Spiritualität und politische Bildung in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz
Ein »heilsames Haus«

Von: Christian Buchholz
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Seit 25 Jahren besteht die Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz. Sie leistet für unzählige Menschen nicht nur wertvolle historische Bildungsarbeit, sondern einen emotional getragenen, intellektuell anspruchsvollen ganzheitlichen Lernprozess. Christian Buchholz würdigt die Einrichtung.

Katarina Bader, junge Journalistin und Dozentin in München, beschreibt in ihrem 2010 erschienen viel beachteten Buch »Jureks Erben« den komplizierten Weg des ehemaligen KZ-Häftlings Jurek hin zu einer geklärten Identität. Dabei misst sie der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz (IJBS) als »heilsamem Haus«1 einen hohen therapeutischen Stellenwert bei: Jurek hat hier seinen Ort gefunden, an dem er – begleitet durch Freunde – zu sich, zu seinem Lebensweg und zu einer Klärung und letzten Reifung gelangt.

Was macht das Besondere dieses Hauses aus, von dem Bundespräsident Christian Wulff bei seinem Besuch aus Anlass des 66. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee Anfang des Jahres 2011 sagt: »Die Internationale Jugendbegegnungsstätte (verbindet) in vorbildlicher Weise die Pflicht zur Erinnerung mit einer in die Zukunft gerichteten Begegnungsarbeit … Geschichtsvergessenheit und die Verletzung der Menschenwürde dürfen keinen Platz in unsrer Gesellschaft haben«?2 Und Kofi Annan, ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen, der die Menschenrechte in den Mittelpunkt stellt, sagt: »die Internationale Jugendbegegnungsstätte (nimmt) eine bedeutende Funktion als Ort der Erinnerung an den Holocaust wahr und engagiert sich damit gegen unhumanitäres Verhalten heute und in der Zukunft«.3 Welches »Therapeuticum« verbirgt sich hinter dieser so hoch geschätzten Einrichtung, die im Dezember 2011 25 Jahre besteht und eine weltweite Anerkennung findet?

Anfänge in politisch angespannter Zeit

1981 – mitten im vom Kriegsrecht gelähmten Polen – fand unter einfachsten Bedingungen die Grundsteinlegung statt: Einer der Hauptinitiatoren, Volker von Törne (1934-1980), damals Geschäftsführer von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) und zeitkritischer Schriftsteller, hatte sich mit vielen anderen Persönlichkeiten des kirchlichen und öffentlichen Lebens (u.a. Bischof Scharf, Bundesminister Jochen Vogel …) sowie mit politischen und kirchlichen Einrichtungen (auch dem Deutschen Evangelischen Kirchentag) jahrelang um dieses Projekt bemüht: Es sollte ein moralisch-politisches Signal sein – ein Zeichen gegen die Oberflächlichkeit im Umgang mit der jüngsten Geschichte und ein Zeichen für die notwendige Versöhnung. »Ab heute reden wir ungefragt: Laßt Euch den Wein nicht verwässern. Die Welt ist schlecht, ist leicht gesagt. Wir müssen sie verbessern« (Törne4).

Mit Bedacht hatten die Gründer von ASF 1958 die Formel »Wir bitten um Frieden« gewählt. Und die neue Ost-Politik hatte mit dem berühmten Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt vor dem Ghetto-Denkmal in Warschau 1970 ein (bis zum heutigen Tag) sinnenfälliges Symbol gefunden.5 So war es nur stimmig und schlüssig, dass dieses Projekt einer Jugendbegegnungsstätte Gestalt annahm – als »ein Angebot zum Lernen und zum Gespräch«.6 Der Verband der polnischen Widerstandskämpfer und ASF zogen trotz manch struktureller Widerstände und politischer Konflikte (es war immerhin noch die heiße Phase des Kalten Krieges!) zunehmend an einem Strang. Aber die Bedingungen vor Ort ließen keinen Baubeginn zu. Da wurde Helmut Morlok (Architekt im württembergischen Isny, in seiner Jugend Hitler-Schüler und später überzeugter protestantischer Christ, der einige Jahre auch Mitglied der Landessynode in Stuttgart war) auf die schwierigen Geburtswehen aufmerksam und machte sich in engster Absprache mit ASF und den polnischen Verantwortlichen das Projekt zu eigen: Die KZ-Überlebenden Alfred Przbylski (Architekt) und Tadeusz Szymanski (stellvertretender Direktor der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau) waren dabei wichtige inhaltliche und fachliche Inspiratoren.7 »Sie (die jugendlichen Besucher) müssen Zeit haben zum Nachdenken und zur Überlegung. Sie müssen so weit kommen, dass sie sich die Frage stellen: Hätte ich in dieser Zeit gelebt, wo wäre ich gewesen …?«8

So gewann eine moderne, jungen Menschen zugewandte offene Architektur Gestalt – im bewusst gewählten Kontrast zum funktionalen Schematismus der schrecklichen Terror­archi­tek­tur des Vernichtungslagers: »Bescheidenheit in Konstruktion und Form, Einfachheit bei der inneren Ausstattung, … Kernstück der Anlage ist ein nach allen Richtungen offener Begegnungshof … wo sich jeder frei und unbeobachtet bewegen und aufhalten kann in der man Gemeinschaft aber auch Geborgenheit sowie Zeit und Platz für sich alleine finden kann«.9 »Die Aufgabe in Auschwitz einen Treffpunkt für die Jugend der Völker zu projektieren und zu bauen, war für meine Kollegen und mich ein verpflichtender Auftrag. Für mich persönlich ein Geschenk, weil ich die Möglichkeit hatte, meine berufliche Erfahrung, meine politische Überzeugung und meinen christlichen Glauben in diese Arbeit einzubringen« – so Helmut Morlok.10

Zwei Wegbereiter

Die Präambel der Stiftung der IJBS benennt den unausweichlichen Ausgangspunkt der ganzen Arbeit: »Auschwitz … ist eines der tragischsten Beispiele des Umgangs des Menschen mit seinesgleichen. Menschen aller Nationen kommen an diesen Ort des Geschehens von Auschwitz und werden Zeugen der Erinnerung an die Wunde, die der Menschheit mit dem Verbrechen des deutschen Faschismus unwiderruflich zugefügt ist«.

Seither haben Tausende von jungen Menschen aus vielen Ländern – auch aus Übersee – hier an Seminaren teilgenommen, Ausstellungen besichtigt, ihre Eindrücke des Besuchs der nahe gelegenen Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau bedacht, Begegnungen mit Andersdenkenden und Andersglaubenden gehabt, politische und moralische Streitgespräche geführt, die Geschichte vergegenwärtigt, die Vergangenheit reflektiert und über die gemeinsame Zukunft diskutiert.

Helmut Morlok, den zielstrebigen Fachmann und bewussten Christenmenschen, und Volker von Törne, den politisch-historisch hart ringenden Schriftsteller und streitbaren Geschäftsführer von ASF, verbinden tiefe und erschütternde Lebenserfahrungen: »Nichts weiß ich über den Anfang / nichts weiß ich über das Ende / Ich bewege, was mich / bewegt« (Törne).11 Hoffnung und Sehnsucht, der Ruf nach Verantwortung aus moralischer und geschichtlicher Perspektive sind ihnen gemeinsam. Aber sie bleiben nicht beim Ruf stehen, sondern konzipieren die daraus folgende Tat und werden aktiv: Versöhnung und Frieden als Gebote politischer Vernunft (in christlicher Tradition leidvoll gewachsen und geprägt – etwa durch die Stuttgarter Schulderklärung von 1945, durch das Darmstädter Wort von 1947 und die Ost-Denkschrift der EKD von 1965), als Ziele ethischen Lernens und als Wegmarken der kleinen begehbaren Schritte – der »Zeichen«, die z.B. die vielen Freiwilligen von ASF seit 1958 gesetzt und deren Spuren sie sichtbar und greifbar für unsere gemeinsame Zukunft gelegt haben. Morlok und Törne sind – auf je ihre Weise – Wegbereiter dieser Bahn.

Helmut Morlok hat sich mit seinen fachlichen, familiären und vor allem spirituellen Kompetenzen in diese Bahn eingereiht: Architekt ist er – aber eben nicht nur »Häuslesbauer«, wie es im Schwäbischen unzählige gibt, sondern »Baumeister« im antiken Verständnis. Der technische und mentale Inspirator eines Bauwerks, der sich bis hin zur inhaltlichen Arbeit mit seinem Werk identifiziert – auch noch nach Fertigstellung. Der griechische »Architekt« kümmerte sich auch um die Spielpläne des von ihm erbauten Theaters bis hin zu den Gagen und Einnahmen! So engagierte sich Morlok in verschiedenen Verantwortungsbereichen der IJBS als spiritus rector.

Am Ort des schrecklichsten Verbrechens des vergangenen Jahrhunderts, wo Deutsche die industrielle Ermordung bestimmter Menschengruppen (allen voran Juden und Polen) vollzogen haben, hat er zwischen der Altstadt Oswiecim und der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in den Auen des Weichsel-Nebenflusses Sowa zusammen mit seinen polnischen Kollegen einen Ort der Begegnung geschaffen. »Für das Leben« haben sie gebaut, Räume für »Gemeinschaft« haben sie gestaltet, »Heimat auf Zeit« gewähren sie, »Transparenz« lassen sie erfahren, »Vertrauen« wird als Bauelement erlebbar. So formuliert es Morlok in einem Beitrag zum 10jährigen Bestehen der Begegnungsstätte.12 Das sind Werte, die den bis 1945 geltenden Unwerten diametral entgegenstehen, die ein Protest gegen Unrecht und Gewalt sind und die, biblisch gedeutet, Gottes Schritte auf dem Weg seines Reiches sind, auf dem Weg zum Menschen. Morlok hatte es als »Berufung« verstanden, an diesem großen Werk der Begegnung und Versöhnung mitarbeiten zu dürfen. 1998 wurde dort auch – nach langen Diskussionen um den Sinn – ein dringend notwendiger »Raum der Stille« geschaffen. Gespräch und Ruhe gegen Kommandoton und Leistungsperfektionismus! Dies wird in Architektur und Raumgestaltung sichtbar.

Eine zukunftsorientierte Erinnerungskultur

In der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz geschieht das, was wir oft nur künstlich und hoch stilisiert vordiskutiert bekamen: Eine behütete und zukunftsorientierte Erinnerungskultur. Der berühmte Mahnspruch der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem (»Verdrängung hält die Erlösung auf – sich erinnern bringt sie näher«) und die Intention der bedeutenden Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 8. Mai 1985 – dem 40. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Terror der Nazis (»Das eigene historische Gedächtnis muss als Leitlinie für unser Verhalten in der Gegenwart und für die ungelösten Aufgaben genutzt werden, die auf uns warten«) – beschreiben die Eckpunkte der gebotenen Erinnerungsarbeit. Erinnerung braucht äußere und innere Räume – Schutz und von der Vergangenheit in die Zukunft gelenkte Strukturen.

Das von Morlok erstellte Haus, das seither viele internationale Gäste zusammenführt in Austausch, Festlichkeit, Besinnung, Unterricht und Kultur, verwirklicht den pädagogischen und spirituellen Ansatz, den der jüdische Religionsphilosoph deutscher Abstammung Martin Buber (1878-1965) immer wieder formuliert hat: »Alles wirklich Lebendige ist Begegnung« und »Du wirst gewollt für die Verbundenheit«. Wo keine Begegnung ist, ist Tod und Gewalt. Und ebenso auch dort, wo Menschen nicht erwartet werden, wo ihnen nicht freundlich entgegen gegangen wird. Unsere Lebenserfahrungen belegen dies.

Der unvergessene Berliner Bischof Kurt Scharf (1902-1990) der auch zeitweise Vorsitzender von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste war, hatte angesichts der Baupläne für die Jugendbegegnungsstätte einmal gesagt: »In ihnen wird etwas vom Sieg des Auferstandenen über den Tod erkennbar … (das Haus) spiegelt die Spiritualität der Aktion Sühnezeichen wieder.«13

Dieser religiösen und spirituellen Dimension wird nicht nur der Raum der Stille gerecht sondern auch ein ganzheitliches Bildungsverständnis, das die Arbeit der IJBS seither mitbestimmt. Erinnerung hat eine religiöse Dimension. Die jüdische Tradition und als Folge die christliche Auferstehungsbotschaft basieren auf dem kulturellen Gedächtnis: Gott wird erinnert (Gen. 9), Menschen erinnern sich an Gott (Ps. 20) sowie an die Heilsgeschichte (Dtn. 6). Christen erinnern sich an das letzte Mahl mit ihrem Herrn (1. Kor. 11). So gewinnen Menschen Anteil an Shalom und Beheimatung im umfassenden Sinn. Erinnerung ist Friedensarbeit! Aber bei Erinnerung können wir nicht stehen bleiben: In einem Artikel der »New York Times« über das aktualisierte Ausstellungskonzept der Gedenkstätte Auschwitz wird dies mit Recht und im Blick auf die Zukunft angemahnt. Von »teaching« statt »memorializing« ist dort die Rede.14

Seit ein paar Jahren ist die IJBS auch wichtige Kulturträgerin für die Industriestadt Oswiecim (mit Theater, Lesungen, Ausstellungen). Dazu trägt vor allem Leszek Szuster, der gegenwärtige Direktor bei, der als ehemaliger Lehrer und Religionswissenschaftler diese Entwicklung fördert.

Diesen emotional getragenen, intellektuell anspruchsvollen ganzheitlichen Lernprozess beschreiben viele Jugendliche nach ihrem Aufenthalt dort: »Es wird wahrscheinlich sehr sehr lange dauern, bis ich vergessen habe, was ich hier sah und hörte. Die Eindrücke, die ich hier erhalten habe, werden mich mein ganzes Leben lang begleiten. Wir alle sind Erben der Geschehnisse von Auschwitz.« (Ewa Milka)15 »Ich gehe durch das Lager in Auschwitz und begreife nichts, überhaupt nichts. Vielleicht weinen die Bäume.« (Annette Kuppler)16 »An diesem grausamen Ort können wir die statistischen Daten in Bilder umwandeln, die unsere Herzen berühren und uns nicht schweigen lassen« (NN).17

Herausforderungen und Möglichkeiten

Freilich gibt es auch Probleme: Die ständige Sorge um die Finanzierung etwa – es gibt kaum regelmäßige Sponsoren und Geldmittel. Mangelndes Problembewusstsein bei politischen Mandatsträgern und potentiellen Geldgebern – auch bei einigen entscheidenden Gremien der polnischen Gesellschaft mit dem stummen Vorurteil, dies sei doch ein »deutsche Haus«18. Und dann gibt es regelrechte Konkurrenz von vergleichbaren Bildungseinrichtungen – etwa in dem 100km nordwestlich gelegenen Kreisau (»Stiftung Kreisau für europäische Verständigung«). Auch der Hotelbetrieb wäre als solcher attraktiv – aber die IJBS ist eben mehr und anderes als bloße Unterkunft für Touristen. Dann die inhaltlichen Barrieren, die eher zunehmen: die Geschichtsvergessenheit, ein politischer und moralisch-religiöser Analphabetismus sowohl in Deutschland wie auch in Polen, Oberflächlichkeit in der Jugendkultur, ein Desinteresse an Polen. Junge Menschen fahren heute lieber nach Spanien oder nehmen an einem Schüleraustausch mit China teil! Und schließlich die latente oder offen gestellte Frage nach der Relevanz von Gedenkstätten-Arbeit und von Erinnerungspädagogik – etwa in einer jüngst stattgefundenen Tagung der Brandenburgischen Akademie zum Thema »Hurting memories«, wo psychische Risiken des Erinnerns reflektiert wurden.19 So bleibt den verantwortlichen Mitarbeitern und Trägern neben aller organisatorischer Kleinarbeit und Bemühung um Fundraising eine Menge an Überzeugungsarbeit.

Seit 1996 wird das Haus von einer Stiftung getragen. Die Stadt Oswiecim und ASF sind Stifter. Im Stiftungsrat selbst sind polnische und deutsche Persönlichkeiten der evangelischen und der katholischen Kirchen vertreten, ebenso von jüdischen Einrichtungen und Sintigruppen, aus Schule und Kommune, aus Politik und Kultur – auch aus der Industrie. Vorsitzende des Stiftungsrates sind aktuell der Bundestagsabgeordnete Dietmar Nietan aus Düren/Nordrhein-Westfalen und der Kulturwissenschaftler Dr. Joachim Russek aus Krakau. Es gibt eine enge Kooperation mit dem katholischen »Zentrum für Gebet und Dialog« in Oswiecim, dessen Leiter Dr. Manfred Deselaers eine konstruktive Partnerschaft zur IJBS pflegt.

Das Haus bietet weiterhin wunderbare und außergewöhnliche Chancen und Möglichkeiten: z.B. Studienfahrten mit »rechtsorientierten« Jugendlichen, die sich einlassen auf Thema und Methode (es gibt diese!); trilaterale Begegnungen zwischen Jugendlichen aus Israel, Polen und Deutschland20; junge Gäste mit »Migrationshintergrund« (da entdecken Hauptschüler einen Teil ihrer Identität bei der Aufarbeitung der Motive der Widerstandskämpfer des 20.Juli!); historische Seminare für Menschen aus der Ukraine, Polen und Deutschland; Workshops mit Behinderten aus Deutschland und Polen21, Seminare mit Auszubildenden von VW Wolfsburg und Berufsschülern aus der Region Krakau; methodisches Lernen – das symbolische, zeichenhafte Handeln fast wie bei den Propheten der hebräischen Bibel – als zentraler ethischer Ansatz von ASF (»man kann es einfach tun«)22; Vorbild für politische Versöhnungsarbeit an aktuellen Konfliktherden23 (z.B. für Kambodscha, Armenien, Serbien, Zimbabwe, Libanon-Israel) oder die Umsetzung des Erlebten etwa im Film »Am Ende kommen Touristen« (2006) – dessen junger Regisseur Robert Thalheim früher ASF-Freiwilliger in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau war24 – als didaktisch gelungener Versuch, junge und unbelastete Menschen mit der grausamen Vergangenheit unserer Geschichte zu konfrontieren und mit der sinnvollen, Frieden stiftenden (und das vielfältige Leben junger Menschen befördernden) Arbeit von ASF vertraut zu machen; auch die Kooperation mit dem Haus Ben Jehuda/Jerusalem; die wissenschaftliche Begleitung der Bildungsarbeit (z.B. durch Magister- und Examensarbeiten)25; eine Erweiterung des Verständnisses und der Praxis politischer Bildung und persönlicher Reifung (beides bedingt einander im ganzheitlichen Heilwerden: Bildung hat auch religiöse Wurzeln und Gestaltungsräume); die spirituelle Kraft der Erinnerung und des moralischen Gedächtnisses entdecken und entfalten; Klärung eines wieder karikierenden, heiteren und insofern leichtfertigen Polenbildes26; die Suche nach neuen medial vermittelten Zugängen zu Zeitzeugen-Dokumenten (Filme, Gesprächsinterviews …), weil die noch lebenden Zeitzeugen »aussterben«, aber biografische Zeitzeugen über die Generationenfolge möglich und nötig sind (therapeutisch aufgearbeitete Familiengeschichte) …

Eine ganz andere und neue Entwicklung dieses umfassenden pädagogischen und politischen Ansatzes ist, dass die Verantwortlichen der IJBS mit einer Initiative in Vogelsang/NRW Kontakt aufgenommen haben. Dort befand sich bis 1945 eine der drei sog. Ordensburgen. Diese hatten während der Nazidikatur das Ziel, junge Menschen zu fanatisierten Führungskräften der Rassen und zur Hassideologie zu erziehen. Ein erster Schüleraustausch zwischen Gymnasiasten aus Düren/NRW und Zlocieniec/Polen (wo eine der anderen Ordensburgen war) hat in diesem Jahr – zusammen mit Helmut Morlok – stattgefunden.27 Nun soll dort in Zusammenarbeit mit der IJBS eine ebensolche Begegnungsstätte neben vielen anderen Kultureinrichtungen aufgebaut werden, um gemeinsam 70/80 Jahre später aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen – mit der Enkel- und Urenkelgeneration von Tätern und Opfern zusammen! Der Größenwahn eines eingebildeten »neuen Menschen« von damals begegnet dann der realen Lebenserfahrung von Familien – auch dem bunten Leben schlichter und normaler, junger Menschen aus unserer Zeit. Was kann es Hoffnungsvolleres geben als solche Chancen der Begegnungen, des Austauschs, des kulturellen und persönlichen gemeinsamen Lernens?

»Wir bitten um Frieden« durch das »heilsame Haus« der IJBS – zwischen konkreten Menschen, zwischen den Generationen und nicht nur zwischen Völkern. Das ist nur in großer Ehrlichkeit, mit viel pädagogischem Elan und mit überzeugendem Verantwortungsbewusstsein möglich. Die jungen Menschen, die in der IJBS zu Gast sind, bringen dies auf. Ihnen und Gott sei Dank!

⇒Weitere Informationen über ASF: www.asf-ev.de, Konto: 311 37-00 Bank für Sozialwirtschaft ­Berlin (BLZ 100 205 00); über die IJBS: www.mdsm.pl, Konto: PEKAO SA, PL 04124041551111000046325585; und über den Förderverein der IJBS: Kocherstr. 49, 71263 Weil der Stadt, Konto: 7430000594 Baden-Württembergische Bank Stuttgart (BLZ 600 501 01)

Anmerkungen:

1 Katarina Bader, Jureks Erben – Vom Weiterleben nach dem Überleben, Köln 2010, 233.
2 Christian Wulff, Brief an Dietmar Nietan (MdB) vom 7.2.2011 (unveröffentlicht).
3 Leszek Szuster, Christoph Heubner (hrsg.), Die andere Seite der Welt, Oswiecim 2007, 125.
4 Informationen der Offenen Kirche Württemberg, 2/1981.
5 Zur Gründungsgeschichte von ASF s. Gabriele Kammerer, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste – Aber man kann es einfach tun, Berlin 2008, bes. S. 12.
6 Susanne Orth (Hrsg.), »Wie soll ich singen …« – 10 Jahre Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz, Berlin 1996, 36.
7 Zur Entstehungsgeschichte der IJBS s. Kammerer, 169ff und 198f.
8 Manfred Wittmeier, Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz – Zur Pädagogik der Erinnerung in der politischen Bildung, Frankfurt/M. 1997, 71.
9 Katrin Buchholz, Die Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz und ihr Auftrag zur Verständigung und Versöhnung – Religionspädagogische und didaktische Perspektiven …, Weingarten 2000 (unveröffentlichte Examensarbeit), 62f.
10 Orth, 61.
11 Volker von Törne, Im Lande Vogelfrei – Gesammelte Gedichte, Berlin 1981, 149.
12 Orth, 57ff.
13 Orth, 59.
14 Michael Kleemann, Auschwitz Shifts from Memorializing to Teaching (»New York Times«, 19.2.2011).
15 Szuster, Heubner, 77.
16 A.a.O., 78.
17 A.a.O., 16.
18 Orth, 51.
19 info@brandenburgische-akademie.de.
20 Christiane Laehnemann u.a. (Hrsg.), encounter with history – a path to the future, diary of an Israeli-Polish-German program in Auschwitz, Oswiecim, (ohne Jahresangabe).
21 Teresa Milon-Czepiec, Ewa Guziak (Hrsg.), Wenn die Steine sprechen könnten – deutsch-polnischer Kunstworkshop für blinde und sehbehinderte Jugendliche, Oswiecim/Stuttgart 2003, oder Johanna Dyduch (Hrsg.), deutsch-polnisch-israelische fotoworkshops »hoffnungen«, Oswiecim 2007/2008.
22 Kammerer, 7.
23 The Role of Youth and Adult Education in working with the Past and Reconciliation Process, Internet: BoCAED.
24 SPIEGEL 33/2007, 141.
25 Z.B. Wittmeier oder Michael Maurer, Erziehung nach Auschwitz – Begegnungs- und Gedenkstätten als Herausforderung innerhalb außerschulischer Bildungsarbeit, Ludwigsburg 2000 (unveröffentlichte Examensarbeit).
26 Etwa Matthias Kneip, Polenreise – Orte, die ein Land erzählen, Erlangen 2007, oder Steffen Möller, Viva Polonia – Als deutscher Gastarbeiter in Polen, Frankfurt/M. 2009.
27 Georg Toporowsky u.a., Helmut Morlok: vom Hitler-Schüler zum Architekten der Versöhnung (internet: Morlok Helmut).

Über den Autor

Schuldekan i.R. Christian Buchholz, zunächst Dozent an der PH Schwäbisch Gmünd und Gemeindepfarrer in Stuttgart, dann Studienleiter an der Evang. Akademie Bad Boll, zuletzt (bis 2008) Schuldekan; 2002-2011 Vorsitzender des Pfarrvereins Württemberg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2012

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