Über einige interessengeleitete Manipulationen biblischer Tradition
Das Opfer Jesu und die Opfer der Zeugen

Von: Manfred Josuttis
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Der »liebe Gott« hat Karriere gemacht. Was in der Kriegs- und Nachkriegszeit angesichts von Massenvernichtung und Kulturzerstörung unsagbar schien, ist derzeit zum Alleinstellungsmerkmal der Gottheit geworden. Niemand wird behaupten, dass die Rede von Gottes Liebe nicht eine zentrale Aussage der biblischen Schriften darstellt. Aber deswegen alle anderen Dimensionen des göttlichen Wesens und Wirkens auszuschließen, lässt sich nur als eine interessengeleitete Manipulation an der biblischen Tradition charakterisieren – auch und gerade in der Pfarrerschaft, meint Manfred Josuttis.

In dankbarer Erinnerung an Gödenroth und Heyweiler


I. Markante Verzeichnungen

Wesentliche Impulse verdankt die Diskussion um das Opfer Jesu den Veröffentlichungen von Klaus-Peter Jörns1, meinem Nachfolger in den Hunsrücker Kirchengemeinden Gödenroth und Heyweiler. Die fundamentale These ist ebenso eindeutig wie einfach: »Mehr Jesus, bitte, in der Theologie!« (Mehr Leben bitte, 104), weil »im Zentrum der Botschaft Jesu das Zeugnis von der bedingungslosen Liebe Gottes steht« (131). Auch Gottes Vergebung verdankt sich nicht einem Sühnopfer, »sondern kommt allein aus seiner Liebe« (131). Glaubwürdig ist deshalb nicht eine Kreuzestheologie, wie sie im Anschluss an antike Religionen vor allem Paulus entwickelt hat. »Gott hat sich erst zu Ostern zu erkennen gegeben, indem er dem Tod nicht das letzte Wort gelassen hat« (128). Jesu Sterben ist ein Zeugnis seiner Solidarität mit den Menschen, ein Zeichen seiner Liebe, aber kein Heilsgeschehen als Opfer für unsere Sünde. »Sterblichkeit ist geschöpflich« (Abschiede, 280), Tod also auf keinen Fall Strafe. Deshalb muss das Stichwort »Opfer« auch aus dem Gottesdienst in Liedern2 und Abendmahlsfeiern getilgt werden (Abschiede, 286ff).

Diese programmatischen Aussagen sind nicht nur Ausdruck persönlicher Überzeugungen, sondern berufen sich auf Ergebnisse langjähriger sozialwissenschaftlicher Erhebungen. Natürlich wird man annehmen dürfen, dass auch die dort verwendeten Fragestellungen und insbesondere auch deren Auswertung von Vorentscheidungen geprägt sind. Jedenfalls kann sich Jörns bei seiner einseitigen Orientierung an der »Liebe Gottes« und seiner rigorosen Abwertung jeder »Opferpraxis« auf zentrale Einzelergebnisse der von ihm und seinen Mitarbeitern durchgeführten Umfragen stützen. Das gilt z.B. für die auch unter Theolog/innen zunehmende Tendenz, Gott als »liebevoll und nur mit ca. 1/3 für streng und liebevoll zugleich« einzuschätzen; »die Gerichtsvorstellung tritt dagegen deutlich zurück« (Gesichter, 71f).

Wenn man diesen sozialwissenschaftlichen Anmarschweg vor Augen hat, verlieren die einfachen und einseitigen Thesen natürlich etwas von ihrem destruktiven und subjektivistischen Charakter. Die »Notwendigen Abschiede« sollen in der Tat den »Weg zu einem glaubwürdigen Christentum« ermöglichen. Jörns hat mit seinen Parolen »Mehr Leben«, »Mehr Freiheit«, »Mehr Liebe« kein neues theologisches Programm vorlegen wollen, sondern den Versuch unternommen, sich abzeichnende Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft in einen theologischen Rahmen einzubinden. Die Frage ist nur, ob sein Projekt angemessen fair und korrekt gegenüber der biblischen und kirchlichen Tradition verfährt. Es müssen an dieser Stelle einige Hinweise auf markante Verzeichnungen genügen.


»Mehr Jesus und weniger Paulus«

»Mehr Jesus, bitte, in der Theologie!« Gemeint ist damit konkret: Weniger Paulus! Aber man muss diese Forderung auch gegen das Jesusbild richten, das Jörns selber entwirft. Ein drastisches Beispiel liefert die Ankündigung vom Weltgericht (Mt. 25,31-46). Dass »Gott sich auf die Seite der ewigen Verlierer« stellt, wird akzeptiert. Dass der Text aber auch mit einem negativen Urteil, nämlich gegenüber den Hartherzigen, rechnet, wird auf das Konto des Evangelisten verbucht und als unzulässige Interpretation abgewiesen (Abschiede, 203f). Gegen das paulinische Konzept einer »Erlösungsreligion«, die Jörns an zahlreichen Stellen immer wieder kritisiert, findet er bei Jesus »Vorstellungen von einem therapeutischen Gott, wie sie im Mittelmeerraum der griechische Heilgott Asklepios vorgelebt hatte« (Leben, 132).

Ähnlich pauschalisierend sind seine religionswissenschaftlichen Argumente. Jörns geht zwar relativ ausführlich auf den Dreischritt des Opferrituals unter Hinweis auf W. Burkert ein und kann dann im ntl. Verständnis der Hinrichtung Jesu »gar nichts spezifisch Christliches … finden, … keinerlei christliche Theologie« (Abschiede, 293). Aber Analogien zwischen christlichen und vorchristlichen Sprachmustern, Denkfiguren und Ritualen bezeugen nur die längst bekannte Tatsache, dass auch religiöse Phänomene nur mit nichtreligiösen Formeln und Abläufen zu charakterisieren sind. Dass er sogar Jesu persönliches Leiden am Kreuz gegen die »Opfertheologie« anführt, muss man eindeutig als Kurzschluss charakterisieren (Leben, 128), als ob es für Jesus ein schmerzhaftes Sterben ohne Verzweiflung geben müsste.


Die Macht der Sünde

Das Sühnopfergeschehen verliert seine Stringenz, wenn man es isoliert betrachtet, ohne jeden Bezug auf die gesellschaftlichen Probleme, die dort bearbeitet werden. Warum muss Jesus am Kreuz, dem uralten Lebenssymbol, zum Gekreuzigten werden? Geht es dabei nur um die Interessen der damaligen religiösen Führer und politischen Herrscher? Beruht das Ganze letztlich nur auf einem Justizirrtum? Und heute: Welche Macht steht hinter Massenvernichtung und Naturzerstörung, wie wir sie weltweit erleben? Wirken dort nur unsere »zerstörerischen Möglichkeiten«, »unsere menschliche Unzulänglichkeit«, wie Pfarrer/innen das Problem gern umschreiben (Umfrage, 248f)? Oder muss man hier nicht, um den Sachverhalt realitätsgerecht zu erfassen, wie die biblische und die kirchliche Tradition es versuchen, von einer Gegenmacht gegenüber dem Göttlichen, von der Sünde sprechen, die mehr umfasst und bewirkt als individuelles und kollektives Fehlverhalten?

In den Veröffentlichungen von Jörns spielen die Stichworte Gesetz, Schuld, Gericht und Strafe eine höchst nebensächliche Rolle. Aber nur in diesem unter Menschen überall anzutreffenden Handlungszusammenhang lässt sich das Kreuzesgeschehen in seiner Logik verstehen. Das Gesetz ist gut und für den Frieden unter den Menschen und zwischen Gott und der Menschheit fundamental. Deshalb ist seine Übertretung für die Gemeinschaft wie für den Einzelnen so gefährlich. Im Gericht zwischen Menschen und vor der Gottheit muss darüber geurteilt werden. Und nur eine angemessene Strafe, die auf einem Urteil beruht, das gerecht und billig ist, kann den Frieden unter Menschen und den Frieden mit Gott restituieren. Wer als Beschuldigter das Urteil annimmt, die Strafe erträgt und ein neues Leben beginnt, wird wieder gemeinschaftsfähig. Manchmal ist sogar das Opfer des eigenen Lebens gefordert.

In unserer säkularisierten Kultur kann man kaum noch nachvollziehen, dass auch und gerade in den vom Christentum geprägten Ländern ein Todesurteil verhängt worden ist. Das führte unter der religiösen Voraussetzung nicht zur Todesstrafe, sondern zur Hin-Richtung, zur Überweisung an die letzte Instanz. Deshalb wurde der Delinquent noch in der Nazizeit, aber auch heute noch in den USA, auf seinem letzten Weg von einem Geistlichen begleitet. Und viele, vor allem Schwarze, finden dabei die Kraft für den Satz: »I’ll go to the Lord«. Wir dürfen ein Todesurteil in unserer säkularisierten Gesellschaft nicht mehr verhängen, weil darauf aus der Sicht der meisten die Todesstrafe folgt. Aber wir können den letzten Satz in der amerikanischen Todeszelle für unsere eigene Sterbesituation übernehmen: Wir können zu Ihm gehen, weil Er für uns ge­storben ist.


Selbstverständliche Opferpraxis

Konsequenterweise sind die Aussagen zum Opfer bei Jörns einseitig auf das Geschehen am Kreuz fixiert. Opferhandlungen werden aber nicht nur in der Religion vollzogen. Sie gehören zur selbstverständlichen, teilweise sogar unvermeidbaren Kommunikation unter Menschen. Dass wir in und mit unserem Leben auch Gott unseren Leib als »lebendiges, heiliges … wohlgefälliges Opfer« darbringen können, ist ein »vernünftiger Gottesdienst« (Röm. 12,1). Vernünftig auch deswegen, weil er das gefährliche Opfergesetz3, das das Verhalten in der Gesellschaft generell, in der Familie, auf dem Markt, im Beruf, in der Justiz und auch sonst bestimmt, evangelisch fundiert. Jede engere Beziehung zwischen zwei Menschen ist ohne wechselseitige Opfer nicht lebbar. Eltern, vor allem die Mutter, opfern sich für ihre Kinder. In einer Gesellschaft, in der wir die Alten aus den verschiedensten Gründen ins Heim abschieben (müssen), wird allenfalls durch Geldüberweisungen fassbar, dass auch die Kinder sich später für ihre Eltern zu opfern haben. Dass Opfer unberechtigt und übertrieben eingefordert werden, zeigt sich auf vielen Berufsfeldern und führt zunehmend mehr zu Krankheiten und Zusammenbrüchen bis ins Sterben hinein. Auch und gerade für die Pfarrer/innen, die nicht nur berufen, sondern auch beruflich tätige Zeugen von Tod und Auferstehung sind, wird noch zu klären sein, was solche Zeugenschaft von ihnen und teilweise auch von ihrer Familie verlangt. Dass das stellvertretende Opfer Jesu unter den Theologen so heftig umstritten ist, könnte durchaus auch mit den beruflichen Schwierigkeiten und Interessen der Pfarrerschaft zusammenhängen.



II. Unsicherheit im Umgang mit den Grunddimensionen christlichen Glaubens

Natürlich ist der »liebe Gott« auch wieder in den Gottesdienst eingezogen. Dass wir, wie Luther im Kleinen Katechismus formuliert, »Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen« sollen, wird in der Praxis nur in einer bestimmten Auswahl berücksichtigt. Die Angst vor Gott ist so groß, dass von Gottesfurcht nur selten die Rede ist. Die Liebe kommt einseitig zur Sprache, weil uns zwar immer wieder die Liebe Gottes zugesagt wird, aber kaum Impulse zur Liebe Gott gegenüber vermittelt werden. Der deutliche Schwerpunkt liegt auf dem Stichwort Vertrauen, das die pastorale Lebensbegleitung von der Taufe bis zur Beerdigung prägt. Die verbreitete Unsicherheit im Umgang mit den Grunddimensionen christlichen Glaubens und die darin enthaltenen Opferprobleme soll an ausgewählten Beispielen aus dem Bereich von Gottesdienst und Predigt konkretisiert werden.


Verschiebung vom Karfreitag zum Osterfest

Wie sehr Jörns mit seiner Liebestheologie dem Zeitgeist folgt, zeigt sich nicht zuletzt am Gottesdienstbesuch. Der Karfreitag, früher der zentrale Feiertag des Protestantismus, hat seine Anziehungskraft auf die Gemeinde längst eingebüßt. Offensichtlich spielen die Fragen von Schuld und Sühne im Leben der Menschen an der Oberfläche keine zentrale Rolle mehr. In der Seelsorge hat man schon seit langem erkannt, dass nicht länger ein mehr oder weniger ausgeprägtes Sündenbewusstsein, sondern die Angst vor der Isolierung im Vordergrund steht.

Dabei kommt es auf den ersten Blick zu einer merkwürdigen, ja widersprüchlichen Konstellation. Der Einzelne will seine Identität dadurch finden, dass er sich einer Gruppe anschließt und sich den dort geltenden Kleidungsnormen, Sprachstilen und Wertvorstellungen unterwirft. Und aus der Gruppe heraus erfolgen dann Beschuldigungen der verschiedensten Art, deren bevorzugte Objekte meistens die Fremden, oft genug aber auch ganz nahe Verantwortungsträger wie etwa die Eltern (vorübergehend in fast jeder Therapie) oder die Politiker (andauernd in der Presse) sind. Diese Verschiebung vom Karfreitag zum Osterfest in Gesellschaft und Gemeinde ist freilich nicht das Ergebnis einer Liebestheologie, sondern Bestandteil einer sozialpsychologischen Regression. An die Stelle des schuldgeladenen ödipalen Konflikts ist der Narzissmus getreten, der die im Mutterleib erlebte Einheit im zwischenmenschlichen Kontakt möglichst lange zu konservieren versucht. In dieser Perspektive benötigt man in der Tat nur einen lieben Gott, der mit der Botschaft der Auferstehung das Leben in einem konfliktfreien Jenseits verheißt. Dass dieser Gott der Liebe auch den Gehorsam gegenüber seinem Gesetz verlangt und die Strafe für die Verletzung dieses Gesetzes seinen Sohn tragen lässt, ist aus der narzisstischen Perspektive schlicht unbegreiflich. Erst wenn die erwachsenen Kinder selbst Kinder zur Wahrung von Freiheit und Verbindlichkeit erzogen haben, können sie zu den eigenen Eltern sagen: Jetzt verstehe ich, wie viel Liebes- und Lebenskraft meine Erziehung euch gekostet hat.


Schwierigkeiten der heutigen Bußpredigt

Im Blick auf die Predigt ist der Buß- und Bettag zur Ermittlung der aktuellen homiletischen Situation deswegen besonders geeignet, weil dabei die Umkehr die Voraussetzung für das Leben im Glauben bildet (Mk. 1,15) und weil in diesem Geschehen Gottesfurcht, Gottesliebe und Gottvertrauen unauflöslich verknüpft sind. Da eine breitere Untersuchung an dieser Stelle nicht möglich ist, begnügen wir uns mit einem Blick auf die letzten Jahrgänge der Göttinger Predigtmeditationen. Die Mitarbeiter/innen sind nicht einem bestimmten theologischen Lager verbunden und üben mit ihren Anregungen Einfluss auf einen weiten Leserkreis aus. In den acht untersuchten Beiträgen4 sind folgende Aspekte für uns interessant: die Beschreibung der aktuellen Situation, die Aussagen über Gott sowie die angesprochenen Phänomene von Sünde und Schuld.

Um die Schwierigkeiten der heutigen Bußpredigt zu verstehen, ist der Vergleich mit der kirchlichen Tradition unumgänglich, weil darin entscheidende Verschiebungen stecken. Früher war der Anlass für einen Bußgottesdienst die aktuelle Situation, heute gibt es dafür ein feststehendes Datum im Kirchenjahr. Anlass zur Buße waren damals konkrete Erfahrungen wie die Pest, ein Krieg, Naturkatastrophen, Missernten, die die gesamte Gesellschaft betrafen, aber auch soziale Missstände, die sich in unerträglicher Armut niedergeschlagen hatten. Heute muss man bei der Vorbereitung auf die Predigt nach verbreiteten Verfehlungen suchen, die in den meisten Fällen individuell zu verorten sind. Früher war für die Gemeinde die Strafe Gottes schon fassbar und musste nicht erst als Drohung in den aktuellen Lebensvollzug eingebracht werden. Der Gottesdienst war kein arbeitsfreier Feiertag, sondern eine methodische Arbeit Gott gegenüber durch den Vollzug einer ritualisierten Aktion. Seine Strafe wird akzeptiert, die Schuld daran übernommen, und dann kann unter Hinweis auf Jesu Opfer am Kreuz um Gnade und Vergebung gebetet werden.

Dass in den untersuchten Beiträgen zunächst mehr oder weniger heftig die Abschaffung des arbeitsfreien Feiertags kritisiert wird (2005/513), übersieht die Weisheit von Politik und Wirtschaft, die darin steckt. Gewiss ging es damals auch um die Steigerung des Bruttosozialprodukts. Aber darin waltete auch die Erkenntnis, dass Christen noch nie zum Vollzug von Buße staatliche Unterstützung benötigt haben. Zur Gestaltung der neuen Situation hat Chr. Möller dann alsbald auch praktische Beispiele gesammelt (2007/466). Und als Reaktion auf die Abschaffung soll in der Predigt zu Jes. 1,10-17 »gerade der sozialen Verantwortung innerhalb des Gottesdienstes nachgegangen werden« (2008/473). Den Grund für den innerkirchlichen Bedeutungsverlust des Tages sieht M. Heymel darin, »dass wir die Lehre vom letzten Gericht und vom Zorn Gottes und ihre Anwendung in einer die Gewissen schärfenden (heilsam erschreckenden!) Predigt verloren haben« (2010/449). Th. Klie weist mit Recht darauf hin: »Der heilsame Ritus aus confessio und absolutio ist protestantisch ortlos geworden«, aber warnt auch vor dem Entwurf eines homiletischen Dramas, »das sein Sujet der schwarzen Pädagogik Gottes entlehnt« (2009/488f). Diese Abwehrhaltung artikuliert sich am deutlichsten in der rhetorischen Frage: »sollte man die heutigen Predigthörer wirklich als Otterngezücht ansprechen?« (2005/515). Sehr deutlich zeigt sich die aktuelle Tendenz dann in der Auslegung von Offb. 3,14-22. Zunächst offenbart sich »Gott als verletzter Liebhaber, aus dem seine ganze Enttäuschung herausbricht«, und im zweiten Teil erfolgt dann der »Umschwung von der Schelte zum erneuten Umwerben der Gescholtenen« (2012/488). Das Fazit, das N. Schwarz daraus zieht, kann aber durchaus auch für die traditionellen Predigten gelten: »Der Bußruf zielt auf Lebenssteigerung und nicht auf Lebensminderung« (489).

Die Verfehlungen, die eine Umkehr notwendig machen, bleiben durchweg generell in der Sache und individuell bei den Tätern. Ganz drastisch wird in einem Beitrag die Rezeption heidnischer Bräuche wie Walpurgisnacht und Halloween als Abfall vom christlichen Glauben kritisiert (2006/467). Aber meistens werden allgemeine Einstellungen und Verhaltensformen angesprochen. Ziel ist »Enttarnung, Demaskierung und Aufdeckung jeder Art von zerquältem Egoismus und Moralismus« (2007/472). Mit Paulus in Röm. 2,1-11 soll die Predigt aufdecken, »wie Menschen sich selbst zu rechtfertigen versuchen« und »jeden Einzelnen zur Selbstprüfung« herausfordern (2010/450). »Nichts schönreden, nichts abschwächen, böse Taten böse nennen«, auch wenn es »um das Schlagen und den Missbrauch von Kindern in kirchlichen Heimen während der Nachkriegszeit« (2011/463) geht. Ob und wie es den Prediger/innen gelingt, die allgemeinen Hinweise im Blick auf ihre Gemeindesituation zu konkretisieren, muss naturgemäß offen bleiben.

Der Bußtag wird in jeder Hinsicht kleinformatig begangen. Das ist im NT anders. Dort geht es in der Buße nicht um individuelle Moral, sondern um einen weltumspannenden Herrschaftswechsel. Sie vollzieht sich auf einem Feld, das von konkurrierenden Machtsphären5 bestimmt ist. Und gerade in unserer Gegenwart hat sich in vielen Dimensionen der zerstörerische Impuls von Habsucht und Herrschsucht aufgetan. Sie zeigt sich sicher auch im sexuellen Begehren. Aber die Sexualität ist eingebettet in eine Gier, die das Leben generell beherrscht. Im »Zeitalter der Lebensgefahr« vollzieht sie sich auf drei Ebenen, politisch, wirtschaftlich, ökologisch.


Im »Zeitalter der Lebensgefahr«

Der Kampf gegen Feinde hat immer Menschenopfer gekostet. Im vorigen Jahrhundert ist jedoch mehr geschehen, eine ganze Rasse sollte ausgerottet werden. Und die deutsche Schuld daran ist nicht einfach mit Geldüberweisungen und Waffenlieferungen abgetragen. Sie ist weitergewandert und hat als neue Opfer die Palästinenser erreicht. Nun müssen sie auf ihre Weise den Verlust von Heimat, Rechtssicherheit und Autonomie ertragen. Kritische Israelis haben selbst die inhumanen Aspekte der neuen Landnahme aufgedeckt6. Aber die bedrohliche Situation im nahöstlichen Machtkampf muss man letzten Endes auf eine Ausrottungspolitik verbuchen, die die Deutschen zu verantworten haben. Die Macht des Bösen ist mit Geld nicht einfach zu stoppen.

Dass der »allergemeinest Abgott … auf Erden« Mammon heißt, wie es Luther im Großen Katechismus präzise formuliert hat, zeigt eine Flut von Veröffentlichungen, die im Zusammenhang von Bankenzusammenbrüchen und Staatsschulden erschienen sind. Dabei wird die international wie national zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich auch von Politikern und Wissenschaftlern beklagt, die sich vor kurzem noch für die »Freiheit« des Marktes stark gemacht haben. Die Reaktionen in der Ökonomie waren wahrscheinlich deswegen so entschlossen, weil die Folgen für das Wirtschaftssystem relativ eindeutig zu bestimmen sind7.

Ungleich unbeweglicher geht man mit der drohenden Katastrophe im Weltklima um. Ob dessen Begrenzung auf zwei oder vier Grad noch zu erreichen ist, ist inzwischen umstritten. Aber das Eigeninteresse von Staaten, Wirtschaftsverbänden und sonstigen Entscheidungsträgern ist so groß, dass einschneidende Maßnahmen nicht verabredet, sondern allenfalls als Absichtserklärungen protokolliert werden.


Zwischen Lebensangst und Lebenskampf

Was wird heutzutage gespielt? Das Zeitalter der Lebensgefahr wird von zwei Kräften bestimmt, die sich scheinbar widersprechen, aber in Wirklichkeit gegenseitig steigern: von der Lebensangst, die das Sterben um jeden Preis vermeiden will, und vom Lebenskampf, der durch die rücksichtslose Durchsetzung von Selbsterhaltung die Lebensgefährdung ins Unvorstellbare treibt8. Der neue Egoismus kennt kein Mitleid und keine Rücksicht mit anderen, aber auch keine Schonung der eigenen Person, sondern benutzt Menschen allenfalls als Spielmarken, um mit ihrer Hilfe und auf ihre Kosten das eigene Kapital zu erhöhen.

In all den hier nur angedeuteten Tendenzen geht es um Bewegungen mit Machtcharakter. Sie faszinieren den Einzelnen so, dass er gar nicht mehr merkt, wie sehr er darin verstrickt und gefangen ist. Wer leben will, muss mitmachen können. Die anderen gehören dann unvermeidlich zum Abfall des Lebens. Individuen können sich einer solchen Entwicklung nur entziehen, wenn sie unter den Einfluss eines alternativen Machtpotentials geraten. Das mag für viele ein Humanismus sein oder eine andere Religion. In den Kirchen jedoch ist gerade am Bußtag beides zu predigen, das Gesetz Gottes, das schonungslos das Verderben aufdeckt, das als Wahnsinn über die Menschheit herrscht, aber auch und gerade das Evangelium, das dem verlorenen und sich selbst belügenden Menschen das Leben verspricht. So verliert man die Angst vor dem Ende, so kann man auf die militante Selbstdurchsetzung verzichten. So kann man sogar aus einem Täter zum Opfer werden.


III. Die Opferbereitschaft der Zeugen

Die Freunde des »lieben Gottes« müssen leider mit der Tatsache leben, dass das Thema »Opfer« nach der Hinrichtung Jesu auch für das Leben seiner Gefolgschaft eine zentrale Rolle gespielt hat. Jesus ist ihrer Meinung nach nicht nur für sie gestorben, vielmehr gehört zum Glauben an ihn und seine Auferstehung auch die Bereitschaft, mit dem eigenen Leben für ihn zu sterben. Was »Zeuge« sein heißt, verrät das griechische Wort μαρτύς, und das heißt umgekehrt, ins Deutsche zurückübersetzt, »Märtyrer«. In der theologischen Ausbildung und der pastoralen Verkündigung der evangelischen Kirchen spielt diese Dimension christlicher Existenz heutzutage eine erstaunlich geringe Rolle. Und alle wundern sich darüber, dass gerade junge Männer zu militanten Islamisten werden. Als ob es ein Gottesverhältnis geben könnte ohne die Bereitschaft, für den Glauben das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, auch wenn das nicht unbedingt aggressiv geschehen muss. Einzelne Beispiele aus der kirchlichen Tradition sollen daran erinnern, dass unsere moderne, aufgeklärte Christlichkeit auf der Opferbereitschaft vieler Zeugen beruht.


Das eigene Leben aufs Spiel gesetzt

Gerade im lk. Doppelwerk wird deutlich: »als Zeuge des erhöhten, des siegreichen Jesus verdient sich Stephanus sein Leiden. Jetzt darf und muss der Sturm losbrechen, den Lukas bisher zurückgehalten hat; denn nun ist das für Lukas Entscheidende und darum den Juden Anstößige und Unerträgliche gesagt«9. Und Paulus weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt, den eigenen Leib als »lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer« darzubringen. Warum das ein »vernünftiger Gottesdienst« ist, kann gerade er beurteilen, weil er aus einem Verfolger des neuen Weges zum Verfolgten geworden ist. Was man gemeinhin als Leidenskataloge des Apostels bezeichnet, als theologia crucis, ist für ihn selbst weder Eigenlob noch Klagegesang oder gar Masochismus, denn in diesen Widerfahrnissen erlebt er, »dass die Kraft Christi in mir wohnt« (vgl. 2. Kor. 12,9f). Paradoxerweise hat gerade die Verfolgung der Christen dazu geführt, dass sie nicht eine unbeachtete jüdische Sekte geblieben sind, sondern zu einer eigenständigen religiösen Gemeinschaft wurden, mit weltweitem Missionsauftrag, erfolgreich auch und gerade, weil man dabei immer wieder das eigene Leben aufs Spiel setzen musste.

Am Reformationstag wird in evangelischen Gottesdiensten lautstark geschmettert: »Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib«, aber was das konkret für das eigene Leben heißen könnte, kann ehrlicherweise niemand angeben. Dass vor langer Zeit Christen in der Arena gegen Löwen zu kämpfen hatten, erfährt man allenfalls aus Hollywood-Filmen. Und Luthers Versteckspiel auf der Wartburg mit Tintenwurf und Bibelübersetzung erscheint in der gängigen Präsentation durchweg als Heldengeschichte, die ohne Hinweis auf seine lebenslangen Anfechtungen auskommt.10


Ungesicherte Pfarrexistenzen

Wie ungesichert der Lebenslauf der Pfarrerschaft war, zeigen die Wanderbewegungen, die wegen theologischer Streitigkeiten mit Landesherren, Stadtrepräsentanten und Gemeindepatronen notwendig wurden. Gut waren jene Landpfarrer dran, denen das Schicksal des Hungerpastors dadurch erspart blieb, dass sie den gemeindeeigenen Landbesitz bewirtschaften durften.11 Als 1896 in Preußen die allgemeine Pfarrerbesoldung, die die Pfarrervereine schon lange gefordert hatten, eingeführt wurde, standen eindeutig politische Interessen dahinter. Die Pfarrerschaft sollte mit ihrem beamtenähnlichen Status dem Proletariat entfremdet werden. Jahrhunderte lang war dies ein Beruf, wie heute noch in der Ökumene, in dem man die Brotbitte des Herrngebets aus tiefstem Herzen artikulieren konnte. Und die Entscheidung für ihn war für manche ein Aufstieg, für einige Fortsetzung der Familientradition, für die meisten aber ein Weg, der mit dem Opfer aller Lebenssicherheiten verbunden war. Dass man »Gott über alle Dingen fürchten, lieben und vertrauen« soll und darf, durfte und musste man jeden Tag er­leben12.

Wie opferbereit man in der Nachfolge des Gekreuzigten sein muss, haben die Märtyrer des vorigen Jahrhunderts gezeigt, und die Deutsche Bischofskonferenz hat für ihr Martyrologium zwei Bände mit insgesamt 1308 Seiten benötigt13. Evangelischerseits ist man nicht so amtlich und eher zurückhaltend vorgegangen. Bekannt geworden sind Biographien über einzelne Theologen und Pfarrer, Berichte von Gefängnisgeistlichen über die Begleitung von Widerstandskämpfern, auch Nachrichten über die Schwierigkeiten entschiedener Christ/innen in der DDR. Was beim heutigen Lesen solcher Texte durchklingt, lässt sich vielleicht so formulieren: Diese Männer und Frauen sind mit ihrem Lebensopfer bewundernswerte Ausnahmen gewesen, Vorbilder sicher auch, aber nicht unbedingt Gestalten für eine Lebenshaltung, die auch heute noch zum christlichen Glauben gehört.

Der glaubensfundierte Widerspruch gegen Machthaber muss aber nicht immer gegen staatliche Instanzen gerichtet sein und auch nicht immer im Blutopfer enden. Man kann auch die kirchliche Obrigkeit so herausfordern, dass man die eigene Existenz und damit auch die Lebensgrundlagen seiner Familie aufs Spiel setzt. Zwei Pfarrer aus dem Kirchenkampf, denen ich mich besonders verbunden fühle, sollen diese Konstellation ­illustrieren.

Als Nachfolger von H. Gollwitzer hat der württ. Pfarrer P. Schempp an der Bonner Fakultät ein halbes Semester lang gewirkt, bevor er von einem Krebsleiden heimgesucht wurde. Aus der Biographie seines Freundes E. Bizer habe ich erst später erfahren, welchen »Kampf um die Kirche«14 dieser schmächtige Mann geführt hat. Er selbst hat seine Gravamina in 20 Punkten so zusammengefasst, dass deren Radikalität auch Mitstreiter auf Distanz zu ihm gehen ließ. Für Bizer stellte er darin grundsätzliche Fragen an das System der Landes- und Volkskirche, die nicht mit dem Kirchenkampf vergangen sein dürften, sondern in der Zukunft erst recht auf uns warten.

F. Langensiepen ist seit 1926 Pfarrer in Gödenroth gewesen. Ab 1944 kam es zu Auseinandersetzungen, die dazu führten, dass in dem kleinen Dorf am Sonntag zwei Gottesdienste gefeiert wurden. Viele der bisherigen Kirchgänger wechselten zu einem auswärtigen DC-Pfarrer in die Schule. Der Gottesdienstbesuch in der Kirche ging aber nicht zurück, weil jetzt andere Gemeindemitglieder die verlassenen Plätze besetzten. Als die Pfarrerbesoldungszuschüsse seitens des Konsistoriums gesperrt wurden, hat die eigentlich arme Gemeinde die Pfarrfamilie nach Kräften mit wenig Geld und reichlich Gaben unterstützt. Als die Sperrung der Gehaltszuschüsse dann aufgehoben wurde, war Langensiepen der einzige, der die Annahme verweigerte: »Die Leitung der BK scheute die finanziellen Konsequenzen, die eine Verweigerung der Geldzuwendungen mit sich gebracht hätte.«15 Nach Kriegsende war er über die sich abzeichnende kirchliche Entwicklung so enttäuscht, dass er Strafanstaltspfarrer wurde, um die »Gemeinde der Heiligen im Zuchthaus« wachsen zu lassen.

Was diese Pfarrer und manche andere verbindet, ist zweierlei: einmal die uneingeschränkte Achtung gegenüber der biblischen Tradition, ohne das Bedürfnis, darin zwischen wohltuenden und anspruchsvollen Aussagen zu unterscheiden, und eine kaum eingeschränkte, ja manchmal fast übersteigerte Bereitschaft, Gott »über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen« zu wollen. Eine theologische Operation an den biblischen Gottesaussagen haben sie nicht benötigt.


Opferbereitschaft im Verhältnis zur Kirchenleitung

Als Außenstehender hört man immer wieder heftige Kritik an »denen da oben« und ist angesichts der rechtlichen Verankerung der pastoralen Position immer wieder irritiert, wie wenig diese manchmal durchaus berechtigten Einwendungen und Vorwürfe öffentlich artikuliert werden. Pfarrer/innen, die nur die Liebe Gottes vertreten, geraten in die Gefahr, nach allen Seiten hin selbst beliebt sein zu wollen. Dass sie mit der Ordination den Auftrag erhalten, gegebenenfalls auch Vertreter der Kirchenleitung zur Umkehr zu rufen, kommt den Beteiligten auf beiden Seiten nicht in den Sinn. Dieser blinde Fleck hängt damit zusammen, dass die Beziehung zwischen den Trägern des kirchlichen Verkündigungsamtes und den Vertretern des Landeskirchenamtes in der Grundstruktur zwiespältig ist. Als Gehaltsempfänger haben die Pfarrer/innen den Anweisungen des LKA in Organisations- und Verwaltungsfragen zu folgen. Den berufenen und verordneten Diener/innen des Wortes Gottes aber hat das LKA seinerseits selbst zu dienen.

Deutlich geworden ist mir die nahe liegende Übertretung der Aufsichtspflicht, als einigen Pfarrern in der hann. Landeskirche das Tragen des Talars bei einer politischen Demonstration dienstlich verboten wurde. Erst der Hinweis auf das Bekenntnis, auf das sich die Betroffenen in der Ordination verpflichtet hatten (CA 28), hat für eine Korrektur gesorgt. Die Feststellung, dass auch das kirchliche Regiment die Unterscheidung zwischen göttlichen und menschlichen Rechten zu respektieren habe, schließt aus, dass man in Verwaltungsinstanzen theologisch begründete Meinungen und Aktionen einfach verbietet. Freilich ist die Unterscheidung zwischen theologischer Einsicht und psychischer Störung, zwischen Gottesgehorsam und Geltungsbedürfnis für die Beteiligten, insbesondere für die Aufbegehrenden schwer zu treffen. Wer um seiner Berufung willen seinen guten Ruf aufs Spiel setzen muss, sollte auf jeden Fall die Beratung und Begleitung durch andere suchen.


Den Zusammenhang zwischen Nachfolge und Mitleiden vergessen?

Im Blick auf die gegenwärtig wachsenden pastoralen Belastungen muss man nüchtern darauf hinweisen, dass jede Rückkehr zu den alten Verhältnissen Geld kosten wird, und zwar beim Pfarrergehalt, weil die allgemeine, dem Beamtentum noch immer weitgehend angepasste Besoldung angesichts der Austrittswellen und der Konkurrenz auf dem religiösen Markt nicht mehr finanzierbar sein wird.

Mit der Entdeckung eines modernen, harmlos klingenden Stichworts hat das Verständnis des Pfarramtes eine neue Dimension gewonnen. Es ist nicht mehr nur ein Beruf, zu dem eine religiöse Berufung gehört. Sondern ist auch und vor allem eine »Profession«, die unter den allgemeinen gesellschaftlichen Arbeitsbedingungen praktiziert wird. Natürlich kann und darf man nicht bestreiten, dass dieser Beruf immer auch seine »weltlichen« Aspekte gehabt hat. Problematisch wird diese Perspektive aber dann, wenn sie dominant wird und den selbstverständlichen Zusammenhang zwischen Nachfolge und Mitleiden vergessen macht.

Ein deutlicher Beleg sind die sozialwissenschaftlich orientierten Untersuchungen zur Berufszufriedenheit, die zunächst von den Pfarrvereinen und dann auch von den Landeskirchen selbst durchgeführt wurden. Inhaltlich am breitesten und sozialwissenschaftlich am fundiertesten ist das gemeinsame Projekt »Pastorin und Pastor im Norden«16 der inzwischen vereinigten Landeskirchen angelegt. Die Zielfrage ist: »Wie kann die Berufszufriedenheit im Pfarramt bei gesteigerten Belastungsfaktoren gesichert werden?« Das Ergebnis klingt auf den ersten Satz zufriedenstellend. Die Arbeitsbelastung ist zwar für 66% der Befragten in den letzten Jahren gestiegen. Aber gleichzeitig »zeigt die Befragung eine hohe Arbeitszufriedenheit« (V). Als besondere Stressfaktoren werden die zunehmende »Arbeitsverdichtung« und »der ständige Zeitdruck« (53) benannt. Auch die Verteilung der Arbeitszeit gilt als problematisch, wenn 54% »Leitungstätigkeiten«, aber nur 43% Amtshandlungen, Konfirmationsunterricht 35%, 30% Seelsorge und 39% Gottesdienst als Arbeitsfeld mit dem höchsten Zeitanspruch angeben. Auch Verwaltungstätigkeit und Strukturveränderungen werden als Stressfaktoren erlebt. Ein ganz wichtiges Element spielt in diesem Zusammenhang die »Work-Life-Balance«, also die »Abgrenzung oder Durchmischung von Leben und Arbeit« (74ff). Die persönliche Orientierung durch theologische Reflexion und vor allem durch spirituelle Praxis kommt dabei für die meisten zu kurz.

Ob und wie sich diese Entwicklungen fortsetzen oder korrigieren lassen, bleibt im Ergebnis je nach Bundesland, also zwischen Osten und Westen, weitgehend offen. Die Zukunftsfähigkeit der Institution wird zur Hälfte als positiv oder negativ eingeschätzt (96ff). Als Grundlage für eine positive Zukunftsperspektive gilt der Status quo, also nicht ein Bevölkerungszuwachs. »Fehlender Theologennachwuchs, Kompetenzverschiebungen von der Gemeinde zum übergeordneten Kirchenkreis, Rückgang des Finanzaufkommens und Mitgliederschwund der Kirche nennen ca. 66% bis 75% als besonders kritische Zukunftsfaktoren« (VI).

Damit sind, wenn auch nur im Vorübergehen, die Faktoren benannt, die in absehbarer Zeit immer mehr Opfer von der Pfarrerschaft verlangen werden. Die Landeskirchen werden das schon heute in mancher Hinsicht gekürzte Beamtengehalt nicht mehr in diesem Umfang bezahlen können. Vor allem Dörfer werden dann zu einem Gemeindeverband zusammengeführt, in dem nur noch ein oder zwei Theologen tätig sind. Der Vorteil ist, dass nun auch Prädikanten, Lektoren und andere Gemeindeglieder verstärkt für die Arbeit in der Parochie hinzugezogen werden. Die Pfarrer/innen geraten dabei aber ungewollt in die Situation des katholischen Priesters. Sie sind für Verwaltung, sakramentale Handlungen und sonstige rituelle Gelegenheiten zuständig, verlieren gleichzeitig jedoch den persönlichen Kontakt zu den Mitgliedern im weit gestreuten Gemeindebereich.

Wenn die Zahl der Theologiestudierenden abnimmt, obwohl die Berufsaussichten gegenwärtig nicht schlecht sind, dann steht dahinter wohl auch die nüchterne, im landeskirchlichen Milieu wohl erst ansatzweise wachsende Skepsis im Blick auf die in Zukunft mögliche Pfarrerbesoldung17. Schon heute werden ja durch Stellenstreichungen von einzelnen erhebliche Opfer verlangt. Das ist höchst schmerzlich und bedauerlich. Wenn jedoch der Beamtenstatus generell nicht mehr zu halten sein wird, wird der Pastorenberuf, bei aller dann noch immer verlangten Professionalität, eine Berufung benötigen, in der die Wahl zwischen Gott und dem Mammon nicht nur im Geist zu treffen ist. Wenn sie sich davon nicht abschrecken lassen, werden Geistliche und Gemeinde wahrscheinlich wieder zusammenrücken. Auf jeden Fall sollte man sich von den Kolleg/innen aus der früheren DDR noch einmal erzählen lassen, wie bedrückend, aber wie auch manchmal befriedigend die Arbeit in einer offiziell jedenfalls radikal antireligiösen Diaspora gewesen ist. Erstaunlicherweise gab es auch damals immer junge Menschen, die der Berufung in diesem Beruf gefolgt sind, ohne sich durch eine in jeder Hinsicht ungesicherte Zukunft einschüchtern zu lassen.


Anmerkungen:

1 Folgende Bücher von K.-P. Jörns werden im Text mit Seitenangabe zitiert: Die neuen Gesichter Gottes. Was die Menschen heute wirklich glauben, München 1997; K.-P. Jörns/C. Großeholz (Hg.), Was die Menschen wirklich glauben. Die soziale Gestalt des Glaubens – Analysen einer Umfrage, Gütersloh 1998; Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum, Gütersloh 2004; Mehr Leben, bitte! Zwölf Schritte zur Freiheit im Glauben, Gütersloh 2009.

2 Vgl. die Beiträge in: Liturgie und Kultur, Heft 3/2012, »Wir müssen alle offenbar werden«. Heute vom Gericht singen«.

3 Vgl. H.-M. Gutmann, Die tödlichen Spiele der Erwachsenen. Moderne Opfermythen in Religion, Politik und Kultur, Freiburg 1995.

4 Im Text werden folgende Beiträge mit Jahrgang und Seitenangabe zitiert: 2005: K. Biefeld-Jenner, Mt. 12,33-37, 513ff; 2006: L. Faßburg, Offb. 3,14-22, 465ff; 2007: Chr. Möller, Lk. 13,22-30, 466ff; 2008: R. Lange-Sonntag, Jes. 1,10-17, 470ff; 2009: Th. Klie, Lk. 13,(1-5)6-9, 486ff; 2010: M. Heymel, Röm. 2,1-11, 448ff; 2011: D. Kreitzscheck, Mt. 12,33-37, 456ff; 2012: N. Schwarz, Offb. 3,14-22, 487ff.

5 Vgl. Th. Zeilinger, Zwischen-Räume. Theologie der Mächte und Gewalten, Stuttgart 1999, und P. Gosda, »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir«. Gott und die Götzen in den Schriften ­Dietrich Bonhoeffers, Neukirchen-Vluyn 1999.

6 Vgl. I. Pappe, Die ethnische Säuberung Palästinas, Frankfurt 2007; G. Gorenberg, Israel schafft sich ab, Frankfurt 2012; Breaking the Silence (Hg.). Breaking the Silence. Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten, Berlin 2012; vgl. auch den Dokumentarfilm »Töte zuerst!«, in dem führende Mitarbeiter des Inland-Geheimdienstes über ihre Erfahrungen berichten; danach war nur I. Rabin ernsthaft an einer Zwei-Staaten-Lösung interessiert, und er ist deswegen von den eigenen Landsleuten ermordet worden.

7 Die Tendenzen sind schon an den Buchtiteln erkennbar: vgl. M. Sandel, Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes, Berlin 2012; W. Streeck, Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus, Berlin 2013; R. Skidelsky/E. Skidelsky, Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens, München 2013; F. Schirrmacher, Ego. Das Spiel des Lebens, Stuttgart 2013.

8 Vgl. meine Entfaltung dieser These und die Beschreibung der Möglichkeit zur Überwindung der Lebensgefahr im Glauben; in: M. Josuttis, Der Kampf des Glaubens im Zeitalter der Lebensgefahr, München 1987, bes. 41ff und 47ff.

9 E. Haenchen, Die Apostelgeschichte, KKNT 3, 12. Aufl., Göttingen 1959, 246.

10 Von einer Art Galgenhumor gepackt, opfert eine deutsche Landeskirche das zentrale Symbol des christlichen Glaubens für eigene Interessen, um für die Wahl des Kirchenvorstands Reklame zu machen: »Mein Kreuz zählt!« – Toll, frech, witzig! Aber wo ist hier Kirche?

11 In Gödenroth war neben dem Pfarrhaus zu meiner Zeit der alte Brunnen aufgebrochen, in dem sich vor einigen 100 Jahren mein Vorgänger während einer Hungersnot ertränkt haben soll.

12 Geheim mussten evangelische Gemeinden in Österreich/Ungarn bis weit ins 18. Jh. hinein leben, vgl. O. Macek, Geheimprotestanten in Böhmen und Mähren im 17. und 18. Jahrhundert, in: R. Leeb u.a. (Hg.), Geheimprotestantismus und evangelische Kirche in der Habsburger Monarchie und im Erzstift Salzburg (17./18. Jahrhundert), Wien 2009, 237ff.

13 H. Moll, im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, 2 Bde., Paderborn 2000.

14 Vgl. E. Bizer, Ein Kampf um die Kirche. »Der Fall Schempp« nach den Akten erzählt, Tübingen 1965.

15 Vgl. G. van Norden, Friedrich Langensiepen. Ein Leben in Deutschland zwischen Pfarrhaus und Gefängnis, Stuttgart 2006, 140.

16 G. Magaard/W. Nethöfel (Hg.), Pastorin und Pastor im Norden. Antworten – Fragen – Perspektiven, Berlin 2011; dort auch die folgenden Zitate. Sehr viel stärker am Ziel der Erhaltung bzw. Steigerung des bisherigen Wohlstands orientiert ist die Kritik an der Residenzpflicht im Pfarrhaus und der Wunsch nach klarer Abgrenzung des für private Interessen verfügbaren Zeitanteils in: Pfarrerinnen- und Pfarrerwunsch der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Pfarrberuf heute, Kassel 2007.

17 Diese Perspektive bleibt in den bedenkenswerten Überlegungen von A. Dreyer, »…und wir dachten, wir hätten ein Amt errungen…«. Die Nachwuchsfrage im Pfarrberuf aus heutiger Sicht, DPfBl 113, 64ff, außer Betracht.

 

Über den Autor

Prof. em. Dr. Manfred Josuttis, Jahrgang 1936, Studium der Theologie in Wuppertal, Göttingen, Bonn, Assistent bei Rudolf Bohren, ab 1968 Prof. für Prakt. Theologie in Göttingen; neuere Veröffentlichung: Verführung zum Leben. Über die Geheimnisse des christlichen Glaubens, 2006.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2014

1 Kommentar zu diesem Artikel

Ein Kommentar von Karsten Willemer / 02.04.2014
Pastoren als Sündenbock Wieder einmal müssen es die Pastoren ausbaden. Diesen Eindruck gewinnt man bei der Lektüre des Beitrags von Manfred Josuttis im Deutschen Pfarrerblatt (3/2014). Josuttis kritisiert die Ausblendung des Opfergedankens in theologischen Entwürfen der Gegenwart. Das Opfer sei eine „Grunddimension christlichen Glaubens“ und dürfe nicht vernachlässigt werden, so Josuttis. Wer dies tue, verzeichne die biblische Tradition in unzulässiger Weise. Dieser Kritik kann im Grundsatz erst einmal zugestimmt werden. In der Bibel begegnet uns Gottes Zuspruch und Anspruch, und beides will wahrgenommen sein. Problematisch wird es, wenn Josuttis im dritten Teil seines Beitrages unter der Überschrift „Die Opferbereitschaft der Zeugen“ ganz konkret den Beamtenstatus und die Besoldung der deutschen Pfarrerschaft ins Visier nimmt. Die Besoldung der Pfarrerschaft durch ein beamtenähnliches Modell in Preußen sei der Versuch gewesen, die Pfarrerschaft dem Proletariat zu entfremden, kritisiert Josuttis. Und er geht noch weiter: Durch den Beamtenstatus hätten die Pastoren die Ungesichertheit ihrer Existenz verloren, die seit dem Märtyrer Stephanus kennzeichnend für alle Zeugen Jesu gewesen sei. Deshalb sieht Josuttis es als Chance an, wenn der Beamtenstatus für Pastoren langfristig nicht zu halten sei. Denn dann „wird der Pastorenberuf … eine Berufung benötigen, in der die Wahl zwischen Gott und dem Mammon nicht nur im Geist zu treffen ist.“ Diese Aussage ist, mit Verlaub, eine Frechheit. Unterstellt sie doch der gegenwärtigen Pfarrerschaft, den Pastorenberuf nicht aufgrund einer Berufung, sondern aus Bequemlichkeit gewählt zu haben. Offenbar hat der Herr Professor seine eigenen Jahre im Pfarrhaus bereits so verklärt, dass ihm ein klarer Blick auf die Wirklichkeit nicht mehr möglich ist. Als gutsituierter Emeritus lässt sich leicht von anderen Opfer verlangen. Da kann man dann auch entspannt die theologische Existenz im Kirchenkampf oder in der DDR idealisieren und zum Vorbild für die heutige angeblich verweichlichte Pastorengeneration missbrauchen. Die Frage, warum Josuttis Zeugenschaft allein auf die Berufsgruppe der Pastoren begrenzt, beantwortet er nicht. Der Verdacht drängt sich auf, mit dem Beitrag solle die Pfarrerschaft ideologisch sturmreif geschossen werden, um in der Zukunft noch größere Opfer von ihr zu verlangen. Damit hätte sich Josuttis allerdings zum nützlichen Idioten der kirchlichen Obrigkeit gemacht, die er sonst so gerne kritisieren möchte.

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