Fragen und Probleme rund um kirchliche Reformprozesse (XV)
Die EKiR im Umbruch

Von: Hans-Jürgen Volk
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Operationen an einer Landeskirche

Die Evang. Kirche im Rheinland (EKiR) befindet sich erneut in einer Phase des Umbruchs. Der mit einem Führungswechsel Anfang 2013 verbundene Kurswechsel gibt im letzten Beitrag unserer Reihe Anlass zu neuerlicher Reformkritik. Hans-Jürgen Volk über anfängliche Hoffnungen und erste Ernüchterungen.

 

Im Januar 2013 wurde in der EKiR eine neue Kirchenleitung gewählt, mit Manfred Rekowski an der Spitze. Diese tritt seit kurzem für einen verschärften Sparkurs ein. Bis 2018 sollen im Haushalt der Landeskirche 35% der Mittel eingespart werden. Dabei hat die EKiR in den vergangenen Jahren bereits Umbrüche und Abbrüche erfahren müssen. Über die Schönheit und Ausstrahlungskraft der Dame lässt sich streiten. Doch die meisten fühlten sich einst in ihrer Nähe wohl und waren angetan von ihrer Buntheit und Vielfalt. Als »Kirche auf Gemeindebasis« stellte sie sich in einem Faltblatt Ende der 80er Jahre vor. Das Presbyteramt galt als ihr »vornehmstes« kirchliches Amt. Sie war eine »Kirche der Freiheit« mit einer großen Autonomie der Gemeinden und Dienste, die die unterschiedlichsten Konzepte integrieren konnte.


Ein gründlich misslungener »Reform«-Prozess1

Finanzdruck öffnet mitunter neue Wege. Ob dies immer die richtigen sind, ist eine ganz andere Frage. Von 1992 bis 2005 hatten insbesondere strukturschwache Regionen im Rheinland mit zurückgehenden Finanzmitteln zu kämpfen. Die Folge war ein wenig koordinierter Abbau von Stellen, eine Strategie, die besonders in den vom Niedergang der Montanindustrie betroffenen Gebieten der EKiR verfolgt wurde. Bedingt durch eine schwache Konjunktur, eine hohe Arbeitslosigkeit und eine stufenweise umgesetzte Steuerreform waren die Finanzen der EKiR in den Haushaltsjahren 2004 und 2005 auf einem Tiefpunkt angekommen.

Auf diesem Hintergrund installierte die Landessynode 2005 zwei Arbeitsgruppen, eine zu kirchlichen Verfassungsfragen, die andere zum Dienst- und Arbeitsrecht2. Diese verordneten der Dame EKiR eine strenge Diät und mehrere einschneidende Operationen, um ihre zukünftige Attraktivität zu sichern. Außerdem wurden später externe Experten hinzugezogen, die ein umfangreiches Fitness- und Trainingsprogramm entwickelten und die Operationen an der Struktur mit einseitiger Kompetenz begleiteten. Im Kern ging es darum, zentrale Elemente der Steuerung der finanziellen und personellen Ressourcen auf der landeskirchlichen Ebene zu verorten – zu Lasten der Gestaltungskompetenz von Presbyterien und Kreissynoden. Für die rheinische Kirche war dies mehr als ein Kulturschock. Aus der einst bunten, vielfältigen EKiR sollte ein straff organisierter religiöser Dienstleistungskonzern werden.3

Eine Begründung für die Umbauprozesse war die Finanzlage und vor allem die langfristige finanzielle Perspektive. Hier orientierte man sich an EKD-Zahlen, vereinfachte diese wie folgt: »Die evangelische Kirche wird im Jahr 2030 ein Drittel weniger Mitglieder als 2002 haben und nur noch über die Hälfte ihrer Finanzkraft verfügen.«4 Die »einfache Formel« war geboren, die von nun an gebetsmühlenartig von Superintendenten und Kirchenleitungsmitgliedern vorgetragen wurde. Es zeigte sich, dass nicht viel dazu gehört, eine Landeskirche dauerhaft in eine depressive Stimmung zu führen, zumindest was die Finanzentwicklung betrifft. Mit der Realität hatte dies wenig zu tun: 2002 verfügte die EKiR über ein Nettokirchensteueraufkommen von 529 Mio. Euro, 2013 werden es über 600 Mio. Euro sein. Nominal ist dies eine Steigerung von 14,5%. Auch unter Berücksichtigung des Kaufkraftverlusts entspricht die tatsächliche Finanzentwicklung seit über 10 Jahren keineswegs dem mit der »einfachen Formel« dargestellten Negativszenario.

Die zweite Begründung insbesondere für verfassungsrechtliche Veränderungen bestand in der wachsenden Komplexität, die angeblich Presbyterien überfordern würde. Das synodale Element müsse gegenüber dem presbyterialen gestärkt werden. Durch »Reform«-Maßnahmen im Einheitslook wie die Forderung nach einem Personalkonzept der Kirchenkreise, eine halbherzige Reform der vordem dezentralen Rechnungsprüfung, die Umstellung auf NKF (»Neues kirchliches Finanzwesen«) oder eine Verwaltungsstrukturreform vergrößerte man allerdings die Komplexität und unterschätzte das Problem gesteigerter Komplexität von zentral gelenkten Prozessen in einer derart vielgestaltigen Landeskirche. Die Folge dieser Selbstüberschätzung war, dass kaum etwas gelang, vieles aber gründlich daneben ging.


Pleiten, Pech und Pannen – gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht!

Eine Kirche müsste in unserer heutigen Zeit über flexible Strukturen und ausgeprägte Elemente der Selbststeuerung verfügen. Die alte presbyterial-synodale Ordnung der EKiR kam dem relativ nahe. Der »Reform«-Prozess der vergangenen Jahre dagegen hat mehr Unbeweglichkeit, Unübersichtlichkeit und Komplexität hervorgebracht – der Weg führte genau in die falsche Richtung. Hier einige Beispiele des Misslingens:

 

Pfarrdienst – wie man kirchliche Berufe unattraktiv macht

Unter den jetzigen Rahmenbedingungen ist es ein riskantes und anstrengendes Abenteuer, im Rheinland ein Pfarramt anzustreben. Bereits seit Beginn der 90er Jahre wurden in der EKiR in strukturschwachen Regionen mit deutlich sinkenden Gemeindegliederzahlen wie dem nördlichen Ruhrgebiet oder ländlich geprägten südrheinischen Kirchenkreisen verstärkt Pfarrstellen abgebaut. Von 1996-2010 sank die Zahl der nicht-refinanzierten Pfarrstellen von 1787,5 auf 1470,86. Mitte 2013 gab es in der EKiR noch 1269 Gemeindepfarrstellen.5

Die rheinische Besonderheit war zudem der aus Rücklagenmitteln finanzierte »Sonderdienst«. Getragen von dem Gedanken der Solidarität war dieser eingerichtet worden, um jungen Theologinnen und Theologen, die in keine reguläre Pfarrstelle gelangt waren, die Chance auf eine pastorale Tätigkeit zu geben. Im Jahr 2000 gab es ca. 280 Sonderdienststellen, die bis heute nahezu vollständig abgebaut wurden. Seit 2007 wird der Zugang zum Pfarrdienst durch ein zentrales Auswahl- und Bewerbungsverfahren geregelt. Hiervon waren nicht nur der Theologennachwuchs, sondern auch die ehemaligen »Sonderdienstler« betroffen.

Außerdem war es ein Ziel, die Anzahl der Theologinnen und Theologen im Wartestand abzubauen. Diese müssen sich, wenn sie sich um eine Pfarrstelle bewerben, ebenfalls dem Auswahl- und Bewerbungsverfahren unterziehen. Viele ältere Kolleginnen und Kollegen kapitulierten nach mitunter jahrzehntelangem gedeihlichem Dienst für ihre Kirche und ließen sich mit reduzierten Bezügen in den Ruhestand versetzen. Unterm Strich sparte die EKiR auf Kosten von Einzelpersonen.

Die Gemeindepfarrstellen in der EKiR werden nach den Pfarrstellenverteilungsrichtlinien, die im Mai 2008 von der Kirchenleitung beschlossen wurde, vorrangig nach der Entwicklung der Gemeindegliederzahlen verteilt. Gleiches gilt für die Mittel aus dem übersynodalen Finanzausgleich, die die Mehrzahl der Kirchenkreise der rheinischen Kirche erhalten.

Dies führt dazu, dass Kirchenkreise in strukturschwachen Regionen überproportional Finanzmittel einsparen und Stellen zurückfahren müssen. Dort, wo die soziale und strukturelle Not besonders groß ist, zieht man in der rheinischen Kirche Finanzmittel und Personal ab. Außerdem wird die Bemessungsgrundlage für die Pfarrstellenverteilung im 5-Jahres-Rhythmus je nach Finanzlage angepasst. Wer bewirbt sich in Zukunft noch in solchen Regionen auf Pfarrstellen?

Die Anzahl der Vakanzen bei den Pfarrstellen ist seit 2008 sprunghaft gestiegen. Damals gab es in der EKiR 50 unbesetzte Pfarrstellen, was einem Prozentsatz von 3,7% entspricht. Ende 2012 waren es bei einer deutlich reduzierten Zahl an Pfarrstellen 113 (9%). Bei Stellen im eingeschränkten Dienst liegt der Anteil der Vakanzen sogar bei fast 14%.

 

NKF, Verwaltungsstrukturreform und Personalplanung6

Seit 2007 wurde in der EKiR eine Vielzahl von Reformprojekten auf den Weg gebracht, überwiegend unter starker Einflussnahme von EKD-Konzepten. Die Einführung des NKF stand kurz vor dem Scheitern, als in einem zweiten Anlauf die Steria Mummert Consulting AG7 mit ins Boot geholt wurde. Die Umstellung der Finanzverwaltung erwies sich als unerwartet teuer. Außerdem wirkt die Komplexität der rheinischen NKF-Variante abschreckend auf Ehrenamtliche und dürfte mit ein Grund dafür sein, warum bei den Presbyteriumswahlen 2012 in über der Hälfte der Stimmbezirke keine Wahl zustande kam und heute noch in zahlreichen Presbyterien Plätze vakant sind.8

Als Kostentreiber erweist sich ebenfalls die von der Firma Kienbaum begleitete Verwaltungsstrukturreform. Da man hier mit einer Mindestpersonalausstattung arbeitet, entstehen signifikante Spareffekte erst ab einer Kirchenkreisgröße von 80.000-100.000 Gemeindegliedern, was bei den wenigsten Kirchenkreisen der Fall ist.

Umstritten waren die von der Landessynode im Januar 2012 zeitgleich mit der Verwaltungsstrukturreform auf den Weg gebrachten Grundlagen zur Personalplanung. Um eine weitere »Stellenerosion« zu vermeiden, sollen die Kirchenkreise ein Rahmenkonzept erstellen. Wenn kirchliches Leitungshandeln sprunghaft die finanziellen Rahmenbedingungen verändert wie 2011, als mit einem Schlag die Versorgungssicherungsumlage verdoppelt wurde, läuft jede Personalplanung ins Leere.

Der Reformprozess der EKiR ist keine Erfolgsgeschichte. Der vormals durchaus ansehnlichen Dame EKiR wurde Schaden zugefügt. Der rheinischen Vielfalt mit Einheitslösungen begegnen zu wollen, war ein Fehler. Nahezu zeitgleich Projekte wie NKF, eine Verwaltungsstrukturreform und die Neuordnung der Rechnungsprüfung durchzuführen, zeugt von wenig kirchenleitender Klugheit. Am Ende baute sich eine gnadenlose Überforderungskultur auf. Man verlor den Überblick.

 

Finanzskandal um die bbz-GmbH Bad Dürkheim

Erst auf diesem Hintergrund war der Finanzskandal um die bbz-GmbH Bad Dürkheim möglich, ein kleiner Wirtschaftskrimi mit Schurken und Dilettanten in den Hauptrollen.9 Bereits als die EKiR das privatwirtschaftlich geführte Unternehmen unter der Federführung des damaligen Vizepräsidenten Christian Drägert erwarb, existierte ein fragwürdiges Geschäftsmodell. Am Ende musste die rheinische Kirche das Unternehmen mit einem Betrag von über 20 Mio. Euro stützen. Die von der Landessynode eingesetzte »Höppner-Kommission« stellte erhebliche Mängel bei der landeskirchlichen Aufsicht fest und konstatierte ein Organisationsversagen.10

Deutlich wurde, dass die rheinische Kirche durch die Vielzahl der sich gegenseitig überlagernden Reformprojekte mit dem bbz-Finanzskandal als dramatischem Finale nicht nur in eine Vertrauenskrise gegenüber ihren leitenden Personen geraten war. Sie zeigte sich zu Beginn des Jahres 2013 als ein in seiner Struktur wie in seiner Identität verletztes und beschädigtes Gebilde.


Landessynode 2013 – Wahl einer neuen Kirchenleitung

Die Personalentscheidungen der Landessynode, die vom 6.-12. Januar in Bad Neuenahr tagte, signalisierten deutlich den Wunsch nach einem Kurswechsel. Ein Novum für die EKiR war die Wahl zweier interessanter Personen, die von außen kamen, in die neue Leitung der rheinischen Kirche: Der Jurist Dr. Johann Weusmann trat die Nachfolge von Christian Drägert als Vizepräsident des Landeskirchenamtes an. Der Diplom-Betriebswirt und Diplom-Sozialökonom Bernd Baucks wurde zum Leiter der Abteilung VI Finanzen und Vermögen gewählt. Manfred Rekowski selbst war erst 2012 zum Oberkirchenrat gewählt worden, nachdem er schon einmal bis 2007 in nebenamtlicher Funktion der Kirchenleitung angehört hatte. Von Beginn an sprach er Klartext und diagnostizierte Monate bevor die bbz-Affäre öffentlich wurde, eine Vertrauenskrise in der EKiR. In seiner Vorstellung setzte er Akzente, die Hoffnung weckten. Zunächst hob er hervor, dass Vorgänge wie die um die bbz-GmbH ein »Weiter so« nicht erlauben. Als Fehler bezeichnete er Pauschalbeschlüsse wie beim Votum zum NKF im Jahr 2006 und forderte für die Zukunft eine klare Orientierung an den finanziellen, personellen und fachlichen Ressourcen unserer Kirche. Mehrfach hob Rekowski die Bedeutung von »ergebnisoffenen Beratungsprozessen« hervor, die er der Verabschiedung von Maßnahmenkatalogen und fertigen Konzepten vorziehe. Er wandte sich gegen »Einheitslösungen« und plädierte für »Korridorlösungen« verbunden mit dem Zutrauen gegenüber Kirchenkreisen und Gemeinden, in diesem Rahmen situationsgerechte Lösungen zu entwickeln.

In Umrissen wurde nicht nur ein neuer Leitungsstil sichtbar, sondern auch Inhalte, die dazu geeignet schienen, die EKiR wieder auf zeitgemäße Art zu ihrer ausgeprägten presbyterial-synodalen Identität zurückzuführen. Nicht nur freundlich sagte denn auch EKD-Ratsfrau und Vertreterin der Deutschen Bank Marlehn Thieme an Rekowski gewandt bei der Einführung der neuen Kirchenleitung: »Zwei Ihrer Vorgänger haben der EKD ihre Erfahrung und Kraft der Moderation und Integration zur Verfügung gestellt, indem sie den Ratsvorsitz übernahmen. Dies sichert Ihnen wohlwollende Begleitung und Beobachtung der EKD und ihrer Gliedkirchen zu!«11


Ernüchterung im Sommer

Am 8. Juli informierten Präses Manfred Rekowski und Vizepräsident Dr. Johann Weusmann die Entscheidungsträger der EKiR in einem Brief12 darüber, dass auf landeskirchlicher Ebene – d.h. im Haushalt der Landeskirche – bis zum Jahr 2018 insgesamt 35% eingespart werden müssen. Als Gründe für den verschärften Sparkurs wurden angeführt: Ein strukturelles Defizit im Haushalt der Landeskirche, zukünftige Versorgungs- und Beihilfeansprüche (die zukünftigen Kosten für die Versorgung sind nach einem von der EKD in Auftrag gegebenen Gutachten im Rheinland je nach Zinsentwicklung nur zu 27-34% ausfinanziert), das niedrige Zinsniveau der letzten Jahre, das die Einkünfte aus Kapitalerträgen deutlich reduziert hat.

War die EKiR mit ihrer neuen Kirchenleitung vom Regen in die Traufe gekommen? Bedauerlicherweise befindet sie sich mit ihrem Sparvorhaben in bedrückender Kontinuität zur Vergangenheit. Dabei hat die EKiR kein erkennbares Problem mit ihren Einnahmen, sie hat ein Problem mit der niedrigen Ausfinanzierung zukünftiger Versorgungs- und Beihilfeansprüche. Belastend wirken zudem Beschlüsse der Vergangenheit.13


Motivforschung – was will man erreichen?

Man hat mit dem Sparziel für den Haushalt der Landeskirche von 35% bis 2018 eine strenge Vorgabe gemacht. Ansonsten zeichnet sich tatsächlich ein neuer Leitungsstil ab. Die Absichtserklärung von Rekowski, »man wolle Entscheidungen im Dialog vorbereiten«, bewahrheitet sich bisher. Man geht nicht mit fertigen Konzepten und Strategien in Gespräche, sondern ist offen für Anregungen und Kritik. »Wir fühlen uns wieder ernst genommen!« – so ein Feedback, das wiederholt zu hören war.

Im Vordergrund steht die Absicht, einen Umbau der rheinischen Kirche hin zu mehr Flexibilität, mehr Menschennähe und einer geringeren Krisenanfälligkeit zu gestalten – mit den Betroffenen an der kirchlichen Basis. Für sich genommen ist dies bereits ein Alternativkonzept zu den Top-down-Strategien der Vergangenheit. Allerdings glaubt man offenbar ohne den Aufbau von Finanzdruck gegen strukturkonservative Bestrebungen nicht ankommen zu können. In jedem Fall besteht das Ziel, die Ausfinanzierung zukünftiger Versorgungs- und Beihilfeansprüche deutlich zu verbessern.


Bewertung und Alternativen – Plädoyer für einen Perspektivwechsel

Die neue Kirchenleitung macht den alten Fehler, strategische Entscheidungen an Finanzgrößen zu orientieren. Da sie hierbei EKD-Zahlen als gegeben hinnimmt, die eine Halbierung der Finanzkraft von 2002 bis 2030 berechnen, wird zumindest die mentale Demontage einer einst vitalen Landeskirche weiter vorangetrieben. Dringend erforderlich ist ein Perspektivwechsel im kirchenleitenden Handeln.

Ankerpunkt aller strategischen Entscheidungen müssen zwei Aspekte sein: die Erwartungen und Bedürfnisse der Menschen im Wirkungsbereich der Kirche (theologisch geht es um die Umsetzung des Konzepts einer »Kirche für die anderen«; dieser Aspekt der Orientierung an den Menschen hat Vorrang vor allem anderen); um den Erwartungen und Bedürfnissen der Menschen im Wirkungsbereich der Kirche gerecht werden zu können, bedarf es einer engagierten, motivierten Mitarbeiterschaft, die sich mit ihrer Kirche identifizieren kann. Etwas knapper: An allererster Stelle hat die Kirche einen Auftrag, aus dem sich Aufgaben ableiten. An zweiter und dritter Stelle steht die Überlegung, mit welchen Ressourcen sie diese Aufgaben bewältigt und wie sie diese finanziert. Natürlich muss auch diese Überlegung in aller Sorgfalt angestellt werden. Hieraus ergibt sich, dass vor allen Spardiskussionen mindestens zwei fragwürdige Projekte, nämlich NKF und die Verwaltungsstrukturreform, auf den Prüfstand gehören.

Durch eine konsequente Evaluation des bisherigen »Reform«-Prozesses eröffnen sich möglicherweise Wege, mit der in der rheinischen Kirche besonders dringlichen Frage zukünftiger Versorgungsansprüche angemessen umzugehen. Die rheinische Kirche verfügt auch heute noch über beachtliche Rücklagen. In den vergangenen Haushaltsjahren erbrachte das angelegte Kapital allein auf der Ebene der Landeskirche trotz niedriger Zinsen durchschnittliche Erträge von 7-8 Mio. Euro. Rücklagen in Teilen umzuwidmen und zur Versorgungssicherung einzusetzen wäre eine Möglichkeit, zu einer günstigeren Ausfinanzierung zu gelangen.

Eine Vielzahl von Kirchenkreisen und Gemeinden hat ähnlich wie die Landeskirche erhebliche Rücklagenmittel. Hier wäre eine freiwillige »Solidaritätsabgabe« denkbar verbunden mit der Zusicherung, die Versorgungssicherungsumlage zumindest stabil zu halten, wenn nicht gar zu senken. Es muss allerdings bedacht werden, dass Zukunftssicherung durch Kapitalbildung kein risikoloser Weg ist. Darum sei daran erinnert, dass es durchaus alternative Formen von Wertanlagen gibt, nämlich Immobilien. Hier nötigt im Augenblick die rheinische NKF-Variante zahlreiche Gemeinden, Immobilien deutlich unter Marktwert abzustoßen – eine glatte Fehlsteuerung.

Die rheinische Kirche steht in Zukunft vor Herausforderungen und muss sich behaupten in einem säkularen Umfeld, dass zunehmend von Kontingenz und Komplexität gekennzeichnet ist. Nicht in erster Linie Finanzmittel, sondern Menschen, die sich mit ihrer Kirche identifizieren und durch den Glauben an Jesus Christus inspirieren lassen, geben ihr Kraft und Ausstrahlung.


Anmerkungen:

1 Ingrid Schneider hat in ihrem Beitrag »Plädoyer wider die Einheitslösungen« (DPfBl 1/2013) treffend den rheinischen Reformprozess beschrieben.

2 Die Vorlagen der beiden Arbeitsgruppen finden sich auf der Homepage der EKiR unter Landessynode 2007, Drucksachen 3 und 4 (http://www.ekir.de/www/D8EE19F5AE7D471299C1D6D730C758C3.php).

3 Vgl. hierzu den Beitrag von Manfred Alberti, Kippt die presbyteriale-synodale Ordnung der EKiR?, DPfBl 12/2012. – Auf seiner Homepage www.presbyteriumsdiskussion-ekir.de hat Alberti, der sich seit langem reformkritisch äußert, ein Fülle von lesenswertem Material zusammengetragen.

4 Materialheft der Arbeitsgruppe zum Dienst- und Arbeitsrecht, 12.

5 Vgl. den Zahlenspiegel auf http://www.ekir.de/www/ueber-uns/pfarrstellen-und-andere-planstellen-fuer-theologen-und-1950.php.

6 Vgl. hierzu den Beitrag »Verwaltungsstrukturreform und NKF – ein ‚weiter so‘ führt ins Desaster« auf www.zwischenrufe-diskussion.de (http://www.zwischenrufe-diskussion.de/pages/ekir/verwaltungsstrukturreform-und-nkf.php)

7 Es ist schon erstaunlich, mit welchen Unternehmen sich die EKiR, die doch angeblich ein Hort des Linksprotestantismus sein soll, in den vergangenen Jahren eingelassen hat. Steria Mummert ist gewiss ein hoch angesehenes Institut – z.B. im Bankensektor – vgl. die Homepage http://www. steria.com/de/branchen/banking/.

8 Vgl. den Beitrag »Agonie einer Kirchenverfassung« auf http://www.zwischenrufe-diskussion.de/pages/presbyterial-synodale-ordnung/presbyteriumswahlen-2012-die-agonie-einer-kirchenverfassung.php.

9 Wer Interesse an den Details der Affäre hat, kann dies durch die Lektüre mehrerer Beiträge auf www.zwischenrufe-diskussion.de nachvollziehen.

10 Der Bericht enthält eine knappe chronologische Darstellung, eine theologische Wertung und Konsequenzen. Es ist auf der www.ekir.de nachzulesen (http://www.ekir.de/www/ueber-uns/hoeppner-16222.php).

11 Nachzulesen auf http://www.ekir.de/www/downloads/20130302_PT_Marlehn_Thieme_Grusswort.pdf.

12 Der Brief und andere Dokumente wurden auf der EKiR-Homepage unter http://www.ekir.de/www/ueber-uns/aufgabenkritik-16945.php veröffentlicht.

13 Eine erste Kommentierung im Beitrag »Ein Paukenschlag – rheinische Kirche kündigt verschärften Sparkurs an auf http:// www.zwischenrufe-diskussion.de/pages/ekir/ein-paukenschlag- - -rheinische-kirche-kuendigt-verschaerften-sparkurs-an.php.

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Hans-Jürgen Volk, Jahrgang 1957, Gemeindepfarrer in Hilgenroth mit Zusatzauftrag Behindertenarbeit, Vors. des Finanzausschusses des Kirchenkreises Altenkirchen, seit 2009 Betreiber der Plattform www.zwischenrufe-diskussion.de für die EKiR und seit 2013 Mitbetreiber der EKD-weiten Plattform www.wort-meldungen.de.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2013

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