Zum Umgang mit Martin Luthers Judenschriften, Teil I
Die Evangelische Kirche verleugnet ihre Geschichte

Von: Johannes Wallmann
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Zum Reformationsfest 2013 hat Johannes Wallmann in der »FAZ« unter der Rubrik »Fremde Federn« der EKD vorgeworfen, bei der Vorbereitung des Reformationsjubiläums ihre Geschichte zu verleugnen und dem gedächtnispolitischen Programm des Nationalsozialismus zu einem späten Sieg zu verhelfen. Während von führenden Vertretern der EKD unermüdlich die antijüdischen Schriften Martin Luthers von 1543 angeführt werden und eine Linie von diesen zum Antisemitismus des Nationalsozialismus gezogen wird, hat Wallmann daran erinnert, dass die evangelische Kirche bis ins 20. Jh. hinein den Luther der judenfreundlichen Schrift von 1523 vor Augen gehabt und sich von dem Luther von 1543 abgewandt hat.1 Wallmanns Beitrag hat Zustimmung, aber auch Widerspruch gefunden. Daher legt der Autor hier seine Position nochmals breit – in einem zweiteiligen Aufsatz – dar.


In dem Entsetzen darüber, dass Luther eine Schrift wie Von den Juden und ihren Lügen geschrieben hat, dass die Nationalsozialisten sich darauf berufen konnten und dass die Kirche in Deutschland nicht laut ihre Stimme für die Juden erhob, gibt es keine Differenz zwischen mir und denen, die ich kritisiere. Mein Anliegen ist es zu zeigen, dass der deutsche Protestantismus nach dem Dreißigjährigen Krieg sich mehr und mehr von jener Schrift distanziert und jahrhundertelang an Luthers judenfreundlicher Schrift Daß Jesus Christus ein geborner Jude sei von 1523 orientiert hat und dass hier ein positives Erinnerungspotential liegt, das nicht verschwiegen, sondern fruchtbar gemacht werden sollte.


Bonhoeffers Lutherbild

Ein Schlüsselargument meiner Darlegung ist der Hinweis auf Dietrich Bonhoeffer, der sich 1933 bei seinem Eintreten für die Juden auf Luthers frühe Schrift von 1523 beruft und von Luthers antijüdischen Spätschriften offenbar nichts weiß. Das ist schon den Teilnehmern der regelmäßigen Bonhoeffer-Tagungen als äußerst verwunderlich aufgefallen, sodass Eberhard Bethge auf dieses in seiner großen Bonhoefferbiographie nicht erwähnte Problem eingehen musste. Bethge hat auf Bonhoeffers intensives Lutherstudium verwiesen, wie es aus seinem noch erhaltenen Exemplar der Clemenschen Lutherausgabe hervorgeht. In dieser Lutherausgabe sei Von den Juden und ihren Lügen nicht enthalten. So ist Bonhoeffer »wohl der heute so geläufig gewordene Luther einfach nie begegnet«.2 Bethge hätte auch anführen können, dass Bonhoeffer in seiner Studienzeit bei niemandem so viele Lehrveranstaltungen besucht hat wie bei Karl Holl, mit dessen Namen sich die Luther-Renaissance verbindet.3 Holl hat in seinen zahlreichen Lutheraufsätzen die antijüdischen Schriften des Reformators nie erwähnt.

Dass Bonhoeffer Luthers Von den Juden und ihren Lügen gar nicht kannte, hat Bethge mit seinem »wohl« für wahrscheinlich erklärt. Zur Gewissheit wird es durch einen Autor, der sich eher als Zeuge für die These versteht, dass Luther einer der Begründer des deutschen Antisemitismus sei: Peter L. Wiener. Dessen Ende des Zweiten Weltkrieges geschriebenes, 1945 erschienenes Buch Martin Luther. Hitler’s spiritual ancestor4 hat bei seinem Erscheinen in der angelsächsischen Welt, die Luther als Vorkämpfer für Toleranz feierte, einen Schock ausgelöst, weil es ihr den Reformator als einen der geistigen Väter des Nationalsozialismus vorstellte5. Wieners Schrift soll hier nicht behandelt werden.6 Sie interessiert in unserem Zusammenhang, weil Wiener Zeuge für etwas ist, was für die Frage nach dem Verhältnis der evangelischen Kirche zu den Juden in der Zeit des Dritten Reiches große Bedeutung hat, aber, soweit ich sehe, in der Forschung nicht beachtet worden ist: das Wirken des engsten Bonhoefferfreundes Franz Hildebrandt in London gegen den Antisemitismus.

Wiener berichtet, wie er kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den Gottesdienst einer Sunday-School in London besuchte, wo als Gastprediger ein bekannter, aus Deutschland emigrierter lutherischer Prediger eine Predigt gegen den Antisemitismus hielt. Den Namen des Predigers nennt Wiener nicht. Es kann sich nicht, woran der Inhalt der von Wiener ausführlich wiedergegebenen Predigt zunächst denken lässt, um Bonhoeffer handeln, der zuletzt für einen Monat im Sommer 1939, aber nach Kriegsanbruch nicht mehr in London war. Der Prediger muss der vor dem Krieg wegen rassistischer Verfolgung nach England emigrierte Franz Hildebrandt sein, der seit gemeinsamer Berliner Studienzeit Bonhoeffers engster Freund gewesen war und ihm 1933 für seinen Aufsatz »Die Kirche vor der Judenfrage« die Stellen aus Luthers Schrift von 1523 besorgt hatte.7 »Wäre der Umschwung 1933 nicht gewesen«, empfiehlt ihn Otto Dibelius im Mai 1938 dem Bischof Bell in Chichester, so würde Hildebrandt »heute an einer deutschen theologischen Fakultät als Dozent oder Professor wirken, und zwar sicherlich mit größtem Erfolg«.8 Bei Kriegsbeginn lutherischer Pfarrer der deutschen Exilanten in England, versuchte Hildebrandt, 30 Theologen, denen Heinrich Grüber die Ausreise besorgt hatte, in London unterzubringen. Bischof Bell schrieb am 5.10.1939, er kenne niemanden, der ein so entschiedener Gegner der Nationalsozialisten sei wie Pastor Hildebrandt.9


Verfälschung Luthers?

In seiner von Wiener referierten Predigt gegen den Antisemitismus betonte Hildebrandt, dieser sei nicht nur unchristlich, sondern antichristlich. Antisemitismus stelle nicht nur einen Begleitfaktor, sondern den Kern und wichtigsten Teil des Nationalsozialismus dar. Wiener stimmte Hildebrandt von ganzem Herzen zu, war aber überrascht, als dieser plötzlich auf Luther zu sprechen kam. Luther, der Begründer der modernen Freiheitsidee, sei der erste, der gegen den Antisemitismus gekämpft habe. Dann zitierte Hildebrandt eine lange Reihe von Stellen aus Luthers Schrift von 1523, alle bekannten Kernaussagen, noble und wahre Worte, wie Wiener kommentiert. Und der Prediger machte klar, dass Luther für das wirkliche Deutschland und der Nationalsozialismus im Gegensatz zu seinen Lehren stehe. Deshalb sei es die größte und dringendste Aufgabe, das deutsche Volk »weg von Hitler und zurück zu Luther« (away from Hitler, back to Luther) zu bringen. Wiener meint dazu, er habe sich bei diesen Worten an das Wort eines Geistlichen erinnert, vor der Ordination erwarte er von einem Prediger nicht viel, aber doch, dass er die Bibel gelesen habe. Hier habe er nur gedacht, dass ein lutherischer Pfarrer wenigstens Luther gelesen haben sollte.

Es fiel Wiener leicht, Hildebrandt als Ignoranten darzustellen. Man könnte dasselbe bei Bonhoeffer mit seiner Berufung auf den Luther von 1523 tun. Wenn man Wiener zugibt, dass bezüglich Luthers antijüdischen Schriften Bonhoeffer und Hildebrandt in der Tat Ignoranten waren, ist allerdings zu fragen, ob das eine schuldhafte Ignoranz war oder ob nicht beide in der Tradition einer evangelischen Kirche standen, die sich seit Jahrhunderten von Luther Spätschriften abgewandt hatte, sodass auch wissenschaftlich gebildete Theologen nur Luthers judenfreundliche Schrift von 1523 kannten und nichts von den judenfeindlichen Spätschriften wussten.

Dass die evangelische Kirche von Luthers späten antijüdischen Schriften nichts wissen wolle, ist ihr vor 80 Jahren als Anklage vorgehalten worden. Die Anklage kam, und zwar schon vor 1933, aus der völkischen Bewegung. So hat Mathilde Ludendorff, die der evangelischen Kirche Verjudung vorwarf, weil auf ihren Kanzeln viele getaufte Juden predigten, in ihrem Zeitschriftartikel Die Fälschung der Reformation Luthers durch die protestantische Kirche (1928) behauptet, Luthers antijüdische Schriften seien seit dem 16. Jh. unbekannt geblieben, weil die evangelische Kirche sie auf Betreiben der Juden nicht einmal in die Gesamtausgaben von Luthers Schriften aufgenommen habe10. Daran ist nichts wahr. Tatsächlich sind die antijüdischen Spätschriften in sämtliche der im 16., 17., 18., 19. und 20. Jh. erschienenen Gesamtausgaben von Luthers Schriften aufgenommen worden. Jeder konnte, wenn er wollte, darin lesen. Ist aber ein Buch dadurch, dass es gedruckt wird, auch schon bekannt?


Was war bekannt und in Gebrauch?

Gehen wir zunächst der Frage nach der Voraussetzung des Bekanntseins, der Druckgeschichte von Luthers Schriften nach. Es gibt drei Arten von Ausgaben: Gesamtausgaben, Auswahlausgaben und Einzeldrucke.


Gesamtausgaben der Werke Luthers

Hier sind Luthers antijüdische Spätschriften, wie gesagt, durch alle Jahrhunderte hindurch enthalten. Wer aber hat sie gelesen? Wer hat sich jemals durch das Halbtausend von Luthers Schriften in den riesigen Gesamtausgaben – die Weimarer Lutherausgabe zählt über hundert Bände im Lexikonformat – durchgearbeitet? Die Theologen der Lutherischen Orthodoxie schlugen bei Behandlung der Frage »An tolerandi sint in re publica Judaei?« gezielt Luthers Judenschriften auf. Bei vielen bedeutenden systematischen Theologen des 16. und 17. Jh. ist ihre Kenntnis vorauszusetzen, bei Johann Gerhard und Abraham Calov, den beiden bekanntesten, auch bei dem Historiker Veit Ludwig von Seckendorff und bei manchen anderen lässt sie sich nachweisen.11 Die ganze Gesamtausgabe durchgeackert hat Philipp Jakob Spener, weil er durch den Auftrag, einen biblischen Kommentar aus Luthers Schriften zu verfassen, amtlich zur Lektüre des Gesamtwerks verpflichtet war. Spener erwarb sich so jene einzigartige Lutherkenntnis, mit der er sich in den langjährigen pietistischen Streitigkeiten seinen orthodoxen Gegnern überlegen erwies und den Pietismus in der Kirche durchsetzen konnte. Ansonsten haben nur wenige Theologen, dazu einige Historiker und vielleicht manche Juristen Luther aus den Gesamtausgaben kennen gelernt.

Einer der wenigen, die sich mit dem ganzen Corpus abgemüht haben, ist Ernst Moritz Arndt, der Stammvater des deutschen Nationalismus und alles andere als ein Judenfreund. Arndts hinterlassenen Papieren können wir noch entnehmen, wie er sich, um sich ein gründliches Bild von Luther zu machen, Band für Band durch die Walchsche Lutherausgabe durchgearbeitet hat. Aber als er an den Band 20 mit den Schriften Luthers gegen Sakramentierer, Fanaticos, Juden und Türken kam, hat er ihn überschlagen. Sie waren für ihn uninteressant.


Auswahlausgaben

Um die Lutherkenntnis in der evangelischen Kirche bei Theologen und an Luther interessierten durchschnittlichen Christen zu fördern, hat man Auswahlausgaben seiner wichtigsten Schriften erstellt. In keine dieser Ausgaben, weder in einer älteren noch in denen aus den Jahrzehnten vor dem Braunen Reich – der Braunschweigischen (seit 1883), der Bonner von Otto Clemen (seit 1917) und der Münchner Lutherausgabe (seit 1926) – sind Luthers antijüdische Schriften aufgenommen worden. Als der Rassenantisemit Houston Stewart Chamberlain unter der Bedingung an der Bonner Lutherausgabe mitarbeiten wollte, dass Von den Juden und ihren Lügen aufgenommen werde, wurde das von Clemen abgelehnt. Von der Praxis, diese Schrift nicht aufzunehmen, ging man erst ab, als 1936 zur Münchener Lutherausgabe ein Ergänzungsband Luthers Juden- und Türkenschriften erschien, der Von den Juden und ihren Lügen vollständig enthielt. Der Band war eine Reaktion auf die tendenziösen Teildrucke in der Zeit des Dritten Reichs. Indem man Luthers judenfreundliche Schrift von 1523 an die Spitze stellte, durch den Nachdruck der ganzen Schrift von 1543 deren theologischen Charakter erkennbar machte und schließlich die Schriften gegen die Türken dazu nahm, stellte man den Gebrauch dieser Schrift durch den Rassenantisemitismus infrage.12


Nachdrucke einzelner Schriften Luthers

Am bekanntesten sind die eines Predigtbandes, der Kirchenpostille, oder der sog. reformatorischen Hauptschriften wie An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung oder Von der Freiheit eines Christenmenschen. Von der Schrift Von den Juden und ihren Lügen gab es nach einigen Nachdrucken im 16. Jh. außer einem zur Zeit der Fettmilchschen Judenvertreibung veranstalteten Nachdruck (Frankfurt 1616) für Jahrhunderte keinen mehr. Ludwig Fischers Schrift Dr. Martin Luther von den Jüden und ihren Lügen, Leipzig 183813, ist kein Nachdruck, wie irrigerweise zuweilen behauptet wird, sondern ein Florilegium von antijüdischen Äußerungen Luthers aus verschiedenen Zusammenhängen, mit dem die Juden und die Literaten des »Jungen Deutschland« von ihrer Lutherbegeisterung geheilt werden sollten. Im letzten Drittel des 19. Jh. wurden zuweilen für antisemitischen Gebrauch zurechtgeschnittene Passagen aus Von den Juden und ihren Lügen abgedruckt. Bei den Schriften, die unter dem Titel Martin Luther. Von den Juden und ihren Lügen im Dritten Reich erschienen, handelt es sich um keine Nachdrucke, sondern um Auszüge, in deren Mittelpunkt die Wiedergabe seiner Ratschläge von 1543 steht.14


Die Entwicklung in der lutherischen Orthodoxie

Nach der Editionsgeschichte ist der Wirkungsgeschichte, d.h. der Rezeption von Luthers antijüdischen Spätschriften in der Theologie und in der kirchlichen Öffentlichkeit nachzugehen. Im 16. Jh. wird die in Luthers Von den Juden und ihren Lügen erhobene Forderung nach Vertreibung bzw. Nichtaufnahme der Juden von orthodoxen Theologen wiederholt, zum Beispiel von Martin Chemnitz, als es um die Frage der Aufnahme von Juden in Braunschweig ging.15 Gestützt auf Luthers Spätschriften nimmt die lutherische Frühorthodoxie eine Haltung der Intoleranz gegenüber den Juden ein. Aber seit die theologischen Fakultäten Jena und Frankfurt/O. 1611 auf die durch Zuwanderung aus Spanien vertriebener sephardischer Juden veranlasste Frage des Senats der Stadt Hamburg, ob Juden in einem christlichen Staat zu dulden seien, mit einem positiven Gutachten antworten, wendet sich die lutherische Orthodoxie von der Intoleranz des alten Luther ab.

Die Jenaer Theologen berufen sich für ihre Bejahung der Frage An tolerandi sint in re publica Judaei? an erster Stelle auf Luther: »Dieser Meinung seien auch viele Gottselige fürtreffliche Lehrer gewesen. Lutherus Tom 2. Jenensi im Buch, daß Jesus Christus ein geborner Jude sey, schreibet unter anderem also: Ich hoffe, wenn man mit den Juden freundlich handelt …« (es folgen die Ratschläge aus Luthers Schrift von 1523). Zwar sei ihnen bewusst, dass Luther an anderer Stelle anders rede und die Juden wie tolle Hunde aus dem Lande treiben wolle. Diese harten Worte seien aber nur conditionaliter zu verstehen, nämlich für den Fall, dass man »ihrer greulichen Lästerungen in den Synagogen« nicht steuern könne. »Ist demnach Lutheri Meinung nicht gewesen, daß man die Juden ganz und gar auf keine Weise leiden sollte, sonst wäre er mit sich selbst nicht einig, wie es scheint aus den angezogenen Worten in dem anderen Jenaischen Teil.« Die Regel, Luther müsse mit sich selbst übereinstimmen und seine harten späteren Worte gegen die Juden müssten von seinen freundlichen Worten von 1523 her ausgelegt werden, findet sich auch später in Christian Knorr von Rosenroths »Dissertatio de Tolerantia Judaeorum inter Christianos« von 1685. Durch die Aufnahme der für die Toleranz der Juden sprechenden Gutachten in die offizielle Sammlung von Lehrentscheidungen theologischer Fakultäten16 wendet sich die lutherische Hochorthodoxie einer Haltung der Toleranz gegenüber dem Juden zu.


Begrenzte Toleranz

Das Votum zweier lutherischer Fakultäten für die Aufnahme der Juden in Hamburg ist umso beachtlicher, als die Aufnahme der portugiesischen Juden in Amsterdam von der dortigen reformierten Synode mit starkem Protest begleitet wurde und auch andere reformierte Synoden, so die Weseler Synode von 1582 und der reformierte Predigerkonvent von Emden 1591, die Vertreibung der Juden forderten, als ob sie sich Luthers Ratschlag von 1543 zu eigen gemacht hätten. Die Reformierten hatten in ihrer Tradition keine Texte, mit denen sich die Aufnahme der Juden begründen ließ. Zwingli und Calvin hatten weder für noch gegen die Juden geschrieben, die es in Zürich und Genf nicht gab. Luther wird mit seiner Schrift von 1523 zum Bahnbrecher der Toleranz erklärt.

Freilich spricht sich die lutherische Hochorthoxie, da sie Luthers antijüdische Schriften nicht kritisierte, sondern auch zur Geltung brachte, nur für eine begrenzte Duldung aus, die sie tolerantia limitata nennt. Das Aufenthaltsrecht wird den Juden zugestanden, aber nicht das öffentliche exercitium religionis. Der Bau von Synagogen, der Druck von Büchern und die Anstellung von Rabbinern wird ihnen verboten, nur die private Religionsausübung zu Hause erlaubt. Sie werden sozial deklassiert und sollen Bekehrungspredigten besuchen. Luthers Spätschriften mit ihrer Vertreibungsforderung werden funktionslos, sie werden auch nicht mehr gedruckt, aber seine Judenfeindlichkeit lebt in der Orthodoxie fort. Ihre tolerantia limitata17 kann man keine wirkliche Toleranz nennen. Johann Gerhard und andere orthodoxe Theologen haben, indem sie die einschränkenden Bedingungen des Jenaer Toleranzgutachtens von 1611 sogar noch verschärften, Luthers Frühschrift unwirksam gemacht.


Standpunkt der »Unparteilichkeit«

Zu wirklicher Toleranz der Juden, die ihnen neben dem Aufenthalt in christlichen Ländern auch den Gottesdienst und den Bau von Synagogen erlaubt, kommt es erst durch Philipp Jakob Spener (1635-1705) und den Pietismus. Ja, es kommt nicht nur zur Toleranz, sondern Spener fordert die Christen auf, die Juden zu lieben. Wenn er in einer Frankfurter Predigt sagt: »Und wie unser lieber Lutherus davor hielte / wir sollten alle Juden umb deß einigen Juden Jesus willen lieben / so sollen wir auch ihr gantzes geschlecht umb dieses einigen alleredelsten Juden Jesu willen hochachten«18, so ist in diesem ausdrücklichen Bezug auf Luthers judenfreundliche Schrift von 1523 die Kritik an den Spätschriften impliziert. In Gottfried Arnolds weitverbreiteter »Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie« (1699/1700) wird solche Kritik auch explizit ausgesprochen, wenn Luthers breit ausgeschriebene Schrift von 1523 mit hervorgehobenen Lettern »Luthers gutes Urtheil« genannt wird und seine nur knapp erwähnten späteren Ratschläge als verwunderlicher Rückfall ins Mittelalter bezeichnet werden.19 Die Darstellung, die Arnold den Schicksalen der Juden im Laufe der Kirchengeschichte gibt, atmet ganz den Geist des Luther von 1523 und liest sich so, als wolle Arnold für Luthers Behauptung, die Päpste und Mönche hätten mit den Juden gehandelt, als wären es Hunde, den historischen Beweis liefern. Er verfolgt das Leben der Juden inmitten der Christenheit durch alle Jahrhunderte und konstatiert überall die schreckliche Unterdrückung der Juden durch die christliche »Klerisey«. Beim Ersten Kreuzzug gibt er einen Bericht über die Verfolgung der jüdischen Gemeinden an Rhein und Mosel durch das wilde Kreuzfahrerheer des Grafen Emicho, voll von Empörung über das Verhalten der Christen gegenüber den Juden20.

Der von Arnold eingenommene Standpunkt der »Unparteilichkeit« umgreift nicht nur die christlichen Religionsparteien, sondern bezieht auch die Juden mit ein. Sein Anhänger Johann Otto Glüsing (ca. 1676-1727), besorgte in Hamburg eine unparteiische Bibelausgabe, die Biblia Pentapla,21 die »zur brüderlichen und allgemeinen Liebe und Eintracht« unter den Religionsparteien verhelfen will. Durch den Vergleich mehrerer Übersetzungen der Bibel solle man den Glaubensgrund einer jeden Religionspartei erkennen und prüfen können. Im Druck werden nebeneinander gestellt eine röm.-kath. Bibelübersetzung (die sog. Mainzer Bibel), die Übersetzung Martin Luthers, die reformierte Übersetzung von Johann Piscator sowie die niederländische Statenbibel und schließlich eine »jüdische Übersetzung«, wofür die in Amsterdam bei Joseph ben Abraham Athias 1670 gedruckte jüdisch-deutsche Bibel, übersetzt von Rabbi Joseph Josel aus Witzenhausen, zur Vorlage dient. Diese im frühen Pietismus, wenn auch nur am Rande der Kirche, herausgegebene christlich-jüdische Bibel ist wohl ein einzigartiges Zeugnis für eine im Protestantismus mögliche Annäherung von Juden und Christen.


»Die Juden lieben«

Die Distanz, die Philipp Jakob Spener gegenüber Luthers Von den Juden und ihren Lügen zum Ausdruck brachte, führt im 18. Jh. dazu, sie zu verurteilen. So schreibt Johann Georg Walch in der Einleitung zu Band 20 seiner Gesamtausgabe: »Inzwischen ist nicht zu läugnen, daß auch hier Lutherus gewiesen, er sey ein Mensch gewesen und habe seine Schwachheiten an sich gehabt. In der Schrifft von den Juden und ihren Lügen hat er den Rath gegeben, daß man ihre Synagogen und Häuser zerstören : ihnen die Bibeln nehmen und das Handeln verbieten : sie auch nach Befinden aus dem Lande jagen müste ; damit aber einen solchen Eifer gezeiget, bey welchem er aus den gehörigen Schrancken gekommen und der Sache zu viel gethan.«22

Speners Aufforderung, die Juden zu lieben, ist Gemeingut des von ihm geprägten Pietismus geworden. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, führt in seinen Sonderbaren Gesprächen von allerhand in der Religion vorkommenden Wahrheiten in einem Gespräch, das sich wie eine Vorwegnahme von Lessings Lustspiel »Die Juden« liest, die Gründe auf, warum die Christen »eine ungemeine Hochachtung vor die Juden zu hegen und ihnen solche zu bezeugen« hätten.23 Zinzendorf gehört schon der dritten Generation des Pietismus an, in der Luthers antijüdische Spätschriften in Vergessenheit geraten sind. Als ersten Grund, die Juden zu lieben, nennt er, Worte Luthers aus der Schrift von 1523 in dessen Brief an Josel von Rosheim von 1537 hineinlesend: »1) Ist ein einiger Jude [sc. Jesus], um deswillen (schreibt D. Luther an den Juden Iesel) sol man alle Juden lieb haben.«24 Die folgenden weiteren Gründe variieren die Schrift Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei.

Speners bedeutendster Schüler August Hermann Francke (1663-1727) fiel an der Universität Halle als Förderer der Juden auf. Er lud den jüdischen Buchdrucker Abraham Moses ohne Schutz- und Geleitbrief ins Waisenhaus ein, um ihm beim Druck der hebräischen Bibel behilflich zu sein. Daneben konnte Moses Abraham unbehelligt Gebetbücher für die jüdische Gemeinde in Halle drucken. Als der preußische König die Universität Halle beschuldigte, einen Juden ohne Aufenthaltsrecht in Halle wohnen zu lassen, antwortete die Universität, dass allein Francke und sein Kollege Michaelis von der Klage betroffen seien.25

Johann Anastasius Freylinghausen, der nach Franckes Tod beim preußischen König Friedrich Wilhelm I. und dessen Sohn, dem späteren Friedrich dem Großen, in Wusterhausen über die Nächstenliebe predigte, bezog nachdrücklich die Liebe zu den Juden ein. Der König meinte, »das werde ihm so schwer, seinen Nächsten zu lieben, sonderlich die Juden, er könne sie nicht lieben.« Freylinghauen entgegnete: »einen Juden könne man nicht hassen, darum daß er ein Jude sey; denn unser lieber Heyland sei auch ein Jude nach der menschlichen Natur gewesen, desgleichen alle Propheten und Apostel, und was wir nur im geistlichen Guten hätten, das hätten wir von dem Jüdischen Volck.«26 Jochen Klepper hat in dem parallel zu seinem Roman »Der Vater« erschienenen, nach dem letzten Krieg häufig nachgedruckten Buch Der König und die Stillen im Lande, in dem er die Gespräche des Soldatenkönigs mit den Pietisten historisch getreu wiedergab, die ganze Episode aus verständlichen Gründen ausgelassen. Deshalb ist die an den preußischen König gerichtete Aufforderung zur Judenliebe in der evangelischen Kirche bis heute unbekannt geblieben.27


Die Hallesche Gutachtertätigkeit für die Juden …

Nicht nur für die Einstellung, sondern auch für die Praxis im Protestantismus hat Spener die Weichen neu gestellt. In einem Gutachten von 1702, wie mit den Juden zu verfahren sei, schreibt er: »Ich setze dieses voraus / so sonsten von einigen in zweiffel gezogen wird / daß man unter den Christen dieselbe wol in schutz aufnehmen / und ihnen wohnung verstatten könne … Wo man sie aber aufnimmet / fasset solches mit in sich / daß man ihnen auch die übung ihrer / ob wol verderbten / religion lasse / mit feyerung ihres sabbaths und feste / lesung des gesetzes und der heiligen bücher / beschneidung der kinder und dergleichen / nur daß man sie von der lästerung unsers Heilandes als viel geschehen kan / abhalte / auch nicht zugebe / daß sie die Christen mit willen ärgern / sie irr zu machen sich unterstehen / oder gar verführen …«28

Dieses Gutachten, in dem den Juden in christlichen Ländern neben dem Wohnrecht auch das Recht zum öffentlichen Gottesrecht zugestanden wird und das vermutlich die kirchliche Zustimmung zum Bau einer Synagoge in der Berliner Heidereutherstraße nahe der Marienkirche gab, steckt den Rahmen ab, innerhalb dessen der Pietismus in Brandenburg-Preußen, dem größten protestantischen Land Deutschlands, sein Verhalten zu den Juden gestaltet hat. Speners Votum ist »ein Markstein in der Geschichte der Toleranz und ein entscheidender Grenzstein zwischen den Epochen der lutherischen Orthodoxie und des lutherischen Pietismus«.29

Auf derselben Linie haben die vom Geiste Speners geprägten Halleschen Theologen schon bald nach Gründung der Universität begonnen, mit teilweise sehr ausführlichen Gutachten für die Juden Stellung zu nehmen.30 Die Reihe der insgesamt 22 Gutachten zu Fragen der Duldung der Juden und ihres Gottesdienstes fängt 1702 an und reicht bis 1767. Am Anfang steht ein für den preußischen König verfasstes Gutachten über das Alenu-Gebet, verfasst von Johann Heinrich Michaelis, Franckes Nachfolger in der Professur für orientalische Sprachen. Während andere Gutachter den gegen das Alenu-Gebet erhobenen Vorwurf der Gotteslästerung bestätigten, sodass Friedrich I. in dem sog. Alenu-Edikt von 1703 die umstrittenen Worte unter Strafe stellte, trat Michaelis klar auf die Seite der Juden, was auch von jüdischen Historikern als Besonderheit vermerkt wird.31 In einem wohl von Breithaupt und Francke verfassten Gutachten zum Purim-Fest und der an ihm angeblich vorgenommenen Lästerung Christi spricht sich die Theologische Fakultät 1704 für den Freispruch der drei angeklagten Juden aus und sieht den Vorwurf der Christuslästerung für unbewiesen an. In einem umfangreichen, wohl von Paul Anton stammenden Gutachten von 1707 votiert die Fakultät für die Genehmigung eines von der lutherischen Orthodoxie untersagten Synagogenneubaus. Ein Gutachten von Christian Benedikt Michaelis zum Judeneid von 1729 und ein erneuertes Gutachten zu dieser Frage 25 Jahre später stärkt die wohlwollende Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Judeneiden und fordert Milderung von Judeneidbestimmungen. Mehrere Gutachten nehmen die Juden vor dem Vorwurf der Christuslästerung in Schutz. Andere Gutachten votieren gegen die im 18. Jh. wiederholt erhobene Blutbeschuldigung.


… auf ihrem Höhepunkt

Bei den jüdischen Gemeinden Deutschlands wurde allmählich bekannt, dass die Theologische Fakultät Halle für die Rechte der Juden eintrat. Suchten zunächst überwiegend Obrigkeiten kleiner süddeutscher Territorien – gegen die Intoleranz orthodoxer Hofprediger und Ortspfarrer – Rückhalt für Toleranz gegenüber den Juden, so waren es bald in Bedrängnis geratene jüdische Gemeinden, die in Halle um Unterstützung baten. Selbst zu innerjüdischen Kontroversen – etwa zum Amulettenstreit zwischen den Rabbinern Jonathan Eybeschütz und Jakob Emden – erbat man jüdischerseits gutachtliche Stellungnahme aus Halle.

Höhepunkt der hallischen Gutachtertätigkeit zugunsten der Juden ist das 1745 von Siegmund Jakob Baumgarten (1706-1757), dem bedeutendsten Theologen Deutschlands in der Mitte des 18. Jh., im Streit um die Selichotgebete verfasste »Theologische Bedencken von gewissenhafter Duldung der Juden und ihres Gottesdienstes unter den Christen«.32 Baumgarten, als Übergangstheologe halb Pietist, halb Aufklärer, macht für das Wohn- und Gottesdienstrecht der Juden geltend, es sei »die Christenheit im allgemeinen und besonders der protestantische Teil der Christenheit mehr verpflichtet als irgend ein Volk mit einer anderen Religion, weil (1) die Juden unter allen ungläubigen Völkern den Christen am nächsten zugehören, da unstreitig das Christentum aus denselben entstanden und sie einen großen Teil der göttlichen Schriften und Offenbarungen mit uns gemeinsam haben […]; (2) das Christentum die höchste Verpflichtung zur allgemeinen Menschenliebe selbst gegen Feinde und Verfolger mit sich bringt, nebst der Pflicht Irrenden mit Sanftmut zurechtzuhelfen […]; (3) die Besserung und Gewinnung vieler Juden bei ihrer Duldung unter den Christen […] eher stattfindet und zu erhoffen ist, als bei ihrem Aufenthalt unter anderen ungläubigen Völkern […]; und (4) die Protestanten, die allen Gewissenszwang nach ihrer Lehre mißbilligen und verabscheuen, um so mehr verpflichtet sind, sich jeglichen Verfahrens nach solchen Grundsätzen zu enthalten, je mehr sie selbst die schädlichen Wirkungen dieser Grundsätze gefunden haben. Demzufolge stehen sie auch unter der Verpflichtung, ihren Abscheu gegen die Gewalttätigkeiten, die den Juden in der Christenheit zu nicht geringer Schändung derselben zugefügt worden sind, auf tätige Weise darzutun.«33 Hier ist das, was ein moderner Autor von den Protestanten erwartet34, in geradezu vorbildlicher Weise erfüllt worden.

(Teil II folgt in Ausgabe 7/2014)



Anmerkungen:

1 Nachzulesen unter: http://www.genios.de/presse-archiv/artikel/FAZ/20131031/fremde-federn-johannes-wallmann-die/FD1201310314071395. html.

2 Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer und die Juden, in: Heinz Kremers (Hg.), Die Juden und Martin Luther – Martin Luther und die Juden. Geschichte – Wirkungsgeschichte – Herausforderung, Neukirchen 1983, (211-284) 225.

3 Dorothea Wendebourg, Dietrich Bonhoeffers Berliner Studienzeit, Berliner Theologische Zeitschrift 23, 2006, 285-312.

4 Peter F. Wiener, Luther’s Spiritual Ancestor, London/New York 1945. Zweitauflage der 1985 erschienenen amerikanischen Ausgabe Cranford, New Jersey 19992.

5 Wiener leitet, was man im Titel nicht erkennt, den nationalsozialistischen Antisemitismus zugleich aus der traditionellen Judenfeindschaft der katholischen Kirche her, aus der Hitler als Katholik nie ausgetreten ist.

6 Der englische Lutherforscher Ernest Gordon Rupp schrieb sofort nach Erscheinen des Werks eine überzeugende Widerlegung: G. Rupp, Martin Luther. Hitlers’s Cause – or Cure? In reply to Peter F. Wiener, London-Redhill 1945.

7 Holger Roggelin, Franz Hildebrandt. Ein lutherischer Dissenter in Kirchenkampf und Exil (Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte, Reihe B. Darstellungen, Bd.31), Göttingen 1999.

8 Roggelin, 142.

9 Roggelin, 178.

10 Mathilde Ludendorff, Die Fälschung der Reformation Luthers durch die protestantische Kirche, in: Deutsche Wochenschau 5, Nr. 4, Berlin 1928, 1f.

11 Hermann Steinlein, Frau Dr. Ludendorffs Phantasien über Luther und die Reformation, Leipzig 1932, 22ff, nennt zehn von ihnen. Es sind durchweg Vertreter der Orthodoxie. Bei dem Pietisten Gottfried Arnold fügt Steinlein hinzu »mit starker Kritik«. An Steinlein ist nur zu kritisieren, dass er die verbreitete Unkenntnis von Luthers späten Judenschriften erst auf die Aufklärung und nicht auf den Pietismus zurückführt.

12 Martin Luther. Ausgewählte Werke (Hg. H. H. Borcherdt/Georg Merz), Ergänzungsreihe 3. Band, München 1936. In den Erläuterungen wird von Walter Holsten, dem Herausgeber, zu Von den Juden und ihren Lügen gesagt, es sei »diejenige Schrift, der Luther seinen Ruhm als führender Antisemit verdankt« (537), doch wird dagegengesetzt, dass Luther in dieser Schrift die Juden aus theologischen, nicht aus rassischen Gründen bekämpft und daher zwischen Jude und Jude zu unterscheiden sei.

13 Ludwig Fischer, Dr. Martin Luther von den Jüden und ihren Lügen: Ein crystallisirter Auszug aus dessen Schriften über der Juden Verblendung, Jammer, Bekehrung und Zukunft. Ein Beitrag zur Charakteristik dieses Volkes, Leipzig 1838.

14 Das gilt erst recht von der Schrift des thüringischen DC-Landesbischofs Martin Sasse Martin Luther und die Juden. Hinweg mit ihnen! 1938, von dem oft, auch in Kirchenzeitungen, behauptet wird, es sei ein Nachdruck von Luthers antijüdischer Spätschrift. Es handelt sich um ein eigenes rasseantisemitisches Pamphlet, in dem auf einer Seite Luthers berüchtigte Ratschläge abgedruckt sind.

15 Rotraut Ries, Zum Zusammenhang von Reformation und Judenaustreibung: das Beispiel Braunschweig, in: Civitatem Communitas (Festschrift Heinz Stoob) Köln/Wien 1984, 630-654.

16 Georg Dedekenn, Thesaurus Consiliorum et Decisiorum, Vol. I Ecclesiastica continens, Hamburg 1623,139-149.

17 Christian Knorr von Rosenroth, De tolerantia Iudaeorum, 1685.

18 Spener, Christliche Leichpredigten, Bd. II, Frankfurt 1685, 257.

19 G. Arnold, Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie, Frankfurt/M. 1700, Teil. 2, Buch XVI, Cap. XXXIV,19, 405.

20 G. Arnold, Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie, Frankfurt/M. 1700, Teil. I, Buch. XI, Cap. I, 12, S. 325: »Diese [die Kreuzfahrer unter Emicho] zogen durch städte und flecken / suchten alle Jüden auff / marterten sie durch die grausamste pein zu tode / aus vorwand / sie wollten sie erst bekehren / ehe die Christen den zug wider die Saracenen anträten. … das rauben und morden wärete in die 16 wochen / und die Juden rechnen selbst in die 5000 erschlagene: Die Christen aber in die 12000; welche noch dazu diese Himmelschreyende greuel als einen eiffer vor die Christenheit rühmeten; Dadurch man die Jüden als ein verfluchtes volck / wie sie reden / in den schooß der Kirchen habe treiben wollen. Aber das ist eben das blutige und barbarische compelle intrare, welches die falsche kirche mit ihrem religionszwang und eiffer immerzu getrieben / und doch nichts ausgerichtet hat. Denn obgleich dißmal auch sehr viele Jüden sich aus furcht taufen liessen / so fielen sie doch bey gelegenheit wieder ab … Denn das ärgerniß war so groß / welches die gottlosen Pfaffen selbst den armen Jüden gaben / daß sie selbige vielmehr zu atheisten als Christen gemacht hätten / wenn sie diesen verkehrten Lehrern hätten folgen sollen …«.

21 BIBLIA PENTAPLA, Schiffbek bei Hamburg 1711. Zu näherer Charakterisierung der Biblia Pentapla und zu weiterführender Literatur s. Wallmann, Der alte und der neue Bund. Zur Haltung des Pietismus gegenüber den Juden, in: Geschichte des Pietismus, Bd. 4, Göttingen 2004, (143-165) 151 und 163.

22 J.G. Walch, Historische Einleitung in die Streitigkeiten Lutheri. Dritter Abschnitt. Von den Schrifften wider die Juden und Türcken (Walch, Luthers sämtliche Schriften, Bd. 20, Halle 1747, 91).

23 N.L. von Zinzendorf, Sonderbare Gespräche zwischen einem Reisenden und Allerhand andern Personen, von Allerley in der Religion vorkommenden Wahrheiten, Altona 1739 = E. Beyreuther/G. Meyer (Hg.), N.L. von Zinzendorf, Hauptschriften, Bd. I, 1962 (in dem ohne durchgehende Seitenzählung zusammengestellten Band als letztes Stück abgedruckt).

24 A.a.O., 106.

25 Wallmann (wie Anm. 21), 155.

26 J. Wallmann, Preußentum und Pietismus, in: ders., Pietismus-Studien, Ges. Aufsätze 3, Tübingen 2008, (363-391) 390f.

27 Vgl. schon, allerdings verkürzt, Wolfgang Gericke, Glaubenszeugnisse und Konfessionspolitik der Brandenburgischen Herrscher bis zur Preußischen Union 1540-1815 (Unio und Confessio 6), Bielefeld 1977, 203, Anm. 4.

28 Spener, Unmaßgebliche Gedancken, wie es mit den Juden ihrer Bekehrung wegen zu halten seye, in: Spener, Letzte Theologische Bedencken I, Halle 1711, 286-295.

29 J. Wallmann, Der Pietismus und das Judentum, in: Markus Witte/Tanja Pilger (Hgg.), MAZEL TOV. Internationale Beiträge zum Verhältnis von Christentum und Judentum, Leipzig 2012, (277-294) 189.

30 Die Gutachtertätigkeit ist umfassend untersucht von Udo Arnoldi, Pro Iudaeis. Die Gutachten der hallischen Theologen im 18. Jahrhundert zu Fragen der Judentoleranz (Studien zu Kirche und Israel 14), Berlin 1993. – Eine Liste der 22 Gutachten der hallischen Theologen mit stichwortartiger Inhaltsangabe in chronologischer Reihenfolge: a.a.O., 243ff.

31 Guido Kisch, Rechts- und Sozialgeschichte der Juden in Halle 1686-1730 (VHK 32), Berlin 1970, 63.

32 S. J. Baumgarten, Theologisches Bedencken von gewissenhafter Duldung der Juden und ihres Gottesdienstes unter den Christen, Halle 1745.

33 A.a.O., 9.

34 Steven Pinker, Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit, Bonn 2011, 222.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Dr. theol. h.c. Johannes Wallmann, Jahrgang 1930, emeritierter Professor für Kirchengeschichte der Evang.-Theol. Fakultät der Ruhruniversität Bochum, Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, seit 2002 Honorarprofessor an der Humboldt-Universität Berlin; zahlreiche Veröffentlichungen (s. www. wallmann.de)

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2014

1 Kommentar zu diesem Artikel

19.06.2014
Ein Kommentar von Dr. Hartmut Rudolph


Als einer, der im Heidelberger Studium erstmals mit den späten antijüdischen Schriften Luthers konfrontiert worden war und dadurch in eine innere Distanz zur Theologie des Reformators insgesamt getrieben wurde, nehme ich die hier vorgetragenen Recherchen dankbar zur Kenntnis, die mir ein sehr viel differenzierteres Bild der Geschichte unserer Kirche, namentlich im Blick auf die Rezeption und Folgen jener Schriften von 1543, ermöglichen.

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