Günter Wirth zum 80. Geburtstag
Humanist und Christ

Von: Dr. Helmut Zwanger
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Dass es im real existierenden Sozialismus der DDR aufrechte Menschen gab – dafür ist Günter Wirth ein imponierendes Beispiel. Geboren wurde Wirth am 7. Dezember 1929 als Beamtensohn in der Nähe vom sächsischen Freiberg. Nach dem Abitur 1948 wurde er zunächst in Leipzig wegen seines bürgerlichen Hintergrundes nicht zum Studium zugelassen. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass er bereits 1947 der CDU beigetreten war. Jedenfalls blieb die Zugehörigkeit von Wirth zur CDU-Ost ein bestimmendes Merkmal. Von 1948 bis 1950 war er Redaktionsvolontär bei der »Märkischen Union« in Potsdam, dann von 1950 bis 1958 Mitarbeiter beim Hauptvorstand der CDU-Ost für Jugend und schließlich vor allem für Kultur- und Kirchenfragen. In dieser Zeit studierte Wirth an der Humboldt-Universität in Berlin-Ost Germanistik und schloss dann sein Studium 1958 bis 1961 mit seiner Diplom-Arbeit über Heinrich Böll ab (die Promotion holte Günter Wirth 1977 nach). Als erweiterte Fassung erschien diese Arbeit – viel beachtet in der DDR und in der BRD – bereits 1974 unter dem Titel: »Heinrich Böll. Essayistische Studie über religiöse und gesellschaftliche Motive im Prosawerk des Dichters.«
1961 wurde Wirth stellvertretender Chefredakteur für die »Neue Zeit« mit dem Schwerpunkt Kultur und dann von 1964 bis 1970 Cheflektor des Union Verlags Berlin. Anschließend wurde er bis 1972 Chefredakteur des »Evangelischen Pfarrerblattes«(Ost) und dann von 1973 bis 1990, also bis zur Wende, Chefredakteur und Herausgeber der evangelischen DDR-Monatsschrift »Standpunkt«. Im vergangenen Jahr schrieb mir Günter Wirth: »Wir haben uns weitgehend der Position angenähert, die von Bischof Schönherr und den meisten seiner Brüder im bischöflichen Amt vertreten wurde«: »Kirche im Sozialismus« – also Kirche nicht für den Sozialismus und nicht gegen den Sozialismus, sondern eben Kirche »im« Sozialismus. »Also: Kirche für andere im Sinne Bonhoeffers, Lern- und Dienstgemeinschaft (eine Formel, die von Pfarrer Kasner, dem Vater der Bundeskanzlerin, auf der Bundessynode 1971 vertreten worden ist).«
Noch vor der Wende wurde Wirth 1985 zum Honorarprofessor für Neuere und Neueste Kirchengeschichte an der Sektion Theologie der Berliner Humboldt-Universität berufen und blieb dort – auch nach der Wende – Professor bis zu seinem Ruhestand 1993.
Zu erwähnen ist noch, dass Wirth in der Zeit von 1972 bis 1989 Mitglied im Präsidium der CDU-Ost war und Vizepräsident des seit 1945 bestehenden Kulturbundes der DDR. Für viele nicht-systemkonforme DDR-Intellektuelle war der »Kulturbund« bis zuletzt ein subkutaner Hort. Nach der Wende berief ihn Lothar de Maizière zum Leiter der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe für die politische Arbeit nach der DDR. Gegenwärtig lebt der bald 80jährige in einem Berliner Seniorenstift.
Das schönste Geburtstaggeschenk hat sich Günter Wirth selbst bereitet und zwar mit der Veröffentlichung einer kleinen Auswahl aus seinen rund 500 Publikationen. Diese Auswahl erschien 2008 unter dem Titel »Landschaften des Bürgerlichen. Ausgewählte Abhandlungen« und wurde von Frank-Lothar Kroll herausgegeben. Er schreibt in seinem Vorwort: »Günter Wirth zählt zu den charakteristischen Vertretern einer spezifisch protestantisch-bildungsbürgerlich geprägten Lebenswelt, die sich in der DDR – trotz massiver Anfechtungen und konstanter Schrumpfungsprozesse – letztlich über vier Jahrzehnte hinweg in wesentlichen Grundzügen erhalten hat.« Der Band beginnt mit einer »Literaturhistorischen Verortung«. Hier spricht der Humanist Günter Wirth, und seine Essays tragen bezeichnende Überschriften: Johann Valentin Andreae und die Utopie eines christlichen Staates; Herder als Theologe; Goethe in der Sicht Albert Schweitzers; Heinrich von Kleist und Adam von Trotta zu Solz. Widerständigkeit in doppelter Perspektive; Politische Novelle über Bruno Frank. Unschwer erkennt man in diesen gelehrten Abhandlungen »die progressiven Elemente im Werk humanistischer Kräfte im Kontext inhumaner, totalitärer DDR-Gängelei. »In tausend Fratzen grinst uns Mephistopheles an!«
Der zweite Teil bespricht Literatur der »Inneren Emigration«, z.B. Reinhold Schneider, Jochen Klepper, Ernst Wiechert und Ricarda Huch. Und selbstverständlich lag es nahe, kontextuell die »Innere Emigration« fortzuschreiben: »Es lag nahe, daß nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – im Versuch, das gesellschaftliche und geistige Leben in Deutschland zu erneuern – literarisch an diese Errungenschaften der inneren Emigration angeknüpft wurde …«
Günter Wirth zeigt das in seinem dritten Teil (»Perspektiven christlicher Literatur im 20. Jahrhundert«) auf, etwa am Beispiel von Heinrich Böll oder am Exemplum von Albrecht Goes. »Innere Emigration« interpretierte Wirth als »eine Art der kulturellen Untergrundbewegung«. Eindringlich legt er das christliche Menschenbild frei an Autoren wie Johannes Bobrowski, Günter de Bruyn, Franz Fühmann, Christoph Hein, Hanns Cibulka, Klaus Körner, Jürgen Rennert und vielen anderen aus der Kultur- und Literaturgeschichte der DDR.
Mit seinen Schriften schuf Wirth die Grundlagen dafür, dass Heinrich Böll und Albrecht Goes in der DDR in breiter Weise rezipiert wurden. Gegen den atheistischen Kontext der DDR zeigte Wirth Perspektiven auf: »die faktische Einheit vorwegnehmend«. »Die Frage nach dem christlichen Menschenbild … verwandelt sich so zu der Frage, was wir hier und heute als Menschen zu tun haben, wie wir als Menschen leben, befreit aus selbstherrlicher Existenz, offen für Proexistenz, für das Ringen um Fortschritt und Frieden.« Und gegen den als Antizionismus getarnten Staatsantisemitismus der DDR stellte Wirth das Exemplum von Albrecht Goes und schleuste durch ihn den in der DDR verbotenen Martin Buber ein. Zwischen Wirth und Goes entstand eine freundschaftliche Beziehung, und sie führte zu dem zusammen mit Hans-Martin Pleßke veröffentlichten Buch »Albrecht Goes. Der Dichter und sein Werk« (Union Verlag Berlin 1989). Doppelsinnig nimmt der Leser – aus einem Gespräch zwischen Wirth und Goes 1987 – wahr: »Es war nicht immer möglich, das Notwendige richtig zu sagen; aber es war doch möglich, sich dem bösen Wort zu verweigern. Es ging – und es geht – um eine Entscheidung, die sich damals sagen musste: die Machthaber bekommen von mir zu keiner Stunde ein Wort, das wie Zustimmung aussehen könnte; später hieß es dann: zu dem bösen Dienst, Mauern aufzurichten, rühre ich keinen Finger.« (Und welch ein Frohlocken, als 1989 die Mauer fiel!)
Der vierte Teil schließlich (»Literatur und Region«) kreist um Potsdam, Dresden und Heimat – durchdrungen vom humanistischen Gewissen: »Nur wer das Recht verehrt wie eine Religion, wird die leiseste Beugung des Rechts, die leiseste Ungerechtigkeit als eine Lästerung empfinden.« (1996 als Vortrag in der Potsdamer Urania gehalten).
Mein Geburtstagwunsch zum 80. Geburtstag von Günter Wirth: dass er wahrgenommen wird, dass sein beeindruckendes Werk gelesen wird, und dass er im kulturellen Gedächtnis von Gesamt-Deutschland ankommt. Ihm alles Gute und Gottes Segen!

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2009

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

3. Sonntag im Advent
16. Dezember 2018, Römer 15,4-13
Artikel lesen
»Nicht mehr steigerbarer Wahnsinn«
Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg, Teil III: Die Weimarer Republik und das Erbe des Krieges
Artikel lesen
Böses Erwachen

Artikel lesen
Vater der liberalen Theologie und Reformator der Reformation
Zum 250. Geburtstag Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers
Artikel lesen
Christfest II
26. Dezember 2018, Römer 1,1-7
Artikel lesen
Neujahrstag
1. Januar 2019, Josua 1,1-9
Artikel lesen
Was die Kirche für eine funktionierende Gesellschaft leisten kann

Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!