Ein Jubiläum in Windhoek
Die EKD im Schatten des Kolonialismus

Von: Markus Braun
1 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Im Oktober 2010 hat die deutsche evangelische Gemeinde in Windhoek/Namibia das 100-Jahr-Jubiläum ihrer »Christuskirche« gefeiert. Der Kirchbau selbst ist ein Symbol des deutschen Kolonialismus. Angesichts der Rekonstruktion und Konstruktion von Geschichtsbildern, wie sie Jubiläen eigen ist, fragt Markus Braun danach, wie sich heute die koloniale Vergangenheit aufarbeiten lässt und welche Zukunftsperspektiven die Deutsche Evang.-Luth. Kirche in der vielfarbigen Christenheit Namibias hat.

Das 100-Jahr-Jubiläum der Christuskirche in Windhoek im vergangenen Oktober ist von evangelischen Medien in Deutschland stark beachtet worden. Nicht nur der EKD-Newsletter vom 15.10.2010, sondern auch die monatlich erscheinende Zeitschrift »chrismon« hat einen Brief verbreitet von Rudolf Schmid, Pfarrer der Deutschen Evang.-Luth. Kirche in Namibia (DELK)1. In diesem Brief trauert Schmid der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und der Beendigung der Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika nach. »Das Erbe der Kolonialzeit wird relativiert«, schreibt er. »Ob neue Straßennamen oder Neubauten. Die Spuren vergangener Zeiten werden verwischt, sollen in Vergessenheit geraten. Den Nachkommen der deutschen Pioniere, denen dieses Land unter viel Fleiß und aufopferungsvoller Arbeit eine neue Heimat geworden ist, fällt es nicht leicht, diese Zurücksetzungen einzustecken. ›Unser Einsatz hat dem Land doch nur zum Guten gedient‹ höre ich immer wieder. Und ganz unrecht haben sie da nicht«2.

Der Pfarrer der kleinen ca. 5000 Mitglieder umfassenden DELK3 bringt seine Klage deutlich zum Ausdruck. Leider bleiben die Stimmen, auf die er sich beruft, anonym. Tatsächlich orientiert sich noch immer ein Teil der deutschen Minderheit in Namibia4 stark an der deutschen Kolonialvergangenheit. »Die ›deutsche Zeit‹ nimmt als Fundament ihrer jetzigen Lebensverhältnisse ein besonderes Gewicht im kollektiven Gedächtnis deutscher Namibier ein«, schreibt die Professorin für Volkskunde Brigitta Schmidt-Lauber in ihrem Buch über die »Abhängigen Herren« in Namibia.«5 Stephan Mühr, zeitweise Geschäftsführer einer Namibisch-Deutschen Stiftung, unterscheidet in einem Beitrag »Die deutschen Namibianer heute«6 drei Gruppen: 1. die auf Auswanderung Bedachten, 2. die Integrationswilligen und 3. die zu Musealisierung Neigenden.7

Man muss die Stimmen, die Rudolf Schmid zitiert, sicher zu der dritten Gruppe rechnen und wird ihnen wohl gerade auch in der deutschen Gemeinde von Schmid in Windhoek und auf den umliegenden deutschen Farmen immer wieder begegnen. Diese Gruppe wird von Mühr folgendermaßen charakterisiert: »Insbesonders die ältere Generation reagiert auf den öffentlichen Strukturwandel mit ›Verschanzung‹ in der Landschaft und in der Vergangenheit … Das Verschanzen im Privaten, das Gefühl, nicht mehr öffentlich sagen zu dürfen, was man denkt, erinnert an inneres Exil. Hierzu gehören eine ganze Reihe von Strategien, die darauf abzielen, sich als deutsche Namibier politisch korrekt zu verhalten, ohne einen tief sitzenden Rassismus wirklich zu überwinden. Zur Musealisierung zählen aber auch die subtileren Formen der Selbstinszenierung oder bewussten Idyllisierung eines ›alten Südwestertums‹, wodurch sich die ethnische Verunsicherung in neuen Berufsrollen zu stabilisieren versucht. Hierzu gehören etwa Gästefarmen, auf denen Touristen aus Deutschland noch ›richtige deutsche Familien‹ besichtigen können.«8

Ein Votum des schwarzen Bischofs

Beim ersten offiziellen Besuch des Rats der EKD von Namibia im August 2000 fand der damalige Bischof der »schwarzen«, aus der Arbeit der Rheinischen Mission in Wuppertal hervorgegangenen Evangelical Lutheran Church of the Republic of Namibia (ELCRN), Petrus Diergaardt, bei seiner Predigt im Eröffnungsgottesdienst in Windhoek bewegende Worte, indem er die besonderen Beziehungen des deutschen und des namibischen Volkes offen ansprach: »Während des Besuchs der Delegation der Evangelischen Kirche in Deutschland richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die besondere Geschichte, die Deutschland und die Deutschen mit Namibia und seinem Volk teilen. Wir sind uns der Komplexitäten der Geschichte bewusst und wir kennen die vielen verschiedenen Facetten unserer Beziehungen. Unsere Wege sind miteinander verwoben seit beinahe 200 Jahren, und wir räumen ein, dass viele positive Begegnungen miteinander stattgefunden haben. Aber auf der anderen Seite sind wir uns schmerzlich der Tatsache bewusst, dass wir es nicht fertig gebracht haben, in diesem Land als Schwestern und Brüder in Einheit zusammen zu leben. In vieler Beziehung ist der bloße Begriff ›deutsch‹ noch immer ein Symbol für die koloniale Vergangenheit und von daher gibt es nicht viel Unschuld in der Beziehung zwischen Namibianern deutschen Ursprungs und denen anderer Sprachgruppen. In der Gesellschaft des neuen Namibia entwickeln viele die Tendenz, die Ursache aller Schwierigkeiten bei ›den Deutschen‹, ›den Weißen‹ und so weiter zu sehen. In unseren Herzen ist die Geschichte der Unterdrückung und Ausbeutung noch nicht zu Ende. Aber auch auf Seiten der Deutschen scheint es wenig Bewegung zu geben, die Vergangenheit wirkungsvoll zu überwinden und Ruhe zu finden in diesem Land und in der Gemeinschaft seiner Leute.«9

Die Christuskirche

»Richtige« deutsche Kolonialbauten können deutsche Touristen vor allem noch in Swakopmund, Lüderitzbucht und Windhoek erleben. Anders als es Schmid wahrnimmt, erscheint vielen »Touristen Namibia bis heute als deutsche Kolonie. Im öffentlichen Raum prägen Denkmäler und Straßennamen aus der deutschen Zeit, Hotels in restaurierten Forts und Polizeistationen, Soldatenfriedhöfe und kolonialgeschichtliche Museen das Bild«.10 Hervorragendes Denkmal, Symbol der 30-jährigen deutschen Kolonialherrschaft von 1884-1915, ist die Christuskirche in der Stadtmitte von Windhoek11.Gebaut 1910 in der Nachbarschaft von Alter Veste, Tintenpalast und Reiterdenkmal sollte sie nach der Niederwerfung des Aufstands der einheimischen Herero und Nama12 nach Aussage des für den Bau verantwortlichen Pfarrers Wilhelm Anz »mit der Wucht ihres Baues die vielen bescheidenen Backsteinkirchlein der Mission überdauern und ein Wahrzeichen von der Würde des siegreichen deutschen Reiches werden.«13

Die Alte Veste hat ihre militärische Funktion verloren und ist zum Museum geworden. Der Tintenpalast, ehemaliger Sitz des deutschen Gouverneurs, dient heute dem namibischen Parlament. Das Reiterdenkmal wurde erst kürzlich aus seiner beherrschenden Stellung in unmittelbarer Nähe der Christuskirche entfernt und um ca. 50 Meter versetzt. Dagegen hat sich nach Schmid angeblich »viel Protest« erhoben. »Die Kritiker waren entsetzt, dass an historischen Denkmälern aus der deutschen Zeit gerüttelt wurde«.

Während alle anderen auf die Kolonialzeit zurückgehenden Gebäude in Windhoek ihre alte Funktion verloren haben, bildet die Christuskirche eine Ausnahme. Sie ist Identität bildender religiöser Mittelpunkt eines Teils der kleinen, auf die Kolonialzeit zurückgehenden deutschsprachigen Gemeinschaft in Windhoek, aber darüber hinaus in ganz Namibia.

Die Beziehung EKD-DELK

Noch vor kurzem war die Christuskirche im Besitz der EKD, ist aber anlässlich der Feierlichkeiten im Oktober 2010 in den der Gemeinde von Windhoek übergegangen. Das »Verhältnis vertrauensvoller kirchlicher und geschwisterlicher Gemeinschaft«14 zwischen der Kirche in Deutschland und den Siedlergemeinden in Namibia ist geblieben und hat die »heftigen Stürme« in den beiden Weltkriegen, während der Nazi- und Apartheidzeit überdauert.

Seit dem Bestehen der Gemeinde Windhoek vor mehr als 100 Jahren und dem der DELK vor 50 Jahren haben Gemeinde und DELK bis auf wenige Ausnahmen keine eigenen Pfarrer hervorgebracht. Weil aber »seelsorgerliche Verantwortung« nur in der Muttersprache wahrgenommen werden könne, müssten sie, so die Begründung der EKD, von Pfarrerinnen und Pfarrern aus Deutschland »versorgt« werden. Außerdem biete »die Partnerschaft Chancen, durch vertraulich-diplomatische Gespräche die Partner zu einem Umdenken zu bewegen.«15 So stammen noch immer fast alle Pfarrer und Pfarrerinnen der DELK einschließlich des Bischofs aus Deutschland. Ob Pfarrer aus Deutschland im Lauf ihrer sechsjährigen »Auslandseinsätze« in besonderer Weise geeignet sind einen Bewusstseinswandel in der DELK zu bewirken, ist äußerst fraglich.

Um die besondere Verbundenheit der EKD mit den Kirchen deutscher Herkunft im südlichen Afrika auf kirchenleitender Ebene zu bezeugen, werden noch immer die drei Bischöfe der kleinen lutherischen Kirchen deutscher Herkunft mit ihren insgesamt nicht mehr als 25.000 Mitgliedern zu allen EKD-Synoden eingeladen. Dort werden sie den selbständig gewordenen, teilweise großen südamerikanischen lutherischen Kirchen deutscher Herkunft in Brasilien, am La Plata und Chile mit zum Teil mehr als hundert einheimischen Pfarrern gleichgestellt und als »ökumenische Gäste« geführt.

Jubiläum, Jubiläum

Jubiläen sind, indem sie einen Altersnachweis liefern, besonders geeignet, Identität zu stiften und den Bestand einer Institution zu sichern. Wenn Institutionen Jubiläen inszenieren, erheben sie den Anspruch auf verbindliche Interpretation der Vergangenheit. Im Jubiläum wird Geschichte nicht nur einfach bewahrt, sondern geformt oder je nach Standpunkt des Betrachters verformt. Im Zugriff auf die Geschichte wird entschieden, welche Elemente des Traditionsfundus aktualisiert und inszeniert werden und welche der Vergangenheit anheim fallen oder bewusst ausgeklammert werden16.

Die deutsche Gemeinde in Windhoek lebt von einem Jubiläum zum anderen, ist auf immer wieder erneute Bestätigung durch Inszenierung von Jubiläumsfeiern angewiesen. 1935 wurde das 25-jährige, 1960 das 50-jährige, 1980 das 70-jährige und 1985 das 75-jährige Jubiläum der Christuskirche zelebriert. In diese jubiläumszyklische Erinnerung reiht sich das im Oktober 2010 begangene Jubiläum der Christuskirche ein. Dazu werden Festschriften als ein Jahrgang des seit 1930 bestehenden Afrikanischen Heimatkalenders herausgegeben. 2010 wurde dieser Kalender in »Perspektiven« umbenannt. »Perspektiven 2010« aber ist eine Festschrift zu 100 Jahren Christuskirche.

Dass nun schon zum vierten Mal ein Jubiläum der Christuskirche das beinahe alleinige Thema eines Afrikanischen Heimatkalenders bzw. der »Perspektiven« bildet, zeigt welch große symbolische Bedeutung der Christuskirche nicht nur im Hinblick auf die deutschsprachige Leserschaft in Namibia und im ganzen südlichen Afrika, sondern auch in Deutschland zukommt.

Der Hauptbeitrag der Festschrift 2010

Für den Hauptbeitrag der Festschrift hat die DELK Rudolf Hinz gewonnen, der schon von 1983 bis 1989 als Afrikareferent des Kirchlichen Außenamts der EKD die problematischen Beziehungen der EKD zu ihren apartheidkonformen Ablegern im südlichen Afrika zu vertreten hatte. In seinem mit »Erinnern – Vergegenwärtigen – Hoffnung wecken« betitelten Beitrag breitet Hinz die Sichtweise der zeitgenössischen Akteure und Berichterstatter aus und ergänzt sie um die jahrelange Korrespondenz mit dem altpreußischen EOK, der wiederum wegen der schwierigen Finanzierung des Projektes immer von neuem an den Kaiser als summus episcopus herantritt.

Schon die erste Initiative zur Gemeindegründung ging 1895 vom Landeshauptmann des Deutschen Schutzgebiets Südwestafrika aus. Das Baugrundstück in der Nachbarschaft des Tintenpalasts und der Alten Veste wird der Gemeinde geschenkweise überlassen. Zur Zeit der Errichtung und Einweihung befinden sich in unmittelbarer Nähe die Konzentrationslager für die Überlebenden des Genozids, mit dem die Hälfte der Herero und Nama umgebracht wurden. Wegen ihrer Entkräftung taugen sie nicht als Bauarbeiter, wodurch die Baukosten in die Höhe schnellen. Gelder aus Berlin gewinnt man, indem man auf das Reichsinteresse an einem Monumentalbau abhebt und so die für Schwarze und Weiße gemeinsam errichtete Kirche der Katholiken und die große Kirche der Rheinischen Mission übertrumpfen kann.

Im Gefolge des Redakteurs der Windhuker Nachrichten von 1910 sieht Hinz im Namen der Christuskirche den Ausdruck besonderer Christusgläubigkeit. Tatsächlich war der Name Ausdruck imperialen Denkens von Kaiser Wilhelm II., der sich in der Nachfolge des römischen Kaisers Konstantin verstanden hat. »Christuskirchen« wurden damals nicht nur in Hauptorten der deutschen Kolonien in Daressalam, Lome und Tsingtau gebaut, sondern auch in den Weltstädten, wo deutscher Imperialismus, aber auch deutscher Weltprotestantismus demonstriert werden sollte (London, Rom, Paris)17.

Ausgeklammert wird die Bedeutung der Christuskirche mit ihren überdimensionierten Gedenktafeln als national-religiöser Kultraum nach dem Verlust der deutschen Kolonialherrschaft in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Übergangen werden die Nazizeit und die Zeit der Apartheid, als die Mitgliedschaft der DELK im Lutherischen Weltbund suspendiert und abgesehen vom jeweiligen Landespropst 1973 und 1983 alle Pfarrer der DELK des Landes verwiesen wurden. Es ist die »wechselvolle Geschichte nach dem 1. und 2. Weltkrieg«, es sind »die ganz schwierigen Zeiten«, wie sie von Vertretern der EKD und der DELK immer wieder apostrophiert werden, an die man sich nur ungern erinnert18.

Hinz unterstreicht abschließend, dass die Kirche und die Gemeinde mit der Christuskirche ein Symbol geerbt haben, »das es mit neuem Inhalt zu besetzen gilt«. Wie die Christuskirche zu einer »Kirche für alle Bürgerinnen und Bürger ihrer Stadt werden« (Hinz) kann, lässt er offen. Die Frage aber, wie die Geschichte der Christuskirche nicht wie bisher nur von Personen aus Deutschland, sondern auch aus Namibia geschrieben werden kann, wird von Hinz nicht gestellt.

Hinz weist darauf hin, dass unter den evangelischen Kirchen in den früheren Kolonien die Christuskirche in Windhoek die einzige ist, die immer noch nur für Weiße reserviert ist. Er unterlässt den Hinweis, dass auch eine »Aufarbeitung« der Beziehungen der EKD zu den deutschen Gemeinden im südlichen Afrika dringend nötig ist, nicht nur bis zum Jahr 1922, wie es im Mandat des von der EKD 2007 in Auftrag gegebenen und finanzierten Studienprozesses der EKD zur Rolle kirchlicher Auslandsarbeit während der Kolonialzeit im südlichen Afrika bisher vorgesehen ist19. Dringend geboten ist vor allem eine gründliche Beschäftigung mit der Zeit nach 1922, der Zeit des Nationalsozialismus und der Apartheid20.

Ausblicke

Die Christuskirche nimmt heute im Stadtbild von Windhoek nicht mehr eine beherrschende Rolle ein, wie das noch im vorigen Jahrhundert der Fall war. Sie wird überragt von Gebäuden der Regierung und der Wirtschaft. Dort, wo in der Nähe der Christuskirche das Reiterstandbild stand, wird als Monumentalbau ein Freiheitsmuseum errichtet und wie Schmid in seinem »Brief aus Windhoek« bedauernd feststellt, »auf die Christuskirche herabschauen«. Abgesehen von der kleinen Leserschaft der Allgemeinen Zeitung und der größeren von »chrismon« und EKD-News ist das 100jährige Jubiläum in der Öffentlichkeit weder in Deutschland noch in Namibia stark beachtet worden. Vom Präsidenten der Republik, Namibia Hifikepuyn Pohamba, wird in der AZ vom 6.10.2010 berichtet, dass er von der DELK zur Jubiläumsfeier eingeladen worden ist, aber nicht, dass er der Einladung gefolgt ist. Es sind vor allem deutsche Touristen, die die Christuskirche aufsuchen, aber nicht so sehr, wie Schmid meint, um dort »Stille zu tanken«, sondern um das merkwürdige, religiös überhöhte deutsche Kolonialdenkmal zu bestaunen und in Afrika ein »Stück Heimat« zu finden.

Es wird in Zukunft viel davon abhängen, wie sich, sinnbildlich gesprochen, Christuskirche und Freiheitsmuseum zueinander verhalten. Pfarrer Schmid sieht hier ein nebeneinander bestehendes oder gar gegensätzliches Verhältnis und trägt mit seinem Hinweis auf die Straßennamen mit berüchtigten Staatsmännern und dem nordkoreanischen Baumeister mit seinem »verschmitzten Lächeln« selbst dazu bei. Tatsächlich stoßen hier zwei verschiedene Erinnerungskulturen aufeinander: Die der herrschenden Regierungspartei, die sich auf die Tradition des Befreiungskampfs beruft, und die einiger deutschstämmiger Christen, die eine vergangene Kolonialkultur in die Gegenwart hinüberretten wollen und auf Unterstützung durch die EKD hoffen. Die EKD hat mit ihrem Studienprozess begonnen, sich mit ihrer eigenen kolonialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen, ist aber bisher auf halbem Weg stehen geblieben.

Die lutherischen Kirchen und der Namibische Kirchenrat können fragen, wie weit sich die augenblickliche Regierung zu Recht auf die Tradition des Befreiungskampfs beruft, der damals sehr stark auch von den »schwarzen« Kirchen und dem Namibischen Kirchenrat, nicht dagegen von der DELK mitgetragen wurde. Von daher müsste der kirchliche Beitrag auch Eingang in das Freiheitsmuseum finden.

Die Frage, die sich heute vor allem stellt, ist die nach der Rolle und Aufgabe der Kirche in und gegenüber einem demokratisch verfassten Staat. Sie stellt sich auch im Blick auf die Funktion eines Kirchengebäudes wie dem der Christuskirche. Dient es einer kolonialistischen Kultur oder ist die Gemeinde und Kirche bereit, sich mit dieser Kultur auseinanderzusetzen? Ist die Christuskirche vor allem historisches Denkmal, das in seinem Bestand unverändert erhalten bleiben soll oder dient sie dem Aufbau von Kirche und Gemeinde? Wird die Christuskirche heute vor allem als Wirtschaftsfaktor im Hinblick auf die Tourismusindustrie gesehen oder gewinnt sie Bedeutung auch für den Großteil der Bevölkerung in der »schwarzen« Lokation und im Hinblick auf eine ökumenische Kirche in Namibia?

Die Separatbeziehungen der EKD und ihre Überwindung

Diese Fragen stellen sich gerade auch nachdem die EKD ihre Besitzrechte an der Christuskirche an die DELK übergeben hat. Der Übergabe müssen auf Seiten der EKD weitere Schritte folgen. Ein schwerwiegendes Hindernis für die Einheit der lutherischen Kirchen in Namibia stellen die Separatbeziehungen der EKD zu den »weißen« lutherischen Kirchen im südlichen Afrika dar. Sie finden ihren rechtlichen Ausdruck in Separatverträgen der EKD mit diesen Kirchen, in denen seelsorgerliche Betreuung durch Pfarrer aus Deutschland zugesichert wird.21

1990 beschloss die Synode der mit der VEM verbundenen Evangelischen Kirche von Westfalen: »Mit der lang ersehnten nationalen Unabhängigkeit ist für alle Kirchen in Namibia, insbesondere für die DELK, eine grundlegend neue Situation entstanden. Somit ist klar, dass die aus der kolonialen Vergangenheit stammenden Strukturen der DELK nicht mehr zukunftsfähig sind … Denn die DELK ist eine in Namibia beheimatete, selbstständige Kirche, die erklärtermaßen imstande ist, ihre Belange selbstverantwortlich zu regeln.«

Der Präses der Evang. Kirche im Rheinland und jetzige Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, kam in seinem Bericht vor der Landessynode 2006 auch auf den »langen Weg zur Einheit« der lutherischen Kirchen in Namibia zu sprechen: »Die drei lutherischen Kirchen in Namibia versuchen mit einer gemeinsamen Kirchenleitung auf dem langen Weg zur Einheit einen Schritt weiter zu kommen. Dies muss auch von uns, der VEM, der EKD und der Finnischen Mission mitgetragen werden und zu Veränderungen in den vertraglichen Beziehungen der EKD mit der deutschsprachigen lutherischen Kirche führen.« Der neue Ratsvorsitzende steht damit im Wort und hat die Gelegenheit, einen bedeutsamen Schritt in eine ökumenische Zukunft einzuleiten.

Als »Gastprediger« für den Jubiläumsgottesdienst hat die DELK, den Bischof der »Schwesterkirche«, Z. Kameeta, eingeladen und dieser hat zugesagt. Das ist ein bedeutsames Zeichen im Hinblick auf die Zukunft. Kameeta hat schon in seinem Grußwort für die Festschrift mit Nachdruck auf die in Christus gegebene Einheit der Kirche und auf Gemeinsamkeiten im Tun des seit 2007 bestehenden Kirchenrats22 hingewiesen. In diesem Zusammenhang hat er das gemeinsame Handeln in einem Programm zur Bekämpfung von HIV/Aids und die Bitte der DELK um einen Pfarrer aus der ELCRN für den Dienst in der DELK genannt. Wenn in Zukunft Pfarrer aus der »schwarzen« lutherischen Schwesterkirche der »weißen« DELK als Pfarrer dienen können, wird die DELK nicht mehr wie bisher auf die fast ausschließliche, seit hundert Jahren anhaltende Entsendung von Pfarrern und Pfarrerinnen aus dem Bereich der EKD angewiesen sein. Sie wird Teil der Kirche in Namibia werden.

Anmerkungen:

1 Brief aus Windhoek in: »chrismon« 10/2010. Die Reichweite von »chrismon« beträgt nach eigenen Angaben knapp 1 Mio. Leser.
2 Schmid meint die Zurücksetzung der deutschen Namibianer an der Umbennenung der Straßennamen durch die namibische Regierung festmachen und den deutschen Lesern nahe bringen zu können. »Wo Fidel Castro und Robert Mugabe aufeinandertreffen (er meint die nach ihnen benannten Straßen – M.B.), steht die Christuskirche«, beginnt Schmid seinen Brief und vergisst dabei zu erwähnen, dass die früher nach dem Windhoeker Bürgermeister Peter Müller benannte Fidel-Castro-Straße von der Bismarckstraße abzweigt. Auf entsprechende Straßennamen in Windhoek weist Henning Melber, Unerledigte Geschichte(n), in: afrika süd 34/2, hin.
3 Nach Angaben von Schmid ist Windhoek die bei weitem größte deutschsprachige Gemeinde in Namibia. Zwei Pfarrer betreuen die etwa 2300 Gemeindeglieder.
4 Die zahlenmäßigen Schätzungen schwanken zwischen 13.000 und 30.000 deutschen Namibianern, etwa 1 oder 2% der Gesamtbevölkerung. Es ist die einkommensstärkste Bevölkerungsgruppe, auch unter den Weißen. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Namibia so groß wie kaum irgendwo sonst in der Welt – nach: Stephan Mühr, Die deutschen Namibianer heute, in: L. Förster u.a. (Hg.), Namibia-Deutschland, Köln 2004, 244.
5 Brigitta Schmidt-Lauber, Die abhängigen Herren: Münster 1993, 43.
6 S. Mühr, a.a.O., 244ff.
7 A.a.O., 245ff.
8 A.a.O., 246ff.
9 Markus Braun/Klaus Matthes/Jörg Müller, MAKSA – Memorandum: EKD im Schatten des Kolonialismus, in: afrika süd 4/08, I. MAKSA = Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika (Gründungsort 1972 war Mainz). Der MAKSA setzt sich für Gerechtigkeit in den Beziehungen zu den Bevölkerungen im südlichen Afrika ein. Er versteht sich als Teil der weltweiten Ökumene, die sich der Parteinahme für Arme und Unterdrückte verpflichtet weiß. Der MAKSA tritt dafür ein, dass auch nach der Unabhängigkeit Namibias und dem offiziellen Ende der Apartheid das Nachdenken über die Auswirkungen und das Weiterwirken von Kolonialismus und Apartheid im Südlichen Afrika auf der Tagesordnung von Kirche und Gesellschaft bleiben. Zur Geschichte vom MAKSA: Klaus Gockel, Mission und Apartheid, Wuppertal 2000, 227-243; Gunther Hermann, Apartheid als ökumenische Herausforderung, Frankfurt 2006, 58-64; Jürgen Bacia/Dorothee Leidig, »Kauft keine Früchte der Apartheid«,Frankfurt 2008, 19ff.
10 Gesine Krüger, Kriegsbewältigung und Geschichtsbewusstsein, Göttingen 1999, 22.
11 Joachim Zeller, Kolonialdenkmäler und Geschichtsbewusstsein. Eine Untersuchung der kolonialdeutschen Erinnerungskultur, Frankfurt 2000, 111. So gehörten die Denkmäler zu den symbolischen Strukturen der hegemonialen Ordnung in den Kolonialgebieten, »in denen unzweideutig die angemasste Vormachtstellung des autoritären Kolonialstaats über die ›eingeborene‹ Bevölkerung zum Ausdruck kam. Zur kolonialen Topographie sind die öffentlichen Kolonialbauten (Festungs- und Verwaltungsgebäude) und Kirchen mit ihren raumbeherrschenden Türmen zu zählen«.
12 Der »Aufstand« der Herero und Nama wurde 1904 durch einen Völkermord, dem mehr als die Hälfte vor allem dieser beiden Bevölkerungsgruppen zum Opfer fielen und durch einen Krieg, der sich bis zum Jahr 1907 hinzog, beendet. Dazu S. Kuß, Der Herero-Deutsche Krieg und das deutsche Militär: Kriegsursachen und Kriegsverlauf, sowie: Jürgen Zimmerer, Das Deutsche Reich und der Genozid, beides in: L. Förster u.a., a.a.O. Zur Mitverantwortung der EKD für Kolonialherrschaft und Völkermord: Markus Braun, Die EKD im Schatten der Kolonialgeschichte, in: transparent 24. Jg., Nr. 99, Dezember 2010.
13 Wilhelm Anz, Gemeindeaufbau im jungen Schutzgebiet, in: Afrikanischer Heimatkalender (AHK) 1935, 25.
14 Vertragstext vom 21.2.2003.
15 Auslandsbischof M. Schindehütte an MAKSA, 26.1.2010.
16 Dazu Winfried Müller, Das historische Jubiläum, in: W. Müller (Hg.), Genese, Ordnungsleistung und Inszenierungsleistung eines institutionellen Mechanismus, Münster 2004.
17 Jürgen Krüger, Rom und Jerusalem, Berlin 1995. Dazu auch Markus Braun, a.a.O., 10ff.
18 Dazu M. Braun, a.a.O., 13-16.
19 epd vom 1.11.2007. Meldung im Detail: 2.11.2007.
20 Ansätze dazu bei Lothar Engel, Kolonialismus und Nationalismus im deutschen Protestantismus in Namibia 1907 bis 1945, Frankfurt 1976; Wolfgang Krüger, Schwarze Christen-weiße Christen, Erlangen 1985; M. Braun, a.a.O.
21 Dazu M. Braun, a.a.O., 18ff.
22 Der gemeinsame Kirchenrat ist ein repräsentatives Gremium und betrifft die Kirchenleitungen der lutherischen Kirchen in Namibia.

Über den Autor

Pfarrer Dr. phil. Markus Braun, Jahrgang 1932, Studium der Geschichte und der Volkskunde in Tübingen sowie der Evang. Theologie in Bonn und Berlin, 1967 Selly Oak Colleges in Birmingham (GB), 1967-71 Pfarrer der schwarzen luth. Kirche in Südafrika in Verbindung mit Berliner Mission und Luth. Weltbund, Ausweisung durch die Apartheidregierung, 1976-94 Pfarrer im Gemeindedienst für Weltmission der Evang. Kirche im Rheinland; Veröffentlichungen: Das schwarze Johannesburg, Mainz 1973.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2011

1 Kommentar zu diesem Artikel

26.01.2015
Ein Kommentar von Hannes Deetlefs


Als "alter Südwester" erlebte ich den Kampf um die Kirche sehr nahe mit. Ich war in den entscheidenden Jahren ein sehr aktives Kirchenratsmitglied von Swakopmund, auch Synodaler. Ich las Predigten in der "pfarrerlosen Zeit", ich half, wo ich nur konnte. Unabhängig von politischen Fragen wurde auch damals getauft, konfirmiert, getraut, beerdigt... Sie können sich das gar nicht vorstellen, wie schwer man sich es machte, die Kirche "in Ruhe zu lassen", denn von "Deutschland" wurden einem nur Knüppel in den Weg gelegt. Sehr, sehr Christlich...

Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Die Kraft des liberalen Protestantismus in Kirche und Gesellschaft
Zur Erinnerung an die Kirchenunion der Pfalz
Artikel lesen
Gedenktag der Entschlafenen
25. November 2018, Philipper 1,21-26
Artikel lesen
Nicht abgehakt
Forum Reformation wird in Wittenberg gegründet
Artikel lesen
Goldener Oktober

Artikel lesen
Die nachkonfessionelle Gestalt des Protestantismus
Geschichte der Kirchenunionen und Perspektiven der Unionstheologie
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
Die Relevanz alter und neuer Sprachen in der Pfarrpraxis
Eine repräsentative Befragung der Pfarrschaft in der EKHN
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!