Fragen und Probleme rund um kirchliche Reformprozesse (XIII)
Der Heilige Geist, das geistliche Amt und die Widerstände

Von: Siegfried J. Schwemmer
1 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Ein Plädoyer für die Wiederentdeckung der theologischen Dimensionen des Pfarrberufs


Gegenüber einer Entfaltung des Pfarrberufs von seiner theologisch-spirituellen Seite her gibt es Widerstände, nicht nur in Kirchenleitungen, auch unter der KollegInnenschaft. ­Siegfried Schwemmer hält die Wiederentdeckung eben dieser Dimensionen des Pfarrberufs jedoch für unverzichtbar.

 

Was bewegt die Kirche?

Ich war auf einer Konferenz leitender Mitarbeiter der Kirche. Thema war: »Was bewegt die Kirche?« – eine in der Tat wichtige Frage, die auch mich bewegt. Erwartet habe ich Antworten, die mich befriedigen und inspirieren. Meine Gedanken kreisten um das Wirken des Heiligen Geistes: Er ist es doch, der die Kirche bewegt und am Leben hält. Er ist die Lebenskraft und die Lebensenergie der Kirche. Jesus hat den Seinen den Heiligen Geist verheißen. Dieser hatte Petrus die Augen geöffnet, dass er Christus erkannte. Er tröstete die Jünger über den Abschied. Er lehrte und leitete die Jünger Jesu. Er hatte Paulus von Jerusalem nach Rom geführt. Er weckt(e) den Glauben in den Menschen. Der Geist des Heiligen steht am Anfang der Kirche, und sie feiert noch heute das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes.

Leider ist mir von der Konferenz nicht viel in Erinnerung geblieben. Allein: ich war enttäuscht. Bewegt wurden Personalprobleme, Zielvorgaben, Stellenreduktionen, Vakanz-Regelungen und Quoten. Eindrücklich war das Bemühen eines Referenten Kirchenkreise, Gemeinden und Straßenkarten mit satellitengestützten Techniken darzustellen, die im Intranet zur Verfügung gestellt werden sollten. Viel Papier wurde von einem anderen Kirchenrat bewegt und verteilt. Ein Online-Handbuch wurde als verbindliches Dokument vorgestellt. Am Abend gab es ein Kabarett. Vom leitenden Bischof habe ich nichts zum Thema gehört.

Ich bin mit der Frage noch nicht fertig. Vielleicht waren meine Erwartungen ein einziges Missverständnis. Es zeigt sich, wie verschieden Wahrnehmungen und Erwartungen sind. Jeder ist in »seiner Welt« gefangen. Jeden bewegt etwas anderes. Sicher: Es gibt Probleme, die die Kirche bewegen. Doch die Kirche ist mehr. Sie ist größer als die verschiedenen und unterschiedlichen Konfessionen. Sie ist mehr, als all die äußeren Probleme. Der Geist Gottes weht, wo und wann er will! (Joh. 3,8). Er ist nicht verfügbar. Auch nicht für die Kirche. Aber ich hoffe, dass er auch die Kirche bewegt.


Das Wirken des Geistes

»Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.« Dieser Satz wird Thomas Morus (1478-1535) zugeschrieben und ist auch von Papst Johannes XXIII. überliefert: »Tradition heißt: Das Feuer hüten und nicht die Asche aufbewahren.« In jedem Fall geht es um das Feuer, das bewahrt und lebendig gehalten werden will. Feuer ist ein wesentliches Symbol der christlichen Kirche. Die Apg. berichtet von Feuer, das vom Himmel auf die Apostel fiel, sich auf sie setzte, sie mit dem Geist des Heiligen erfüllte und in Ekstase fallen ließ. Im Anschluss an die Himmelfahrt Jesu (Apg. 1,9-11) und die Ausgießung des Heiligen Geistes (Apg. 2,1-13) wird die Apostelgeschichte zu einer Missionsgeschichte, die ihr Ziel in Rom, dem Mittelpunkt und der Hauptstadt der damaligen Welt hat. Immer mehr Menschen bekehrten sich zu Christus und ließen sich taufen. Keine Macht der Welt konnte die Macht des Heiligen Geistes hindern. Symbol für die Energie ist das Brausen des Windes, der gewaltige Sturm. Symbol ist auch das Feuer. Es ist brennend, leidenschaftlich, verzehrend, ansteckend, inspirierend. Wind und Feuer sind Urkräfte. Sie bewegen und erschüttern die Welt.

Die Kraft der Heiligen Geistes ist die Kraft der Veränderung, der Zerstörung und der Erneuerung. Nichts bleibt wie es ist: Gottes Geist »macht lebendig« (Nicänum). Er weckt, verändert und fördert das Leben. Er durchbricht die Mauern des Todes, hebt Grenzen auf und befreit zum Leben. Er tötet das Alte und schenkt neues Leben. Er öffnet eine energiegeladene Wirklichkeit, die Menschen gefährden, aber auch retten kann.


Ein Geistlicher sein und werden

Ich war Referent auf einem Pfarrkonvent. Vorgabe war, ich sollte mit den Pfarrer/innen des Kapitels über geistliches Leben arbeiten. Meine erste Reaktion auf die Einladung: »Ist das überhaupt sinnvoll? Soll ich mich diesem Unternehmen aussetzen?« Ich habe meinen damaligen Senior Peter angerufen und um Rat gefragt. Seine Empfehlung: »Mach das! Die Pfarrer haben es dringend nötig. Sie sollen hören worum es in ihrem Beruf geht!«

An den Anfang meines Einführungs-Vortrags habe ich eine Frage gestellt, die ich wiederholen möchte: »Wie kann man einen Esel, der keinen Durst hat, trotzdem zum Trinken bewegen? Und wie kann man – bei allem Respekt – einen Menschen dazu bringen, nach Gott zu dürsten, wenn er diesen Durst verloren hat und sich mit Bier und Schnaps, Fernsehen und Autofahren zufrieden gibt? Soll man es mit einem Stock versuchen? Ein Esel ist aus härterem Holz als unser Stock. Außerdem, wer wird heutzutage zu einer solch autoritären Maßnahme greifen? Soll man ihm Salz zu schlucken geben? Das wäre Tierquälerei. Wie ihn dann dazu bewegen, freiwillig zu trinken? Es scheint nur eine Lösung zu geben: Man muss einen durstigen Esel herbeischaffen, der ausgiebig, mit großem Durst und Behagen an der Seite seines Artgenossen aus dem Eimer trinkt. Aber ohne jedes Theater, einfach weil er Durst hat, einen großen, unstillbaren Durst. Das wird seinen Kollegen nicht unbeeindruckt lassen. Die Lust wird ihn ankommen, sich zum Eimer zu neigen und im tiefen Zug das erfrischende Wasser zu schlürfen. Menschen, die Hunger und Durst nach Gott haben, sind für ihre Mitmenschen eine bessere Predigt als viele erbauliche Reden«.1

Die Reaktionen auf diesen Beitrag waren heftig. Eine Reihe von Kollegen hat sich sofort angegriffen gefühlt. Der Dekan wollte seine Pfarrer schützen und hat versucht, auf einer abstrakten Ebene dieses Gleichnis zu zerpflücken. Ich habe die Abwehr gespürt: »Komm mir nicht zu nahe!«

In dem anschließenden Vortrag habe ich über geistliches Leben gesprochen, über den Sinn und die Bedeutung der Ordination, über das Leben als Geistlicher, über Gebet und Meditation … Gleichzeitig hatte ich den Eindruck: Die Widerstände nehmen zu und verstärken sich. Die Botschaften, die ich »gehört« habe, waren: »Wir möchten nicht über unser geistliches Leben nachdenken und sprechen.« – »Wir verstecken uns lieber hinter vordergründigen Aktivitäten.« – »Wir haben keinen Zugang zu der inneren, intrinsischen Motivation, die uns inspiriert, die uns bewegt, stärkt und stützt.«

Ich war als Geistlicher zu Geistlichen eingeladen und irritiert. Was ich mitteilen und teilen wollte, schien mir selbstverständlich. Ich wollte Dialog, nicht Monolog. Ich wollte Austausch, nicht Abgrenzung. Ich wollte das Gespräch mit Fachleuten und erwachsenen Menschen und keine Ängste. Es ist nicht meine Aufgabe, Festungen zu stürmen und Menschen gegen ihren Willen zu ihrem Glück zu führen. In der Pause habe ich das Gespräch mit den Kolleg/innen gesucht, die mich eingeladen hatten. Das Pfarrkapitel war offenbar nicht bereit, sich auf das Thema einzulassen. Ich war meinerseits nicht bereit, unpersönlich und abstrakt zu referieren.


Der evangelische Geistliche

Wilhelm Löhe (1808-1872) hat mit seiner Schrift: »Der Evangelische Geistliche«2 ein »pastoraltheologisches Handbuch« (Rudolf Keller) geschrieben, in dem er die Amtsführung des Geistlichen, das Miteinander von Amt und Gemeinde, Seelsorgefragen und praktische Konsequenzen entfaltet. Es ist in Vergessenheit geraten, auch weil sich viele Pfarrer/innen nicht mehr als Geistliche verstehen. Trotzdem: Löhes Praxisbuch ist aktuell. Es gibt dem Geistlichen Amt ein Profil. Es ist voller spiritueller Impulse, gibt Antworten auch auf Fragen und Probleme unserer Zeit und ist Modell für geistliches Führen und Leiten.3

Löhe betont: Das Leben des Geistlichen selbst ist Botschaft für die Menschen. Entscheidendes Kriterium und Anforderung für sein Amt ist, auch wenn man niemandem ins Herz schauen kann, »die Liebe zu Christus«. Grundsatz für das Führungsverhalten des Pfarrers ist das Bewusstsein, dass er der Hirte der ihm anvertrauten Menschen ist. Auch wenn die Gemeinde in verschiedene Gruppen, Klassen oder Unterabteilungen zerfällt: Er sieht und kennt die verschiedenen Parteien und darf sich nicht von Gruppen und Kreisen vereinnahmen lassen. »Sein Herz, seine ungeteilte Liebe, sein großer Fleiß« muss allen und jedem gehören. Sein Ziel ist »das Heil aller«. Deshalb sucht er das Verlorene und begnügt sich nicht mit dem Bequemen und Liebenswürdigen. Weil er Hirte für alle ist, muss er den nötigen Abstand haben, innere Distanz suchen, seine Unabhängigkeit wahren, den Überblick behalten und nicht den eigenen, menschlichen Bedürfnissen nach Liebe und Anerkennung folgen. Alle behandelt er gleich. Er begegnet ihnen mit einer positiven, vorurteilsfreien Grundeinstellung, mit Vertrauen und der Voraussetzung, dass niemand »das Gute und den rechten Weg verschmäht«, und kümmert sich um die, die am Rand stehen. Der »fromme Seelenhirte« begegnet auch den Widerständen immer wieder aufs Neue mit Liebe und Erbarmen; wenn es nötig ist aber auch mit »Zucht und Strenge« als Ausdruck der Liebe.

Löhe rät zur Gelassenheit, zum Mut zur Lücke und zur Konzentration auf das Wesentliche. Die Kräfte verschleißen schnell und wer zu vieles gleichzeitig macht, muss bald vieles unerledigt wieder liegen lassen. Eine bedächtige und vorsichtige Gelassenheit ist »segensreich«. Wesentlich für das Verhältnis des »Hirten« zu seiner Gemeinde ist Vertrauen. Es ist »sehr nötig!« Doch Vertrauen ist nie unmittelbar, sondern »nur mittelbar« zu gewinnen. Gottesmänner »tun, was Vertrauen erwecken kann, sie laufen ihm aber nicht nach«. Sie können warten. Auch hier geht es um Gelassenheit. Alles fügt sich. Es kommt, wie es kommen soll: »Arbeite, was vorliegt, das andere lass an dich kommen.« Auch im Fall von Konflikten und Auseinandersetzungen geht es um die Gelassenheit, die Souveränität, um das Selbstbewusstsein des Geistlichen Amtes und um das Selbstvertrauen, das aus dem Vertrauen auf Gottes Wort und sein Wirken kommt.

Zur Organisation des Alltags gehört das Wissen um Ordnungen und Strukturen. Der Pfarrer muss wissen, welche Befugnisse ihm zustehen. Kriterium für den Umgang miteinander ist die Form und der Stil, die er sich selbst von seinen Vorgesetzten wünscht. Wenn er eine leitende Funktion hat, lasse er »sich das Ruder nicht aus den Händen winden«. Er soll keine Kameradschaft mit Mitarbeitenden suchen, »er duze sie nicht und trinke nicht Brüderschaft mit ihnen«. Aber er soll »väterlich« sein, »freundlich, brüderlich, zuvorkommend, hilfreich« und es nicht gering achten, durch Bitten sein Anliegen zu verfolgen. »Kurz, er sei Pfarrer und niemals Herr und lasse den weltlichen Behörden den weltlichen Imperativ, da ja Gottes Befehl und seines Wortes Kraft ihm zur Seite stehen.« Löhe wünscht sich für ihn die »Mannestugenden«, die das Buch der Weisheit (8,7) beschreibt: »prudentia – iustitia – fortitudo – temperantia«.


Der verborgene Wandel des Pfarrers/der Pfarrerin

Das Buch »der Evangelische Geistliche« gibt Hinweise auch für das geistliche Leben, für den »Wandel« des Pfarrers. Denn sein Leben ist geprägt von der inneren Spannung von Stille und Öffentlichkeit. Löhe unterscheidet zwischen dem »verborgenen«, dem inneren, und dem »öffentlichen«, dem äußeren, Wandel. Der reine Wandel und das damit verbundene gute Gewissen schützt ihn vor dem Bösen in der Welt, vor Verleumdungen, Gerüchten, Unterstellungen, Anfechtungen durch böse Zungen und unwahren Behauptungen. Der Pfarrer, der ein gutes Gewissen und sich selbst nichts vorzuwerfen hat, lebt allen Anfeindungen und Anfechtungen zum Trotz, in der Freude »eines Einhorns« und in der »Ruhe wie (der) eines Felsens«.

Der verborgene Wandel des Pfarrers lebt vom »Wort des Herrn«. Es ist ihm »Quelle seines geistigen Lebens«. Neben der Heiligen Schrift kann er zu seiner »Seelenweide« auch andere geistliche Schriften lesen. Löhe erinnert an die Übung der Meditation, »die Erwägung göttlicher Worte oder Wahrheiten vor dem Angesichte Gottes«. Der Geistliche sollte »um seiner selbst willen in täglicher Meditation« leben und »er würde erfahren, dass die Gottseligkeit zu allen Dingen, also auch zum heiligen Amte nützlich ist«.

Verbunden mit der meditativen Betrachtung des Wortes ist die Selbstprüfung. Der Pfarrer soll sich immer wieder fragen, ob er »dem Wort und Willen Gottes« folgt. Löhe verweist auf Ps. 139,23f: »Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich und erfahre wie ich’s meine – und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege«. Dieser Selbstprüfung sollte er sich immer wieder unterziehen und sich seine Pflichten und Unterlassungen im Amt vergegenwärtigen.

Und der Geistliche sollte sich immer wieder demütigen und, auch wenn es schmerzlich ist, »von erträumten Höhen« herabsteigen. Diese Demütigung »führt zur Wahrheit(,) und wer sich zur Wahrheit führen lässt«, kommt zum Glück. Deshalb: »Öffne die Augen für dich selbst und deine Gabe! Prüfe dich im Lichte Gottes! ... Bitte Gott, dass er dir verleihe, nicht mehr sein zu wollen, als du von Gottes Gnaden bist; dies aber sei dann auch mit Kraft. Füll deinen Platz aus und sei damit zufrieden«.

Zuletzt erinnert Löhe den Pfarrer an das Gebet. Er beschreibt Orte und Gelegenheiten zum Beten und legt ihm die Praxis des Gebets nahe. Hilfreich ist auch, sich immer wieder zum theologischen Studium zurückzuziehen, dieses fruchtbar zu machen für die praktische Tätigkeit und mit seiner Hilfe die praktischen Erfahrungen zu klären und zu reflektieren.


Wer operiert am offenen Herzen?

Ich durfte eine Herzoperation miterleben. Ich stand hinter dem Patienten. Vor mir das Operationsteam. Jeder wusste, was er zu tun hat. Jeder hatte seine Rolle: Die Narkose überwachen, die Herz-Lungen-Maschine bedienen, das Herz zum Stillstand bringen, das Operationsbesteck bereithalten und zureichen, den Thorax öffnen, das Brustbein auffräßen, die Venen aus den Beinen herausholen, die Bypässe präparieren … Als alles vorbereitet war, kam der Spezialist: Der Chefarzt, einer seiner Oberärzte, in jedem Fall ein Fachmann seines Vertrauens. Er wurde angezogen, desinfiziert und dann trat er an den Operationstisch. Die Operation am offenen Herzen war allein dem Fachmann vorbehalten. Er hat geschnitten, genäht, geprüft und entschieden. Als die Operation vorbei war durften andere wieder an den Tisch: das Herz aktivieren, die Tupfer zählen, das Besteck auf Vollständigkeit prüfen, das Brustbein zusammenfügen und klammern, die Haut zunähen …

Wer operiert am offenen Herzen? Sicher nicht die Operationsschwester. Auch nicht der Arzt im Praktikum, der Assistenzarzt oder der Anästhesist. Nichts wird der Willkür und dem Zufall überlassen. Alles hat seine Ordnung. Am offenen Herzen operiert allein der Fachmann. Er hat die nötige Erfahrung. Er hat seine Kompetenzen in einer langen Ausbildung erworben. Er weiß, was er tut. Er ist der Grund für das Vertrauen des Patienten, der sich ihm auf diesem Weg durch den Tod ins Leben in die Hand gibt. Er ist der Garant, dass der Eingriff erfolgreich für den Patienten verläuft.

Warum funktioniert das, was am Operationstisch so selbstverständlich ist, draußen vor dem Operationssaal so wenig? Ein Grund ist, dass oft die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten nicht klar geregelt sind. Fredmund Malik4 sieht einen Grund in »der Mode« einer »Konsens-Kultur« und bezeichnet diese als »Fehler oder Irrtum«. Denn verantwortlich sind immer und ausschließlich Personen und nicht ein Team. Die einzelnen Personen brauchen Kompetenzen, um ihre Verantwortung wahrnehmen und ihr gerecht werden zu können.

Viele Konflikte in der Kirche haben hier ihre Wurzel. Die Autorität des Amtes steht in Frage. In einer Kirche, in der die De-Professionalisierung voranschreitet und »doch alle Priester sind« (Isolde Karle), in der alle alles dürfen, der Konsens zum »Evangelium« geworden ist, notwendige Konflikte vermieden und Ordnungen missachtet werden, in der Opportunismus, Konformität und Popularität mehr zählen als Klarheit, in der das Ehrenamt mit dem Hauptamt konkurriert und mehr Wertschätzung erfährt, in der der Mainstream regiert und Reaktanz als Bedrohung empfunden wird, ist es schwer geworden eine anspruchsvolle »Operation« durchzuführen.


Ein Geist und verschiedene Gaben

Was für Organisationen und Unternehmen gilt, gehört auch zum Wesen der Religion. Es muss klare Zuständigkeiten und Ordnungen geben. Der Religionsphänomenologe Geo Widengren5 beschreibt das priesterliche Amt: »Ein Priestertum kommt als geschlossene Organisation bei den meisten Völkern vor. Es handelt sich hier um ein Kollegium, das für sich bestimmte oder alle kultischen Funktionen monopolisiert.« »Der Priester und niemand anders« verrichtet »die Aufgaben … zu deren Ausführung er ausersehen ist. Hiermit hängt es auch zusammen, dass der Priester der sakrale Experte ist, der allein imstande ist, in korrekter Weise das oft komplizierte Ritual durchzuführen, was große technische Gewandtheit erfordert.« Erforderlich ist ein berufliches Können, das der Laie nicht aufzuweisen hat. »Hätte ein solcher trotzdem die wichtigen Zeremonien ausgeführt, so wäre bei der Wichtigkeit, die dem Ritus der Religionen mit ausgebildeter Priesterschaft beigelegt wurde, die Wirksamkeit der religiösen Handlung in Gefahr geraten, und der Zorn der Gottheit hätte geweckt werden können … Man kann verstehen, dass bei einer solchen Anschauung eine entscheidende Trennungslinie zwischen Priester und Laie gezogen werden muss«.

Diese Ordnungen wurden und werden in Geschichte und Gegenwart in Frage gestellt und missachtet: durch Schwärmer und Charismatiker, durch antiautoritäre Ideologien, durch Harmoniestreben, durch die Angst vor Konflikten, durch die Bedürfnisse, Anmaßungen und Interessen von Menschen, durch das Ego, das sich zum Mittelpunkt der Weltsicht macht … Fest steht: Die Kirche als Leib Christi hat viele Glieder, Formen und Gestalten, und der Geist Gottes schenkt seiner Kirche eine Vielfalt von Gaben. Wichtig und wesentlich ist, dass es ein Geist ist, der die Gaben weckt, dass Christus der Herr seiner Kirche ist, und dass es Gott ist, der alles wirkt (1. Kor. 12,4-6). Fest steht auch: Ordnungen schaffen klare Strukturen, vermeiden Missverständnisse, regeln Zuständigkeiten, entlasten von unnötigen Belastungen, verhindern Konflikte, erleichtern die Arbeit, schützen die Nerven, helfen, Prozesse zu organisieren, ermöglichen, Ziele zu erreichen …

M.a.W.: Bei einer Operation hat jeder der Mitarbeitenden seine Gaben und Aufgaben. Aber die Operation am offenen Herzen scheitert, wenn die Zuständigkeit nicht gewahrt und die Kompetenzen nicht gewährleistet sind. Auch in der Kirche sollte jeder seine Gaben, Aufgaben, Kompetenzen und Zuständigkeiten haben und kennen, sonst scheitert das »Unternehmen« Kirche. Das Bild der Operation zeigt aber auch: Alle Beteiligten haben ein gemeinsames, konkretes Ziel, dem die persönlichen Befindlichkeiten untergeordnet sind. Ziel ist, den Patienten erfolgreich zu operieren und ihn zu heilen. Was aber ist das Ziel des Unternehmens Kirche? Die Apg. formuliert als Auftrag des auferstandenen Christus an seine Jünger und als Ziel ihres Handelns: »Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist über euch kommt, und ihr werdet meine Zeugen sein … bis an die Enden der Erde« (1,8f). Hat die Kirche und haben ihre Mitarbeitenden auch heute die Kraft des Heiligen Geistes und teilen sie dieses Ziel? Das sollte unmissverständlich geklärt sein und in jedem Fall beantwortet werden. Denn sie ist von Christus nicht um ihrer selbst, sondern um der Menschen willen gestiftet.


Das geistliche Amt und die Wirklichkeit

Manfred Josuttis weiß: »Der Pfarrer ist anders.«6 Die Beziehung zwischen Pfarrer und Gemeinde steht in einer Spannung. Es ist die Spannung von »Distanz und Nähe, Autorität und Solidarität, Auftrag und Erwartung«. Gott hat den Amtsträger berufen. Diese Berufung schützt ihn in Situationen der Konfrontation. Sie schützt ihn gegenüber der Gesellschaft als Ganzer und sie schützt ihn speziell »im Blick auf die Ansprüche, Erwartungen und Wünsche aus der eigenen Gemeinde«.

Die »Dialektische Theologie« hat diese Spannung zwischen göttlichem Auftrag und menschlichen Erwartungen betont und sie hat versucht, diese notwendige Spannung der Kirche wieder bewusst zu machen: Das Geistliche Amt steht im Dienst seines Auftrags in einem Gegensatz zu den menschlichen Bedürfnissen, Sehnsüchten, Erwartungen und Wünschen. In der zweiten Auflage seines Römerbriefs beschreibt Karl Barth die apostolische Existenz als die Existenz eines Menschen unter Menschen und gleichzeitig als die Existenz eines von Gott Berufenen. Der von Gott Berufene ist »ein ›Ausgesonderter‹, ein Vereinzelter, ein Verschiedener«.7 Er verkündet Gott, der ganz anders ist als die menschlichen Bilder, Bedürfnisse und Erwartungen von Gott.

Josuttis macht deutlich: diese Spannung zwischen Auftrag und Erwartung prägt das Selbstverständnis des Geistlichen Amtes und die unterschiedlichen Situationen der beruflichen Alltagsarbeit eines Pfarrers: Der Pfarrer steht im Gegenüber zur Gemeinde. Er verteidigt »die Reinheit des Evangeliums«. Anders zu sein ist ihm »Pflicht, Wunsch und Belastung«. Mit Hilfe der Bibel wehrt er ab, was seinen Auftrag bedroht. Der Pfarrer ist »im Gehorsam gegen den Auftrag« ein »Wahrer der Tradition, Wächter der reinen Lehre und Lehrer seiner Gemeinde, Experte in Theologie«. Diese Widersprüche und Spannungen sind nicht das Problem der Person des Pfarrers und auch nicht das seines Berufsstandes. Es ist auch der »Widerspruch in einer Kirche und in einer Gesellschaft, die vom Pfarrer Widerspruch erwartet und ihn dafür zu honorieren gedenkt«.

Die Wahrheit, die das Amt vertritt und die sich als Auftrag an das Amt manifestiert, ist eine transsubjektive Wahrheit. Deshalb muss das geistliche Amt unabhängig sein und bleiben. Nicht nur der Pfarrer und Geistliche selbst, auch die Kirche Jesu Christi verlangt, »dass er eine Botschaft vertritt, die aus menschlichen Erwartungen nicht ableitbar ist«. Auch die Gesellschaft hofft, dass sie »trotz aller Konflikte, in die der Pfarrer verstrickt wird«, sich verändert, dass sie eine andere zu werden vermag, und »dass der Pfarrer mit seinem kritischen Wort ihr dabei hilft«. Es gehört zum Auftrag des geistlichen Amtes, das »Wort der Gnade« von dem »Wort des Gerichts« zu unterscheiden und mit ihm Befreiung, Veränderung und Versöhnung zu wirken.


Die Unabhängigkeit des Pfarrberufs

Das ist die Theorie. Die Praxis sieht leider anders aus. Statt Unabhängigkeit sind Pfarrer und Pfarrerinnen in Abhängigkeit geraten. Ihr Amt wird auch von der Kirche nicht geschützt. Die Kirchenleitungen selbst haben das Amt beschädigt, indem die Rechte der Ordination relativiert und Ehrenamtlichen immer mehr Rechte gegeben wurden. Unbequeme, andersdenkende, unabhängige Geistliche, die nicht den kommoden Erwartungen, Bedürfnissen und Befindlichkeiten der Mächtigen in der Gemeinde entsprechen, werden diskreditiert und beschädigt.

Es ist eine Kerngemeinde von 50 Personen, die die Energie von drei und mehr Hauptamtlichen bindet und die anderen 5950 Gemeindeglieder außer Acht und sich selbst überlässt. Es sind Kirchenvorstände, die wie Aufsichtsratsvorsitzende Anforderungen formulieren und die Person des/der Geistlichen kontrollieren. Es ist die Ingroup einiger Familien, die sich in den Gemeinden etabliert haben und sämtliche Aktivitäten prägen und kontrollieren. Es ist die Frömmigkeit bestimmter Gruppen, die die Freiheit des Glaubens behindert. Es ist der Geist der Charismatiker, die schon Paulus das Leben in Korinth beschwerte. Oft ist es eine Minderheit, die die Mehrheit dominiert.

Josuttis kennt auch dieses Phänomen und macht es zum Thema seiner »Pastoraltheologie zwischen Phänomenologie und Spiritualität«.8 Leitende Mitarbeitende in der Kirche, insbesondere aber Pfarrerinnen und Pfarrer, sind in einer »beträchtlichen Abhängigkeit«. Sie müssen sich in Bewerbungsverfahren möglichst gut verkaufen und sich selbst verleugnen, um eine Chance zu haben. Sie müssen damit leben, »dass idealisierende Projektionen auf sie übertragen werden und ihre individuelle Menschlichkeit bedrohen«. Sie werden sozial kastriert und sind gezwungen ihre eigenen Aggressionen zu unterdrücken. »Weil sie sich abhängig fühlen und in vieler Hinsicht auch abhängig sind, werden Pfarrer und Pfarrerinnen zu Alleinunterhaltern oder Team-Managern, die sich um ihr Publikum in jeder Hinsicht bemühen« und es jedem Recht machen wollen und müssen.

Wer bin ich? Was ist meine Identität? – Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, wenn alles in Frage steht. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer leiden an einer Sinn- und Identitätskrise. Es ist eine existenzielle Krise. Das Selbstbewusstsein ist gebrochen. Die Rolle ist nicht geklärt. Das Selbstbild ist nicht bestätigt. Die eigenen Erwartungen werden enttäuscht. Pfarrerinnen und Pfarrer ziehen sich frustriert und resigniert zurück, sind ausgebrannt und erfahren ihre Ohnmacht. Immer weniger Studierende entscheiden sich für den Beruf Pfarrer/in.


Zurück zum Anfänger-Geist

»Herr, füll mich neu, füll mich neu mit Deinem Geiste, der mich belebt und zu Dir, mein Gott, hinziehet! Hier bin ich vor Dir. Leer sind meine Hände. Herr, füll mich ganz mit Dir!«

Dieses Lied aus der Kommunität der Jesus-Bruderschaft Gnadenthal macht deutlich, worum es geht: Wir können den Geist Gottes nur empfangen, wenn wir offen und leer sind. Leer wie ein Gefäß, das darauf wartet, gefüllt zu werden. Leer wie die Schale der ruhenden Hände. Leer und frei von eigenen Bildern, Gedanken, Wünschen und Vorstellungen. Frei von unserem eigenen Tun, Machen und Wollen. Frei von Angst und Abwehr. Frei von äußeren Abhängigkeiten, von Ideologien, Lehren und Zwängen. Nur wenn wir uns selbst loslassen und bereit sind – wie Maria – zu empfangen, kann Gott zu uns kommen und in uns wohnen. Nur wenn wir uns voll der Erwartung dem Wirken Gottes hingeben, kann das Leben in uns werden und wachsen. Nur wenn wir die Taste auf »reset« drücken, können wir wieder neu anfangen.

In der spirituellen Tradition gibt es dafür das Motiv des Anfängergeistes: Am Ende des Übungsweges, wenn der Geist reif und frei ist, kehrt der Übende zurück zu dem Anfängergeist des Nicht-Wissens. Der Anfängergeist ist voll Unschuld und Reinheit. Er ist absichtslos, er haftet nicht an und handelt ohne zu denken. Er spaltet nicht Subjekt und Objekt. Er ist frei, unmittelbar und ohne Prägung. Der Anfängergeist verbindet uns mit dem Ursprung des Seins. Er atmet in uns den Geist des Lebens, gibt uns Anteil an den ungeschaffenen Energien des Lebens und zeigt unser wahres Selbst, noch bevor wir geboren wurden. Er öffnet den Weg der Erlösung aus den Leiden dieser Welt.

Nichts anderes lehrt Jesus, wenn er sagt: »Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen« (Mk. 10,14f). Es gibt auch die Überlieferung, dass Jesus ein Kind in die Mitte gestellt und zu seinen Jüngern gesagt hat: »Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen« (Mt. 18,3).

Öffnen wir uns und warten mit den Jüngern auf die Ausgießung des Heiligen Geistes, und beten wir darum, dass wir den Geist der Freiheit empfangen und wirklich frei werden!


Anmerkungen:

1 Jacques Loew, Der verborgene Schatz, Freiburg 1981, 28f.

2 Wilhelm Löhe, Der evangelische Geistliche. Dem nun folgenden Geschlechte evangelischer Geist­lichen dargebracht. 1852/1858, in: W. Löhe, ­Gesammelte Werke 3/2, Neuendettelsau 1958,
7-317.

3 Siegfried Schwemmer, Führen und Leiten. Wilhelm Löhe, eine Herausforderung für Kirche und Diakonie, Norderstedt (BoD) 2010.

4 Fredmund Malik, Führen – Leisten – Leben, München 5. Aufl. 2000, 224.

5 Geo Widengren, Religionsphänomenologie, Berlin 1969, 618f.

6 Manfred Josuttis, Der Pfarrer ist anders, München 2. Aufl. 1983.

7 Karl Barth, Der Römerbrief, Zürich 2. Aufl. 1922/1976, 3.

8 Manfred Josuttis, Einführung in das Leben. Pastoraltheologie zwischen Phänomenologie und Spiritualität, Gütersloh 1996, 23f.

 
Anregungen und Texte zu dieser Reihe senden Sie bitte per Mail an dpf@k-im.org und an peter.haigis@pfarrerverband.de

Über den Autor

Pfarrer Dr. Siegfried J. Schwemmer, Jahrgang 1956, Pfarrer der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, Beurlaubung zur Diakonie Neuendettelsau, Tätigkeit am Institut für Spiritualität und innovative Unternehmensführung (ISIM); aktuelle Veröffentlichungen: Führen und Leiten. Wilhelm Löhe, eine Herausforderung für Kirche und Diakonie, Norderstedt (BoD) 2010; Nur wer stirbt, wird leben. Kämpfen als spirituelle Übung. Eine Einführung, Distelhausen (Schlatt-Books) 2012.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2013

1 Kommentar zu diesem Artikel

03.09.2013
Ein Kommentar von Daniel Renz


An diesem Beitrag stört mich, dass ein an und für sich wichtiges Anliegen – nämlich "die Wiederentdeckung der theologischen Dimensionen des Pfarrberufs" – einhergeht mit dem Wunsch nach Restauration einer – hoffentlich – überwundenen Pfarrherrlichkeit. Dass "Ehrenamtlichen immer mehr Rechte gegeben wurden" – ist das tatsächlich ein Horrorszenario?? Oder vielmehr eine richtige Entwicklung in biblisch-reformatorischer Perspektive?! Als link empfinde ich auch den Versuch, die aufgezählten Fehlentwicklungen – kirchliche Selbstverwaltung etc. – auf ein konsequent umgesetztes Priestertum aller Glaubenden zurückzuführen. Natürlich gibt es diese Fälle, aber: Abusus non tollit usum. Und, mal selbstkritisch gefragt: Sind es nicht oft die Pfarrer(innen) selbst, die lieber durch ihre vertrauten kirchlichen Seniorenkreise tingeln, anstatt aus der Deckung zu kommen und etwa 30jährige zum Geburtstag zu besuchen?

Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Eine unheilige Allianz?
Anmerkungen zum schwierigen Verhältnis von Christentum und Antijudaismus
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
15. Sonntag nach Trinitatis
9. September 2018, Galater 5,25-26; 6,1-3.7-10
Artikel lesen
18. Sonntag nach Trinitatis
30. September 2018, Jakobus 2,1-13
Artikel lesen
Kirche und Dataismus
Zeitgeistkonform oder widerständig unterwegs in der Gigabit-Gesellschaft?
Artikel lesen
Trennung von Religion und Politik
Martin Luthers Zwei-Reiche-Lehre und die Türken
Artikel lesen
Erinnerung und Identität
Zur Bewältigung deutscher Vergangenheit in einem veränderten gesellschaftlichen Kontext
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument


Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!