Von der Rückführung der Schöpfung zu ihrem Schöpfer
»Er der Weinstock, wir die Reben«

Von: Heinrich Beck
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Mit den folgenden wenigen Zeilen möchte ich in keiner Weise den Anspruch erheben, dieses äußerst komplexe Thema befriedigend zu behandeln, sondern lediglich einige vielleicht nicht unwichtige Gesichtspunkte zur Diskussion beitragen. Die Frage nach dem Sinn des Leidens und Sterbens Jesu zielt letztlich in ein Geheimnis. Eine gängige Antwort lautet, es handle sich um ein »Sühneopfer für die Sünde des Menschen«. Bei dieser Vorstellung mischen sich aber vielfach mythologische und magische Elemente ein, die dazu herausfordern, das Spezifische des Christlichen deutlicher zu profilieren. Jedenfalls – und das wird in den Schriften des NT, vor allem bei Paulus, immer wieder hervorgehoben – hat das Sterben Jesu einen Bezug zur Sünde des Menschen. Was aber heißt eigentlich »Sünde«, worin besteht ihre »Natur«?


Gottes oder des Menschen Anliegen?

Gegenüber einem vielfach vordergründigen Sprachgebrauch ist zu sehen: Das Wesen von »Sünde« liegt letztlich in einer »Liebesverweigerung gegenüber Gott«. Antwortet Gott, indem er dem Menschen dafür eine »gerechte Strafe« auferlegt und von ihm eine entsprechende »Wiedergutmachung« fordert – die dann Jesus stellvertretend durch seinen Kreuzestod geleistet hat? Eine solche Sühneforderung (die eine Nähe zu »Rachsucht« hätte) wäre mit der bedingungslosen Liebe und Barmherzigkeit Gottes, wie sie Jesus verkündet, gewiss unvereinbar. Dass Gott durchaus ohne Auferlegung eines zusätzlichen Leidens dem Menschen verzeihen kann, erhellt aus dem Gleichnis Jesu vom »verlorenen Sohn«, worin der Vater den heimkehrenden Sohn sogar gegenüber dem zu Hause gebliebenen bevorzugt und aus diesem Anlass ein besonderes »Freudenfest« feiert (Lk. 15,11-24).

Es ist nicht Gott, der solches verlangte (und der so in seinem »gerechten Zorn« »besänftigt« und wieder »versöhnt« werden müsste), sondern es liegt in der Natur der Sache selbst – und müsste ein Anliegen des Menschen sein (!) –, Gott für seine erwiesene Liebe eine entsprechende Gegenliebe zu schenken.


Jesu Eintreten für den Menschen

In diese Aufgabe, die der in seinem gefallenen Zustand gegen Gott verschlossene Mensch nicht entsprechend leisten kann, tritt Jesus ein, indem er sich mit dem Elend des gottfernen Menschen identifiziert und es in Liebe vor Gott bringt; er »entäußert sich seiner Gottheit«, wie es bei Paulus in Phil. 2,6 heißt, und »macht sich selbst zur Sünde«, indem er die Folgen der Sünde auf sich nimmt. Dies tut Jesus »für« den Menschen, das heißt »anstatt seiner« und »zu seinen Gunsten«. Denn er gibt ihm damit die Möglichkeit, den Hingabeakt Jesu im Glauben anzunehmen und in ihm mitzugehen.


Strafe als Frucht der Sünde

Dabei ist wesentlich, dass das Leiden nicht als eine zur Sünde wie von außen hinzugefügte Strafe Gottes aufgefasst wird, die Gott auch unterlassen könnte, sondern als »innere Frucht der Sünde« und als ihr unmittelbarer Wesensausdruck; denn die Sünde bedeutet eine Verweigerung gegenüber der göttlichen Seins- und Lebensquelle und somit ein tiefstes Missverhältnis zur Wirklichkeit, dessen Erleben ein entsprechendes »Leiden« hervorruft. Dies wird gerade auch an dem erwähnten Gleichnis Jesu deutlich, da der verlorene Sohn, indem er das Vermögen des Vaters veruntreut, sich selbst ins Elend stürzt. Daher lässt sich sagen, dass nicht Gott den Sünder, sondern der Sünder sich selbst bestraft. Gott ist der Urheber einer Seinsordnung, deren Negation »Leiden« bedeutet.1


Übertragbarkeit von Schuld und Sühne?

Jesus geht in die gefallene Schöpfung hinein und führt sie zu ihrem Schöpfer zurück – als freies Angebot für uns alle. Dazu stellt sich aber die Frage: Wie kann ein »Anderer« unseren Mangel an Gegenliebe zu Gott auf sich nehmen und durch seine eigene Liebe »ausgleichen«? Ist denn Schuld übertragbar – wie eine Sache? Hier ist zu sehen: Wohl haben wir in unserem Sein gegen ihn eine Grenze, aber nicht gleichermaßen auch er gegen uns – ähnlich wie die Rebzweige gegenüber dem Weinstock, aber nicht der Weinstock gegenüber den Rebzweigen (vgl. Joh. 15,1-8).2 Daher affizieren etwaige Schäden an den Rebzweigen »rückwirkend« den ganzen Weinstock; unsere Sünden betreffen in ihren Folgen das Sein Jesu. Jesus ist also in diesem Sinne für uns vor Gott »zuständig«. Wenn gesagt wird, dass er »für uns Sünder heilbringend vor Gott steht«, so heißt dies, im Gleichnis gesprochen, dass seine Liebe zu Gott gewissermaßen von dem »Weinstock« vollzogen wird, an dem wir als »Reben« teilhaben und von dem wir getragen und umgriffen sind. Insoweit wir uns öffnen, strömt das Leben des »Weinstocks« reinigend, ordnend und belebend auf uns über – und der »Weinstock« kommt durch unsere Umsetzungsarbeit zu seinen »Früchten«.

Indem also Jesus sich mit der Menschheit identifiziert, die sich durch die Sünde von ihrer göttlichen Lebensquelle abgeschnitten hat und insofern »tot« ist, geht seine Liebeshingabe an Gott in den Tod hinein; sie bedeutet ein Sterben, das die Schöpfung in ihrer Seinswurzel betrifft. Mit solcher »radikalen« und »totalen« Umfassung der Schöpfung soll Gott angemessen gepriesen werden. In diesem Bezug auf Gott liegt somit ein grundlegender Sinnaspekt des Sterbens Jesu. Diese Liebesbewegung auf Gott hin vollzieht Jesus nicht für sich selbst, sondern als Einladung für die Menschheit zum Mitvollzug. In diesem Bezug auf den Mitmenschen liegt ein zweiter Sinnaspekt seines Sterbens. Insoweit der Mensch dieses Angebot annimmt und sich mit Jesus identifiziert, wird der »Weinstock Jesus« »fruchtbar« und kommt er in seine »Fülle«.

Heinrich Beck


Anmerkungen:

1 Darin ist mitgesagt, dass gewiss auch Gott straft, aber nur »indirekt«. Denn die Hervorbringung der Seinsordnung durch Gott bezieht sich nicht nur auf ihren ersten Augenblick, sondern Gott erhält und trägt sie, indem er ihr fortgesetzt das Sein zuspricht (»creatio continua«). Wenn sie daher durch die Sünde in eine ungute und leidbetroffene Verfassung versetzt wird, so bedeutet dies, dass sie nun fortan als leidende von Gott im Sein erhalten und weiterhin hervorgebracht wird. Das lässt sich in etwa durch einen Thomas von Aquin zugeschriebenen bildlichen Vergleich verdeutlichen: Wenn jemand durch verantwortungsloses Verhalten sein Auge in einen üblen Zustand bringt, so wirkt sich das Sonnenlicht in ihm nicht mehr beglückend, sondern schmerzend aus. Ob die Sonne also »belohnt« oder »bestraft«, liegt allein am sinnentsprechenden oder sinnwidrigen Verhalten des Menschen.

2 Das bedeutet eine essentielle Teilhabe der »Reben« am Leben des »Weinstocks«. Dies gilt, genauer besehen, nicht erst für die »Ordnung der Erlösung«, sondern schon für die »Ordnung der Schöpfung«. Denn wir sind von Gott durch das »Wort«, den »Logos« geschaffen und haben bereits von daher an ihm teil; der Gehalt, die »Aussage« der Schöpfung ist eine begrenzte Teilhabe und Nachahmung des Ewigen Logos. Insofern Jesus als der »Mensch gewordene Logos« auftritt, bedeutet der Umstand, dass durch ihn die Schöpfung überhaupt ihr Sein hat, auch eine grundlegende Dimension an der Person Jesu (vgl. Joh. 1,1-14) – und dies legitimiert sein Eintreten für die Schöpfung vor Gott. Dabei ist zu unterscheiden: Wir haben am Logos teil, sind aber nicht ein Teil des Logos (so wie es einen Unterschied macht, ob man am Leid eines Mitmenschen teilnimmt bzw. teilhat oder aber ein Teil seines Leids ist). Die Schöpfung hat am Logos teil, ist aber nicht Aufbaubestandteil des Logos.


Über den Autor

Prof. em. Heinrich Beck, Jahrgang 1929, Professor für Philosophie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Dr. h.c. in Buenos Aires, Honorarprofessor mehrerer Universitäten in Europa und Amerika; zahlreiche Veröffentlichungen zur Ontologie und Metaphysik, zur interkulturellen Philosophie u.a.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2014

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