Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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In der Friedrichstraße wurde meine Frau vor einigen Monaten von drei Ausländerinnen angesprochen mit der Bitte um ihre Unterschrift unter einem Appell zur Begnadigung einer in Teheran zum Tod verurteilten Iranerin. Es entwickelte sich ein intensives Gespräch und seitdem kommen regelmäßig Informationsbriefe von zwei Vereinen: »Verein für Hoffnung der Zukunft e.V.« mit Sitz in Berlin und »Hilfe in Not. Verein für Nothilfe e.V.«, eingetragen im Vereinsregister in Bonn. Eine Spende und Telefonanrufe von Vertretern des Vereins hielten die Verbindung aufrecht.

Ende Februar schickten beide Vereine jeweils die Einladung zu einer »Großkundgebung zur Menschenrechtslage im Iran. Humanitäre Katastrophe in Iran und Ashraf gemeinsam verhindern!« Denn »die Menschenrechtslage im Iran ist verheerend. Mit einer erbarmungslosen Hinrichtungswelle terrorisiert das Teheraner Regime die Bevölkerung, die weiter ihr Recht auf ein Leben in Freiheit fordert. Tausende Angehörige der iranischen Oppositionsbewegung, die in Ashraf im Irak leben, sind in akuter Gefahr, in den Iran deportiert zu werden, wo ihnen Massenhinrichtungen drohen.«


Zu dieser Veranstaltung am 19. März im ICC konnten Eintrittskarten beantragt werden. Zuerst dachte ich, dass dies doch eine ziemlich kleine lokale Berliner Veranstaltung werden würde. Wie ich mich täuschte! Als wir gegen 14 Uhr ankamen, standen wir in einer langen Schlange. Alle mussten die Sicherheitsschleusen passieren, wie am Flughafen. Und der große Saal war jetzt schon ziemlich gefüllt. Auf zwei großen Leinwänden liefen Filme von den Protestmärschen in Teheran, vom vorigen Jahr wahrscheinlich, und beeindruckende Naturbilder vom Heimatland. Als um 15 Uhr die Konferenz begann, waren ca. 6.000 Menschen beisammen!


Mit stürmischem, lang anhaltendem Beifall wurde die Präsidentin des nationalen Widerstandsrats der Iraner im Exil begrüßt, Maryam Rajavi. Otto Beinhardt (MdB), Vorsitzender des deutschen Nationalkomitees für den freien Iran, ein Zusammenschluss von Parlamentariern aus Bundestag und Länderparlamenten, führte sie ein. Er moderierte auch die Veranstaltung und stellte die internationalen Redner vor. Professionelle Simultanübersetzungen in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Farsi und Polnisch ermöglichten es wohl den allermeisten Anwesenden, über Kopfhörer den Rednern zu folgen. Die vielen Gruppen, die Familien mit ihren Kindern, die Freunde, die sich herzlich und manches Mal über viele Reihen hinweg begrüßten – sie alle mussten aus vielen Ländern gekommen sein, aktuell zur Veranstaltung, aber auch irgendwann vorher in ein europäisches Land, in dessen Sprache sie nun miteinander kommunizierten. In Berlin ist man an »babylonisches Sprachengewirr« gewöhnt. Aber hier hat es mich erstaunt. Ohne das gemeinsame Anliegen dieser Konferenz hätte ich diese vielen Sprachfetzen nicht sofort mit dem Iran bzw. den Iranern und Iranerinnen im Exil assoziiert. Ein verstreutes Volk? Menschen in aller Welt, für die es irgendwann ein Aus in ihrer Heimat gegeben hat?


Frau Rajavi sprach lebhaft und engagiert für einen Wechsel der politischen Macht im Iran und griff dabei die Mächtigen scharf an. Sie forderte eine neue Gesellschaft auf der Grundlage der Freiheit, der Gleichheit, der Demokratie, Achtung vor den Menschenrechten und die Trennung von Religion und Staat. Die Gleichberechtigung der Geschlechter sei unverzichtbar, die Frauen müssen sich aktiv und mit gleichen Rechten an der politischen Führung beteiligen, die nationalen Minderheiten müssen die vollen Rechte und Freiheiten erhalten, der Iran muss von Atomwaffen frei sein und friedlich mit seinen Nachbarn zusammenleben und mit allen Ländern der Erde durch diplomatische Beziehungen verbunden sein. »Ich bete zu Gott, mich der Verantwortung in diesem Kampf würdig zu machen – bis zum Ende, bis zu meinem letzten Atemzug.«


Ihr Leben steht auch im Exil unter ständiger Bedrohung, das wusste hier jede und jeder im Saal. Doch in dieser lebendigen Gegenüberstellung von ihrer Persönlichkeit zu den auch von den folgenden Rednern immer wieder benannten Realitäten im Iran bekamen die großen Menschenrechtsverletzungen ein Gesicht: den Hass. Wie sehr wird sie, werden alle mutigen Gegner von dem Regime in Teheran gehasst! Jetzt war mir die Sicherheitsschleuse klar.


Die weiteren Redner waren US-Amerikaner: Ein Neffe von John F. Kennedy, ein früherer Gouverneur von Vermont, zwei hochrangige Generäle, ein Bundesrichter und dann als erster Deutscher Günther Verheugen, der frühere EU-Kommissar. Durch die starke amerikanische Präsenz erschloss sich mir die Zielrichtung dieser Konferenz. Sie hatte mit Absicht den symbolbeladenen Ort Berlin gewählt und zielte in erster Linie auf Washington. Die Freiheitskämpfer, die Volksmujahedin, sollten nun endlich von der Terroristenliste der USA gestrichen werden! So könnten dann die Iraner in den USA ungehindert Spenden sammeln für den Freiheitskampf, Satelliten-TV und -Radio einrichten und manches mehr.


Einige Tage später las ich in der »Berliner Morgenpost« einen Artikel: »Es ist schon erstaunlich, dass es den Iran noch gibt«, und erfuhr: »Ein Epos der Weltliteratur hat die Geschichte Persiens begründet. In Berlin ist es zu sehen.« Der Iran hat seine Identität über die hellenistische Weltzivilisation, mongolische Vernichtungszüge und arabische Eroberung mit seiner Sprache bewahrt und das liegt an einem Epos, dem »Schahname«, dem »Buch der Könige« – von der Bedeutung vergleichbar den Epen Homers für Griechenland. Der Verfasser Firdausi (um 940-1020) schildert eine ferne Vergangenheit, und es hat einen »sprachlichen Zauber, darin Dante oder der Bibelübersetzung Luthers vergleichbar« – so der Autor Berthold Seewald. Er fügt an: »Es steht für das sprachliche Genie Firdausis, dass noch heute jeder halbwegs gebildete Sprecher des Persischen – und das sind Menschen vom Irak bis nach Afghanistan und Pakistan, von Iran bis Tadschikistan und Usbekistan – die Verse des ›Schahname‹ verstehen und daraus zitieren kann.« Weil der Abschluss des Epos 1010 gewesen sein soll, stellt das Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseum seine kostbare Handschriften- und Kalligrafien-Sammlung zum »Buch der Könige« bis 19. Juni aus.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2011

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05.08.2018
Ein Kommentar von Michael Kausch


Der Verein für Nothilfe ist inzwischen nicht mehr auf der Warnliste des DZI (siehe die Website des DZI: dzi.de/spenderberatung/das-dzi-rat-ab/das-dzi-warnt). Allerdings unterhält der Verein Beziehungen zum "Verein für Hoffnung der Zukunft (V.H.Z.) e.V.", der sich auf der Warnliste befindet. Auch gibt es vermutlich Beziehungen zwischen dem Verein und den Volksmodschahedin (MEK) (siehe den Beitrag auf zyslansky: czyslansky.net/zwischen-cia-kampagne-stalinismus-und-menschenrechtsorganisation). Insgesamt ist das Geflecht der diversen iranischen Oppositionsgruppen recht unübersichtlich. Nach meiner Einschätzung aber ist der Verein für Nothilfe durchaus ein wichtiger Baustein innerhalb der iranischen Opposition.
30.01.2013
Ein Kommentar von Jan Höck


Allerdings rät das DZI (Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen) von Spenden für den Verein für Nothilfe ab, da dieser keine Auskunft über die Verwendung des Geldes gibt.

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