Eine evangelische Replik
Vom Reden über Sünde und Sühne

Von: Rüdiger Braun
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Mit seiner Meditation über die Frage nach dem Sinn des Leidens und Sterbens Jesu rührt Heinrich Beck nicht nur an den alle Konfessionen miteinander verbindenden Kern des christlichen Glaubens. Er artikuliert zugleich präzise den wohl wesentlichsten Einwand, der aus nichtchristlicher Perspektive gegen ihn erhoben wird. »Der Kreuzestod Jesu«, so resümiert eine Streitschrift zur Begründung, »warum man redlicherweise kein Christ mehr sein kann«, »reiht sich nahtlos ein in die alttestamentlich als offenbar selbstverständlich angenommene Vorstellung eines gekränkten, durch menschliche Missetaten beleidigten, zürnenden Gottes, der durch Opfer … wieder zu versöhnen ist«.1 Zur Rechtfertigung solcherKritik begnügt man sich in der Regel mit Verweisen auf ausgewählte ntl. Begriffsbildungen2 oder kirchengeschichtlich wirkmächtigeVersuche der Theoretisierung christlichen Glaubens wie z.B. der anselmschen Satisfaktionstheorie.

Es ist hier, im Rahmen einer kurzen Replik auf Becks wertvolle Gedanken zum Sinn des Leidens und Sterbens Jesu nicht der Ort für tiefere hamartio- und soteriologische Ausführungen. Was die folgenden Zeilen intendieren, ist nicht mehr (aber auch nicht weniger) als nochmals auf die in Becks Meditation zum Ausdruck kommende spannungsvolle Relationalität hinzuweisen, die der biblischen Rede von Sünde und Sühne zugrunde liegt und die theoretisch auflösen zu wollen den Verlust ihrer Dynamik bedeuten würde.


Geheimnis und Rechenschaft

Beck bringt den Begriff des Geheimnisses ins Spiel, auf den alles Fragen nach dem Sinn des Leidens und Sterbens Jesu zielt und markiert damit zunächst die Grenze aller Bemühungen, die von Gott initiierte und in Jesu Leben, Sterben und Auferstehen kulminierende Heilsgeschichte in den Koordinaten menschlicher Vernunft zu erfassen. Zugleich sieht er sich nicht anders als das biblische Zeugnis auch zur Rechenschaft herausgefordert, eben diese Heilsgeschichte zur Sprache zu bringen, d.h. in und vor der Welt zu verantworten bzw. auf an sie gestellte Fragen zu reagieren: Fragen nach dem Wesen der Sünde, der Möglichkeit der Übertragbarkeit von Schuld sowie der von Sühne und Versöhnung.

Wenn auch im Duktus stärker philosophisch als theologisch ausgerichtet, sind Becks Annäherungen an diese Fragen ein beredter Ausdruck des zutiefst beziehungsreichen Denkens, durch das sich das biblische Reden über Gottes schöpferisches und erlösendes Handeln auszeichnet. Nicht das metaphysisch »wesenhafte«, sondern das geschichtlich »wirkliche« und »wirksame« ist es, das die Bibel zu bezeugen sucht, wobei im Rahmen ihres betont vielstimmigen Zeugnisses der Rekurs auf die sühnetheologische Begrifflichkeit nur eine (wenn auch nicht marginale) von vielen Weisen ist, dem Geheimnis des Christusereignisses auf die Spur zu kommen.


Das Rätsel der Sünde

In der Auseinandersetzung mit dem missverständlichen Begriff des Sühnopfers verweist Beck zu Recht auf dessen notwendige Verbindung mit dem Begriff bzw. dem Rätsel der Sünde (mysterium iniquitatis), von dem bereits die Bibel beredt Zeugnis gibt: wohlgemerkt nicht im Rahmen einer theoretischen Lehre, sondern in der Beschreibung der ganz praktischen Wirklichkeit der (rätselhaften) Existenz der in unstrittiger Asymmetrie zum »Geschöpf« Mensch stehenden, die gesamte Orientierung des Menschseins, d.h. sein »Herz« (lev) korrumpierenden »Sünde«.

Gen. 3f erzählt von deren Faktizität, nicht von einem Warum, von keinem plausiblen Grund: die Sünde ist und wirkt, ist weder ableitbar noch begründbar und erweist sich in dieser Faktizität nicht nur als ein universal aufweisbares Grundphänomen, sondern zugleich auch als ein Rätsel, ein mysterium eben, das entschlüsseln zu wollen der Anfang ihrer Verharmlosung wäre. Religionsgeschichtlich aufweisbar ist allein ein tiefverwurzeltes Bewußtsein für die Verhaftung des Menschen in eine ihm vorgegebene und ihn umgreifende Wirklichkeit sozialer und hereditärer Strukturen und Zusammenhänge, die ihn unausweichlich in Schuld verstricken und denen er sich nicht zu entziehen vermag. Das AT begreift diesen von Beck als »Frucht der Sünde« beschriebenen und in Euripides’ »Iphigenie« so beispielhaft (und tragisch) verdichteten Schuldzusammenhang im streng personalen Bezug eines Gemeinschaftsverhältnisses mit Gott selbst und beurteilt »Sünde« somit als Beziehungsbruch, der nur durch Gott selbst »geheilt« bzw. gesühnt werden kann.

Für die Rede von der Sünde bedeutet dies: Insofern sich erst ex post, d.h. im Horizont der Erfahrung der Sündenvergebung das eigentliche »Wesen« der Sünde erschließt, ist sie in einem letzten Sinne »geheimnisvoll« esoterische, damit zugleich aber auch jegliche Moralisierung der Sünde ausschließende Rede.3


Sühne als Gabe

Ähnliches gilt für die biblische Rede von der Sühne, deren theologisches Verständnis durch den vermehrt ethischen Gebrauch des Opferbegriffs wohl eher erschwert als erleichtert wird. In religionsgeschichtlich deutlich aufzuweisender Differenz zu den archaischen Opferriten der altorientalischen Umwelt steht das atl. Opferinstitut ausdrücklich nicht im Kontext einer Satisfaktion, sondern im Kontext der Gabe, die hier nun gerade nicht den Menschen, sondern Gott selbst zum Subjekt hat: Gott selbst entsühnt bzw. versöhnt den sündigen Menschen mit sich – dadurch, dass er durch die symbolische Ableitung bzw. Unterbrechung der Unheilswirkung einer Tat die Gemeinschaft mit ihm aufrechterhält.4 Erst hieraus erklärt sich auch der Stellenwert der Katharsis, welche die jüdische Theologie der Wirksamkeit der Sühneriten zuschreibt: »Vor wem reinigt ihr euch selbst, und wer reinigt euch? Euer Vater, der im Himmel ist.«5

Über dieses Sühneinstitut hinausgehend bricht sich in der Figur des leidenden Gottesknechts der Ebed-Jahwe-Lieder die »unerhörte« (Jes. 52,15) Vorstellung eines stellvertretenden Sühneleidens Bahn, eine Vorstellung, auf die auch die (wiederum vielstimmige!) ntl. Soteriologie zurückgreift, um – über die Reformulierung unterschiedlichster Bedeutungskomplexe der jüdischen (und hellenistischen) Tradition – den Sinn des Christusereignisses zu erfassen.

Dass der damit implizierte, auch von Beck angesprochene Vorstellungskomplex der Übertragbarkeit von Schuld im Rahmen einer subjektzentrierten Schuld als »unveräußerliches Persönlichkeitsmerkmal«6 nicht mehr nachvollziehbar ist, macht diesen nun etwa nicht theologisch bedeutungslos, sondern fordert vielmehr dazu heraus, im Gegenüber zu dieser letztlich beziehungslosen Theorie, die den Sünder erbarmungslos gegen sich selbst und blind für das Entgegenkommen des Anderen macht, den alten (und wertvollen) Schatz der biblischen Rede von Sünde, Sühne und Versöhnung neu durchzubuchstabieren und alternative Verstehensmöglichkeiten und Sprachbilder zu erarbeiten, die auch den Menschen heute anzusprechen und zugleich den substantiellen Gehalt der biblischen Sprachbilder zu bewahren suchen.

Becks Meditation lädt dazu ein, es ihm, ggf. mit anderer Akzentsetzung, gleichzutun und die Verantwortung zur Rechenschaft des Glaubens in eigenständiger und zugleich dem biblischen Zeugnis verpflichteter Form wahrzunehmen: im Bewusstsein um die Unverfügbarkeit des letztlich erst von Gott selbst im und durch den Heiligen Geist ermöglichten Glaubens an das Geheimnis der Erlösung in Jesus Christus.

Rüdiger Braun


Anmerkungen:

1 Franz Buggle, Denn sie wissen nicht was sie glauben. Eine Streitschrift, Hamburg 1997, 134.

2 Vgl. z.B. hilasterion in Röm. 3,25 oder lytron in Mk. 10,45.

3 Vgl. hierzu Walter Sparn, Unbegreifliche Sünde, in: W. Härle/R. Preul (Hg.), Sünde, Leipzig 2008, 107-143.

4 Vgl. Walter S. Wurzburger, Atonement: Jewish Concepts, in: Encyclopedia of Religion 12 (2005), 593-594.

5 Rabbi cAqiva im Traktat Yoma’ 8.9, zit. bei: Bernd Janowski, Sühne als Heilsgeschehen, Neukirchen-Vluyn 1982, 555.

6 ImmanuelKant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, hg. von K. Vorländer, Hamburg 19566, 77.


 

Über den Autor

Pfarrer Dr. theol. Rüdiger Braun, mag. phil., Studium der Islamwissenschaften (M.A.), Neueren Geschichte und Evang. Theologie in Erlangen, Damaskus und Tübingen, 2000-2007 Vikariat und Pfarrdienst in Schweinfurt und Bamberg, 2007-2008 Mitarbeiter am Lehrstuhl für Syst. Theologie der Universität Bamberg, Promotion 2008, seit 2008 Mitarbeiter am Lehrstuhl für Religions- und Missionswissenschaft der Universität Erlangen-Nürnberg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2014

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