Lebensformen im Pfarrhaus
Wohnst du schon oder lebst du noch?

Von: Ilona Nord
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Die Diskussion um Lebensformen im Pfarrhaus muss aktuell vor dem Hintergrund der Vielfalt von Lebensformen in unserer Gesellschaft geführt werden. Ilona Nord stellt zwei Lebensformen detaillierter dar und diskutiert sie in praktisch-theologischer Perspektive. Sie schlägt vor, die theologische Orientierung für eine Erneuerung der Pfarrhauskultur an der Reflexion über das Wohnen auszurichten. Das wirft nicht zuletzt fragen nach einer Erneuerung des Amtsverständnisses in der Evangelischen Kirche auf.1

1.  Leben im Pfarrhaus heute und ­praktisch-theologische ­Reflexionen dazu

Es lohnt, sich die Vielfalt vor Augen zu führen, in der derzeit bereits in evangelischen Pfarrhäusern gelebt und gearbeitet wird: Der Pfarrer, der mit seiner Ehefrau zusammen im Pfarrhaus wohnt, sie haben zwei Kinder; die Pfarrerin, die mit ihrem Ehemann im Pfarrhaus wohnt, sie haben drei Kinder; die Pfarrerin, die ledig ist; der Pfarrer, der geschieden ist; die lesbische Pfarrerin, die eine Lebensgefährtin hat, die außerhalb der Gemeinde wohnt; das heterosexuelle Pfarrehepaar, das sich eine Stelle teilt und auch die Erziehungsarbeit gemeinsam macht; das heterosexuelle Pfarrehepaar, das 1,5 Stellen inne hat und ohne Kinder lebt; die Pfarrerin und der Pfarrer, die verheiratet sind und zwei volle Dienstaufträge wahrnehmen; das homosexuelle Pfarrerpaar, wo beide Pfarrer zusammen im Pfarrhaus wohnen, einer von ihnen ist im Gemeindedienst, der andere auf einer Funktionsstelle, einer von ihnen bringt eine Tochter aus seiner vorangegangenen Ehe mit in die neue Lebensgemeinschaft ein; die Pfarrerin, die mit einem halben Dienstauftrag in der Gemeinde arbeitet, mit Ehemann und Kindern im Pfarrhaus lebt, der Ehepartner arbeitet nicht in der Kirche. Die Liste ist keineswegs vollständig. Leben im Pfarrhaus vollzieht sich in vielen Formen. Zwei Lebensformen, die für das Berufsfeld der Pfarrerin und des Pfarrers zugleich von spezifischen Traditionsbeständen begleitet werden, sind für eine erste Beschreibung ausgewählt worden.

1.1  Traditionsreich I: Ein Pfarrer, seine Ehefrau und die beiden Kinder

Sie wohnen im Pfarrhaus im alten Ortskern eines Stadtteils in einer Großstadt. Sie sind als junges Paar dort eingezogen. Es ist ein altes, wunderbares Haus, in dem im Parterre das Gemeindebüro liegt. Das Haus liegt genau neben der Kirche. Ein Idyll. Auch seine Frau kann das genießen. Einerseits weil sie selbst fest mit dem christlichen Glauben verbunden ist. Von klein auf hat sie Orgel gespielt, dadurch viele Gottesdienste musikalisch begleitet, aber sie hat eben auch selbst gern den Konfirmandenunterricht besucht und war in ihrer Jugendzeit lange im Jugendclub ihrer Gemeinde. Als Grundschullehrerin gibt sie Religionsunterricht.

Zuerst waren sie zu zweit. Er hatte noch mehr Freiräume, z.B. um Leute aus der Gemeinde einzuladen und sie zu bekochen. Kochen ist eine Leidenschaft von ihm. Dann kam die Tochter auf die Welt. Von der Straße ist zu sehen, welches Zimmer ihres ist. Stets sind schöne lebendige Bilder an die Fenster geklebt. Die ganze Gemeinde nahm an ihrer Geburt Anteil. Drei Jahre später wurde der kleine Sohn geboren. Wieder freute sich die Gemeinde an dem jungen glücklichen Pfarrersleuten mit ihren goldigen, gut geratenen Kindern. Als der zweite in den Kindergarten kommt, hat sie wieder angefangen zu arbeiten. Als Grundschullehrerin kann sie leicht Stück für Stück aufstocken. Ein optimales Arrangement. In der Zwischenzeit wurde er immer wieder einmal krank. Zuerst immer nur wenige Tage im Jahr, allerdings nie an den Feiertagen. Nach ein paar Jahren nahmen aber Unwohlsein und Kraftlosigkeit zu. Ein Tinnitus stellte sich ein, ging auch nicht mehr weg. Die körperlichen Belastungen wurden so hoch, dass er aussetzen musste. Er war für mehrere Monate krank geschrieben, ging in ein Sanatorium. Seine Frau ist derweil mit den beiden Kindern allein zuhause im Pfarrhaus. Jeden Tag im Treppenhaus oder auf dem Bürgersteig die Frage: »Wie geht’s Ihrem Mann? Erholt er sich wieder? Der Arme! War wohl alles zu viel. Und dann auch noch Ihr Beruf. Aber so ist das ja heute üblich.«

Reflexion

Die geschilderte Pfarrfamilie repräsentiert in gewisser Weise noch viel von dem Ideal, das mit dem Pfarrhaus im Protestantismus verbunden wurde und wird. In der Literatur über das Pfarrhaus ist zu lesen, wie es als »Pflegestätte christlicher Hauskultur« zu sehen ist, dazu gehörten Musik, Feste und Konversation. Vom Pfarrhaus gingen soziale und kulturelle Innovationen aus. Nicht zu vergessen ist auch, dass hier der theologische Nachwuchs herangezogen wurde. Aber auch viele politisch wie kulturell bedeutende Personen stammen aus Pfarrhäusern. Aus meiner Sicht haben sehr viele Pfarrerinnen und Pfarrer sich in der Gestaltung ihrer Lebensform keineswegs vom Ideal des Pfarrhauses verabschiedet, sondern versuchen in der Auseinandersetzung mit ihm noch immer so etwas wie einen christlichen Lebensstil zu entwickeln. Sie nehmen auch gerne die Zuschreibung von außen auf, dass es im Pfarrhaus schon immer etwas anders zugegangen ist. Dieser Satz wird einerseits augenzwinkernd gesagt und andererseits gibt es zugleich einen normativen Anspruch, der mit der heterosexuellen Lebensform der Ehe verbunden wird. Obwohl die Ehe innerhalb evangelischen Verständnisses gerade kein Sakrament ist und obwohl das Pfarrhaus mit anderen Lebensformen als den üblichen verbunden wird, wird die Ehe in der Diskussion um die Zukunft des Pfarrhauses für hoch bedeutsam gehalten. Im Pfarrhaus soll, so wird gesagt, die Ehe auf vorbildliche, genauer: auf christliche Weise gelebt werden.2

Wie muss man sich das Vorbild konkret vorstellen, wenn z.B. die Erwerbstätigkeit von sog. Pfarrfrauen oder Pfarrmännern Veränderungen in der Arbeitsteilung der häuslichen Aufgaben mit sich bringt? Wie kann darauf eingegangen werden, dass die Partnerinnen und Partner entweder einer anderen Konfession oder gar einer anderen Religion angehören bzw. sich selbst als religionslos bezeichnen. Können Pfarrhäuser für Partnerschaften geöffnet werden, in denen die Partnerin/der Partner andersgläubig sind, keiner Konfession angehören bzw. für die Religion kein zentrales Moment ihrer Identität beschreibt?

Neben den Faktor Geschlecht tritt bereits seit einigen Jahren der Faktor Religion bzw. Weltanschauung, wenn es darum geht, ob und wie im Pfarrhaus gewohnt werden kann. Kirchenleitungen bewegen sich hier auf der Grenze einerseits der Anerkennung bürgerlicher Rechte und damit des Antidiskriminierungsgebots in einer bürgerlichen Kultur und andererseits der Zielsetzung, dass die Lebensformen ihres hauptamtlichen Personals zugleich zur Profilierung einer christlichen Kultur beitragen sollen. An den Merkmalen »Arrangements der Arbeitsaufteilung« sowie »Religionszugehörigkeit« werden gegenwärtige Krisenanfälligkeiten des Lebens im Pfarrhaus kenntlich.

Der emeritierte Münchner Professor für Prakt. Theologie Wolfgang Steck sagt, dass das Pfarrhaus faktisch nicht mehr existent sei, es sei allein in seiner ideellen und symbolischen Gestalt noch gegenwärtig: »War das Pfarrhaus in seiner Blütezeit mit dem Anspruch aufgetreten, die protestantische Frömmigkeitskultur nach seinem Bilde zu formen, so passte es sich nun umgekehrt an die allgemein verbreiteten Lebensvorstellungen an. Wie sich das in sich geschlossene Modell des bürgerlich-protestantischen Pfarrhauses mit der Pluralisierung der Lebensstile auflöste, so mutierte insbesondere das urbane Pfarrhaus infolge der immer deutlicheren Trennung von Berufsarbeit und Privatleben zum Wohnhaus einer privaten Familiengemeinschaft.«3 Steck führt eine These fort, die Karl-Wilhelm Dahm bereits 1978 formulierte und die bis heute ihre Bedeutung nicht verloren hat. Er sprach von der Rückwanderung zentraler Pfarrhausfunktionen an die Person des Geistlichen.4 Während bis vor ca. 30 Jahren das Pfarramt von der Pfarrfamilie repräsentiert wurde, käme es nun zunehmend zur Repräsentanz des Amtes allein durch den Pfarrer oder die Pfarrerin. Es wirkt konsequent, wenn in den Praktischen Theologien der letzten 30 Jahre sehr wohl über den Pfarrberuf sowie das Amtsverständnis geschrieben wird, aber so gut wie keine oder höchstens sehr kurze Reflexionen zum Pfarrhaus zu finden sind.

Anstatt hinter der Frage nach der Zukunft des Pfarrhauses nun aber gleich den allgemeinen Niedergang der europäischen christlichen Kultur zu sehen, anstatt zu bedauern, dass die fetten Jahre vorbei sind, halte ich eine Haltung des kritischen Konstruktivismus für angemessener. Denn es ist es für Kirche und Frömmigkeit keineswegs nur von Schaden, dass das herkömmliche Modell nicht mehr funktioniert. Mit ihm wurden nicht nur neue und innovative Säulen in das Gebäude reformatorischer Kultur eingesetzt, sondern auch tragende Pfeiler gegen die Entwicklung einer geschlechtergerechten Kirche. Und diese wirken nicht nur nach innen, sondern auch nach außen, auf die Wertebildung in einer Gesellschaft. Die gut 50 Jahre anhaltenden gesellschaftlichen Umbauten im Geschlechterverhältnis fordern zu neuen Konzepten für das Wohnen im Pfarrhaus heraus. Mangelnde Geschlechtergerechtigkeit und die Zwickmühle, durch plurale Religionszugehörigkeit sowie Konfessionslosigkeit vom Wohnen im Pfarrhaus ausgeschlossen zu werden, haben neben anderen persönlichen Fragen des Lebensstils dazu geführt, dass Pfarrpersonen häufig lieber zurückgezogen, zum Teil auch anonymer als im Pfarrhaus wohnen möchten. Dazu kommt die Anstrengung, sich gegenüber der häufig geforderten Totalrolle angemessen abgrenzen zu können. Auch hier geht es letztlich nicht um Geschmacksfragen, sondern um Existentielles: Gesundheit und Krankheit, Burn-out im Pfarrberuf, sind seit einigen Jahren stark angefragte Themen in der Fortbildung. Eine empirische Untersuchung dazu, ob im Pfarrhaus wohnende Pfarrerinnen und Pfarrer nach ihrer Selbstaussage häufiger an Burn-out-Syndromen leiden als ihre Berufskolleginnen und -kollegen, die von der Residenzpflicht befreit sind, wäre ein wichtiger Schritt, Selbstaufklärungsprozesse einzuleiten. Außerdem ist zu vermuten, dass sich die große Freiheit und die geringe Struktur, die das Arbeiten im Gemeindepfarramt prägt, auf die Leistungsfähigkeit auswirken.5 Hier beschreibt Ulrike Wagner-Rau hohen Druck und wenig Struktur als eine signifikante Spannung, die es im Beruf der Pfarrerin bzw. des Pfarrers auszuhalten gelte. »Dazwischen gibt es Konflikte, Unsicherheit, Trauer, Chancen, kreative Freiräume. Der Übergang ist ein religionsoffener, potentiell spiritueller Ort, der fordert, nach dem zu suchen und zu fragen, was einen trägt und den Schritt ins Offene hinein wagen lässt.«6 Sowohl was die Gestaltung des Berufsfeldes als auch was die Wohnsituation angeht, ist also vieles im Pfarrberuf möglich. Doch die hohe Offenheit bringt den Druck mit sich, das eigene Leben als Pfarrerin oder Pfarrer stets und immer wieder neu selbst erfinden zu müssen. »Die Pfarrerinnen und Pfarrer stehen unter der Erwartung, mit ihrem Leben etwas ›Vorbildliches‹ zu repräsentieren, und sie haben auch selbst diesen Anspruch.«7

Es versteht sich nicht von selbst, dass eine Pfarrerin oder ein Pfarrer einen Partner findet, der nicht nur Verständnis für diesen Beruf mitbringt, sondern sogar bereit ist, am alltäglich gelebten Leben im Pfarrhaus oder in der Dienstwohnung zu partizipieren. Lebt eine Pfarrerin oder ein Pfarrer als Single in einem Pfarrhaus, liegt es nahe die christliche Profilierung an das (Vor)-Bild des röm.-kath. Priesters anschließen zu lassen. Somit wandern nicht nur Pfarrhausfunktionen an die Person des Geistlichen zurück, wie Dahm formulierte, sondern die Kultur des Pfarrhauses wird aufgegeben. Denn der Single, so ist häufig zu hören, lebt im Grunde ganz für seinen Beruf; er oder sie braucht so gut wie keine Energie für das Familienleben und scheint so für die Gemeinde noch verfügbarer als etwa eine verheiratete Pfarrerin es – erster allgemeiner Einschätzungen von außen zufolge – sein kann.

Individualisierungsprozesse wie die Fragen nach Gleichberechtigung und Religionspluralität bringen es mit sich, dass die Single-Lebensform letztlich diejenige ist, die auch für verheiratete oder in anderen Lebensformen lebende Pfarrerinnen und Pfarrer modellhaft wirkt. Dietrich Rösslers Anfang der 90er Jahre erschienene Praktische Theologie weist den Grund dafür aus. »Der Pfarrer ist ständig in Anspruch genommen.«8 Im Kapitel über Person und Beruf ist keine Rede davon, dass es zum Pfarrberuf gehören könnte, seine Berufung teilen zu können. Person und Beruf werden in individueller Perspektive diskutiert.

1.2  Traditionsreich II: Als Pfarrerin ­alleinstehend mit ­Satellitenbeziehung

Sie ist Pfarrerin und lebt allein in einer Dienstwohnung im Gemeindegebiet einer Kleinstadt. Ihre Lebensgefährtin will nicht zu ihr ziehen. Die Freundin will mit der Gemeinde nicht so viel zu tun haben. Pfarrerin ist ein von ihr geschätzter Beruf, interessant, irgendwie auch etwas exotisch. Aber als »Pfarrfrau« will sie auf keinen Fall herhalten müssen. Inzwischen sind es fast 20 Jahre, in denen die Pfarrerin und sie ein Paar sind. Zwischendrin hatten sie eine Krise, ein halbes Jahr haben sie deshalb getrennt gelebt. Die Lebensgefährtin der Pfarrerin hatte eine andere Frau kennen gelernt, in die sie sich verliebt hatte. Dann hatte die Pfarrerin selbst die Beziehung beendet, sie wollte jemanden finden, der mit ihr zusammen im Pfarrhaus wohnt. Aber es hatte sich niemand gefunden. Irgendwie waren sie wieder zusammengekommen. Sie fahren zusammen in Urlaub, verbringen die freien Wochenenden miteinander, die Festtage, wenn es geht. Aber sie wohnen nicht zusammen. Wenn die Pfarrerin frei hat, fährt sie immer zu ihrer Lebensgefährtin. Da muss sie nicht befürchten, dass sie jemanden aus der Gemeinde treffen. Aber eigentlich findet sie es nicht richtig. Eigentlich will sie gar nicht mit Fernabfrage am Wochenende überprüfen, ob sie in der Gemeinde gebraucht wird. Und außerdem will sie eigentlich auch mehr in ihren vier Wänden sein, nicht nur immer zum Arbeiten und Schlafen, sondern auch zum Einfach-da-sein. Eigentlich hat sie auch Freunde und Freundinnen in der Gemeinde. Immerhin ist sie schon über sechs Jahre auf dieser Stelle. Und ist es für die Gemeinde nicht auch merkwürdig, dass alle wissen, dass sie nicht allein lebt, aber dass ihre Partnerin sich nie zeigt? Manchmal fragt die Pfarrerin sich: Irgendwie liebt sie mich nicht richtig, sonst würde sie sich mehr für meinen Beruf interessieren und würde auch diesen Teil meines Lebens gern mehr mit mir teilen.

Reflexion

Weil es nicht möglich ist, gemeinsam im Pfarrhaus zu leben, entfällt für die Pfarrerin ein häusliches Beziehungsnetz, in dem sie ihre Berufung auch mit anderen teilen kann. Um ihrer Lebensform dennoch eine christliche Profilierung zu geben, die an eine wirkmächtige Tradition anschließt, kann sie an das (Vor-)Bild von der Lebensform des röm.-kath. Priesters anknüpfen. Auf diese Weise wandern nicht nur Pfarrhausfunktionen an die Person des Geistlichen zurück, sondern die Kultur des Pfarrhauses entfällt zugunsten einer Profilierung geistlichen Lebens, das zumindest öffentlich als zölibatär gelebt wahrgenommen wird. Ein Blick in die Geschichte des Pfarramts zeigt außerdem, dass die ersten Frauen, die als evangelische Pfarrerinnen arbeiteten, damals kirchenleitend gezwungen wurden, nicht zu heiraten; bereits verheiratete Theologinnen konnten nicht ordiniert werden.9 Viele der ersten Pfarrerinnen haben darum gerungen, ihr Leben als Pfarrerin mit anderen Menschen auch im täglichen Zusammenleben innerhalb eines Hauses oder einer Wohnung zu teilen: »Da von den ersten Theologinnen, die ein Amt in der Kirche oder Schule bekleideten, eine zölibatäre Lebensweise gefordert wurde, schieden die verheirateten Theologinnen, so Maria Heinsius und Katharina Müller-Krüger, automatisch aus dem Dienst aus. Andere, wie Elisabeth Grauer, schlossen Lebensgemeinschaft mit Freundinnen oder waren wie Meta Eyl und Cornelia Weyrausch jahrelang für die Versorgung ihrer Eltern und Geschwister zuständig. Annemarie Rübens erfüllte sich ihren Kinderwunsch gegen alle Konvention ohne die Ehe. Von Klara Hunsche wird berichtet, dass sie immer nur ›mit ihrem Beruf verheiratet war‹.«10

Bereits ab den 1930er Jahren gab es eine Vielfalt von Lebensformen im Pfarrberuf, auch wenn sie ihrer Zahl nach selbstverständlich sehr viel weniger bedeutsam waren als heute. Aber es wird sichtbar, dass mit dem Eintreten von Frauen in den Pfarrberuf bereits früher ein Transformations- und Pluralisierungsprozess für Lebensformen im Pfarrhaus verbunden war. Zweitens wird besonders gut sichtbar, dass das Ideal der bürgerlichen Pfarrfamilie darauf aufbaute, dass eine Person, in aller Regel die Ehefrau, im Kontext Pfarrhaus arbeitete und damit dem Pfarramt auf basale Weise zuarbeitete. So ist es jetzt zu begrüßen, dass der Pfarrberuf auch auf dem Gebiet der bürgerlichen Werte und Rechte professionalisiert wird. Es entsprach weder in früherer Zeit noch heute dem bürgerlichen Wert der Chancengleichheit bzw. der Gleichberechtigung, wenn Frauen (oder im Rollentausch dann auch Männer) sowie Kinder ein Leben aus zweiter Hand führen und dies zugleich im Kontext von christlichen Lebensführungen als vorbildlich gelten soll. Alleinlebende und allein erziehende Pfarrerinnen und Pfarrer sowie homosexuelle Paare verändern das Bild vom Leben im Pfarrhaus bereits seit längerem. Weil das Bild von der heterosexuellen Pfarrfamilie als Urbild aber immer noch einen festen Platz in den Sehnsüchten nach Bildern vom gelingenden Leben hat, sind Druck, Konflikte und Unsicherheiten im Umgang mit dem Leben im Pfarrhaus zugleich alltäglich spürbar. In dieser ambivalenten Situation empfiehlt es sich, anstatt auf der Normativität eines Leitbildes zu beharren, das den Normen einer geschlechtergerechten Kirche nicht stand hält, einen Kommunikationsraum dafür zu öffnen, wie man mit diesen Spannungen lebensdienlich umgehen kann.

2.  Die EKD plädiert für die ­Erhaltung des Pfarrhauses

Die EKD hat im Jahre 2002 unter dem Titel »Empfehlungen zu Fragen des Pfarrhauses« ihr Plädoyer für das Pfarrhaus vorgelegt. In ihm wird vertreten, dass die Koordinaten für den Entwurf von Lebensformen im Pfarrhaus neu eingestellt werden müssen, grundsätzlich sei aber an der Einrichtung des Pfarrhauses festzuhalten. Ganz praktische Gegebenheiten und Schwierigkeiten kommen hier in den Blick: Die Zukunft des evangelischen Pfarrhauses dürfe nicht ausschließlich unter Kostengesichtspunkten diskutiert werden.11 Viele Gemeinden haben in den letzten Jahrzehnten Pfarrhäuser verkauft, weil sie ihre Unterhaltung nicht mehr gewährleisten konnten und das Pfarrpersonal selbst die großzügigen Wohnungen auch nicht mehr mieten wollte, da die Miete einen zu großen Anteil am Gehalt betrug. Auf diesem Hintergrund erschien es sinnvoller, innerhalb des Gemeindegebietes eine angemessene Wohnung oder Häuser nach Bedarf anzumieten. Es wird auch klar benannt, dass das traditionelle Pfarrhaus für Pfarrerinnen und Pfarrer auch deshalb nicht mehr als Wohnort attraktiv sei, weil die persönlichen Belastungen durch die permanente Vermischung von privaten und beruflichen Lebensbereichen sehr hoch seien. Trotz dieser Einwände wird mit dem EKD-Papier dennoch für die Erhaltung des Pfarrhauses plädiert. Den Umstand, dass Pfarrerinnen und Pfarrer nie ganz privat wohnten, teilten sie schließlich auch mit Menschen, die in anderen Professionsberufen arbeiten und außerdem enthalte diese Orientierung aufgrund der reformatorischen Neubewertung »der innerweltlichen Pflichten« ein genuin evangelisches Anliegen: »Es ist notwendig, alle Anstrengungen zur Erhaltung des evangelischen Pfarrhauses zu unternehmen und seine Wertschätzung in kirchenleitenden Gremien und in der Pfarrerschaft zu erhöhen, damit es weiterhin

  • ein Zeichen für Gegenwart und Anteil der Kirche in der Gesellschaft,
  • ein sichtbarer Ort des gelebten Christ-Seins,
  • ein Ort für den Pfarrdienst als Profession,
  • ein Ort der Hilfe und Zuwendung und
  • eine unverzichtbare Rahmenbedingung für die erforderliche Mobilität der Pfarrerschaft

sein kann.«12

Dem EKD-Text ist zu entnehmen, dass man keinesfalls den Tod, sondern vielmehr die Wiederbelebung des Pfarrhauses unter »reformatorischem Stern« erhofft. Wenn man dieser Orientierung folgen will, müssen allerdings weitere Schlussfolgerungen gezogen werden:

Es gilt hinsichtlich der Zukunft des Pfarrhauses eine kirchliche Leitungsaufgabe wahrzunehmen. Wenn das Leben im Pfarrhaus gewollt wird, dann muss es als eine kirchenleitende Aufgabe begriffen werden, die finanziellen Grundlagen hierfür zu schaffen und diese nicht in die Privatsphäre, nämlich die wirtschaftliche Lage der Pfarrfamilie, zu verschieben. Darüber hinaus müssen aber Konzepte entwickelt werden, wie bereits vorhandene Pfarrfamilien, die gut mit dem Leben im Pfarrhaus zurecht kommen, gestärkt und gegen eine Überforderung abgesichert werden können. In vergangenen Zeiten hat die Pfarrfrauenvereinigung hierfür einen wirkungsvollen Zusammenhalt geboten. Heute brauchen wir andere, diversifizierte Konzepte um die vielen verschiedenen Lebensformen im Pfarrhaus in dem zu stärken, was sie jeweils an ihrem Ort leben können. Schließlich sei auch einmal ausdrücklich benannt, dass es zur Weiterführung des Konzeptes vom Pfarrhaus nicht nötig und nicht möglich ist, dass alle Pfarrerinnen und Pfarrer in einem Pfarrhaus wohnen. Es gehört zum Leben im Pfarrhaus auch ein gewisses Geschick und eine Leidenschaft dafür, die eigene Lebensform in die Gemeinde und in den Stadtteil hinein zu kommunizieren. Nicht alle Pfarrpersonen bringen diese Neigung mit bzw. nicht alle bringen ein Persönlichkeitsprofil mit, das ihnen ermöglicht, mit ihren Gaben diese Aufgabe gelingend zu meistern.

Der Zugang zu einem Leben im Pfarrhaus muss für eine große Vielfalt von Lebensformen geöffnet werden. Er kann nicht auf die heterosexuelle Ehe beschränkt werden. Doch zu überlegen ist, ob es zum Profil des evangelischen Pfarrhauses gehört, dass in ihm stets zu mehreren gelebt wird. Hier kann auch an Wohngemeinschaften oder an Mehrgenerationenarrangements gedacht werden. Der Entwurf und der Aufbau von solchen auch für die Gesellschaft modellhaften Lebensformen sollte nicht allein in die Kreativität und das Durchhaltevermögen von Pfarrerinnen und Pfarrer gestellt werden. Wenn eine Kirchenleitung oder ein Kirchenvorstand die Kultur des Pfarrhauses weiter aufrechterhalten bzw. erneuern möchte, muss sie dies auch als ein Element der Professionalität im Pfarrberuf schätzen und kommunizieren. Der Aufbau eines Mehrgenerationenhauses, in dem auch der Pfarrer oder die Pfarrerin mit oder ohne Familie lebt, ist dann als Teil des Berufsfeldes Pfarramt zu verstehen und nicht das Privatvergnügen der Pfarrperson. Zugleich sind solche Projekte nie als rein karitatives Engagement zu verstehen, sondern es geht gezielt darum, der Pfarrperson eine Einbettung in einen sozialen Zusammenhang, kurz: ein Zuhause zu schaffen, in dem sich die Pfarrerin und der Pfarrer wohl in ihrer ganzen Existenz fühlen können. Um dies genauer in den Blick zu bekommen, soll es nun abschließend um eine erste Skizze dessen gehen, was das Wohnen für das alltägliche Leben bedeuten kann.

3.  Im Pfarrhaus wohnen heißt, sich aufhalten für sein religiöses Dasein

Das Pfarrhaus oder die Pfarrwohnung sind heute an vielen Orten Erweiterungsbauten zur Kirche oder zum Gemeindezentrum. Sie sind Reproduktionsorte kirchlicher Arbeit. Hier lebt die Person, die die sog. Schlüsselperson des Gemeindelebens ist oder sein soll. Deshalb hat sie an ihrem Bund auch alle Schlüssel und deshalb muss sie auch alles machen, damit Gebäude und Gemeindeleben in Ordnung und auch offen gehalten werden. Seit Jahren wird dies unter dem Stichwort des Pfarrberufs als Totalrolle diskutiert. Zu ihr gehört es, dass vielfältige Abhängigkeitsstrukturen aufgebaut werden. Die Pfarrpersonen werden durch sie permanent in die Rolle gebracht, dass man sie fragt, ob sie dies oder jenes wohl tun können, ob man sie und ihre Familie »beanspruchen kann«. Das fängt dabei an, dass man die eigenen Kinder einspringen lässt, wenn jemand beim Krippenspiel krank wird, obwohl diese bereits im Oktober gesagt haben, dass sie dieses Mal nicht mitspielen wollen. Das geht weiter, wo Gruppen und Kreise nur dann stattfinden, wenn die Pfarrpersonen daran teilnehmen. Das findet seinen Höhepunkt, wo man bemerkt, wie abhängig man vom Urteil einzelner, auch wichtiger Personen in der Gemeinde geworden ist. Es geht also darum, ein Differenzbewusstsein zur Gemeinde auszuprägen, das im Alltag einen Automatismus aufbricht: den Automatismus sich stets für das Gemeindeleben beanspruchbar zeigen zu müssen, sozusagen nicht nur in der Gemeinde vernetzt zu sein, sondern (einem Bild von) ihr ins Netz gegangen zu sein (ohne dass die Gemeinde als Ganzes jemals mit einer Stimme eine solche Anforderung ausspräche). Die Folge ist, dass man nicht mehr frei für freundschaftliche und familiäre Beziehungen ist, eigentlich keine Kraft mehr hat, mit den Kindern zu spielen oder etwa mit dem Partner einmal auszugehen. Man hört Klagen, dass der Lebenszusammenhang zu wenig individuelle Freiheit lasse oder dass der Zwang zu einer permanent ansprechbaren Dienstleistungskultur die Bedürfnisse nach Ruhe, Wärme, Geborgenheit und Pflege der eigenen Intimität zurückdränge. Es erscheint so, dass vor allem Anforderungen an das Leben im Pfarrhaus gestellt werden, die von außen kommen und gegen die man sich abzugrenzen versucht. Dies gelinge so schwer, weil die moderne Grenze zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit im Pfarrhaus nicht gezogen werden könne. Aus meiner Sicht ist dieses Argument nicht hinreichend. Es geht nicht nur darum, sich Zeiten für das Private aus dem Kalender herauszuschneiden. Es geht darum, sich die Lebensräume im Pfarrhaus neu als die eigenen Räume anzueignen. Leben im Pfarrhaus, heißt in Räumen der Kirche zu wohnen. Will der Pfarrer einmal ausruhen, so meinen viele, muss er die Räume der Kirche, ja sogar das ganze Gemeindegebiet verlassen. Lässt er seinen Beruf ruhen, muss er auch das Amt verlassen. Dem halte ich entgegen: es sei denn, es gehörte mit zum Amtsverständnis, dass Pfarrerinnen und Pfarrer in kirchlichen Räumen tatsächlich auch wohnen.

Zunächst ist wahrzunehmen, dass das Pfarrhaus ein Haus ist und in einem Haus leben Menschen und für ihren Lebensraum gibt es Dinge zu tun, die man tun muss, um die eigene, quasi unmittelbar gegebene Lebenswelt zu pflegen. Dies entspricht ganz der Tradition des Pfarrhauses, in dem die Pfarrfamilie lebte, aber sich eben auch um ihre Lebensmittel kümmerte, ihr Obst und ihr Gemüse verarbeitete, die Böden und Holztreppen gebohnert wurden. Dies waren Tätigkeiten, die sie auch mit den Menschen in ihrer Gemeinde teilten und sie miteinander verband. Über diese Einbettung in den Kontext hinaus ging es in Pfarrhäusern trotzdem auch immer »anders« zu. In Pfarrgärten wurden besondere Pflanzen kultiviert. Die Zuwendung zu den Kindern war höher als in manch anderen Haushalten, dass sie eine umfassende Bildung mit Musik und alten Sprachen erhielten, gehörte zur Kultur des Pfarrhauses, die Liebe der Eheleute zueinander wurde ausdrücklich für bedeutsam gehalten, die Pfarrfrau arbeitete dem Pfarrer nicht zu, sondern sie hatte in eigener Weise Teil am Amt. Sie war Gefährtin und Mitpriesterin.13 So wurden die bürgerlichen Herrschaftsverhältnisse in speziellen Brechungen reproduziert.

Es ist nicht anzunehmen, dass es heute keine Menschen mehr gibt, die das Leben mit einer Pfarrerin oder einem Pfarrer teilen wollen, weil diese(r) in einem »weltanschaulichen Beruf« arbeitet. Skepsis besteht demgegenüber, ob man ein Leben aus zweiter Hand führen würde, ob eine emotionale oder auch zeitliche Ausbeutung vermeidbar wäre. Einen Ausweg aus dieser Problematik könnte in der Auseinandersetzung mit dem Wohnen liegen. Wenn man der über 60 Jahre alten Diagnose Otto Friedrich Bollnows für die Moderne folgen will, dann braucht der Mensch eine Mitte, in der er im Raum verwurzelt ist und auf die alle seine Verhältnisse im Raum bezogen sind.14 Bollnow, wie die gesamte Phänomenologie, schärft ein, dass alles Leben sich nicht nur zeitlich, sondern vor allem räumlich vollzieht. Das Pfarrhaus scheint durch Traditionsabbau und Individualisierungsprozesse seinen Eigensinn an die öffentlichen Bedarfe der Gemeinde verloren zu haben. Genau dies könnte man an einer Architektur ablesen, wo das Gemeindehaus und die Pfarrwohnung in einem Gebäudekomplex angesiedelt sind. Hier ist die Lebenszeit im Pfarrhaus mit dem Stundenplan der Belegung des Gemeindehauses synchronisiert worden. Wenn für das Pfarrhaus demgegenüber ein Eigensinn zurückgewonnen werden soll, dann geht es darum, die Qualität des Amtes im Pfarrhaus neu zu entdecken. Sie ist seine Mitte. Das Amt ist dabei keineswegs mit dem Büro des Pfarrers oder der Gemeinde zu verwechseln. Das Amt selbst ist von Gott eingerichtet und gestiftet.15 In ihm ist der Zuspruch von der Gnade Gottes geborgen. Dies macht die Bindung des Pfarrers oder der Pfarrerin an das Pfarrhaus aus. Das Amt schenkt eine Mitte, die sie daran erinnert, dass Wachstum und Gedeihen der Gemeinde nicht in ihren, sondern in Gottes Händen liegt. Das Amt im eigenen Haus erinnert sie daran, dass das, was man die eigene Lebensmitte nennen könnte, nicht selbst – in keinem Urlaub und an keinem Wochenende des Lebens – gefunden werden kann. Obwohl genau dies natürlich alle mit der Gestaltung ihres Hauses und ihrer Wohnung als der eigenen Lebensmitte beabsichtigen. Von dieser Sehnsucht ist bei Bollnow zu lesen, sie wird zur Aufgabe des Menschen stilisiert: »Diese Mitte zu schaffen wird (…) so zur entscheidenden menschlichen Aufgabe (…). Dazu genügt aber nicht der äußere Besitz einer Wohnung. Es kommt vielmehr auf das innere Verhältnis zu ihr an, damit sie diese ihre haltgebende Leistung erfüllen kann. Das ist, was Heidegger im Auge hat, wenn er einmal sagt, dass die Menschen das Wohnen erst lernen müssen.«16 Es ist möglich, das Wohnen zu lernen, doch die Mitte wird sich dadurch nicht schaffen, sondern allenfalls auffinden lassen.

Wohnen kann und muss gelernt werden, aber Bollnows Auslegung kann zu einer Resakralisierung des Pfarrhauses führen, die zu weit geht, wenn die Ambivalenzen, die Religion und religiöse Sozialisation eben auch mit sich führen, ausgeblendet werden. Das Pfarrhaus ist nach protestantischem Verständnis ebenso wenig von sich aus ein heiliger Raum wie es die Kirche ist. Doch in beiden kann trotzdem die Gegenwart Gottes erfahren werden. Dies gilt für sie wie für alle Räume. Der einzige Unterschied ist, dass sowohl Kirche als auch Pfarrhaus religiös signiert werden. Es ist über diese soziale Signatur angelegt, dass in ihnen die Gegenwart Gottes auch ausdrücklich werden soll. Das Amt holt genau dies ins Haus hinein, und zwar ohne, dass moralische Normativität die Frage nach dem Besonderen des Pfarrhauses verstopfte.

Peter Sloterdijk hat zu Beginn dieses Jahrhunderts ebenfalls die existentielle Bedeutung von Räumen betont. Er spricht davon, dass moderne Architektur dazu da ist, Existenz als Aufenthalt zu entfalten. Moderne Architektur mache das Wohnen darin explizit, dass man beim Wohnen aufgehalten werde. Anstatt von der Mitte zu sprechen, könnte man in Anschluss an ihn sagen, dass die religiöse Dimension des Wohnens darin liegt, das eigene Dasein aufzuhalten, es zu er-örtern.17

Sloterdijks Theorie zeigt Widerstand gegenüber allzu idyllischen Vorstellungen vom Wohnen. Dies kommt der Diskussion um das Pfarrhaus sehr gelegen. Es geht nicht darum, dem Idyll vom Pfarrhaus, das es insbesondere in der Literatur gegeben hat, neue Nahrung zu geben. Es geht auch nicht darum, dass Pfarrerinnen und Pfarrer nun als zentrale Aufgabe erhielten, sich ihr Zuhause, ihr Nest im Pfarrhaus zu bauen. Es geht darum, die Wahrnehmung für den eigenen Aufenthalt im Pfarrhaus zu schärfen. Ich schlage vor, das Amtsverständnis innerhalb praktisch-theologischer und auch kirchlicher Diskussionen wieder stärker zu machen. Denn das Amt trägt die Person, auch wenn die gesellschaftlich diagnostizierte Krise der Institutionen das theologische Verständnis vom Amt hatte erodieren lassen. Die Diskussion um das Pfarrhaus fordert dazu heraus, neu über das Amtsverständnis nachzudenken. Das Interesse an der Wahrnehmung von Räumen liefert hierzu Impulse.

Das Leben ist ein Fluss, dessen Dynamik jeden Sinn im Dasein mit sich fortreißt. Deshalb lautet ein erster Tipp für das Leben im Pfarrhaus: Vertraut nicht weiter auf den Slogan des bekannten schwedischen Möbelhauses »Wohnst du noch, oder lebst du schon?« Wohnen will gelernt sein und es hat eine tiefe religiöse Bedeutung. Martin Luther übersetzte im Prolog des Joh.: »Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.« (1,14) Gott ließ sich aufhalten. Ein schöner Spruch für den Türsturz am Eingang eines Pfarrhauses.

Abschließend bleibt zu sagen, dass ein Pfarrhaus vor allem dadurch ein Pfarrhaus wird, dass es von der Institution Kirche als solches benannt wird und dass dies wiederum zu Erwartungen führt, die über das Bewohnen eines ganz normalen Hauses hinausgehen. Die Menschen, die an ihm vorüber gehen oder sogar in es Eintreten, erwarten – so dürfte ein Minimalkonsens lauten – eine besondere Offenheit für Gott, für das Evangelium Jesu Christi. Die, die in ein Pfarrhaus einziehen, setzen sich selbst ebenfalls mit diesen Erwartungen auseinander, zum Teil weil sie sie von anderen hören, zum Teil, weil es zu ihrem beruflichen Selbstverständnis gehört, dass sie Erwartungen an sich stellen. Dieser Prozess ist anstrengend und spannungsreich, doch auch lohnend. Denn hier findet zugleich eine Auseinandersetzung um die Bedeutung des Amtes in ihrem konkreten Kontext statt. Die Diskussion um das Pfarrhaus führt damit zu einer theologischen Grundfrage, die lange im Hintergrund stand. Es geht um die Rede vom kirchlichen Amt. An ihr hängt längst mehr als Bürokratisierung und Privilegierung eines geistlichen Standes. An ihr hängt die Frage, wie Pfarrpersonen ihre Berufung konkret in ihren Lebenswelten teilen können.

Anmerkungen:

1 Der Beitrag ist die überarbeitete Form eines Vortrags anlässlich der Vollversammlung des Studierendenrats der Evangelischen Theologie (SeTh) vom 15.-17. Januar 2011 in Münster/Westfalen.
2 Vgl. z.B. »Widernatürliche Lebensweise« in: Christ und Welt 3/2011.
3 Wolfgang Steck, Pfarrhaus. In: RGG 4. Aufl., 1229.
4 Karl-Wilhelm Dahm, Wird das evangelische Pfarrhaus »katholisch«? Zur Rückwanderung zentraler »Pfarrhausfunktionen« an die Person des »Geistlichen«. In: R. Riess (Hg), Haus in der Zeit, München 1979, 224-237.
5 Ulrike Wagner-Rau, Auf der Schwelle. Das Pfarramt im Prozess kirchlichen Wandels. Stuttgart 2009.
6 Wagner-Rau, 21.
7 Wagner-Rau, 25.
8 Dietrich Rössler, Praktische Theologie. Berlin 1994, 120.
9 Vgl. Heike Köhler, Dagmar Herbrecht, Dagmar Henze, Hannelore Erhart, Dem Himmel so nah – dem Pfarramt so fern. Neukirchen 1996, Einleitung, 5.
10 Ebd.
11 Vgl. www.ekd.de/EKD-Texte/pfarrhaus_2002.html, 1/10.
12 Vgl. www.ekd.de/EKD-Texte/pfarrhaus_2002.html, 6/10.
13 Mit einem freilich sehr viel weiteren Familienverständnis als auf Eltern und Kinder Bezug zu nehmen. Vgl. Luise Schorn-Schütte, Evangelische Geistlichkeit in der Frühneuzeit. Gütersloh 1996, 329.
14 Otto Friedrich Bollnow, Mensch und Raum, 10. Aufl. 2004, 123.
15 Vgl. Dietrich Rössler, Grundriß der Praktischen Theologie. Berlin/New York 1994, 322.
16 Bollnow, 125.
17 Peter Sloterdjik, Sphären III. Frankfurt/M. 2004, 504.

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Ilona Nord, Jahrgang 1966, 2008 Habilitation an der Universität Münster mit einer Arbeit über »Realitäten des Glaubens. Die virtuelle Dimension christlicher Religiosität« (Berlin 2008), seit Oktober 2010 Juniorprofessorin für Prakt. Theologie an der Universität Hamburg mit den Schwerpunkten Seelsorge und Kybernetik.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2011

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