Ein Versuch, den »Arbeiterpfarrer« Horst Symanowski zu verstehen
»Gott liebt die Weltlichen«

Von: Dr. Martin Schuck
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Nach 1945 bemühte sich Horst Symanowski um einen Neuanfang der evangelischen Kirche, der nicht an überkommene Traditionen anknüpft, sondern mutig und risikofreudig neue Wege geht. Dabei stand ihm vor allem die Vision einer Kirche, die die Lebenswelt der Arbeiterschaft teilt, vor Augen.

Auf der Fürbittenliste der »Vorläufigen Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche« vom 24. August 1937 findet sich unter den neu Verhafteten der Name des Vikars Horst Symanowski aus Schwentainen in Ostpreußen. Es war Symanowskis erste Verhaftung – zwei weitere sollten bis 1939 folgen. Im dritten Haftbefehl von 1939 wird er beschuldigt, »in Ausübung seines Berufes in einer Kirche Angelegenheiten des Staates in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise zum Gegenstand seiner Verkündigung oder Erörterung gemacht zu haben«1.
Horst Symanowski wurde am 8. September 1911 in Nikolaiken in Ostpreußen geboren.2 Im Theologiestudium in Königsberg und im Predigerseminar bei Hans Joachim Iwand schärft sich sein politisches Bewusstsein im Kirchenkampf. Er wird Mitglied der Bekennenden Kirche und meldet sich nach drei Verhaftungen freiwillig zur Wehrmacht, um der Einlieferung ins KZ zu entgehen. 1942 wird er schwer verwundet aus der Wehrmacht entlassen. Als »illegaler« Pfarrer, der sein Examen bei der Bekennenden Kirche abgelegt hatte, findet er keine kirchliche Anstellung und gelangt so 1943 zur Gossner Mission. Er arbeitet im sog. »Heimatdienst« in Ostpreußen und versteckt in der Zeit zwischen 1943 und 1945 zusammen mit seiner Frau mehrfach Juden. Dieses Engagement bringt Horst und Isolde Symanowski im Jahr 2002 die späte Ehrung als »Gerechte unter den Völkern« der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ein. Horst Symanowski kann die Urkunde und Medaille am 3. Juli 2003 im Mainzer Rathaus entgegennehmen; seine Frau Isolde ist vier Jahre zuvor verstorben und wird posthum geehrt.

Die Bekennende Kirche als Modell

Nur vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus der Ostpreußischen Bekennenden Kirche ist es möglich, das Lebenswerk von Horst Symanowskis richtig zu verstehen und einzuordnen. Er erlebte den Zusammenbruch des Naziregimes auf einer Sowchose in Hinterpommern, wo er nach dem Einmarsch der Roten Armee einige Zeit Hilfsarbeiter und Seelsorger der Flüchtlinge war. Nach Kriegsende wird er von der Gossner Mission festangestellt und gründet im Herbst 1945 mit den beiden ostpreußischen Pfarrern Horst Dzubba und Helmut Linke den »unterwegs«-Kreis, dem später neben einigen Berliner Pfarrern auch der französische Militärpfarrer Georges Casalis angehörte, der Professor an der Protestantischen Fakultät in Paris wurde.
Ziel des »unterwegs«-Kreises war der theologische Einspruch gegen die Wiederherstellung der kirchlichen Verhältnisse von vor 1933. Symanowski schreibt im Rückblick, man habe eine Kirche gewollt, »in der die Laien, der ›Laos‹ nach 1. Petr 2, 9 das Sagen hätten, wie wir es im Gottesdienst, bei Beerdigungen, am Krankenbett erlebt hatten, als Pfarrer im Gefängnis saßen oder später Soldaten waren«3. Das Überleben der Gemeinden durch die Arbeit von »Laien« während der Abwesenheit der Pfarrer im Gefängnis oder im Kriegsdienst wurde zum theologischen Ausgangspunkt des Fragens nach einer neuen Form von Kirche. Sprachrohr des Kreises wurde die Zeitschrift »unterwegs«, für die es aufgrund der Beziehungen von Georges Casalis zu den Alliierten eine Lizenz gab. Im Vorwort des ersten Heftes im Mai 1947 wurde programmatisch gefragt: »Sind wir politisch und sozial unterwegs? Sind wir unterwegs zwischen Krieg und Frieden, zwischen den Zonen und Zeiten, zwischen den Generationen und Äonen, zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Ost und West? Versuchen wir es wieder mit den alten Doktrinen und Parolen und Methoden? Sind wir zu neuen und besseren Lösungen und Antworten unterwegs, oder nennen wir nur neu, was in Wirklichkeit uralt und abgestanden und unzählige Male gescheitert ist? – Sind wir geistlich und kirchlich unterwegs? Bewegt sich nicht das meiste in erschreckend alten Bahnen? Wo ist etwas zu spüren von echter Neubesinnung und einem neuen Anfang? […] So heißt unterwegs sein: umkehren, ihn erkennen, mit ihm gehen und bei ihm bleiben. Wir glauben, dass er mit vielen unterwegs ist, die es nicht wissen, auch mit vielen, die ganz andere Wege als kirchliche gegangen sind und gehen. Wir suchen Gemeinschaft mit Menschen aus allen Lagern, die ernsthaft und verantwortlich mit den uns heute besonders gestellten Fragen ringen. Wir treten ein für eine ›theologia viatorum‹ (Theologie der Wandernden), die sich ständig vom Wort Gottes angeredet und zum Zeugnis in allen Lebensbereichen aufgerufen weiß. Darum bemühen wir uns inmitten aller Erstarrung und Restauration der Kirche um eine Erneuerung ihrer Lehre, Verkündigung und Ordnung im Sinne der Barmer Theologischen Erklärung vom Mai 1934 und um die Gemeinschaft mit den Christen in anderen Völkern und Kirchen.«4
Symanowski war kein systematisch arbeitender Theologe, sondern ein Pfarrer, der nach Krieg und Zusammenbruch der alten deutschnational ausgerichteten »Reichskirche« auf dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrungen aus der Bekennenden Kirche nach der theologisch zu verantwortenden Form einer neuen Kirche fragte und bereit war, durch eigenes Engagement dieser Kirche Gestalt zu geben. So erklärt sich seine praktisch ausgerichtete Tätigkeit, die im ersten Jahrzehnt nach 1945 neben den Landeskirchen und der neu entstandenen EKD herlief, ohne sich institutionell einbinden zu lassen. Die Theologie, die er für seine praktisch orientierte Tätigkeit benötigte, wurde im Berliner »unterwegs«-Kreis geformt. Tatsächlich gab es von diesem Kreis aus personelle Verbindungen in alle relevanten Bereiche der Nachkriegstheologie hinein. Georges Casalis war der Schwiegersohn Eduard Thurneysens, der ein enger Freund und Mitarbeiter Karl Barths war. Bald schon stieß Eberhard Bethge dazu, der zunächst persönlicher Referent des Berliner Bischofs Otto Dibelius war, dann aber daran ging, den Nachlass seines Freundes Dietrich Bonhoeffer aufzuarbeiten; durch Bethge waren die Mitglieder des »unterwegs«-Kreises die frühesten Bonhoeffer-Rezepienten, lange bevor die ersten Arbeiten über Bonhoeffer in den späten 50er Jahren erschienen.5 Auch die Referentin für Kirchenfragen im englischen Sektor, Rev. Mary Baily, arbeitete regelmäßig im Kreis mit; sie war eine enge Vertraute des anglikanischen Bischofs von Chichester, George Bell, der wiederum zu Bonhoeffer intensive Beziehungen unterhalten hatte. Ergänzt wurde der Kreis durch Gustav Heinemanns Schwägerin Gerda Staewen, die, ähnlich wie das Ehepaar Symanowski, Juden und Widerstandskämpfern geholfen hatte, und nach dem Krieg im Zuchthaus Tegel als »Fürsorgerin« tätig war.
Symanowski war also in diesem Kreis einer dreifachen theologischen Prägung ausgesetzt: Barth, Bonhoeffer und der ökumenischen Theologie des westeuropäischen Protestantismus sowie des Anglikanismus, die 1948 in der Gründung des ÖRK ihren Niederschlag gefunden hat. Gerade dieser letzte Aspekt dürfte mit dafür verantwortlich sein, dass Symanowski in seiner späteren Tätigkeit früher als andere damit begonnen hat, Impulse aus der weltweiten Ökumene aufzunehmen und in seine Arbeit zu integrieren.

Die Anfänge als »Arbeiterpfarrer« in Mainz-Kastel

1948 beauftragt die Gossner Mission während der Berlin-Blockade Symanowski mit der Gründung einer Zweigstelle in Mainz; die Mission hatte an der dortigen Universität eine Professur für Missionswissenschaft gestiftet, und Symanowski sollte die Arbeit dieser Professur unterstützen. Außerdem sollten von Mainz aus die Kontakte mit Indien, einem wichtigen Arbeitsfeld der Gossner Mission, gehalten werden, was von Berlin aus zu dieser Zeit nicht möglich war. Die Kontakte zur Universität blieben jedoch recht spärlich und beschränkten sich auf einige Vorträge, die Symanowski dort gehalten hat.
Symanowski entwickelte den Plan, ein Studentenheim aufzubauen, das eine Ausbildungsstätte für den Dienst von Theologen in der Arbeitswelt werden sollte. Er selbst arbeitete sechs Monate im Jahr als Hilfsarbeiter im Zementwerk Dykerhoff in Wiesbaden-Amöneburg und veranstaltete ab März 1949 ökumenische Aufbaulager, die neben der gemeinsamen theologischen Arbeit dem praktischen Ziel dienten, das im Entstehen begriffene Gossner-Haus zu einem Wohnheim für Lehrlinge und Studenten auszubauen. Was Symanowski in der Zeit bis 1955 anbot, waren sozusagen praktisch-theologische Seminare in einem ganz unmittelbaren Sinn: Junge Theologen arbeiteten in den Betrieben, engagierten sich praktisch für die Erweiterung bzw. Fertigstellung des Gossner-Hauses und reflektierten und diskutierten über die missionarische Verantwortung der Kirche für die Industriearbeiter.
Symanowskis Theologie in dieser frühen Aufbauphase des Mainzer Seminars kann rekonstruiert werden anhand eines Vortrags mit dem Titel »Die missionarische Verantwortung der Kirche in Deutschland«6, den er am 7. März 1949 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gehalten hat. Ausgangspunkt ist ihm eine Analyse der kirchlichen Situation in Deutschland. Im Zentrum steht dabei die Diskrepanz zwischen der kirchlichen Wirklichkeit und der unter allen Umständen aufrecht erhaltenen »Fiktion einer Volkskirche« (88) mit einem großen »Apparat von Kirchenleitungen, Oberkirchenräten, Superintendenturen, Dekanaten, Pfarrämtern und kirchlichen Verwaltungsstellen« (89), die man für nötig halte, »das ganze Land zu beackern, um die große Zahl der eingetragenen, nominellen Christen zu erreichen« (89). Dies gelänge allerdings nicht, denn der ganze Apparat arbeite nicht für die große Masse, sondern beschränke sich »auf den inneren Zirkel, aus dem heraus gelegentlich ein Wort an die ›draußen‹ zu sagen versucht« werde. Von diesem inneren Zirkel, so Symanowski, werde zwar immer wieder ein Öffentlichkeitsanspruch erhoben, aber die Öffentlichkeit nehme wenig Notiz von diesem Anspruch. Nur etwa ein bis zwei Prozent der nominellen Christen könnten tatsächlich von der Verkündigung des Evangeliums erreicht werden, so seine Schätzung.
Symanowski sieht in dieser Zustandsbeschreibung das direkte Gegenbild zur Situation in der Bekennenden Kirche. »Das weltbewegende Ereignis der Geburt und des Todes Jesu Christi lässt unsere Welt, mit der wir es täglich zu tun haben, kalt und unerschüttert. Das war vor wenigen Jahren um einige Grade verschieden. Damals hatte die Kirche nichts mehr in der Öffentlichkeit zu vermelden, ihr stand weder eine Presse, noch eine wohlwollende Anerkennung der Regierungsstellen zur Verfügung. Aber trotzdem lief das von ihr gesprochene Wort weiter, es wurde erwartet, begierig gehört und weitergegeben, selbst wenn es mit Gefahr verbunden war. Wir stehen vor der Tatsache, dass die Freiheit der Kirche in der Zeit, da man ihr Wort binden wollte, frei beweglich und bewegend war, während sie in der Freiheit der Nachkriegsjahre merkwürdig steril wurde und in einer seltsamen Gefangenschaft ihrer selbst erscheint« (89).
Nun ist es nichts anderes als die nach 1945 wieder errichtete Struktur der Kirche, die ihre Gefangenschaft bewirkt. Es sei viel Kraft darauf verwendet worden, »sich Verfassung und Ordnung in den Landeskirchen und in der EKiD zu geben« (90), diese Kraft stehe jedoch in keinem Verhältnis zu dem Auftrag, den die Kirche für die Menschen habe. Dem Arbeiter in der Fabrik sei es gleichgültig, wie die Kirchenleitung seiner Landeskirche zusammengesetzt sei; allerdings würde es ihn interessieren, »wenn ein Christ mit ihm über Arbeit und Lohn, Krieg und Frieden und dergleichen spräche« (90). Solches bekäme er jedoch nicht zu hören, und selbst wenn die Kirche dazu einmal ein Wort verfassen würde, ginge es an ihm vorbei, weil er die kirchliche Presse nicht lese.
Symanowski vergleicht die Kirche der Nachkriegszeit mit einem Motor, der zwar auf Hochtouren laufe, aber nicht mit dem Getriebe gekuppelt sei und deshalb die Leistung, um deretwillen er gestartet sei, nicht erbringen könne. Als Grund, warum diese Verzahnung mit dem Getriebe fehle, nennt er die pfarramtliche Struktur der Kirche. »Der Bote des Evangeliums, der im Neuen Testament noch in der Gestalt des durch die Straßen ziehenden Herolds durch das griechische Wort, das wir mit ›verkündigen‹ übersetzen, beschrieben wird, begegnet dem Menschen unserer Tage nicht mehr an seinem Ort, d.h. an der Stelle seines Arbeitens, Wohnens und Vergnügens, sondern sitzt in seinem Pfarramt. Hier hat der neutestamentliche Herold seine Sprechstunden, und wer seine Botschaft hören will, muß sich dorthin bemühen, am Sonntagvormittag in die Kirche, am Alltag ins Gemeindehaus oder ins Pfarrhaus« (90).
Die Kirche der Nachkriegszeit, in der dem Pfarrer eine Rolle als »Spezialist für religiöse Fragen« zukomme, sieht Symanowski wegen ihrer alleinigen Ausrichtung auf eine Kerngemeinde als völlig ungeeignet für die durch die Gegenwart gestellten Aufgaben, nämlich diejenigen zu erreichen, die aufgrund ihrer Lebensumstände der Kirche fern stehen. Erkenntnisleitend ist ihm dabei Bonhoeffers Aussage in einem seiner Gefängnisbriefe, in dem dieser es »als gefährliche Versuchung für die Kirche« beschreibt, wenn sie sich auf die »Grenzsituationen« des menschlichen Lebens beschränkt, also auf Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung. Bonhoeffer zeige, wie sich die kirchliche Verkündigung »mehr und mehr in die Grenzsituationen abdrängen ließ, sodass damit gleichsam Gott ein Jagdrevier zugewiesen bekam, in dem mit seiner Meute zu jagen ihm noch erlaubt war. Dieses Revier wird immer kleiner, seine Grenzpfähle heißen Geburt und Tod, Schuld und Verzweiflung, oder was man sonst noch nennen mag. Entnommen sind ihm aber bereits die Gebiete, die man vielleicht mit den Schlagwörtern Politik, Wirtschaft, Erziehung, häusliches Leben und Vergnügen beschreiben kann« (90f).
Den Grundwiderspruch sieht Symanowski darin begründet, dass der Pfarrer zu einem Spezialisten für religiöse Angelegenheiten geworden sei, als solcher auch noch ernst genommen werde, damit aber einen Platz neben all den anderen Spezialisten für andere Dinge des Lebens zugewiesen bekomme. Das Problem des Pfarrers als Spezialist für religiöse Angelegenheiten sei nun, dass sein Spezialistentum immer weniger nachgefragt werde. Deshalb versuche die Kirche sich mit allen Mitteln eine Nachfrage zu schaffen, etwa dann, wenn man glücklich sei zu hören, dass irgendwo »eine religiöse Frage aufgebrochen« sei. Allerdings stehe nirgendwo geschrieben, »dass sich die Boten, die Jesus Christus aussendet, an solchen Fragen orientieren sollen« (91). Vielmehr seien sie in die Welt gesandt, »die nach dem griechischen Wortlaut von Matth. 28 aus den Heiden besteht« (91).
Was Symanowski 1949 vorschwebt, ist nichts weniger als eine Missionstheologie für das Nachkriegsdeutschland. Die Kirche sei eine unbedeutende Größe, der moderne Mensch, vor allem der Arbeiter, komme mit ihr in seinem Alltag nicht in Berührung. Also muss die Kirche »heraus aus ihren Mauern, aus ihren Formen, aus ihrer Redeweise, aus ihrer bürgerlichen Welt, und sich auf den Weg machen an den Ort, wo der Mensch unserer Tage lebt, arbeitet, leidet und sich vergnügt« (92). Urbild einer solchen missionarischen Tätigkeit, wo Kirche ihre Mauern verlässt und zu den Menschen geht, ist für Symanowski der Sommer 1948, als er im Auftrag der Gossner Mission gemeinsam mit dem Katecheten Bruno Schottstädt mit einem Zirkuswagen durchs Oderbruch zog, um dort völlig zerstörte Gemeinden wieder aufzubauen. Die dort erfahrene missionarische Situation wird ihm zum Ausgangspunkt seines Verständnisses von Kirche, das nicht »restaurativ« in der Errichtung von Pfarreien, sondern »nachfolgeorientiert« in der Teilhabe am Leben der Erniedrigten seinen Ausdruck findet. In diesem Sinne schärft er seinen Zuhörern an der Mainzer Universität ein: »Wir erkannten sehr schnell, dass wir in diesem Land und unter diesen Menschen unmöglich als Vertreter der Kirche auftreten konnten, um die Gemeinde zu restaurieren und ein Pfarramt einzurichten. Aber als Zeugen zu erscheinen, die noch etwas anderes als Arbeit in eigener und fremder Sklaverei kennen, das war möglich. Als Bote eines Herrn, der seine Herrschaft auch über dieses Dorf ausrufen läßt, konnte man in die Häuser und Bretterbuden gehen oder in die Keller hinabsteigen. Und dies wurde uns ganz klar: eine Kirche, die nicht gewillt ist, sich in die Trümmer und Kellerlöcher zu den Menschen zu setzen, hat das Recht verspielt, später an die Türen der Häuser zu klopfen« (92).
Mit diesem Leitbild einer missionarischen Kirche, der in einer religionslosen Zeit ihr religiöses Spezialistentum nicht genug ist, sondern die sich in kirchenferne Milieus begibt, ist das herkömmliche Pfarramt und der verbeamtete Pfarrer nicht vereinbar. Symanowski schwebt deshalb eine missionarische Existenz vor, die keinen Unterschied mehr kennt zwischen dem Missionsdienst in Indien, der den Missionar zur langjährigen Aufgabe seiner bürgerlichen Lebensweise zwingt, und dem Missionsdienst in Deutschland. Hier wie dort muss er sich mit der Gedankenwelt der Menschen, auf die er treffen wird, sorgsam auseinandersetzen: »So wird der Missionar für Deutschland darin unterrichtet werden müssen, was die Gedankenwelt etwa des Industriearbeiters ausmacht, wie die Geschichte des Sozialismus aussieht, und was der Fragen mehr sind. Er wird diese theoretische Beschäftigung mit dem ihm zugewiesenen Missionsfeld schon früh durch die Praxis auf seinem Missionsfeld ergänzen müssen. Als einer der ihren wird er mit den Arbeitern leben und schaffen und bei ihnen nicht nur eine episodenhafte, vorübergehende Beschäftigung, sondern auf diese Weise einen langjährigen Dienst finden« (93). Mit dem in Mainz-Kastel aufgebauten Studentenheim verfolgte Symanowski genau diesen Anspruch: Theologen und Nichttheologen zusammenbringen, »die sich auf das nicht weniger schwierige Missionsland Deutschland senden lassen« (94).

Espelkamp 1955 und die ­Verkirchlichung der Industrie- und Sozialarbeit

Im März 1955 tagte im ostwestfälischen Espelkamp die Synode der EKD zum Thema »Die Welt der Arbeit«. Neben Hanns Lilje, Henry Lillich und Eberhard Müller war Horst Symanowski der vierte Hauptredner. Sein Vortrag »Der kirchenferne Mensch in der Welt der industriellen Arbeit«7 dokumentiert, wie Symanowskis Theologie der frühen Aufbauphase um 1949 sechs Jahre später deutliche Konturen gewinnt. Es ist eine Theologie der radikalen Jesus-Nachfolge, die eine doppelte Dimension der Fremdheit zu überwinden versucht: Die Fremdheit des von der Industriegesellschaft und ihrer Arbeitswelt geprägten Menschen der Kirche gegenüber, sowie die Fremdheit der Kirche mit ihrer »unrealen Morallehre« gegenüber dem »wirklichen Alltagsgeschehen«. Es geht also um die Überwindung sowohl einer existentiellen wie auch einer strukturellen Fremdheit.
Symanowskis Theologie, mit der er diese Fremdheit zu überwinden versucht, orientiert sich, reflektierter noch als sechs Jahre zuvor, an Bonhoeffers Gefängnisbriefen. Hier findet er die theologischen Kategorien für sein eigenes Konzept von Weltlichkeit. Weitere wichtige Referenzen sind ihm einige Texte des ÖRK, der sich, vor allem bei seiner zweiten Vollversammlung 1954 in Evanston (USA) unter dem Motto »Christus, die Hoffnung der Welt«, intensiv mit dem Verhältnis von Gott und Welt auseinandergesetzt hat. Allerdings nutzt Symanowski weder Bonhoeffers Gefängnisbriefe noch die ÖRK-Texte als systematische Theologiekonstruktionen, sondern eher als Stichwortgeber, die seine eigene, zwischenzeitlich konsolidierte und kirchlicherseits anerkannte Praxis theologisch legitimieren.
Die Überwindung der existentiellen Fremdheit, die der arbeitende Mensch der Kirche gegenüber empfindet, stellt sich für Symanowski zunächst als Aufgabe für die Kirche, eine andere Kommunikationsform zu entwickeln. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn sämtliche Lebensäußerungen der Kirche, wozu vor allem auch das gehört, was Symanowski ihren »Rhythmus« nennt, sich dem völlig anderen Rhythmus der Arbeiter anpasst: »Welches Morgen- und Abendgebet sollen wir eigentlich die Jungen und Mädchen lehren, für die bald in diesem Rhythmus die Zeit des Wachens und Schlafens, des Arbeitens und Ruhens sich alle acht oder zehn Tage durch Schichtwechsel verschiebt? Der Rhythmus unseres kirchlichen Lebens mag im Dorf und in bestimmten Berufsgruppen noch mit dem Rhythmus von Natur und Arbeit übereinstimmen oder sich wenigstens ab und zu decken. Für Millionen der in den Produktionsprozeß eingespannten Menschen gibt es nur den anderen Rhythmus. Man kann aber nicht zwischen zwei Musikkapellen marschieren, die in verschiedenem Rhythmus spielen. Es ist doch eben eine Welt für sich, die nicht mit Rezepten, die sich in der vorindustriellen Welt bewährten, zu behandeln ist« (60).
Die theologische Kategorie, die sich Symanowski zur Überwindung dieser existentiellen Fremdheit anbietet, ist die der »Fleischwerdung«: »Sind wir nicht eine Kirche des Wortes? Gewiß, aber eben des Wortes, das Fleisch geworden ist und stets zur Fleischwerdung, zur Materie, zur Gestalt, zum Leib drängt. Reden und Sein sind in der Nachfolge Jesu nicht getrennt. Beides gehört auch am Arbeitsplatz zusammen. Das Reden ist eine ungekünstelte, selbstverständliche Folge unserer Gegenwart am Arbeitsplatz« (60). Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass dieses Reden am Arbeitsplatz eben keine religiöse Rede sein soll, die Gott zum Gegenstand hat, sondern eben eine Rede über die Welt. Symanowski zitiert eine Passage aus einem Vortrag des indischen Theologen Daniel Thambyrajah Niles (1908-1970) vor der ÖRK-Vollversammlung in Evanston: »Gottes Gespräch mit der Kirche ist ein Gespräch über die Welt. Die Kirche muss bereit sein, über die Welt zu sprechen, wenn sie mit Gott sprechen will. Die Welt ist der direkte Gegenstand von Gottes Handeln« (60). Hier kehrt ein Motiv wieder, das Symanowski auch schon in Bonhoeffers Gefängnisbriefen begegnet ist, nämlich die Weltlichkeit als stärksten und intensivsten Ort der Gottesbegegnung. Folgerichtig zitiert er Bonhoeffer mit den Worten: »Ich will, […] dass man den Menschen in seiner Weltlichkeit nicht ›madig macht‹, sondern ihn an seiner stärksten Stelle mit Gott konfrontiert« (61), und mit der »stärksten Stelle« wird ganz selbstverständlich der Arbeitsplatz identifiziert.
Kann die existentielle Fremdheit des arbeitenden Menschen gegenüber dem religiösen Reden der Kirche nur dadurch überwunden werden, dass die Kirche das religiöse Reden aufgibt und sich auf die »Weltlichkeit« des Arbeiters einlässt, so kann die strukturelle Fremdheit der Kirche gegenüber dem modernen Arbeitsleben nur überwunden werden, indem die Kirche sich auf die Suche macht nach der »säkularen Gestalt« des Leibes Christi. Nicht auf das Kennwort »christlich« komme es an, so Symanowski, sondern darauf, »ob die versöhnende Tat Gottes sich in der Welt, in unserem Fall also in der modernen Welt der Arbeit, ereignet. Das Zeugnis von dieser Tat Gottes ist nicht ein religiöses, sondern ein säkular gesellschaftliches Ereignis. Es führt nämlich zu einer Veränderung zwischen Menschen, zwischen Arbeitskollegen am Arbeitsplatz, zwischen ihnen und dem Meister, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern. So wird das Zeugnis von dem Gott, der die Welt und die Weltlichen liebt, Salz für die Erde, erhaltendes und umgestaltendes Ferment der Gesellschaft. In dieser Veränderung der Beziehungen zwischen Menschen, im Zueinanderfinden von Menschen ereignet sich Kirche« (62).
Das Jahr 1955 markiert mit der Synode von Espelkamp nicht nur den offiziellen Beginn der Industrie- und Sozialarbeit als Handlungsfeld der EKD und der Landeskirchen, sondern auch die entscheidende Wende in der Arbeit von Horst Symanowski. Noch im Laufe des Jahres konnte er in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau eine reguläre Pfarrstelle für die Arbeit in der Gossner Mission antreten. Seine Seminare wurden bis zu seiner Pensionierung 1974 als Halbjahresseminare fortgesetzt. Im Herbst 1970 wurde das von Symanowski zusammen mit Studenten aufgebaute Haus in Mainz-Kastel an die Farbwerke Höchst verkauft, die es weiterhin als Studienzentrum nutzten. Die Arbeit des »Seminars für kirchlichen Dienst in der Industriegesellschaft« wurde fortgesetzt in einem neuen Gebäude in unmittelbarer Nähe zur Universität. Seit 2001 wird die von der Gossner Mission aufgebaute Arbeit in Mainz unter dem Dach der EKHN weitergeführt. Das »Seminar für kirchlichen Dienst in der Industriegesellschaft« wurde in das neugeschaffene »Zentrum für gesellschaftliche Verantwortung« integriert.
40 Jahre nach der Synode in Espelkamp urteilte Symanowski 1995: »Es sind Brücken gebaut worden zwischen Kirche hier und Welt der Arbeit dort, in beiden Richtungen begangen, vor allem von den Funktionären beider Seiten. Wie wichtig sie waren, zeigte sich schon sechs Monate nach der Synode, als sich die EKiD gegen die Neugründung christlicher Gewerkschaften wandte und für die Einheitsgewerkschaft, den DGB, plädierte.«8
Horst Symanowski starb am 13. März 2009 im Alter von 97 Jahren. Seine in den Nachkriegsjahren entstandene theologische Überzeugung, dass Gott »die Weltlichen liebt«, prägte ihn zeit seines Lebens. Seine theologischen, an Bonhoeffer orientierten Grundüberzeugungen führten ihn parallel zu seiner seit Espelkamp auch von der Kirche offiziell anerkannten und geförderten Tätigkeit zur Mitarbeit in verschiedenen politischen Initiativen. Dabei interessierte ihn die klassische Kirchenpolitik erstaunlich wenig; lieber als mit Kirchenvertretern gab er sich auch in der Politik mit den »Weltlichen« ab.

Anmerkungen:
1 Zit. nach: Horst Symanowski, Kirche und Arbeitsleben: getrennte Welten? Impulstexte aus 1950-2000 und ihre bleibende Herausforderung. Herausgegeben von Wilhelm Huft u.a. (Entwürfe zur christlichen Gesellschaftswissenschaft, Bd. 17), Münster 2005, 21.
2 Über seine Herkunft aus einem deutsch-nationalen Elternhaus, seine Schulzeit und den Weg in die Bekennende Kirche berichtet Symanowski in einem Nachruf für Martin Niemöller: Zwei Studenten begegnen Martin Niemöller: Horst Symanowski (1934), Martin Schuck (1984), in: Martin Niemöller-Stiftung (Hg.), Martin Niemöller. Wer er war – wer er ist, Frankfurt/M. 1984, 69-72; 69-71.
3 Horst Symanowski, Befreiung, aber kein Neubeginn oder: Dennoch ein bißchen klüger, in: Neue Stimme 4/1980, 10-12; 10.
4 Zit. nach Symanowski, Kirche und Arbeitsleben, 54. 56.
5 Einer der ersten Theologen, die wissenschaftlich über Bonhoeffer arbeiteten, war der aus Düsseldorf stammende Hanfried Müller, der aufgrund seiner Funktionärstätigkeit für die FDJ nicht, wie geplant, in Göttingen bei Ernst Wolf, sondern 1956 an der Ostberliner Humboldt-Universität mit der Arbeit »Von der Kirche zur Welt« promovierte.
6 Der Vortrag ist abgedruckt in: Kirche und Arbeitsleben, 88-94. Die folgenden Zitate sind diesem Text entnommen unter Angabe der Seitenzahl in Klammer.
7 Der Vortrag ist abgedruckt in: Kirche und Arbeitsleben, 57-63. Die folgenden Zitate sind diesem Text entnommen unter Angabe der Seitenzahl in Klammer.
8 Der Rückblick auf die Synode in Espelkamp ist veröffentlicht in: AMOS 2/1995, zit. nach: Kirche und Arbeitsleben, 70-72; 71.

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Martin Schuck, Jahrgang 1961, seit 1991 Pfarrer der Pfälzischen Landeskirche, 1998-2009 wiss. Referent für Catholica und Publizistik am Konfessionskundlichen Institut Bensheim, seit März 2009 Verlagsleiter des Verlagshaus Speyer GmbH, Mitglied im Redaktionsbeirat des »Deutschen Pfarrerblatts«, Lehrbeauftragter an der Universität Koblenz-Landau.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2010

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