Erfahrungen, Analysen, Konzepte für die Zukunft
Bloggen über den Glauben?

Von: Antje Schrupp
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Heute finden zahlreiche Debatten um Religion, Glaube und Kirche außerhalb der Kirche, nämlich im Internet, statt. Von den kirchlichen Amtsträgern ist dabei in der Regel wenig zu lesen. Die Bloggerin und evangelische Publizistin Antje Schrupp analysiert in ihrem Beitrag ihre Erfahrungen im Netz und geht der Frage nach, was sich daraus für die kirchliche Kommunikation im Zeitalter des Internets ergibt.

 

Die Möglichkeiten, die das Internet als Informations- und Kommunikationsmedium bietet, verändern das Medienverhalten derzeit auf grundlegende Art und Weise. Vor dem Internet brauchte, wer etwas veröffentlichen wollte, Zugang zu Ressourcen und zu gesellschaftlichen Machtpositionen: zu Papier und Druckmaschinen, Radiostationen, Fernsehsendern. Die Medien hatten die Rolle von »Gatekeepern« inne, in den Redaktionen wurde darüber entschieden, was wichtig genug war, um gedruckt oder gesendet zu werden – und was nicht. Mit dem Internet ist nun erstmals in der Geschichte der Menschheit unbegrenzter Raum für jede nur erdenkliche Art der Publikation vorhanden. Wer immer über einen Computer mit Internetzugang verfügt, kann heute im Handumdrehen Inhalte publizieren, die auf der ganzen Welt zugänglich sind. Völlig zu Recht wird die gesellschaftliche Tragweite dieser Umwälzung mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen. Und ebenso wie mit dem Buchdruck wird sich auch mit dem Internet nicht nur die Art verändern, wie Menschen untereinander Informationen austauschen. Längst wird darüber diskutiert, welche Folgen das für politische Institutionen, für Medien und Bildung, für das Verhältnis von Privatsphäre und Öffentlichkeit haben könnte.


Digitales Priestertum aller Gläubigen?

Was das Internet für die Kirche bedeutet, ist derzeit hingegen noch kaum Thema. Das liegt auch daran, dass Menschen, die der Kirche eng verbunden sind, das Internet noch sehr viel zurückhaltender nutzen als der Durchschnitt der Bevölkerung. So hat zum Beispiel eine repräsentative Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Dezember 2012 im Auftrag der Mitgliederzeitung »Evangelisches Frankfurt«1 ergeben, dass unter den regelmäßigen Leserinnen und Lesern dieser Zeitung 41% überhaupt kein Internet nutzen, während es unter den distanzierten Kirchenmitgliedern nur 14% sind. Hier wirkt sich zum einen der im Vergleich zur Gesamtbevölkerung hohe Altersdurchschnitt der Kirchenmitglieder aus, andererseits aber auch die kirchliche Milieuverengung, die sich auch in unterschiedlichem Kommunikationsverhalten niederschlägt. Dabei liegt es doch auf der Hand, dass das evangelische Diktum vom Priestertum aller Gläubigen geradezu prädestiniert dafür wäre, die neuen Kommunikationsmöglichkeiten aktiv zu nutzen.

Wenn das »Zeugnis Ablegen« die Aufgabe jedes Christen und jeder Christin ist, so bietet das Internet dafür geradezu eine ideale Umgebung. Doch faktisch wird auch die evangelische Kirche weitgehend als Institution wahrgenommen, die bestimmte Menschen, speziell Pfarrerinnen und Pfarrer, mit der Verkündigung ihrer Glaubensinhalte und der Repräsentation nach außen beauftragt. Die einfachen Kirchenmitglieder, die in kirchlicher Terminologie ja auch als »Laien« bezeichnet werden, halten ihren Glauben größtenteils für ihre Privatsache.

Doch diese Aufgabenteilung ist unter den Bedingungen des Internets kaum aufrecht zu erhalten. Ich selbst merkte das recht schnell, als ich 2006 anfing zu bloggen, also regelmäßig eigene Texte, Kommentare und Beobachtungen zu aktuellen Ereignissen ins Netz zu stellen. Ich bin keine Pfarrerin, sondern Politikwissenschaftlerin und Journalistin, und sah mich deshalb auch nicht zur »Verkündigung« christlicher Glaubensinhalte beauftragt. In meinem Blog beschäftige ich mich vielmehr mit den Themen, für die ich ausgebildet bin, nämlich mit politischer Ideengeschichte. Dass ich Christin bin und sogar für die Kirche arbeite, habe ich natürlich nicht verschwiegen, aber ich dachte doch, dass es für mein Bloggen nicht von Belang sei. Dennoch sah ich mich rasch vor die Notwendigkeit gestellt, christliche Glaubensinhalte zu vertreten, und zwar aufgrund von zweierlei Mechanismen: Einerseits haben mich Leserinnen und Leser meines Blogs immer wieder auf meine Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche angesprochen, vor allem mit kritischen Anfragen. Diese Dynamik hat sich durch die sozialen Netzwerke – seit Anfang 2009 bin ich bei »Facebook« und »Twitter« aktiv – noch einmal deutlich verstärkt. Z.B. gibt es häufig kritische Nachfragen dazu, wie ich denn als Feministin gleichzeitig der Kirche angehören könne, weil viele Menschen die Kirche, das Christentum und Religion generell für frauenfeindlich halten. Zum anderen hatte ich auch selbst immer häufiger das Bedürfnis, mich in Debatten über Kirche und Religion einzumischen.


Kommunikation mit Kontrollverlust

Es ist falsch, zu glauben, dass die Zurückhaltung kirchlicher Akteurinnen und Akteure in Punkto Internet bedeute, dass es dort keinen Diskurs über religiöse Themen gäbe, ganz im Gegenteil: Vor allem kirchenkritische Stimmen sind im Netz gut vertreten, es wird rege über Glaubensdinge, über Gott und Christentum diskutiert – nur dass sich eben die offiziellen kirchlichen Funktionsträgerinnen und Funktionsträger an diesem Diskurs kaum beteiligen.2 Wenn überhaupt, sind sie auf eigenen Homepages und Plattformen aktiv, jedoch nur selten an den Orten im Netz zu finden, wo andere über solche Fragen diskutieren. Obwohl ich also eigentlich gar nicht »zuständig« bin, finde ich mich immer wieder in Debatten verwickelt, bei denen ich christliche Positionen erkläre, Richtigstellungen vornehme oder Hintergründe erläutere. In diesem Beitrag möchte ich die dabei gemachten Erfahrungen analysieren und der Frage nachgehen, was sich daraus für kirchliche Kommunikation im Zeitalter des Internets ergibt.

Die damit verbundenen Herausforderungen sind durchaus groß, denn als Institution hat auch die evangelische Kirche – wie alle großen Institutionen – ein Problem damit, sich auf den Kontrollverlust einzustellen, den es mit sich bringt, wenn jeder und jede einfach die eigene Meinung publizieren kann.3 Eine der größten Veränderungen, die das Internet mit sich bringt, ist die, dass nicht mehr die Sender und Senderinnen von Informationen entscheiden, was relevant ist und was nicht, sondern die Empfängerinnen und Empfänger. Dies verändert die Logik klassischer, auch kirchlicher PR und Öffentlichkeitsarbeit maßgeblich, und zwar in zweierlei Hinsicht: Erstens ist es immer schwieriger, Informationen zurückzuhalten, wenn daran ein öffentliches Interesse (und sei es auch von wenigen) besteht. Zweitens ist es immer schwieriger, Aufmerksamkeit für eine Information zu bekommen, wenn die Menschen sich dafür nicht schon sowieso interessieren.

Vor dem Internet waren Informationen ein knappes und also wertvolles Gut, weil eben nicht alles, was geschah, der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte. Die Entscheidung über die Relevanz eines Inhaltes wurde schon vor dessen Publikation in Redaktionen oder PR-Abteilungen getroffen – und konnte entsprechend gesteuert und kontrolliert werden. Im Internet ist diese Aufgabe, aus der Fülle der vorhandenen Informationen die jeweils relevanten herauszufiltern, auf die Seite der Empfängerinnen und Empfänger gewandert. Die entscheidende Frage ist nicht mehr: Welche Information ist wichtig genug, um publiziert zu werden? Sondern: Welche Information ist wichtig genug, damit ich sie zur Kenntnis nehme? Das, was knapp und wertvoll ist, ist nicht mehr die Information als solche, sondern die Aufmerksamkeit: Wer soll das alles lesen? Nicht das, was nach einem allgemeinen Maßstab von Wichtigkeit ist, ist im Internet »relevant«, sondern das, was eine bestimmte Person für wichtig hält. Auch solche Informationen, die nur ein kleines Publikum interessieren, können jetzt publiziert werden – und je mehr dieser Paradigmenwechsel bewusst wird, umso mehr wächst auch die Erwartung und der Anspruch auf die Verfügbarkeit von Informationen. Für viele aktive Internet-User sind Aspekte wie Transparenz, umfassende Bereitstellung von Daten und unbeschränkter Zugang zu Informationen sehr wichtig.


Filtermechanismen und Publikationsreichweiten

Gerade im kirchlichen Umfeld gibt es da noch viel Verbesserungsbedarf. Noch längst hat nicht jede Gemeinde und kirchliche Einrichtung eine Homepage, auf der sämtliche Informationen, die für Außenstehende möglicherweise von Interesse sein könnten, aktuell bereit gestellt sind – z.B. die Gottesdienstzeiten (mit Hinweis darauf, wer an welchem Tag predigt), alle Konzerte und Veranstaltungen (mit Datum, Adresse, Uhrzeit und Eintrittspreisen), Namen und Kontaktdaten, die Öffnungszeiten des Gemeindebüros. Aber nur Informationen, die vorhanden sind, können auch gefunden werden und im Internet weiter geteilt und verarbeitet werden. Erst danach ist die Frage zu stellen, wie man dazu beitragen kann, dass diese Informationen von anderen Menschen auch für relevant gehalten werden. Dazu muss man wissen, wie die Filtermechanismen im Internet funktionieren.

Menschen, die sich überwiegend im Internet informieren, möchten nicht fertig geschnürte Informationspakete am Stück abonnieren, etwa in Form einer Zeitung, sondern wählen gezielt aus, welche Informationen sie empfangen möchten und welche nicht, welchen Themen und Personen sie ihre Aufmerksamkeit widmen und welchen nicht. Dazu steht ihnen eine Vielzahl von Filtermöglichkeiten zur Verfügung. Einer der ältesten und nach wie vor wichtigen Filter ist der Suchbegriff, der in eine Suchmaschine, z.B. »Google«, eingegeben wird: So wird das Internet nach allen Inhalten gefiltert, die diesen Begriff verwenden. Eine andere wichtige Möglichkeit ist das Abonnieren von thematischen Newslettern oder Nachrichten-Feeds. Auch hier wird aus der Fülle des Angebots all das ausgewählt, was thematisch zu den jeweils eigenen Interessen passt.

Diese »Filtersouveränität«4 stellt für kirchliche Kommunikation ein Problem dar, denn der Informationsbedarf zu kirchlichen Themen ist nicht besonders groß, jedenfalls nicht in der Selbsteinschätzung vieler Menschen. Die oben bereits erwähnte Allensbach-Leseranalyse der Zeitung »Evangelisches Frankfurt« etwa hat ergeben, dass nur 10% der befragten Kirchenmitglieder für sich selbst einen Informationsbedarf bei Themen wie Lebenshilfe, Sinn des Lebens/Glau­bens­dinge oder Berichte über Kirche und Religionen sehen. 70% der Befragten gaben an, zu diesen Themen bereits genügend Informationen und Anregungen zu haben, weitere 20% sagten, dass sie sich für diese Themen gar nicht interessieren. Aber anders als bei Postsendungen oder Plakaten, die auch bei inhaltlichem Desinteresse des Publikums zumindest eine gewisse Aufmerksamkeit sicherstellen, werden Inhalte im Internet nur relevant, wenn User sie aktiv aufsuchen oder sogar in ihren eigenen Netzwerken weiterverbreiten. So wird kaum jemand, der nicht stark kirchenverbunden ist, einen dezidiert theologischen oder gemeindebezogenen Blog abonnieren. Es ist also notwendig, die eigenen Botschaften auch dort ins Gespräch und in Umlauf zu bringen, wo die Adressatinnen und Adressaten sich aufhalten.

Ein theologischer Beitrag, der sich aus christlicher Perspektive kritisch mit der heutigen Leistungsideologie beschäftigt, wird kaum gelesen werden, wenn er lediglich auf der Homepage einer Gemeinde veröffentlicht wird. Er kann aber durchaus Reichweite erzielen, wenn er als Kommentar in einem Blog zum Thema »Armut« veröffentlicht wird, oder in einem Forum, in dem über das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert wird. Christliche Verkündigung im Internet macht es erforderlich, »zu den Menschen zu gehen«, und das bedeutet eben auch: auf die Blogs und Seiten der anderen. Das heißt nicht, dass man ausschließlich dort publizieren sollte und keine eigene Seite mehr braucht. Ganz im Gegenteil: Wenn ich gute Inhalte auf meinen eigenen Seiten habe, kann ich in Gesprächen mit anderen gut per Link darauf hinweisen und schaffe so die Möglichkeit, dass sich diejenigen, deren Interesse durch meine Intervention vielleicht geweckt wurde, noch mehr Hintergrundwissen beschaffen.


Aufmerksamkeit ist ein rares Gut

Das Internet ermöglicht erstmals in der Geschichte der Menschheit eine interaktive Massenkommunikation. Interaktiv, im gegenseitigen Austausch, konnte man zuvor ja nur mit einer sehr kleinen Gruppe von Menschen kommunizieren, in der Regel sogar nur zu zweit: über Telefon oder Briefe. Kommunikation mit einem Massenpublikum hingegen war nur als »Einbahnstraße« möglich: Ein Sender – die Zeitung, das Radio, der Fernseher – schickt Informationen an eine Vielzahl von Empfängerinnen und Empfänger, aber jene können nicht zurück kommunizieren. Im Internet hingegen können alle mit allen reden, die Trennung zwischen »Produzent« und »Konsument« ist aufgehoben. Z.B. ist in Blogs die Funktion des Kommentars schon automatisch von der Softwareseite her eingebaut: Unter jedem Text können Leserinnen und Leser in aller Regel eigene Gedanken beisteuern.

Es ist genau diese interaktive Art der Kommunikation, mit der im Netz Reichweite und Aufmerksamkeit generiert wird. Denn anders als früher finden Gespräche und Debatten im Internet in aller Regel öffentlich statt, also vor einem Massenpublikation: Wenn zwei Menschen auf »Twitter« oder in Blog-Kommentaren miteinander diskutieren, lesen sehr viele andere mit. Wer nicht mit anderen diskutiert, wer nur die eigenen Inhalte verbreiten will und nicht auf die Themen der anderen eingeht, wird kaum »Follower« oder Abonnenten bekommen.

Im Netz reagieren die Menschen allergisch auf alles, was nach Werbung oder PR aussieht – Aufmerksamkeit ist eben ein rares Gut. Bevorzugt wird der persönliche Austausch, das einzelne Gespräch, das nie instrumentell sein darf, sondern auf wirklichem Interesse an dem, was die anderen zu sagen haben, gründen muss. Für die klassische kirchliche PR wirft das natürlich Fragen nach der Kapazität auf. Wie soll es praktisch möglich sein, in solcher Kleinteiligkeit in allen möglichen Blogs und Foren aktiv und präsent zu sein? Öffentlichkeitsabteilungen ebenso wie Pfarrerinnen und Pfarrer sind schließlich schon mit ihrem Alltagsgeschäft stark ausgelastet. Und tatsächlich kann diese Aufgabe nicht von »Professionellen« allein bewältigt werden. Hier müssen sich alle zuständig fühlen, denen am Christentum und seinen Inhalten etwas liegt – zumal die Menschen im Internet Informationen sehr fokussiert aufnehmen.

So etwas wie »Evangelische Kirche« ist als inhaltliches Label für einen Internetauftritt überhaupt nicht geeignet, denn kaum jemand wird sich gleichzeitig für Kirchenkonzerte, den Ausbau von Krabbelstuben, Obdachlosenarbeit, Bibelkreise und psychologische Beratungsstellen interessieren, um nur einige Themen zu nennen. Wenn allerdings diejenigen Aktiven, die sich in einem dieser Bereiche engagieren, selbst mit ihrer jeweiligen Kompetenz im Netz präsent und ansprechbar sind, also der Organist, die Diakoniepfarrerin, der psychologische Berater oder die Hauskreisleiterin, dann können sie dabei sichtbar machen, dass das, was sie tun und sagen, ein Fundament (unter anderem) im christlichen Glauben hat.

Gerade an diesem Punkt beobachte ich zudem eine tendenzielle Umkehrung von Autorität. Während außerhalb des Internets das Wort offizieller Amtsträgerinnen und Amtsträger in »Glaubensdingen« besonders gehört wird – sie sind es schließlich, die von der Lokalzeitung eingeladen werden, einen Sonntagstext zu liefern, oder die zur Einweihung des neuen Bürgerhauses ein Grußwort sprechen sollen –, so ist es im Internet eher umgekehrt. Was »Kirchenoffizielle« sagen, steht leicht unter dem Verdacht, bloße Propaganda zu sein: Wird der Pfarrer nicht schließlich dafür bezahlt, für das Christentum Werbung zu machen? Wenn hingegen Privatpersonen von ihrer religiösen Alltagspraxis erzählen, nimmt man ihnen eher ab, dass sie das wirklich so meinen. Diese persönliche Glaubwürdigkeit wird sogar umso größer, je eher sie gleichzeitig auch eine kritische Distanz zur »offiziellen« Kirche einnehmen. In meinem Fall kann ich beobachten, dass ich gerade deshalb, weil ich bestimmte frauenfeindliche Aspekte des Christentums deutlich kritisiere, umso mehr Aufmerksamkeit bekomme, wenn ich an anderen Punkten dennoch christliche Positionen einnehme. Eine solche kritische Distanz ist mir als Privatperson natürlich viel eher möglich als wenn ich offizielle Amtsträgerin mit entsprechenden Loyalitätspflichten wäre.


Alles über Personen

Der Dreh- und Angelpunkt dieser Dynamik ist die Verlagerung der oben bereits angesprochenen Filterlogik weg von Inhalten hin zu Personen. So abonniert man bei Plattformen wie »Facebook« oder »Twitter« nicht bestimmte Themen (»alles über Fußball«), sondern Menschen. »Soziale Medien« bauen, wie der Name schon sagt, wesentlich auf Beziehungen auf. Ob es sich um Blogs, »Facebook«, »Twitter« oder eine andere der zahlreichen und sich ständig wandelnden Social Media-Plattformen handelt – immer wird der Informationsfluss, den man dort zu sehen bekommt, nicht vom Thema bestimmt, sondern vielmehr von der Person, die eine Nachricht sendet. Immer gibt es eine »Timeline«, in die chronologisch das einfließt, was die Personen, deren Beiträge ich abonniert habe, veröffentlichen. Institutionen haben unter diesen Bedingungen einen schweren Stand, denn es werden sich nur wenige Menschen z.B. mit dem Evang. Regionalverband Frankfurt »befreunden«.

Wobei es sich bei Internetkontakten natürlich nicht um »Freundschaften« im empathischen Sinn handelt – mit wirklich guten Freundinnen und Freunden werde ich auch ohne »Facebook« in Kontakt bleiben –, sondern um entferntere Bekannte, um Menschen also, mit denen ich zwar gerne in Verbindung bleiben möchte, die mir aber eben nicht so nah stehen, dass ich regelmäßig mit ihnen telefonieren oder auf andere Weise individuell kommunizieren will. Gerade diese »schwachen Kontakte« können bewirken, dass Menschen sich mit Themen beschäftigen, denen sie normalerweise keine große Aufmerksamkeit schenken würden. Weil eine frühere Schulfreundin von mir aktive Radsportlerin ist und von ihr regelmäßig entsprechende Links und Informationen in meine »Timeline« kommen, weiß ich inzwischen mehr über diesen Sport als früher, als ich die Sportseiten in der Zeitung immer überblättert habe. Und genauso verhält es sich andersherum auch mit den Informationen aus dem kirchlichen oder theologischen Bereich, die ich über die sozialen Medien verbreite: Andere Menschen bekommen das zu sehen, nicht weil sie sich für diese Themen interessieren, sondern weil sie sich mit mir als Person verbunden haben.

Ein häufiger Einwand von weniger internetaffinen Menschen an die in den sozialen Netzwerken verbreiteten Informationen lautet: Wen soll das denn interessieren? Wen soll es interessieren, was Erna Müller heute zum Frühstück gegessen hat, dass Karl Maier seine Autoschlüssel verloren hat oder dass beim Gemeindefest in Hinterpurzelshausen ein Topf Gemüsesuppe umgekippt ist? Wer so fragt, bewegt sich noch in der Logik des früheren »Gatekeeper«-Journalismus, stellt also in Wirklichkeit die Frage, ob diese Information für so viele Menschen interessant ist, dass es gerechtfertigt wäre, einen Platz in der Zeitung dafür zu verwenden. Platz ist im Internet aber genug da, weshalb die Frage anders formuliert werden muss: Gibt es irgendeinen Menschen, der sich für diese Information eventuell interessieren könnte?5 Das kann die Freundin von Erna Müller sein, die sich darüber freut, dass die neulich zum Geburtstag geschenkte Marmelade offensichtlich in Gebrauch ist, oder der Sohn von Karl Maier, der heute Abend das Auto ausleihen wollte. Und ein Foto vom umgekippten Gemüsesuppentopf beim Gemeindefest ist ganz sicher für eine ganze Reihe von Menschen interessant, zumindest in der Rubrik »Buntes«.

Genau in dieser kleinteiligen Kommunikation, in dieser Mischung aus Banalem und Grundsätzlichem, wie sie für soziale Medien typisch ist, in all diesen Alltagsgesprächen des Internets bieten sich unendlich viele Gelegenheiten, die gute Botschaft des Christentums zur Sprache zu bringen, im konkreten persönlichen Austausch, angedockt an Themen und Ereignisse, die die Menschen beschäftigen, und ausgestattet mit der Autorität persönlicher Glaubwürdigkeit, die einzelne Christinnen und Christen bei ihren Bekannten und Kontakten genießen.


Beziehungen in sozialen Netzwerken

Nicht zu unterschätzen ist dabei jedoch der Faktor Zeit. Wer sich in einem sozialen Netzwerk anmeldet und erwartet, innerhalb von Wochen oder Monaten bereits nennenswerte »Missionserfolge« zu erzielen, wird enttäuscht werden. Vertrauen muss wachsen, Beziehungen brauchen Zeit, um eine stabile Grundlage zu bekommen, so etwas dauert Jahre – auch in einem schnelllebigen Medium wie dem Internet. Doch wenn man diese Geduld aufbringt, wenn man sich ernsthaft für die Menschen, die im Internet anzutreffen sind, für ihre Wünsche und Anliegen interessiert und zu einem wirklich offenen Austausch bereit ist, dann kann man auf eine Weise sogar mit Kirchendistanzierten über Gott ins Gespräch kommen, wie es vor dem Internet schlichtweg nicht möglich war.

Eindrücklich erlebt habe ich das bei einer Recherche zum Thema »Atheismus«, über die ich auch in meinem Blog schrieb, und die mich in einen Austausch mit sehr vielen Menschen über ihre persönliche Glaubensgeschichte brachte, wie ich es in dieser Intensität nicht für möglich gehalten hätte. Innerhalb von wenigen Tagen gab es über hundert Kommentare, in denen Menschen teilweise sehr ausführlich ihren persönlichen Zugang zur Religiosität oder ihre Erfahrungen mit der Kirche schilderten.6 Viele schrieben mir auch e-Mails, weil sie die Fragen beantworten wollten, aber nicht öffentlich. Ein Folge-Blogpost, den ich einige Tage später veröffentlichte und in dem ich auf einiges davon antwortete, ergab weitere 88 Kommentare7, gleichzeitig haben viele andere Bloggerinnen und Blogger das Thema in ihren eigenen Blogs aufgegriffen und weiter diskutiert.8 Manchmal werde ich auch direkt angefragt, wenn Menschen Einschätzungen zu religiösen Themen suchen, oder ich werde gebeten, aus dieser Position heraus zu einer aktuellen Frage etwas beizusteuern.9

Wobei das Entscheidende bei all dem die Authentizität und Wahrhaftigkeit ist. Es ist nicht möglich, diese Prozesse instrumentell zu steuern, und nichts wird im Netz mehr bestraft als der Versuch, falsche Nähe herzustellen, um irgendetwas zu »verkaufen«. Wirksam kommunizieren können in diesem Umfeld nur diejenigen, die persönlich hinter dem stehen, was sie dort veröffentlichen, und die genug Spaß an diesem Medium haben, um sich auf seine Dynamik einzulassen. Die Kirche als Institution mit ihren Professionellen kann diesen Prozess weder verordnen noch verhindern, aber sie kann ihn immerhin bewusst begleiten und ihren Mitgliedern – z.B. in Form von Fortbildungen und Gelegenheiten zum Austausch und zur Vernetzung – dabei hilfreich zur Seite stehen.10

Antje Schrupp


Anmerkungen:

1 Die Zeitung »Evangelisches Frankfurt«, deren Redakteurin ich bin, wird vom Evang. Regionalverband Frankfurt seit 36 Jahren herausgegeben und an alle Haushalte in Frankfurt am Main verschickt, in denen mindestens ein Mitglied der evangelischen Kirche wohnt: www.evangelischesfrankfurt.de.

2 Vgl. dazu auch (wenn auch mit Fokus auf die katholische Kirche) Andrea Mayer-Edoloeyi: Digital Natives und kirchliche Kommunikation. Netzinkulturation als Pastoral in einer medial vermittelten Lebenswelt. Diplomarbeit, Linz 2012.

3 Der Begriff des »Kontrollverlusts« als wesentliches Merkmal von Kommunikation im Internet stammt von Michael Seemann, vgl. u.a. http://www.ctrl-verlust.net/kontrolle-und-kontrollverlust/.

4 Vgl. http://www.ctrl-verlust.net/glossar/filter-souveranitat/.

5 Vgl. auch Kathrin Passig: Nachrichten an niemand Bestimmten, ZEIT-online vom 2.4.2013, http://www.zeit.de/digital/internet/2013-04/twitter-kritik-passig.

6 http://antjeschrupp.com/2012/12/30/kleiner-versuch-den-atheismus-zu-verstehen/.

7 http://antjeschrupp.com/2013/01/01/nachklapp-zum-thema-gott-oder-was-auch-immer/.

8 http://nordlicht-development.de/2012/12/30/kleiner-versuch-meinen-atheismus-zu-erklaren/; http://jensbest.net/2012/12/31/ein-staubkorn-namens-mensch-antworten-auf-antje-schrupps-fragen/; http://erdbeerfleisch.de/2013/interview-for-one; http://blog.till-westermayer.de/index.php/2013/01/04/funf-cent-zur-gretchenfrage/; http://joergrupp.de/kleiner-versuch-das-verstandnis-des-atheismus-zu-fordern/; http://drikkes.com/?p=6160; http://www.journelle.de/2514/nicht-glauben-konnen/.

9 Z.B. war ich im Mai 2011 als Bloggerin eingeladen, die Konferenz »Disput Berlin« über die These »Ohne Religion wäre die Welt besser dran!« zu besuchen und darüber zu berichten, http://antjeschrupp.com/2011/03/27/religion-versus-atheismus-uber-falsche-fragen/.

10 Ein empfehlenswertes Handbuch zum Thema hat soeben der Medienverband der Evang. Kirche im Rheinland veröffentlicht: Mechthild Werner/Ralf Peter Reimann (Hg): Social Media in der Gemeinde, Düsseldorf 2013.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2013

5 Kommentare zu diesem Artikel

Ein Kommentar von In Praetorius / 17.07.2013
Quod erat demonstrandum: Null Kommentare. Aber auf meiner Facebookseite, wo ich diesen Artikel hingepostet habe, gibt's schon welche :-)
Ein Kommentar von Jürgen Loharens / 04.08.2013
Ich würde mir für die Zukunft noch viel mehr solcher Artikel wünschen, denn das Potential im Social Media ist doch riesig. Ich sehe nur ganz nüchtern das Problem der Zeit. Was könnten wir PfarrerInnen nicht noch alles tun, wenn wir dafür nur Zeit hätten -bzw. Wenn wir sie uns nehmen würden, weil wir das könnten, wenn andere Dinge wegfielen. Nicht ohne Grund habe ich den Artikel an einem Sonntagabend in den Ferien gelesen... Grundsätzlich halte ich hierbei die Frage des Kontrollverlustes für die Spannendste.
Ein Kommentar von Alexander Ebel / 23.07.2013
Nun ist's doch schon der zweite Kommentar :-) ... mit dem ich auf diesen Blogeintrag verweise, in dem ich den Artikel von Antje Schrupp zusammengefasst habe: https://netzkirche.wordpress.com/2013/07/18/bloggt-ihr-einfachen-christen/ Ich habe dort am Ende aber auch 3 Fragen zur Diskussion angerissen, die ich gern auch hier einstelle: 1. Ist der Beobachtung der “Umkehrung von Autorität”, nämlich dass die Äußerungen von “Kirchenoffiziellen” wie Pfarrerinnen und Pfarrern im Internet leicht unter “Propaganda-Verdacht” geraten (416), nicht auch der andere Pol gegenüber zu stellen: dass ihnen andererseits auch großes Vorschuss-Vertrauen entgegengebracht wird, wie sie es auch “offline” erfahren? Und ist das nicht sogar ein Spezifikum, das ihnen doch noch einmal eine etwas herausgehobenere Rolle im Netz “beschert”? In unserem Artikel “Jenseits der Parochie” (Deutsches Pfarrerblatt 2/2013) haben wir dementsprechend die These aufgestellt, “dass die wichtigsten Akteurinnen und Akteure der Kirchen in Social Media die Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer sind”. 2. Dass man sich auf Twitter und Facebook mit Menschen, nicht mit Themen, verbinde, erscheint mir in dieser Formulierung zu ausschließlich. Es werden doch auch Unternehmens-, Politiker-, Film-, Musik-, Bibel-, andere Themen-Seiten auf Facebook sowie thematisch ausgerichtete Twitter-Listen in großer Zahl abonniert und deren Inhalte verfolgt. Die beste Chance für eine Institution wie die Kirche liegt zugegebenermaßen wohl nicht in der Facebook-Seite für die Institution, womöglich aber durchaus in gut gemachten Themenseiten. 3. Schließlich finde ich es reizvoll, die Beiträge von Christina Costanza (ebenfalls in DtPfrBl 7/2013) und Antje Schrupp in Bezug auf das Thema “Kontrolle/Kontrollverlust” miteinander ins Gespräch zu bringen. Schrupp zufolge ist der Kontrollverlust ein inhärentes Merkmal der Kommunikation in Social Media. Costanza zufolge ist das Gefühl der Kontrolle aber eine Bedingung für die Möglichkeit des “Flow”-Erlebens und damit für einen Glückszustand. Ist im Netz also doch kein Glück zu finden?
Ein Kommentar von Manfred Körber / 09.02.2015
Im Januar 2015 habe ich angefangen privat zu bloggen und finde ihren Beitrag sehr hilfreich. Er fängt gut die Erfahrungen, die man in Kirche macht sowie die Potentiale gut ein. Schönen Dank dafür.
Ein Kommentar von Melanie Schmitt / 02.03.2017
Die Agentur Mehrwert ist auf Initiative der Diakonie hin, in Stgt. entstanden. Wir bloggen seit ca. 6 Monaten unter "Mehrwert bloggt". Wir sind uns sicher, dass Gemeinden davon profitieren, wenn sie über ihre Feste, Anlässe und Gedanken bloggen. Hierfür könnte man die Jugendgruppen sehr gut einbinden :-) Nur Mut!

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