– und warum die Kirche dort hin gehört
Wozu es gut ist, so lange zu leben

Von: Felizitas Muntanjohl
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Altern findet heimlich statt

Das Alter gehört zum Leben so wie die Kindheit. Nur schauen wir diese Phase nicht so gerne an. Wir assoziieren mit Kindheit und Jugend: neues Leben, Aufbau von Kräften, positive Entwicklung. Ob das tatsächlich der Lebenserfahrung junger Menschen entspricht? Mit Alter assoziieren wir Verfall, Krankheit, Schmerzen, negative Veränderungen. Ob das tatsächlich der Lebenserfahrung alter Menschen entspricht? Und wenn auch in vieler Hinsicht tatsächlich solches wahrgenommen wird – ist das alles, was wir bemerken und damit auch bestärken? Und gehen wir damit vielleicht an den Erfahrungen und Bedürfnissen der Menschen vorbei?
Fragt man junge Menschen nach ihrem Lebensgefühl, ist die Wahrnehmung von Kindheit und Jugend keineswegs so positiv. Sie erleben sich eingebunden in Strukturen, die von ihnen vieles verlangen, was sie nicht einsehen. Sie erleben Unterdrückung und Gewalt, gerade auch von Gleichaltrigen, die sie in große Hilflosigkeit stürzen. Sie vermissen Beziehungen, wo sie nicht eine Rolle spielen müssen oder Rollen untergeschoben bekommen, sondern als eigene Menschen anerkannt sind.
Fragt man Menschen mittleren Alters, ob sie wieder jung sein möchten, kommt meistens prompt ein »Bloß nicht!« Sie erinnern sich ihrer Kindheit und Jugend als einer sehr verunsichernden Zeit mit vielerlei inneren und äußeren Konflikten. Dennoch bleibt das Bild der »schönen Jugend« in der Gesellschaft erhalten.
Fragt man alte Menschen nach der Erwerbstätigkeit nach ihrem Lebensgefühl, erfährt man überraschend, dass sie glücklich sind: tiefer und lang anhaltender als je zuvor in ihrem Leben. Empirische Untersuchungen beschreiben sie als neugierig und unternehmungsfreudig, Wesenszüge, die man in der Regel der Jugend zuschreibt. Gerade bei männlichen Jugendlichen erlebt man dagegen häufig eine große Trägheit und Interesselosigkeit. Die virtuelle Welt hat das Leben in der realen Menschenwelt oft weitgehend abgelöst. Dennoch hält sich das öffentliche Bild von der Trostlosigkeit des Alters. Und was trostlos ist, schaut man lieber nicht an.
Kommt dann im hohen Alter tatsächlich die Phase, in der das Alter als »böse Zeit« erlebt wird, ist der Schrecken groß: »Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in ein Altenheim muss!«, sagen entsetzt viele Hochaltrige. Sie hatten sich längst das gesellschaftliche Bild des immer rüstig, gesund und Selbständigsein-Müssens zu eigen gemacht. Es gibt kein Denkmuster, kein Lebenskonzept, das dann greifen, und vor allem Sinn vermitteln könnte. »Bevor ich so krank werde, bringe ich mich um!«, behaupten viele. Aber wann sollte der Zeitpunkt dafür sein? Und es gibt keine gesellschaftliche Stützstruktur dafür. Die Zeiten, in denen die verschiedenen Generationen unter einem Dach lebten und sich gegenseitig unterstützten, sind vorbei.
Für die heutige Gesellschaft gilt: hoffentlich gibt es Töchter und Schwiegertöchter, die dann alle Selbstverwirklichung hintanstellen und aufopferungsvoll für die Alten sorgen, vielleicht noch isolierter als früher bei der Kinderversorgung. Und wenn es diese Frauen nicht gibt, muss die Selbständigkeit organisiert werden durch Hilfsdienste oder notfalls ein teurer Heimaufenthalt finanziert werden. Aber in allen Fällen bedeutet es: Altern findet heimlich statt. Die Städte haben ein paar Spielplätze für Kinder, aber keine Parks, die für Behinderte erreichbar sind. Und so wie Kinder für viele Leute zu laut sind, sind alte Menschen ihnen ein zu deprimierender Anblick. So wie Kinder vor dem Fernseher stillsitzen sollen, sollen es Alte auch. Sie stören sonst nur. Das ordentliche Leben findet nur zwischen 20 und 70 statt. Die 20 Jahre am Anfang und Ende sind eine Belastung für die Gesellschaft.

Die Aufgabe der Kirche

Die Kirche hat sehr wohl ihre Aufgabe an den »Rändern« des Lebens erkannt. Von der Überzeugungstaufe ist man bald zur Kindertaufe übergegangen, um Kinder so früh wie möglich mit dem Glauben in Kontakt zu bringen. Und man hat die Aufgabe der Bestattung übernommen, um Menschen einen gesegneten Übergang aus dieser in jene Welt zu ermöglichen. Auch für die frühen Jahre eines Kinderlebens weiß man um die Bedeutung von Ritualen und Erziehung, von geistlicher Neugier und Offenheit, die man wecken und ausbauen möchte.
Merkwürdigerweise ist das am Ende des Lebens nicht so. Wer wegen seiner körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen (der Bewegungsradius eines über 80jährigen beträgt durchschnittlich gerade mal 500 Meter!) nicht mehr zu Kirche und Gemeinde kommen kann, ist »weg vom Fenster«: Er wird nicht mehr gesehen und sieht nichts mehr von der Gemeinde (außer bei den großen Geburtstagen).
Aber warum ist aus dem Blick geraten, dass Menschen gerade auch im Alter noch oder wieder Rituale brauchen und geistlich offen und neugierig sein könnten? Warum muss ein alter Mensch geistlich geradeso wie ökonomisch von dem Angesparten leben und, wenn es aufgebraucht sein sollte, ohne Unterstützung bleiben? Warum verschließt die Kirche noch immer die Augen vor den Bedürfnissen der alt Sterbenden?
Freilich: die Kirche sind wir, und wir haben Angst vor dem Alter – die »fitten Alten« genauso wie die Berufstätigen und die Jungen. Wir sagen, wenn wir mitten im Leben stehen: Wir brauchen die Kirche nicht, wir haben sowieso keine Zeit dafür und anderes steht im Vordergrund. Erst wenn es im Alter ruhiger wird oder wir schon vorher am Stress zusammengeklappt sind, merken wir, was wir an Tiefen-Struktur verloren haben, an Sinn und Kraft. Aber dann entdecken wir auch unser falsches Denken, und dass eine Umkehr nicht nur in der Lebensweise, sondern auch im Denken nötig ist. Wir können das Leben nicht wegwerfen, weil es alt geworden ist, wie wir alte Kleider in den Altkleidersack stecken und fortschicken. Wir können nicht plötzlich unser Leben wertvoll finden, wenn wir über Jahrzehnte die Augen zugekniffen und gesagt haben: Alt werden ist hässlich, so will ich nie werden. Wir können dem alt gewordenen Leben nur Sinn und Wert abgewinnen, wenn wir schon vorher Abstand genommen haben von den heiligen Werten der Wohlstandsgesellschaft: schön und reich, selbständig und agil. Sie sind keine absoluten Werte, sondern relativ.

Welchen Sinn könnte das hohe Alter haben?

Die Bibel redet von der Würde der Alten, die man wegen ihrer Lebensweisheit zu Rate ziehen sollte. Damals gab es keine Handys und komplizierte CD-Player-Anleitungen, an denen die Alten scheitern und sich dumm fühlen. Damals änderten sich die Sprache und die Lebensbedingungen nicht so schnell, so dass die Alten nicht mehr mitreden konnten. Aber gibt es, weil diese äußeren Bedingungen anders geworden sind, auch keine Lebensweisheit mehr?
Nach meiner Erfahrung gibt es sehr wohl alte Menschen, die Lebensweisheit ausstrahlen. Sie haben gelernt, mit Enttäuschungen umzugehen, Verluste zu verkraften, neue Anfänge zu wagen – und das sind Lebensweisheiten, die wir heute genauso brauchen wie damals. Sie haben erfahren, was es bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen und mutige Entschlüsse zu wagen, aus Wenigem etwas zu gestalten und gegen allen Augenschein am Glauben festzuhalten. Wenn das nicht Lebensweisheit ist! – Ein Sinn des Alters kann sein, Lebensweisheit weiter zu geben.
Und wenn niemand danach fragt? Oder wenn die Sprache verloren gegangen ist, die davon erzählen könnte? Wozu dann alt werden? Manche Angehörigen stehen entsetzt vor den körperlich und geistig sich verflüchtigenden Eltern und fragen: Warum lässt Gott sie nicht sterben? Vielleicht gibt es noch etwas zu erledigen, das wir als Außenstehende, vor allem als Kinder nicht fassen können: Da sind Erinnerungen, die über Jahre weggeschoben wurden, Schuldgefühle, die nicht bearbeitet wurden, Auseinandersetzungen, die nicht beigelegt wurden; verpasste Chancen, verschluckte Wut, unerfüllte Sehnsucht – und die stets verschobene Begegnung mit dem Letzten und dem Höchsten. Jetzt ist der Körper müde, aber der Geist beharrt unruhig auf einer Lösung. Oder der Geist kann nichts mehr greifen, aber der Körper ist besessen von der Furcht und der unerfüllten Sehnsucht. Man füttert die Menschen mit Nahrung, mit Geräuschen, mit gut gemeinten Sprüchen. Aber nichts davon dringt dahin, wo der eigentliche Hunger sitzt.

Wir als Kirche sind für den Hunger am Ende des Lebens zuständig

Die Kirche, wir Christen, sind gerufen, an dieser Stelle da zu sein! Wenn die Kirche sich am Ende des Lebens verdünnisiert, um nur hinterher noch etwas Nettes zu sagen, ist das zu wenig! Wir sind gerufen, den Hunger nach Leben, nach Sinn, nach Versöhnung mit dem Leben wahrzunehmen und zu einem angemessenen Abschluss zu helfen.
Wenn die Kirche am Ende des Lebens unsichtbar wird, indem sie sich von den Sterbenden in den Altenheimen zurückzieht oder davor flüchtet, hat sie eine wesentliche Aufgabe des Christseins verpasst. Man sagt auch nicht zu einem Verdurstenden: »Es lohnt nicht mehr, dir zu trinken zu geben, du stirbst sowieso bald!« Die Alten sind nicht bloß eine marginale Anforderung an die Kirche, weil sie selten Kirchensteuer zahlen und nach ihrem Tod nicht mehr von der guten Betreuung erzählen können.
Über jeden, der im Frieden sein Leben beschließen und zu Gott heimkehren kann, freuen sich nicht nur die Engel im Himmel, sondern hoffentlich auch die Verwandten und Freunde, und vor allem der eine treue Mensch, der diesen Weg begleiten und den Frieden im Gesicht des Verstorbenen sehen durfte. Und vielleicht erzählt der Verstorbene ja tatsächlich dort dankbar davon…

Über den Autor

Pfr.in Felizitas Muntanjohl, Jahrgang 1957, Pfarrerin der EKHN, seit 12 Jahren in der Altenheimseelsorge tätig.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2010

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Das protestantische Paradox
Evangelische Gnadenbotschaft in der Leistungsgesellschaft
Artikel lesen
Erntedank
1. Oktober 2017, Jesaja 58,7-12
Artikel lesen
Die Reformation geht weiter
Luthers Theologie für das 21. Jahrhundert
Artikel lesen
17. Sonntag nach Trinitatis
8. Oktober 2017, Markus 9,17-27(29)
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
18. Sonntag nach Trinitatis
15. Oktober 2017, Markus 10,17-27
Artikel lesen
Mit Luther philosophieren
Luthers Theologie für die kirchliche Erwachsenenbildung erschließen
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!