glauben kann und soll man niemand zwingen.«30 Gleichzeitig wird ihm das Recht eröffnet und die Pflicht auferlegt, im Auftrag Gottes weltliche Zwangsgewalt auszuüben, um Ordnung und Frieden herzustellen bzw. zu bewahren.31 In diesem Sinne – so Luther – habe der Fürst das weltliche Regiment zu führen und handelt es sich um »Gottes eigentliches Werk, Ordnung und Schöpfung«.32 In der Ära des Wilhelminismus führte dies zu der fatalen Umkehrung: wie auf Erden so im Himmel – wahrscheinlich die größte Gefahr menschlichen Handelns überhaupt.

Für die Übertragung dieses Konzepts auf den militärischen Kontext ist dann Luthers Schrift von 1526 »Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können« ein weiteres Begründungselement. Die Aufgabe des Kriegsdienstes besteht danach in der Herstellung bzw. Wahrung äußerer Gerechtigkeit nach dem Willen des von Gott eingesetzten Herrschers. Deshalb hat dieser den Gehorsam der Untertanen zu beanspruchen. Für den Soldaten bedeutet dies, dass er guten Gewissens sein Handwerk verrichten kann, solange er es als Erfüllung des auf Gehorsam gerichteten göttlichen Willens versteht und in diesem Sinne vollzieht. Es handelt sich dabei um einen Akt der Selbst-, nicht der Fremdinterpretation: Der Soldat interpretiert sein Tun für sich vor Gott. Zuerst als Gehorsam diesem und seiner Ordnung gegenüber und dann – in zweiter Linie – gegenüber dem Herrscher bzw. dessen Befehl. Dass der Grat zwischen Selbstinterpretation und Selbstrechtfertigung ein schmaler ist, lässt sich kaum bestreiten. Für Luther ist das entscheidende Kriterium das gute Gewissen. Es erwächst aus dem Gehorsam gegenüber der weltlichen Herrschaft und damit gegenüber Gott. Entsprechend empfiehlt er dem Soldaten, sich Gott im Gebet anzubefehlen. Und er fügt hinzu: »Willst Du darauf das Glaubensbekenntnis und ein Vaterunser sprechen so kannst du’s tun. … Damit befiehl Leib und Seele in seine Hände. Dann ziehe vom Leder und schlage dazwischen in Gottes Namen.«33

So waren es maßgeblich diese beiden Gesichtspunkte, die zur Gleichsetzung von »irdischem Herrn« und »himmlischem Herrn« geführt haben – wir erinnern uns der Grußadresse des Kirchenausschusses zum Kaisergeburtstag – sowie zu der verheerenden Interpretation des Krieges als Willen Gottes bzw. theonomes Erziehungsprogramm für das Volk, wie es Wilhelm II. in seiner Ansprache an die Feldgeistlichen entwickelt hat.

Als repräsentatives Beispiel der homiletischen Umsetzung dieser doppelten akzentuierten Kriegstheologie mag eine evangelische Predigt dienen, die am Neujahrstag 1915 gehalten wurde. In Auslegung der Vaterunserbitte »Dein Reich komme« – übrigens war das Vaterunser ebenfalls ein häufiges, z.T. kriegsadaptiertes Motiv auf Feldpostkarten – heißt es dort u.a.34: »Unsere fernsten Nachkommen werden singen und sagen von diesem Jahre des furchtbarsten Völkerkampfes der auf Erden getobt hat, von dem Überfall der halben Welt auf das friedliche Deutschland, von der deutschen Einigkeit und Opferfreudigkeit, von deutscher Kraft und deutschem Heldentum, von nie geahnten Siegen deutscher Waffen und vom zähen, ergreifenden Ringen im Osten und Westen, zur See und in den Lüften. – Blutrot ist der Strahlenkranz in dessen Schmuck das Jahr 1914 ins Meer der Zeiten gesunken ist; aber ein Strahlenkranz ist’s, der allen kommenden Geschlechtern den Weg zu deutscher Größe weisen wird.«

Und am Schluss hörte die versammelte Neujahrs-Gemeinde: »Der lange verdunkelte Glaube an höchstes Heldentum ist uns ja neu erstanden. Setzen wir den Fall, unsere Heere wären vernichtend geschlagen … Wer zweifelt, dass dann deutsche Frauen und Mädchen ihre Söhne und Brüder ... ihre Gatten und Väter… anfeuern würden, in den gewissen Schlachtentod zu gehen?… (und) wo wären sie dann? In der Sprache der Religion lautet die Antwort: im Himmel! Und sie meint die wirklichste Wirklichkeit damit. Und dass sie Wahrheit meint, lehrt die Gegenwart, die sich für unsichtbare, doch darum nicht minder wirkliche Güter … Millionen ihrer besten Söhne kosten lässt in dem gewaltigsten Anschauungsunterricht, der Menschen je zuteil ward. Und damit sind wir am Ende.«

Man kann sagen: Der einzig richtige Satz in alldem ist – und war auch damals! – dieser letzte. So ähnlich konnte man es überall hören. In Brandenburg und Baden, in München und Hamburg. Und auch in London, Paris oder anderswo. Insgesamt markiert der Ausschnitt ein Stück evangelischer Normalhomiletik.

In andern Predigten lassen sich ähnliche, z.T. noch katastrophalere Formulierungen aufweisen. So sah sich eine Gemeinde in einer Predigt über das Jesuswort Mt. 10,34 (»Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert«) konfrontiert mit der Frage ihres Pfarrers: »Wie denken wir göttlich vom Krieg?«, um alsbald von ihm selbst die Antwort zu erhalten: »Es geht mit Gott für Kaiser und Vaterland«. Und an noch einmal anderer Stelle hörten die Gottesdienstbesucher: »Gott und das Vaterland. Wir spüren es jetzt unmittelbar: Beide gehören zusammen.«35

Anders wird der Ton erst in dem Maße, in dem das Blatt sich zu wenden beginnt: Zuerst die Marneschlacht im Herbst 1914, dann der Gaskrieg in Verdun 1916 zusammen mit der Verschärfung des U-Boot-Krieges und schließlich – im Grunde daraus folgend – der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im Jahr 1917. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird es leiser auf deutschen Kanzeln. Plötzlich entwickelt sich eine Art Mitfühlen mit den Opfern der anderen Seite. So nimmt etwa eine Predigt über die Verklärung Jesu (Mt. 17,1ff) aus dem Jahr 1916 den Angriff eines deutschen U-Boots auf ein französisches Linienschiff zum Anlass, der Gemeinde »das schreckliche Los, dass diese Hunderte plötzlich getroffen hat« vor Augen zu stellen. Mit einem Male wird man sich der Banalität bewusst, dass selbst der Feind Mensch ist, wie man selbst Mutter, Frau und Kinder daheim hat. »Wir möchten wieder einmal schrankenlos lieben dürfen und den Hass in die Hölle zurückschieben der er entstiegen ist … Von da oben gesehen, hat jedes Volk seinen von Gott zugewiesenen Beruf, und was hier unten gegeneinander kämpft, wird von dort oben als eine große Arbeitsgemeinschaft erkannt.«

Auch Beispiele dieser Art sind in beliebiger Menge zu finden. Und es sind – in der Tat – bemerkenswerte Worte. Allerdings eben nicht freiwillig und schon gar nicht aus Reue gesprochen, sondern erzwungen von der sich abzeichnenden Niederlage, die wesentlich im Verlust »deutscher Ehre«36 gesehen wurde. Und so bleibt ein schaler Beigeschmack, denn alle Einsicht, alle Zerknirschung, alles um sich greifende Entsetzen hat – von Ausnahmen abgesehen – nicht zu der überfälligen Forderung geführt, dass die Waffen endlich schweigen und das Morden ein Ende finden müsse.


(Fortsetzung folgt im Septemberheft)


Anmerkungen:

* Um der Einheitlichkeit willen wird die Originalgliederung beibehalten.

1 Zum Folgenden Gerhard Besier (Hrsg.): Die protestantischen Kirchen Europas im Ersten Weltkrieg, Göttingen 1984, 40ff.

2 1868-1918.

3 1841-1910.

4 Vgl. Gerhard Besier, a.a.O, 42.

5 Vgl. http://www.blz.bayern.de/blz/web/erster_weltkrieg/5.html, Ziff. 1.

6 Ernst Haeckel: Englands Blutschuld am Weltkriege, in: Victor Franz (Hrsg.): Sein Leben, Denken und Wirken. Eine Schriftenfolge für seine zahlreichen Freunde und Anhänger, Jena 1943, 75, vgl. http://de.wikisource.org/wiki/Englands_Blutschuld_am_Weltkriege.

7 Zum Folgenden Gerhard Besier, a.a.O., 78ff.

8 Die erste These reklamiert eine Art Staatsnotwehr für das Kaiserreich: Es habe den Krieg weder politisch noch militärisch gewollt, sei aber angesichts fremder Kriegsvorbereitungen zum Handeln gezwungen gewesen. Die Thesen zwei bis vier bestreiten nachdrücklich den Vorwurf, Deutschland habe die belgische Neutralität völkerrechtswidrig verletzt. Vielmehr sei man lediglich entsprechenden französischen und englischen – im Einverständnis mit Belgien gefassten – Plänen zuvorgekommen. Im Übrigen habe beim Einmarsch und während der Besetzung kein deutscher Soldat Leben und Eigentum der belgischen Bevölkerung angetastet. Auch treffe der Vorwurf nicht zu, deutsches Militär sei brutal gegen die Stadt Leuwen vorgegangen. Es sei vielmehr das Gegenteil von alldem richtig. Gewalt sei nur dort angewandt worden, wo sie durch die Not der Angriffe aus der Bevölkerung gerechtfertigt gewesen sein. Dazu zähle auch die Beschießung von Teilen Leuwens. Sie sei ein Akt »schweren Herzens« geübter Vergeltung für Übergriffe einer»rasenden Einwohnerschaft«.

9 Zum Folgenden Gerhard Besier, a.a.O., 79.

10 Vgl. zum Folgenden Bernhard vom Brocke, a.a.O.

11 Carl-Jürgen Kaltenborn: Adolf von Harnack, in: Martin Greschat: Gestalten der Kirchengeschichte, Bd. 10/1, Stuttgart 1993, 80.

12 Vgl. zum Folgenden Bernhard vom Brocke, a.a.O.

13 Für z.B. die braunschweigische Landeskirche, vgl. Friedrich Weber: 1913/1914 – Ein Blick auf die evangelische Kirche. Impuls zur Veranstaltungsreihe »1913: Jubeljahr? –Trubeljahr?« in der Abt-Jerusalem-Akademie zu Braunschweig am 11. September 2013, in: Theologisches Zentrum Braunschweig (Hrsg.): 1913: Jubeljahr? –Trubeljahr? Das Ende des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg, Dokumente 03, Braunschweig 2013, 8f.

14 Dazu und zum Folgenden vgl. Manuskript Udo Wennemuth: Quellen zum 1. Weltkrieg im landeskirchlichen Archiv, unveröffentlicht, zu beziehen über das Landeskirchliche Archiv Karlsruhe.

15 So etwa der Evang. Oberkirchenrat in Berlin in seiner Erklärung vom 11. August 1914 an die Geistlichen und Gemeinde-Kirchenräte, in: Karl Hammer: Deutsche Kriegstheologie 1870-1914, München 1971, D 34, 211.

16 Vgl. Friedrich Weber, a.a.O., 9.

17 Zum Folgenden: Udo Wennmeuth, a.a.O.

18 Unter dem Titel »Verbündete im Himmel. Religiöse Motive in Bildnissen des Ersten Weltkriegs« wird die Europäische Melanchthon-Akademie in Bretten ab September dieses Jahres der religiösen Kriegspropaganda u.a. durch Feldpostkarten eine eigene Ausstellung widmen.

19 Teresia Werner: »Gott mit uns«. Die Deutung des Ersten Weltkriegs im deutschen Katholizismus, in: Heidrun Alzheimer (Hrsg.): Glaubenssache Krieg. Religiöse Motive auf Bildpostkarten des Ersten Weltkriegs, Bad Windsheim, 2009, 85f.

20 Karl Hammer, a.a.O., 52.

21 Zum Folgenden vgl. Stephanie Böß: »Gott strafe England« – zur Kriegspropaganda auf Bildpostkarten, in: Heidrun Alzheimer (Hrsg.), a.a.O., 225.

22 http://www.j-zeit.de/archiv/artikel.85.html.

23 http://www.j-zeit.de/archiv/artikel.85.html.

24 http://www.volksliederarchiv.de/volksliedforschung-317.html.

25 Wie etwa – mindestens teilweise zustimmend – Martin Rade: Wissen wir, was wir tun (Luk. 23,34), in: Karl Hammer, a.a.O., D 62, 248.

26 Stephanie Böß, a.a.O., 225, mit weiteren Nachweisen.

27 Wolf Dieter Marsch: Die politische Predigt zu Kriegsbeginn 1914/1915, in: Evang. Theologie 1964, 531f, zit. nach Karl Hammer, a.a.O., 51.

28 Ders., a.a.O.

29 Ders., a.a.O.

30 Martin Luther: Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr gehorsam schuldig sei (1523), in: Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling (Hrsg.): Martin Luther. Ausgewählte Schriften, Frankfurt 1982, Bd. 4, 36ff, 63.

31 Martin Luther, a.a.O., 40.

32 Martin Luther, a.a.O., 54.

33 Martin Luther: Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können (1526), in: Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling (Hrsg.), a.a.O., 172ff, 180, 220f.

34 Zum Folgenden die Predigt von Eduard Le Seur, von 1913 bis 1916 Pfarrer in Berlin-Lichterfelde (http://www.petrus-giesensdorf.de/geschichte/pfarrer.htm) in Karl Hammer, a.a.O., 50 und D 148, 334f.

35 Karl Hammer, a.a.O, 52.

36 Ders., a.a.O., D 73, 258.

 

Über den Autor

Pfarrer Dr. Hendrik Stössel, Jahrgang 1953, 1977 und 1980 Erste und Zweite Juristische Staatsprüfung, 1985 und 1987 Erste und Zweite Theologische Prüfung, 1994 kirchenrechtliche Dissertation, ab 1999 Dekan in Pforzheim, seit 2012 Theol. Referent der EKiBa an der Melanchthon-Akademie Bretten.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2014

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