Konfirmandenarbeit in zwei Phasen
»Mit Kindern und Jugendlichen auf dem Weg des Glaubens«

Von: Martin Hinderer
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Konfirmandenarbeit mit Kindern im Grundschulbereich war ursprünglich eine Besonderheit norddeutscher Landeskirchen. Inzwischen hat sich die zweiphasige Konfirmandenarbeit EKD-weit entwickelt. Im Blick auf die religiöse Entwicklung der Kinder wie auf die kirchliche Begleitung der religiösen Sozialisation durch die Familie bietet sie besondere Chancen, wie Martin Hinderer zeigt.


Konfirmandenarbeit, die bereits im 4. Schuljahr beginnt, war lange Zeit eine Besonderheit der norddeutschen und hier vor allem der hannoverschen Landeskirche, bekannt als »Hoyaer Modell«1. Schaut man in die neueren Rahmenrichtlinien für Konfirmandenarbeit der anderen Landeskirchen, so ist festzustellen, dass sich die Form eines zweiphasigen Unterrichts im 3. (bzw. 4.) und 8. Schuljahr als mögliches Modell neben dem herkömmlichen, im 7. und 8. Schuljahr (KU 7/8), auch in anderen Landeskirchen findet. Exemplarisch dafür ist der programmatische Titel der Rahmenordnung für Konfirmandenarbeit in Württemberg: »Mit Kindern und Jugendlichen auf dem Weg des Glaubens«2.
In den vergangenen Jahren hat sich eine Vielzahl von Formen herausgebildet, die je spezifisch auf die Gemeinde bezogen sind. Aber die Grundidee, den Konfirmandenunterricht im 3. (bzw. 4.) Schuljahr zu beginnen und von Eltern in Kleingruppen erteilen zu lassen, hat sich nach dem »Hoyaer Modell« auch in anderen Landeskirchen verbreitet. Konfirmation und Konfirmandenarbeit im 8. Schuljahr bleibt aber weiterhin die Regel und der Schwerpunkt.


Zur Konzeption der Phase in KU 3 / KU 43

Konfirmandenunterricht im 3. (bzw. 4.) Schuljahr (KU 3 / KU 4) arbeitet mit einer Besonderheit, die vielerorts aus der Vorbereitung auf die Erstkommunion in der katholischen Kirche bekannt ist. Der Unterricht wird nicht von Pfarrerinnen und Pfarrern gehalten, sondern von Ehrenamtlichen und dabei vorwiegend von den Eltern der beteiligten Kinder. Er geschieht in Kleingruppen, die sich wöchentlich unter der Verantwortung eines Teams treffen, je nach Möglichkeit bei den Mitarbeitenden zu Hause oder in den Räumen der Gemeinde. Jede Kleingruppe hat in der Regel denselben Stundenverlauf mit liturgischen Elementen, Geschichten, Liedern und Gestaltungselementen. In festgelegten Abständen treffen die Kleingruppen in der Großgruppe zusammen, um bestimmte Themen oder Aktionen gemeinsam zu gestalten und vor allem um gemeinsame Gottesdienste zu feiern.
So unterschiedlich die thematische Schwerpunktsetzung in den Gemeinden jeweils ist, ein gemeinsames Ziel ist die Vermittlung von positiven Erfahrungen mit Kirche, da in der kirchlichen Sozialisation vielfach große Defizite liegen. Aus diesem Grund liegen auch die Themenschwerpunkte bei Taufe, Abendmahl, Kirchenjahr und Gemeindeerfahrungen.
Hier ist ein Unterschied zwischen dem »Hoyaer Modell« und dem württembergischen KU 3-Modell zu sehen. Das »Hoyaer Modell« ist über einen Zeitraum von ungefähr einem Jahr konzipiert und stark an biblischen Themen orientiert. KU 3 in Württemberg ist zeitlich viel stärker begrenzt. Das Modell umfasst drei bis max. vier Themenkreise mit jeweils vier Einheiten in Kleingruppen und erstreckt sich über einen Zeitraum von ca. drei bis vier Monaten. Jeder Themenkreis schließt mit einem gemeinsam gestalteten Gottesdienst ab4. Die beiden Sakramente Taufe und Abendmahl stehen dabei im Mittelpunkt, laden sie doch ein, zentrale Lebensäußerungen der Kirche mit allen Sinnen wahrzunehmen. Hier liegt auch das besondere Profil der Konfirmandenarbeit gegenüber dem RU an der Grundschule. Und dazu gehört nicht zuletzt die Entwicklung einer einladenden und Kinder ansprechenden Gottesdienstkultur5. Dies ist eine Herausforderung für den sonntäglichen Gottesdienst und insbesondere für die Gestaltung der Abendmahlsfeiern, nicht nur, aber besonders wenn Kinder dabei sind.6
KU 3 / KU 4 ist keine reine Vorverlegung eines Teils des Konfirmandenunterrichts aus Klasse 8 in ein vermeintlich unproblematischeres Alter. Die Inhalte des KU lassen sich nicht einfach arbeitsteilig auf zwei weit auseinander liegende Phasen verteilen. Eine solche Vorwegnahme ist schon aus entwicklungspsychologischen Gründen ausgeschlossen, da zwischen Kindheit und Jugendalter ein deutlicher Umbruch zu beobachten ist. »Was bei den Zehnjährigen gleichsam ›abgehakt‹ wurde, steht bei den Fünfzehnjährigen wieder neu in Frage.«7 D.h., die Themen wie z.B. Taufe und Abendmahl werden sowohl im 3. (bzw. 4.) Schuljahr wie im 8. Schuljahr behandelt, auf je altersgerechte Weise.
KU 3 / KU 4 braucht (gegenüber KU 7/8) eine andere, kindgerechte Konzeption und Gestaltung. Offenheit seitens der Unterrichtenden ist gefragt, nämlich sich auf einen Prozess mit den Kindern einzulassen. Für die religiöse Entwicklung der Kinder und das »Theologisieren« mit ihnen ist es bedeutsam, dass sie in ihrem Fragen ermutigt und begleitet werden. Dies ist eine wichtige Aufgabe, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (wobei die Eltern in diesem Modell favorisiert werden) auch in besonderer Weise unterstützt und begleitet werden müssen.


Was ist der Anlass für ein Modell in zwei Phasen?

Seit Jahren verstärkt sich der Eindruck, dass Konfirmandenunterricht für viele Jugendliche eine erste intensive Begegnung mit Kirche und der christlichen Gemeinde bedeutet. Die in Familien gelebte und vermittelte Religiosität ist weithin eine private und individualisierte Religiosität geworden.8 Sie ist immer weniger an die Institution Kirche gebunden und entspricht der in der Gesellschaft gelebten Individualität. Der schulische Religionsunterricht hat eine andere Zielsetzung und versteht sich als Beitrag zur allgemeinen Bildung und damit zur religiösen Sozialisation, aber nur indirekt zur kirchlichen Sozialisation. D.h., es gelingt den Kirchen immer weniger, ihre Glaubensinhalte in einem gesellschaftlichen Klima der Selbstbestimmtheit überzeugend zu vermitteln. So kann KU 3 / KU 4 als eine Reaktion auf die nachlassende kirchliche und religiöse Sozialisation in der Lebenswelt der Kinder interpretiert werden. Damit bildet KU 3 / KU 4 eine wichtige Station zwischen Taufe und Konfirmation. Ihm kommt eine Aufgabe zu, die weder Familie, Kindergarten noch Schule hinreichend übernehmen.
Diese Neuausrichtung der Konfirmandenarbeit wird unterstützt durch Leitgedanken, wie sie die EKD-Orientierungshilfe als doppelte Öffnung formuliert hat.9 Die Konfirmandenarbeit soll sich öffnen hin zu den Kindern und Jugendlichen, zu deren Lern- und Entwicklungsbedürfnissen und Sichtweisen und so einen Perspektivenwechsel vollziehen. Kinder und Jugendliche sollen aktiv an der Auslegung des Evangeliums und der Aktualisierung der Glaubenstradition der Kirche mitwirken. Und die Konfirmandenarbeit soll sich öffnen hin zur Gemeinde, indem eine Vernetzung von Unterricht und Gemeinde angestrebt wird. Ziel ist die »Verwandlung der einen, begrenzten Veranstaltung von Konfirmandenunterricht in Klasse 7/8 in ein ›konfirmierendes Handeln der Gemeinde‹.«
Kirche und Gemeinde bringen damit zum Ausdruck, dass die mit dem Gedanken des »Konfirmierens« verbundene Aufgabe der religiösen Begleitung von Kindern durch die Gemeinde nicht erst im 7. oder 8. Schuljahr wahrgenommen wird, sondern an mehreren Punkten in der Lebensgeschichte praktiziert wird.10 Ein Beispiel dafür ist der Konfirmandenunterricht in zwei Phasen, in der Klassenstufe 3 (bzw. 4) und 8. Dies erfordert zwar ein besonderes Engagement der Gemeinde, aber es drückt zugleich die Wertschätzung und Bedeutung aus, die der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zukommt.
Diese doppelte Öffnung ist ein wichtiger Begründungszusammenhang für die Einrichtung von KU 3 / KU 4. Sie geschieht aus dem institutionellen Interesse der Kirche, den Lernort Gemeinde – aufgrund der soziologischen Entwicklungen – wieder stärker ins Bewusstsein ihrer Mitglieder zu rücken. Und sie geschieht aus Einsicht, dass – entwicklungspsychologisch gesehen – Religion gerade im Aufwachsen von Kindern eine bedeutende Rolle spielt. Die doppelte Öffnung fordert von der Kirche eine gewisse »Pflicht« auf religiöse Begleitung der Kinder sowie die aktive Einbeziehung von Ehrenamtlichen und Eltern.


Unterstützung der religiösen Begleitung von Kindern wie Familien

Ein Konfirmandenunterricht, der in zwei unterschiedlichen Lebensphasen angeboten wird, nimmt Kinder und Jugendliche in ihrer (religiösen) Entwicklung ernst. Das Alter von neun bzw. zehn Jahren ist für die Einrichtung eines zusätzlichen kirchlichen Unterrichts, entwicklungspsychologisch gesehen, günstig gewählt, auch wenn die Umbruchsituationen, in denen sich Kinder in diesem Alter befinden, schon deutlich zu bemerken sind. Insofern kommt einem kirchlichen Unterricht in dieser Altersstufe zugleich die Aufgabe zu, diesen Neubeginn in der (religiösen) Entwicklung vorzubereiten und zu begleiten. Religion ist nicht etwas, das von außen an die Kinder herangetragen und von der Kirche etwa künstlich erzeugt wird. Religion und religiöse Begleitung gehören zum Aufwachsen dazu, es gibt ein »Recht des Kindes auf Religion«.11
Mit der Einbeziehung der Eltern in den Unterricht soll der Prozess der religiösen Sozialisation in der Familie begleitet und initiiert werden, der immer weniger zu gelingen scheint. Es besteht kein Zweifel daran, dass die nachhaltigsten Einflüsse in der religiösen Sozialisation von der Familie ausgehen. Das Verhältnis der Eltern zu Kirche und Glaube findet sich im Großen und Ganzen ähnlich bei den Kindern wieder.12 Dann liegt aber in der Unterstützung und Begleitung der Familien eine wichtige Aufgabe für die Kirche. Bei KU 3/8 bzw. 4/8 sollen Eltern unterstützt und befähigt werden, selbst sprachfähig zu werden für religiöse Themen, um dann auch die eigenen Kinder in religiösen Belangen in der Familie zu begleiten oder gar in Tischgruppen zu »unterrichten«.
Damit knüpft die Evangelische Kirche auch an eine alte, weithin in Vergessenheit geratene, aber gut evangelische Aufgabe an: Die Weitergabe der Glaubensbotschaft war für Luther zunächst eine Aufgabe der »Hausväter«, nicht an erster Stelle eine Aufgabe für religiöse »Spezialisten« wie Pfarrerinnen und Pfarrer. Die pädagogische Erfahrung, »dass man von denen am meisten lernt, die man mag und denen man vertraut, trifft hier zusammen mit der reformatorischen Lehre vom Wesen der Kirche des allgemeinen Priestertums«.13


Anmerkungen:

1    Das »Hoyaer Modell« – auch unter Berücksichtigung seiner historischen Entstehung – ist gut dargestellt in der Dokumentation: Meyer-Blanck, Michael (Hrsg.), Zwischenbilanz Hoyaer Modell. Arbeiten zum Konfirmandenunterricht, Bd 4, Hannover 1993.

2    Evang. Oberkirchenrat (Hg.), Stuttgart 2000.
3    Ausführlicher dazu: Hinderer, Martin, Konfirmandenunterricht in zwei Phasen – KU 3/8 (bzw. 4/8) ein Zukunftsmodell? in: Zeitschrift für Pädagogik und Theologie (ZPT) 4/2006, S. 385–394.
4    Dargestellt sind die unterschiedlichen Ansätze in den jeweiligen Unterrichtshilfen: Meyer-Blanck, Michael/Kuhl, Lena, Konfirmandenunterricht mit 9/10jährigen: Planung und praktische Gestaltung, Göttingen 1994; Päd.-Theol. Zentrum (Hg.), Konfi 3. Unterrichtshilfen für Gruppenbegleiterinnen und -begleiter, München 2001; Keßler, Hans-Ulrich (Hg.), KU 3. Organisationshilfen und Praxisbausteine, Gütersloh 2002; Beyer-Henneberger, Ute (Hg.), Feste und Feiern im KU 4, Arbeitshilfen KU 25, Loccum 2007.
5    Dass gerade dem Gottesdienst besondere Bedeutung als »Ort religiöser Bildung in der Gemeinde« zukommt, darauf macht Grethlein aufmerksam: Grethlein, Christian, Meine Bilanz: Ziele, Inhalte und Lernformen für die Konfirmandenarbeit im 4. Schuljahr, in: Zwischenbilanz Hoyaer Modell, aaO., S. 111.
6    Das Verständnis, dass das Abendmahl nicht mehr an die Konfirmation gebunden ist und schon Kinder zum Abendmahl eingeladen sind, hat sich im Zuge einer Neuinterpretation des Abendmahls in fast allen Landeskirchen durchgesetzt. Damit ist die Kirche aufgefordert, über Formen der Abendmahlsunterweisung schon vor der Konfirmation nachzudenken. KU 3/8 könnte, neben anderen Formen, ein Modell dafür sein.
7    Schweitzer, Friedrich, Konfirmandenunterricht mit Zehnjährigen in lebensgeschichtlicher Perspektive, in: Zwischenbilanz Hoyaer Modell, a.a.O., S. 106.
8    Vgl. Schwab, Ulrich, Familienreligiosität, Stuttgart 1995.
9    EKD-Orientierungshilfe: Glauben entdecken: Konfirmandenarbeit und Konfirmation im Wandel, Gütersloh 1998, S. 12.
10    Meyer-Blanck sieht in der »Entflechtung« der Konfirmation eine weitere gute Chance. Eine Konfirmandenarbeit, die im Kindes- und Jugendalter stattfindet, löst die Fixierung auf das einmalige Bekenntnis bei der Konfirmation ab. Dagegen bietet ein Konfirmandenunterricht in der Grundschulzeit die Chancen, zweimal einen Abschluss zu feiern, zweimal auf die Taufe Bezug zu nehmen und das Abendmahl schon früh mit der Gemeinde zu feiern. So könnte KU 3 (bzw. KU 4) in verschiedenen Lebensaltern eine Befestigung (confirmatio) befördern – Meyer-Blanck/Kuhl, a.a.O., S. 18.
11    Schweitzer, Friedrich, Das Recht des Kindes auf Religion, Gütersloh 2005, 2.Aufl.
12    Schweitzer, Friedrich, Konfirmandenunterricht, a.a.O., S. 101. Dies bestätigt ebenfalls die vierte EKD-Erhebung »Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge«, Gütersloh 2006, S. 96. Es geht nicht um ein idealtypisches Familienidyll, sondern um jedwede Form des Zusammenlebens, in dem ein Kind aufwächst.
13    Meyer-Blanck/Kuhl, a.a.O., S. 15.

Über den Autor

Pfarrer Martin Hinderer, Jahrgang 1955, Pfarrer der württ. Landeskirche, 1987–97 Pfarrer in Stuttgart, seit 1997 Dozent für Konfirmandenarbeit am Päd.-Theol. Zentrum Stuttgart; diverse Veröffentlichungen im Bereich Konfirmandenarbeit.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2009

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