Votum einer Pflegefachkraft
Altenheimseelsorge als Angebot der Kirche

Von: Maja Stieringer
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Altenheimseelsorge ist ein unverzichtbarer Dienst und ein wichtiges Angebot der Kirche.

In der Altenheimseelsorge zeigt mir die Kirche, dass sie die Arbeit der Pflegenden und die pflegebedürftigen Menschen wertschätzt und mit ihren besonderen Themen beachtet. Die Tätigkeit in der Altenheimseelsorge setzt eine gründliche und vielfältige Vorbereitung voraus. Als Altenpflegefachkraft suche ich bei den Altenheimseelsorgern wichtige und hilfreiche Ansprechpartner für uns Pflegekräfte und alle anderen in der stationären Altenhilfe Tätigen. In der Altenheimseelsorge zeigt mir die Kirche, dass sie sich gerade auf die Seite der Menschen stellt, die durch ihre besondere Lebenssituation häufig aus dem Blickfeld geraten oder vergessen werden.
Altenheimseelsorge kann nicht den Gemeindepfarrern nebenher mit »aufs Auge gedrückt« werden, in deren Gemeindebereich sich ein Alten- und Pflegeheim befindet. Jeder Arbeitsbereich, der Dienst in der Gemeinde wie die Arbeit im Pflegeheim, fordert die Pfarrer mit ganz eigenen Aufgaben heraus. Auch kann die Seelsorge nicht wirklich effektiv mit einem geringen Stundendeputat bewältigt werden. Altenheimseelsorge lebt von der Kontinuität der Beziehungen zu den Bewohnern und den Mitarbeitenden. Die Arbeit in der Altenheimseelsorge ist nicht geeignet, um für eine alters- und situationsgerechte Entsorgung kritischer oder gesundheitlich angeschlagener Pfarrer zu dienen.

Altenheimseelsorge ist nicht nur die kleine, unbedeutende Schwester der Krankenhausseelsorge, sondern ein eigener Arbeitsbereich der Kirche.

Altenheimseelsorge ist ein wichtiger Dienst gerade in einem Lebensabschnitt, der so sehr in seiner Existenzberechtigung gefährdet ist, wie das bei Altersverwirrten und vielfach erkrankten Menschen der Fall ist. Im Alltag des Altenpflegeheims begegnen die Altenheimseelsorger Menschen mit vielfältigen gesundheitlichen Problemstellungen und in einer besonderen Lebenssituation. Die Menschen, die zu uns in die Einrichtungen der stationären Altenhilfe kommen, leiden in der Regel an mehreren meist chronischen Erkrankungen. Sie haben sich mit Einschränkungen körperlicher, geistiger und psychischer Fähigkeiten auseinanderzusetzen und begreifen oft nicht, was sie in der neuen fremden Umwelt sollen. Dabei wissen und spüren sie oft schon im Innersten, dass das Pflegeheim ihre letzte irdische Lebensstation sein wird. Sie erleben tagtäglich mehr oder minder bewusst mit, wie die Zeichen des Alters und ihrer Erkrankungen ihren Bewegungs- und Handlungsspielraum immer weiter einengen. Sie und ihre Angehörigen müssen sich mit vielfachen, oft schmerzlichen Abschieden auseinandersetzen. Nicht wenige erleben die Zeit im Pflegeheim als Wartestation zum Tod, als Ort ohne jede Hoffnung und zunehmender Abhängigkeit und Einsamkeit.

Altenheimseelsorge hat eine wichtige und hilfreiche Aufgabe der Verkündigung neuen Lebens und der konstanten Verbindung des Menschen mit Gott.

Altenheimseelsorge kann den oft notwendigen Wechsel in ein Pflegeheim und die Eingangszeit dort begleiten und helfen, sich mit der neuen und unvertrauten Lebenswirklichkeit auszusöhnen. Sie kann auch die Angehörigen stützen, denen der Umzug eines nahen Familienmitglieds in eine solche Einrichtung schwer fällt. Sehr häufig würden sie gerne selbst die Pflegeaufgaben bewältigen und sind dann doch durch die eigenen beruflichen und familiären Pflichten gebunden, können oft auch körperlich die Belastungen der Pflege nicht schultern und durchstehen.
Altenheimseelsorge vermittelt durch Besuche und Gesprächsmöglichkeiten wie durch Gottesdienstangebote, dass Kirche den Menschen nachgeht. Sie zeigt, dass Kirche Menschen gerade in ihren schwersten Lebenszeiten nicht vergisst oder übergeht. Altenheimseelsorge muss fühlbar und begreifbar werden lassen, dass Gott seine alt und müde gewordenen Menschenkinder nicht vergessen hat, auch dann noch, wenn sie selbst schon ihren Namen nicht mehr kennen. Sie vermittelt auch dort Gemeinschaft mit Gott, wo Menschen diese inhaltlich nicht mehr aufnehmen können, allein durch die Gegenwart der Seelsorger, durch deren Berührungen und durch das Zuhören und Hineintasten in die innere Welt der demenziell und psychisch veränderten Menschen.
Kirche als die Gemeinschaft der Glaubenden spricht und handelt an einem besonderen Lebensort. Gerade in Alten- und Pflegeheimen scheint menschliche Begrenztheit und Sterblichkeit gegenwärtig und übermächtig. Gerade dort erzählt und vermittelt sie ein Leben, das stärker ist als Leid, Schmerz und Tod. Sie verkündigt und repräsentiert die Osterbotschaft vom Leben und neuer Hoffnung, gegen allen äußeren Anschein. Sie hat dabei die Aufgabe, sich so weit wie möglich auf ihre spezielle Zielgruppe einzustellen und die Botschaft Jesu Christ ganz neu zu buchstabieren und mitvollziehbar zu machen.

Altenheimseelsorge erfüllt eine wichtige gesellschaftliche und ethische Funktion.

Mit dem demographischen Wandel in der Bevölkerung wird die Gruppe der Menschen, die selbst auf Grund der komplexen chronischen Krankheitssituation und des zunehmenden Pflegebedarfs in eine Einrichtung der Altenhilfe einziehen muss, größer. Der Einzug in eine stationäre Pflegeeinrichtung erfolgt zudem meist erst dann, wenn eine ambulante Pflegeversorgung nicht mehr bewerkstelligt werden kann, wenn demenzielle Veränderungen so weit fortgeschritten sind, dass die Erkrankten für sich selbst zur Gefahr werden, und sie im heimischen Umfeld auch ambulant nicht mehr ausreichend zu begleiten sind. Einzüge in stationäre Pflegeeinrichtungen erfolgen meist erst dann, wenn das Krankheitsbild sich so weit entwickelt hat, dass auch mit den Mitteln der Hochleistungsmedizin nicht mehr wirksam zu intervenieren ist. Wir erleben daher immer wieder, dass Menschen nur noch für sehr begrenzte Zeitspannen bei uns leben, aber eben in hohem Maße auf Hilfestellung angewiesen sind.
Doch in einer stationären Altenpflegeeinrichtung kann nur begrenzt ein Heilungs- oder Rehabilitationsprozess vorangetrieben werden. Wir können als Pflegekräfte uns darum bemühen, eine möglichst hohe Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten und den altersgemäßen Veränderungsprozess in seiner Geschwindigkeit etwas zu begrenzen. Wir können aber auch mit Hilfe der klügsten Ärzte den Alterungsprozess nicht umkehren. Es ist gerechtfertigt, Menschen, auch gegen ihren Willen, lebens- und sterbensverlängernden Maßnahmen auszusetzen. Hier bieten die Altenheimseelsorger als Gesprächspartner in den notwendigen ethischen Fallbesprechungen hilfreiche Impulse und Moderationsmöglichkeiten. Sie helfen uns Pflegekräften, das eigene Handeln und die eigenen Motivationen zu befragen und ins Gespräch zu bringen. Denn nicht selten wird der Wert der eigenen Pflegearbeit an der Menge und Intensität der pflegerischen Hilfestellungen gemessen. Es bedarf daher durchaus auch für uns Pflegende immer wieder der Hilfe, die eigenen Sichtweisen zu relativieren und uns auf neue Wege einzulassen.

Altenheimseelsorge setzt spirituelle Impulse, auch für die Pflegenden.

Wir stehen als Pflegekräfte an einem Ort der Lebensgeschichte, der meist nur einen begrenzten Handlungsradius und begrenzte Perspektive belässt. Wir erleben meist eine sich steigernde Abhängigkeit bei einer immer größeren Verletzlichkeit des Lebens zum Ende hin. Wir pflegen und begleiten Menschen in vielerlei Hinsicht bis zu ihrem letzten Lebensabschied, bis zum letzten Atemzug. Es geht um das Erlernen dessen, dass wir in unserem Menschsein immer auch auf unsere Mitmenschen angewiesen sind, dass wir unser Leben nicht immer selbst machen und unser Glück keineswegs immer selbst schmieden können. Wir erleben, dass wir im Angesicht des sich anbahnenden Lebensendes nicht wirklich handlungsmächtig sind, sondern oft staunende und erschrockene Betrachter, wie sich menschliche Lebenskreise offensichtlich schließen.
Es stellen sich Fragen nach Spiritualität, dem Sinn des Leidens und der eigenen Lebensbilanz mit großer Macht. Wie oft werde ich gefragt von Angehörigen: »Welchen Sinn macht denn noch ein solches Leben, das so sehr von der Abhängigkeit von anderen Menschen bestimmt wird? Hat das Leben denn einen Wert für den Erkrankten, wenn er seine Wünsche und Bedürfnisse nicht mehr zu nennen vermag? Ist denn ein Leben hier im Pflegeheim überhaupt noch lebenswert? Was können wir tun, wie können wir es aushalten, wenn im Grunde nur noch wenig zu tun ist, sondern nur unser Dabeisein und Aushalten gefragt ist?«
Wir haben es in der stationären Altenhilfe zunehmend mit den Menschen zu tun, die stark durch die nationalsozialistische Erziehungs- und Denkweise bestimmt und geprägt worden sind. Wir haben es mit alten Menschen der Jahrgänge 1921-29 zu tun, die durch die Ereignisse des 2. Weltkrieges und der erlebten schuldhaften Verstrickungen bestimmt worden sind, die das Erlebte aber heute kaum mehr wirklich verarbeiten können. Evangelische und katholische Glaubens­traditionen sind häufig in diesen Lebensgeschichten untergepflügt und in Mitleidenschaft geraten. Diese Menschen haben Situationen tiefster menschlicher Ohnmacht und Bedrohtheit, aber auch des vermeintlichen Machtrausches erlebt, den sie für sich nicht mehr tragen und deuten können. Wir erleben Menschen, die früher Schwäche und Krankheit oder auch geistige Einschränkungen als nicht lebenswerte Defizite vermittelt bekommen haben.
Welches Menschenbild wird in der Kirche gepredigt und verkündet und wie wird die Rechtfertigung für die Schwächsten und am stärksten bedrohten Menschen auf eine begreif- und fühlbare Ebene übersetzt? Bieten wir die Möglichkeit der Erinnerungspflege und der Bearbeitung all der schweren und unerträglichen Erlebnisse? Hier stellen sich für die Pflegekräfte und für die Verkündigung der Kirche mächtige Herausforderungen!

Altenheimseelsorger sind Schatzsucher in Lebensgeschichten.

Es bedarf der zunehmenden Vertrautheit der Altenheimseelsorger mit den besonderen Problemstellungen gerade bei demenziell erkrankten Menschen, wie auch einer gewissen Grundvertrautheit mit den vielfältigen altersüblichen Veränderungen und Krankheitsentwicklungen. Seelsorger haben sich auseinanderzusetzen mit den unterschiedlichen internistischen und auch neurologischen Problemstellungen wie auch mit den biographischen und zeitgeschichtlichen Hintergründen. Sie müssen sich immer wieder mit den Grenzsituationen zwischen Leben und Sterben auseinandersetzen, die gerade in der Altenhilfe schwer zu fassen sind, auch für die nächsten Angehörigen und die Pflegenden. Was ist zu tun, wenn die ärztliche Kunst mehr Belastungen als Hilfestellungen verheißt? Wie sehr bedürfen Angehörige, die keine oder eine problembeladene Trauerbiographie haben, der Unterstützung. Sie stehen mit einem Mal vor dem Sterbebett ihres nächsten Angehörigen und fühlen sich hilflos und überfordert.
Die Aufgabe der Altenheimseelsorge besteht nach meinem Verständnis vor allem darin, die Menschen an die Hoffnung und den Segen zu erinnern, die uns von Gott mit auf unseren Lebensweg gegeben worden sind, denn wir tragen den Schein der himmlischen Hoffnung in irdenen und fragilen Gefäßen (nach 2. Kor. 4,17). Altenheimseelsorger nehmen sich der immer knapper und kostbarer werdenden Lebenszeit dieser Menschen an, um sie in das Licht der Auferstehungs- und Vergebungshoffnung zu stellen. Sie vermitteln durch die Art und Weise der Zuwendung gegenüber den demenziell erkrankten Menschen, dass Gott gerade ihnen spürbar nahe ist durch die Gegenwart liebevoller Menschen.
Hier ist das Amt der Pfarrerin, der Seelsorgerin, der rettende Regenbogen, der die oft so tief verunsicherten Menschen aufatmen lässt: Gott bzw. die Kirche hat mich nicht aufgegeben und vergessen. Seine Zusage der Hilfe und der Nähe gilt auch dann, wenn ich selbst nichts mehr sagen kann und auch meinen eigenen Namen nicht mehr weiß.
Altenheimseelsorge kann Schatzsucherqualitäten beweisen, wenn es um die Erinnerungen der Lebenswege geht, auf denen uns Gott geholfen und beigestanden hat, wo er seine Spuren der Hoffnung auch in die schweren Flucht- und Trennungswege hineingeschrieben hat. Es ist oft die gemeinsame Suche mit den Angehörigen und Bezugspersonen, die aus einzelnen Puzzleteilen von Erinnerungen am Ende auch eine Lebensgeschichte im Lichte des Evangeliums erkennen lässt.
Es geht bei der Altenheimseelsorge auch darum, die Schätze und Begabungen, aber auch das Selbstwertgefühl der Pflegenden, die nicht selten über ihre Kräfte hinaus arbeiten, immer wieder bewusst zu machen. Es geht darum, ihnen Halt und Sicherheit zu vermitteln, wo das Gefühl der Ohnmacht und Verzweiflung sie immer wieder niederdrückt. Denn für uns Pflegende bedeutet die Arbeit in der Altenpflege ja auch immer die Konfrontation mit Grenzsituationen und Abschieden, mit zunehmender menschlicher Schwäche und immer höher werdenden Anforderungen.
Altenpflege wird gesellschaftlich immer noch vielfach als ein Beruf wahrgenommen, den eigentlich jede Person ausüben könnte, wenn sie sich nur eine Schürze umbinden und handfest zufassen kann. Altenpfleger werden aber oft nicht als Fachleute in den unterschiedlichsten Fragen des Alters angesehen. Pflegekräfte bringen immerhin auch ihre ganz eigene Lebensgeschichte mit ein sowie ihre Lern-, Beobachtungs- und Berührungserfahrungen. Wie schwierig ist es, im täglichen Wechsel über die Grenze zwischen Selbstüberschätzung eigener Möglichkeiten und Kompetenzen und dem Gefühl lähmender Ohnmacht sinnvoll zu balancieren!
Es zeigt sich offensichtlich als Problem und als Mangel, die Menschen auf ihren letzten Wegzeiten zu begleiten und zu betreuen, obwohl dies ein sehr wichtiger menschlicher Dienst ist. Doch im Rahmen der Altenhilfe entfällt der besonders heldenhafte Nimbus der Hospiz- und Palliativpfleger. Schließlich geht es in der Altenhilfe um einen ganz natürlichen Vorgang, der letztlich einen oft langen Lebens- und Leidensweg beschließt. Im Hospiz- und Klinikbereich rücken uns der Tod und das Sterben zeitlich sehr viel stärker in die so genannte aktive Lebensphase und brechen sozusagen in die Blüte des aktiven oder beginnenden Lebens ein.
Aus diesen pflegerischen Erfahrungen ergibt sich für die Seelsorge: Altenheimseelsorge wird von Bewohnern, aber auch von den Pflegenden und den Angehörigen gebraucht und wahrgenommen und kann nicht nur nebenher betrieben werden. Sie bedarf der sorgfältigen sachlichen und fachlichen Vorbereitung und der gegenseitigen Akzeptanz und des Vertrauens. Sie braucht Zeit und intensive Beschäftigung mit den Themen und Menschen, um den Auftrag Christi in dieser Lebensphase zu erfüllen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2010

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