Segen und Segnen – ökumenische Spiritualität und Rituale
Unverfügbare Güte und Erbarmen des dreieinen Gottes

Von: Prof. Dr. Michael Plathow
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Von allen religiösen Ausdrucksformen scheint der Segen zu den beständigsten zu gehören, auch in einer sich säkularisierenden Gesellschaft. Zugleich bieten sich Segensrituale als Begegnungsformen ökumenischer Spiritualität an.


1. Segenssehnsucht und Segensbedingtheit in einer sich säkularisierenden Gesellschaft

Segenssehnsucht in einer Zeit voller Spannungen zwischen Wiederkehr der Religion und Resakralisierungstendenzen einerseits und »Abschied von Gott« und Säkularismus­trends andererseits kennzeichnet die geistige Situation der Gegenwart.
Segenssehnsucht erweist sich als menschliches Existential und fundamentales Phänomen in vielen Religionen und ebenso in esoterischen Strömungen des weiten Psycho-, Heilungs- und Glücksmarktes mit häufig religiös konnotierten Riten.
»Aller Segen kommt von oben«, sagt ein gängiges Sprichwort als in Worte gegorene und gefasste menschliche Erfahrung von Segensbedürftigkeit und Segensbedingtheit, als ein Ahnen vom Unverfügbaren schlechthinniger Abhängigkeit. Dabei verbinden sich semantisch mit Segen: Lebenskraft, Schutz, Heilung, Frieden, Glück1, eben das Lebensfördernde und Zukunfteröffnende gegen die Fluchwirklichkeit, die durch Mangel, Katastrophe, Krankheit, Ungerechtigkeit, Zerstörung, Unfrieden und Krieg, eben durch das Lebenszerstörende und Zukunftverschließende, mit Angst vor Zukunft bzw. keine Zukunft zu haben, gekennzeichnet ist.
Andererseits totalisiert sich in unserer säkularisierten Gesellschaft die Autonomie der Vernunft in selbstreferentieller Autarkie, die sich selbst und die Wirklichkeit produziert, bisweilen zu einem szientistisch verabsolutierten Weltbild mit einem neuerdings aggressiven Atheismus; Segenssehnsucht und Segensbedingtheit wird da als Beharren in der »selbstverschuldeten Unmündigkeit« verneint, in deistischer Reduzierung vergleichgültigt oder auch mit der ablehnenden Polemik einer »Gott ist tot«-Weltanschauung angeprangert oder lächerlich gemacht.2 Das Thema Segen und Segnen als Zuwendung Gottes, als Zueignung der wirksamen Gegenwart Gottes, bleibt ausgeblendet.
Der christliche Glaube, wie ihn die biblischen Schriften bezeugen, verheißt, dass Gott, und zwar der dreieine Gott, von dem die Bibel spricht und der mit dem Nicaeno-Konstantinopolitanum (381) von den Christen nahezu aller Kirchen bekannt wird als Proprium, als – modisch gesprochen – »Alleinstellungsmerkmal« der Christen, sich erschließt als der Gütige und Erbarmende in seinem Wohl und Heil wirkenden Segen. Der dreieine Gott ist es, der unverfügbar gegen automatisierende Praktiken der Magie, gegen menschliche Instrumentalisierung und gegen erzwingendes Habbarmachen und egoistisches Machen seinen Segen aus Güte und Erbarmen schenkt.


2. Segen und Segnen in den verschiedenen christlichen Kirchen

Segen und Segnen, barak, eulogia, benedictio, haben heute verstärkt ihren tief verwurzelten »Sitz im Leben« der Christen der verschiedenen Kirchen, wie kurz zu skizzieren ist; sie werden in der jeweiligen christlichen Tradition, besonders in der weltweiten pfingstlich-charismatischen Bewegung, neu erlebt, gelebt und bedacht.
In der orthodoxen Liturgie hat die Eulogia im kultischen Gottesdienst und in den Mysterien grundlegende Bedeutung. Die Sakramente sind von einer Fülle an Weihe- und Segenshandlungen als Mysterien umfangen. Die Menschen, die Gegenstände, die Schöpfung, der Kosmos werden dabei in den Vergöttlichungsprozess des dreieinen Gottes hineingenommen, wie die gottesdienstlichen Eulogien doxologisch singen.3
Es sind vor allem die Bischöfe und Priester, die in der gefeierten Liturgie die Weihen und Segnungen vornehmen, sei es im kultischen Gottesdiensträumen oder in Räumen der geschaffenen Natur, wie das gegenwärtige Interesse an den Wasserweihen auch unter ökologischem Gesichtspunkt zeigt. Im privat-familiären Bereich wird der empfangene Segen in der »Liturgie nach der Liturgie« (Alexander Schmemann) weitergegeben.
Die römisch-katholische Kirche unterscheidet mit CIC (1989) c. 1167 §1 von den sieben Sakramenten die Vielzahl der Sakramentalien4 als Benediktionen und Segenshandlungen. Erneuerung und Öffnung – auch unter ökumenischem Aspekt – brachte das »Benediktionale« von 1978: Es werden in die liturgischen Handlungen biblische Schriftlesungen und die aktive Beteiligung der Gemeinde, etwa durch das Gebet, einbezogen; die Realbenediktionen sind auf die Menschen, die sie gebrauchen, ausgerichtet.
Die Sakramente – mit Ausnahme der Nottaufe – und die Sakramentalien werden vom dreistufigen Ordo ausgeteilt im Namen der Kirche. Zu bestimmten kirchlichen Aufgaben werden Laien gesegnet, die ihrerseits außerhalb der Eucharistiefeier andere, etwa Kranke und Kinder, segnen, den Haus- und Pilgersegen sprechen. Gesegnet werden können auch nicht-römisch-katholische Christen.
Dem Bischof bleibt es aufgrund der »Fülle« des Weihesakraments vorbehalten, Priester und Diakone zu weihen; die Priester sprechen ex opere operantis innerhalb der Eucharistie­feier die Segnungen im Namen des dreieinen Gottes, die Diakone etwa bei Hochzeiten und Beerdigungen, die Laien in den Familien oder als besonders Beauftragte.
Evangelischerseits spielt die Segensfrömmigkeit mit Martin Luthers Morgen- und Abendsegen und mit der Hineinnahme des trinitarisch verstandenen Segens Aarons5 bei der sonntagsgottesdienstlichen Sendung in den Gottesdienst im Alltag eine wichtige Rolle. Kasualien sind gottesdienstliche Segensfeiern, die in einer konvergierenden Ansicht mit den römisch-katholischen Verständnis der Sakramente – abgesehen von Taufe und Eucharistie – als »sacramenta minora« eine ökumenische Annäherung erfahren können.6 Realbenediktionen, die nicht auf die Menschen, die sie gebrauchen, bezogen sind, werden evangelischerseits nicht begangen.7
Außerhalb des gottesdienstlichen Geschehens wird in Familie, Gemeinde und Beruf vom allgemeinen Priestertum – als Mitgesegnete mit Abraham – Segen einander zugesagt im Namen des dreieinen Gottes und um den Segen durch seinen heiligen Geist gebetet. Dabei hatte schon Martin Luther magische Vorstellungen oder ein ex opere operato- oder operantis-Denken abgelehnt. Der heilige Geist ist es, durch den Gott sich gütig und erbarmend als Schöpfer und Neuschöpfer den Menschen zuwendet.
Luther integriert Segen und Segnen in das Kommunikationsgeschehen von Verheißung und Glauben, geistgewirkter Bitte der Glaubenden und Segen des dreieinen Gottes: »benedictiones promissionis et fidei et praesentis doni« sind »non imprecativae tantum, sed indicativae et constitutivae, quae hoc ipsum, quod sonat, re ipsa largiuntur et adferunt« (Segensverheißungen sowohl des Glaubens als auch der gegenwärtigen Gabe sind nicht allein erbetene, sondern grundlegend zugesagte, die das, das sie sagen, wirklich schenken und zueignen).8


3. Der Segen des dreieinen Gottes und Gott segnen als Gesegnete, die andere segnen

Angesichts des Spannungsfeldes zwischen Segenssehnsucht – Segensresistenz, Segensverheißung – Segensmagie, Segensbedürftigkeit – Segensverschließung ist besonders hervorzuheben, dass das Subjekt des Segens und Segnens im christlichen Glauben der dreieine Gott ist, der in seiner Güte und seinem Erbarmen unverfügbar segnend Segen als Wohl und Heil schenkt. Amtsträger, Beauftragte und Gemeindeglieder stehen einzig in seinem Dienst und Auftrag.
Nun war – anders als in der alttestamentlichen Wissenschaft9 – lange ein »Segensschweigen« in der Dogmatik festzustellen10; oft nur kurz erwähnt im Zusammenhang der Vorsehungslehre, d.h. der göttlichen Erhaltung, Begleitung und Regierung der Welt als Schöpfung Gottes.
Das hat sich im deutschsprachigen Raum durch die fast gleichzeitig 1998 erschienenen Segenstheologien von Dorothea Greiner11 und Magdalene L. Frettlöh12 geändert; nachhaltig haben diese Theologien des Segens auf die Segensfrömmigkeit und auf die Segensrituale gewirkt. Beide Werke ergänzen sich bei ihrer jeweils lutherischen und reformierten Geprägtheit.
Magdalene L. Frettlöh weist den alttestamentlich-jüdischen Traditionszusammenhang des christlichen »Mitgesegnet mit Abraham« in partikularer und universaler Perspektive auf. Dorothea Greiner entfaltet – anders als Martin Luthers Distinktion zwischen leiblichem und geistlichem Segen und Claus Westermanns Unterscheidung zwischen rettendem und segnendem Handeln Gottes – trinitarisch den Segen Gottes Immanuel, Wohl und Heil, Leibliches und Geistliches, Heilung und Heil, Vorletztes und Letztes und damit Schöpfung, Versöhnung und Neuschöpfung ganzheitlich verbindend.
Mit diesen Entwürfen mögen im Rückbezug auf biblisch-theologische Aussagen im trinitarischen Begründungs- und Verstehenszusammenhang13 einige Leitlinien als gemeinsames Fundament christlichen Segensverständnisses kurz genannt werden:
- Der dreieine Gott bejaht als der segnende Schöpfer und Erhalter zukunfteröffnend und lebensfördernd seine Schöpfung und geleitet und begleitet als Immanuel die Menschen unter dem Zuspruch der Gottebenbildlichkeit als seine Mitarbeiter und Mitgesegneten mit Abraham in der Welt (Gen. 1,27f; 12,1-3; Num. 6,22-27; u.a.).
- Im Segen Jesu Christi sind Geber und Gabe in der Weise verbunden, dass Segen sich als Rettung aus dem Fluchbereich der Gottesferne der Sünde, des Bösen und des Todes erweist für die Glaubenden in der Gemeinschaft mit Gott, die nun von Christus zum Segnen beauftragt sind (Gal. 3,8f; 3,13; Apg. 3,25f; Eph. 1,3; 1. Petr. 3,9; u.a.).
- Der Segen des heiligen Geistes erweist sich als Gegenwart und Kraft des dreieinen Gottes in den Glaubensfrüchten und in den Charismen, den geistlichen und natürlichen, als Gabe und Aufgabe (Lk. 6,27f; Röm. 12,14; Gal. 5,22; Röm. 12,7ff; u.a.).
- Wohl sind für das Erkennen die eigentümlichen Wirkweisen (Appropriationen) des dreieinen Gottes zu unterscheiden, doch ist das ökonomische Wirken und Segenshandeln des dreieinen Gottes untrennbar eins (»opera ad extra sunt indivisa«). Sich den Menschen und der Schöpfung in ihrer Spannung von »Vorletztem« und »Letztem« gütig und barmherzig zuwendend, richtet sich das Segenswirken des dreieinen Gottes gegen die Fluchräume der Gemeinschaftslosigkeit mit Gott und der Selbstverschließung gegen den Lebenswillen Gottes mit den Folgen von Lebenszerstörung und Zukunftsverschließung als Sünde, Leid und Tod.
- Seine universale Evidenz erschließt der Segen des dreieinen Gottes den mit Abraham gesegneten (Gen. 12, 2) Christen als »neue Schöpfung« im »Schon« und »Noch nicht«.
Aus der herabkommenden (katabatischen) Bewegung des Segens des dreieinen Gottes werden die Glaubenden in die zu Gott aufsteigenden (anabatischen) Antworten hineingenommen, d.h. zum einen als von Gott Gesegnete Segen zu sein und zu werden für andere gegen die Fluchräume (Mt. 5,44) und so in der göttlichen Erhaltung und Bewahrung der Schöpfung (creatio continua) auf die endgültige Vollendung hin mitzuwirken; und d.h. zum andern antwortend Gott zu segnen (Eph. 1,3; 1. Petr. 3,8) im Lobpreis des Schöpfers, Versöhners und Neuschöpfers. »Der dreieine Gott ist der Segnende«, lautet antwortend der doxologische Lobpreis der Gesegneten, verbunden mit der vom heiligen Geist gewirkten (epikletischen) Bitte: »Komm, Herr, dreieiner Gott, segne uns«.
Dieses Gotteslob und diese Bitte um den Segen des dreieinen Gottes sind heute Zeugendienst von Gottes fürsorgender Gegenwart in der Welt und von der neuen Wirklichkeitserfahrung und -wahrnehmung und vom neuen Menschen- und Wirklichkeitsverständnis vor Gott.
Mitgesegnet mit Abraham und mit der epikletischen Segensbitte der Glaubenden schenkt der dreieine Gott seinen Segen weit über die Grenzen der einzelnen Kirchen hinaus; Segen ist nicht partikular, sondern universal. Die Doxologie des Gottsegnens preist den dreieinen Gott als Vater, Sohn und heiligen Geist in den einzelnen Gemeinden und Kirchen und darüber hinaus, in der »Una Sancta Ecclesia« ökumenischer Koinonia und darüber hinaus.
Im Lobpreis des segnenden dreieinen Gottes und des Segnens des dreieinen Gottes sowie in der Bitte um den Segen des dreieinen Gottes fokussiert sich die ökumenische Bedeutung von Segen und Segnen und ihr »Sitz im Leben« in der Koinonia der Christen. Segen und Segnen gestaltet sich als kommunikatives Geschehen in und mit den Gemeinden und Kirchen als ökumenische Kommunikationsgemeinschaft der Teilhabe und Teilgabe am Segen des dreieinen Gottes.


4. Segensspiritualität, Segensfeiern und Segensrituale über kirchliche Grenzen hinaus

Segenssehnsucht und Segensbedürftigkeit spiegelt sich gerade in den Texten gelebter Spiritualität wider; nicht zuletzt ist an die weite Verbreitung der Segensverheißungen und Segensbitten in den »irischen Segenssprüchen« und der verschiedenen Symbole für Segen zu denken und an die Riten und Gesten des Segnens, wodurch die Nähe der Güte und Barmherzigkeit des dreieinen Gottes sinnlich erfahrbar wird.
Nun ist »Spiritualität« ein moderner Sehnsuchtsterminus. Von Hans Urs von Balthasar wurde er kreiert14 und in der Weise verstanden, dass das Evangelium »Norm und Kritik aller Spiritualität« ist. Heutzutage meint Spiritualität einen höchst disparat gefüllten Containerbegriff. Im evangelischen Bereich hat man sich wieder an das Wort Frömmigkeit erinnert; in der Bedeutung von gelebtem Glauben hat er nichts mit »frömmelnd« zu tun.
Segensfrömmigkeit und Segensspiritualität haben liturgische Feierformen gefunden in den Segens- und Salbungsgottesdiensten15, etwa zum Schulbeginn und Schuljahrsende, bei Tauferinnerungsgottesdiensten, Osternachts- und Pfingstmontagsfeiern, bei Jahresschussgottesdiensten und Gemeindejubiläen. Sie werden oft ökumenisch vorbereitet und gefeiert, grenz- und horizontüberschreitend, wie etwa die Segens- und Salbungsgottesdienste beim »Weltgebetstag der Frauen« oder bei der »Gebetswoche für die Einheit der Christen«, die Feier der Wasserweihe, die Einweihung öffentlicher Einrichtungen.
Von besonderer ökumenischer Bedeutung ist ebenso das gegenseitige Segnen der Glieder des »allgemeinen Priestertums« und der Laien des »gemeinsamen Priestertums« in konfessionsverbindenden Ehen und Familien und in ökumenisch verbindlich lebenden Gemeinschaften.
Die geistliche Verbundenheit durch Segen und Segnen und die ökumenische Gemeinschaft gründet in der Taufe im Namen des dreieinen Gottes intra- und interkonfessionell wie gelegentlich auch transkonfessionell.
Segen und Segnen als lebendige Praxis ökumenisch verantworteten Glaubens wird so erlebt und gelebt in den verschiedenen Lebenswelten: im natürlichen Jahreskreislauf, im familiären Lebenskreislauf, im gemeindlichen Sonntags- und Kasualgottesdienst, im Arbeits-, Berufs-, und Freizeitleben, im öffentlichen Leben der Zivilgesellschaft.
Der ökumenische Tauferinnerungsgottesdienst beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg 2001, die ökumenische Feier der Wasserweihe beim Katholikentag in Ulm 2004, der I. Ökumenische Kirchentag in Berlin 2003 mit der Losung »Ihr sollt ein Segen sein«16 sind dafür nachhaltig wirkende Höhepunkte gelebter Ökumene oder einer »Ökumene des Lebens«.
Die ökumenisch gefeierten Segensgottesdienste als nicht sakramentale gottesdienstliche Feiern haben ihren Fokus im doxologischen Dank und Lobpreis der unverfügbaren Güte und des Erbarmens des dreieinen Gottes, der seine wirksame Gegenwart in den Gaben Heil und Heilung, geistlichen und leiblichen Schalom lebensfördernd und zukunfteröffnend schenkt. In den Lobpreis des Gottsegnens der ökumenischen Koinonia sind die Segensverheißungen, die Segenshandlungen und die Segensbitten hineingenommen.
Die Segensverheißung des Wortes des dreieinen Gottes in der heiligen Schrift hat, dem Kasus entsprechend, konstitutive Bedeutung. Ihm zugeordnet sind die rituellen Segenshandlungen, die sinnenhaft die Zusage und Zuwendung der segnenden Gegenwart Gottes vermitteln und erfahren lassen. Signifikante Bedeutung hat die religionsgeschichtlich alte Form der Handauflegung; nicht selten wird die Salbung in die Feier integriert. Die Segensbitte um Lebenskraft, um Vergebung der Sünden, d.h. Leben und Seligkeit, um Heilung der Beziehungen zu sich, geistlich und leiblich, zu den Nächsten und Anderen und zu Gott, die Bitte um die Ökologie des Leibes, der Seele, des Verstandes, der Gemeinschaft und der Schöpfung hat hier seinen Resonanzboden.
Neben der Handauflegung bezeichnet das Signum des Kreuzes, die Salbung mit Öl und auch das Besprengen mit Wasser den Indikativ und Imperativ des Segens des dreieinen Gottes: als mit dem Segen Jesu Christi von Gott dem Schöpfer Gesegnete, durch den neuschaffenden heiligen Geist Gott lobpreisend zu segnen und Segen für andere zu sein und zu werden gegen die Fluchräume egoistischer Selbstverkrümmung mit Lebenszerstörung und Zukunftsverschließung in der Folge.
Heil und Heilung wird da verheißen und erbeten. Heil meint Vergebung der Sünden, d.h. neues Leben in der Gemeinschaft mit Gott in Zeit und Ewigkeit, als Gottes- und Heilsgewissheit der gerechtfertigten Sünder. Heilung mit seinen verschiedenen Bedeutungsaspekten schließt ein Selbstheilungskräfte, Reparatur von Beschädigungen, Akzeptieren von Begrenzungen, Neuwerden von Beziehungen, aber auch die vorausgenommene Teilhabe an der Auferstehung Jesu Christi, eben am Tod des Todes mit seinen großen und kleinen Brüdern.
Segensgottesdienste sollten in einer Zeit, in der Gesundheit im religiösen Gewand höchstes Gut zu sein scheint und Alternativmedizinen bisweilen diffuse Sehnsüchte zu befriedigen suchen,17 nicht als explizite »Heilungsgottesdienste« deklariert werden; schon allein der Name, öffentlich proklamiert, erweckt Erwartungen und Ansprüche und droht in magischer Weise den Segen Gottes zu instrumentalisieren und heutzutage nicht selten zu ökonomisieren.
Demgegenüber will die geistgewirkte Bitte um Heilung (Jak. 5,13ff) mit seinen verschiedenen Aspekten in der Segensfrömmigkeit und im Segenspastoral wieder erhöhte Bedeutung erfahren.


5. Ökumene des Segens und Segnens in der Una Sancta Ecclesia als Brise für das Ökumeneschiff18

Heil und Heilung sind in das Segenswirken des dreieinen Gottes über kirchliche Grenzen hineingenommen.
Die Ökumene des widerfahrenen, erfahrenen, erbetenen, gepriesenen und liturgisch gestalteten Segens des dreieinen Gottes in Teilhabe und Teilgabe gehört zur gelebten Ökumene der »Ökumene des Lebens«. Auf der gemeinsamen Grundlage des Geschenkes der Taufe, des Wortes Gottes heiliger Schrift, des Lobpreises des dreieinen Gottes und seiner unverfügbaren Güte und seines gnädigen Erbarmens erweist sich die Ökumene erfahrenen Segens und Segnens als gelebter »geistlicher Ökumenismus«. Er bildete den cantus firmus auf der I. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Amsterdam 194819 und führte in Montreal 1963 zu dem Bekenntnis: »gemeinsame Treue gegenüber dem einen Herrn; zunehmender Fortschritt in Richtung auf ein gemeinsames Leben in Gebet, Lobpreis und Verkündigung; das gemeinsame Tragen von Lasten, Schwierigkeiten und Leiden«20 Vom »geistlichen Ökumenismus« heißt es – im Geist des ökumenischen Pioniers Abbé Couturier – im Ökumenismusdekret Nr. 8, dass er »als die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung anzusehen« sei.
Gegenwärtig scheint das Ökumeneschiff bei dem Bemühen um »differenzierte Konsense« eine Flaute zu erfahren. Der Ökumeniker Harding Meyer hat darum als Zwischenbilanz die Rezeption von »In-via-Erklärungen« als Vergewisserung ökumenischer Gemeinschaft und als festzuschreibender Ertrag der Dialogökumene gefordert.21
In einer Zeit ökumenischer Flaute oder ökumenischen Stillstands wird die »Ökumene des Lebens« und damit die Ökumene des Segens und Segnens als Vergewisserung wachsender Gemeinschaft und als Impuls auf dem ökumenischen Weg erfahren. Aus dem Quellgrund der Taufe wird das Widerfahrnis des Segens des dreieinen Gottes und die Erfahrung des Gottsegnens und Zum-Segenwerdens-für-andere-und-für-die-Welt im Beten und Handeln gelebt, mit Dietrich Bonhoeffer gesprochen, im »Beten, Tun des Gerechten und Warten auf die Zeit Gottes« als geistlicher, diakonischer und kooperativer Ökumenismus im »Vorletzten« vom »Letzten« her: eine – wie es schon auf der 1. Weltkonferenz für »Kirche und Gesellschaft« in Stockholm 1925 hieß – ökumenische Gemeinschaft im Anbeten und im Dienen (communio in adorando et serviendo oecumenica).
Ökumenische Segensfrömmigkeit und Segensspiritualität ist dabei vorlaufend auf die geistliche Erneuerung zu Reform und Anerkennung ausgerichtet. Eine Dynamik, nicht Stillstand, eine Brise, nicht Flaute entbirgt die gelebte Ökumene des Segens und Segnens, die – sozusagen als Kommunikationsbrücke – auf die kommunikativen Dialoge und Diskurse theologisch verantwortlicher Lehrprozesse reformerisch einwirkt. Dieser methodisch gesehen induktive Zugang ökumenischer Theologie weist der Lehrmitverantwortung des »allgemeinen Priestertums der Glaubenden« im evangelischen Bereich sowie der Bezeugungsinstanz des Gemeinschaftssinns (sensus fidelium)22 der »Laien« des »gemeinsamen Priestertums aller Getauften« in der römisch-katholischen Kirche – die freilich im CIC (1989) keine kirchenrechtliche Verankerung gefunden hat23 – eine nicht geringe Bedeutung auf dem ökumenischen Weg zu.
In einer Zeit nicht nur des »Abschieds von Gott« und der Selbstsäkularisierung der Menschen, nicht nur der Segenssehnsucht und Segenbedürftigkeit, sondern auch gelebter Segensfrömmigkeit und Segensspiritualität will der geistliche, diakonische und kooperative Ökumenismus des Segens und Segnens Erschließung eines neuen Menschen- und Wirklichkeitsverständnisses »vor Gott« und »vor der Welt« mit horizontüberschreitender Weite ein Impuls für profiliertes ökumenisches Zusammenleben sein.


Anmerkungen:

1    Dietrich Bonhoeffer, der in seinen späten Briefen und Schriften viel über Glück und Leid nachdenkt, hat »Segen« als »theologischen Zwischenbegriff zwischen Gott und Glück« bezeichnet im Brief an Eberhard Bethge vom 28,7.1944 in: WEN 406f.
2    Vgl. u.a. Richard Dawkins, Der Gotteswahn, 2006; Michael Schmidt-Salomon/Helge Nyncke, Wo bitte geht es zu Gott? Fragt das kleine Ferkel, 2007.
3    Vgl. Fairy von Lilienfeld, Eulogia und Eulogien im Gottesdienstlichen Handeln der orthodoxen Kirche, in: Archiv für Liturgiewissenschaft XX/XXI 1978/79, 9ff.
4    Heinrich J.F. Reinhardt, Die Sakramentalien, in: J. Listl/H. Schmitz (Hg.), Handbuch des katholischen Kirchenrechts, Regensburg 1983, 836ff.
5    WA 30 III, 574ff.
6    Vgl. Communio Sanctorum. Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen, 2000, 82
7    Arnoldshainer Konferenz (Hg.), Segen in der kirchlichen Praxis, 1978.
8    WA 43, 525, 10f.
9    U.a. Claus Westermann, Der Segen in der Bibel und im Handeln der Kirche, München 1968; Gerhard Wehmeier, Der Segen im Alten Testament, Basel 1970.
10    Außer: Peter Brunner, Der Segen als dogmatisches und liturgisches Problem, in: ders., Pro Ecclesia II, Berlin-Hamburg 1966, 339ff.
11    Dorothea Greiner, Segen und Segnen, Stuttgart 1999.
12    Magdalene L. Frettlöh, Theologie des Segens, Gütersloh 1998.
13    Vgl. Anm. 9 und Ulrich Heckel, Der Segen im Neuen Testament, Tübingen 2002.
14    Conc 1, 1965, 715-722.
15    Vgl. u.a. Ökumenische Segensfeiern, hrsg. H. Kerner/E. Nübold, Paderborn-Stuttgart 1997; Die Dinge segnen – Gott zur Ehre, den Menschen zum Heil. Arbeitshilfe für Weihe- und Segenshandlungen der ACK in Bayern, 1990; Heute segnen, hrsg. A. Heinz/H. Rennings, Freiburg i. Br. 1987.
16    Heribert Mühlen, Zeichen der Gemeinschaft im Geist, KNA-ÖKI 6/7 vom 5. 2.2002, 1ff.
17    Heilsame Gottesdienste. Segensgottesdienste gestalten. Rummelsberg 1997.
18    Michael Plathow in: epd-Dok 43/04.
19    Willem A. Visser‘t Hooft, Ursprung und Entstehung des Ökumenischen Rates der Kirchen, BH ÖR 44, 69.
20    Ebd., 81.
21    Harding Meyer, Stillstand oder neuer Kairos? Zur Zukunft des evangelisch-katholischen Dialogs, in: StdZ 132, 2007, 687ff.
22    Lumen gentium, Nr. 12.
23    Michael Plathow, Rezeption und Verbindlichkeit. Zur Rezeption ökumenischer Lehrgespräche, in: ZevKR 51, 2006, 149ff.

Über den Autor

Prof. Dr. Michael Plathow, Jahrgang 1943, Studium in Theologie und Jura, 1974 Ordination, Promotion zu Karl Barth »Das Problem des concursus divinus« (1973), Habilitation über »Lehre und Ordnung im Leben der Kirche. Zu den Visitations- und Lebensordnungen« (1979), 1986 apl. Prof., Studienleiter am Ökum. Institut in Heidelberg, Gemeindepfarrer, Direktor des Konf.kundl. Instituts in Bensheim bis 2007, Mitglied verschiedener wissenschaftlicher, ökumenischer und konfessionskundlicher Gremien auf verschiedenen Ebenen; Schwerpunkte in Veröffentlichungen und Lehre: Dogmatik, Martin Luther, Ökumenik, Kirchenrecht.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2009

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