Volkskirche ist Kasualien- und Pastorenkirche!

Von: Isolde Karle
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1. Trends der Kirchenmitgliedschaft Das Bild der evangelischen Kirche in Deutschland ist uneinheitlich. Es ist einerseits unübersehbar, dass die Kirche in den letzten Jahrzehnten an gesellschaftlichen Einfluss verloren hat. Die Austrittszahlen sind im Moment zwar nicht mehr so dramatisch hoch wie in den neunziger Jahren, aber sie sind immer noch deutlich höher als die Eintrittszahlen. Insgesamt sind in den letzten 30 Jahren 5,2 Millionen Menschen aus der Kirche ausgetreten, dem stehen 1,2 Millionen Aufnahmen gegenüber. Vor allem aber stellt der demographische Wandel nicht nur die Gesellschaft im Ganzen, sondern auch die Kirche vor schwer lösbare Probleme. Durch den Überhang an Sterbefällen gegenüber den niedrigen Geburtenraten nimmt die Mitgliederzahl der evangelischen Kirche signifikant ab und sie wird es in Zukunft noch weiter tun. Allein aufgrund der Überalterung der Gesellschaft wird die Kirche kleiner werden. Dieser allgemeine und gesamtkulturelle Abwärtstrend scheint im Moment unumkehrbar. Zugleich sind aber nicht nur Erosionsprozesse im Hinblick auf Struktur und Bedeutung der Kirche zu beobachten. Zum einen bestätigt die vierte Mitgliedschaftsbefragung die vorangegangenen Befragungen, indem sie der Volkskirche in Deutschland eine relative Stabilität bescheinigt.1 Viele auch kirchendistanzierte Menschen sind und bleiben in der Kirche, weil sie an den biographisch bedeutsamen Wendepunkten eine seelsorgerliche Begleitung und eine lebensnahe theologische Deutung wünschen. Bei den Amtshandlungen wird die Hilfe der Kirche regelmäßig in Anspruch genommen, um die Wendepunkte im Lebenszyklus zu gestalten, zu feiern und ihren Sinn zu entschlüsseln. Zudem liegt vielen an der festlichen Gestaltung des Jahreszyklus, ganz besonders an Erntedank und Weihnachten. Darüber hinaus lässt sich in der neuen Mitgliedschaftsbefragung eine leichte Tendenz zu einer Intensivierung des Kirchenmitgliedschaftsverhältnisses erkennen. Die Bedeutung konventioneller Merkmale des Kircheseins hat sich etwas abgeschwächt, die Momente eines punktuell erhöhten kirchlichen Engagements sind leicht angestiegen. So wurden in der Mitgliederbefragung, die vor 1992 durchgeführt wurde, konventionelle Mitgliedschaftsmotive noch weitaus häufiger bejaht als in der aktuellen. Dies bedeutet, dass Kirchenmitglieder heute bewusster in der Kirche sind als noch vor wenigen Jahrzehnten und die Kirchenmitgliedschaft immer mehr Entscheidungs- und Freiwilligkeitscharakter gewinnt. Das ist eine erfreuliche, wenngleich noch zaghafte Entwicklung. Nicht zuletzt hat die Taufbereitschaft seit 1972 kontinuierlich zugenommen, sie liegt in der Mitgliederbefragung von 2002 bei 95%, 1972 lag sie noch bei nur 82%. Die gegenwärtig hohe Taufbereitschaft wird auch in die Tat umgesetzt: Nahezu alle evangelischen Eltern lassen ihre Kinder taufen. Darüber hinaus lässt sich eine Zunahme von zu taufenden Kindern bei konfessionslosen Eltern feststellen. Im Westen würden sogar über 30% der ausgetretenen Konfessionslosen ihre Kinder gerne taufen lassen. Die Taufe wird dabei mehrheitlich nicht nur als Familienfeier oder traditioneller Ritus am Lebensanfang begangen, sondern als kirchlicher Initiationsritus ernst- und wahrgenommen. Die große Mehrheit versteht die Taufe als eine Art Selbstverpflichtung der Christinnen und Christen, den eigenen Glauben an die nächste Generation weiterzugeben und dies nicht nur aus Gründen der Sitte und Tradition. Die Antworten »Das Kind wird mit der Taufe in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen« (92%) und »Ein Kind wird getauft, damit es zur Kirche gehört« (86%) haben bei der Befragung am meisten Zustimmung erfahren. Die Motive zur Taufe stehen damit – für viele überraschend – weithin in Einklang mit der kirchlichen Auslegung. Dies zeigt sich auch daran, dass eine deutliche Mehrheit bejaht, dass mit der Taufe ein Kind unter Gottes Schutz gestellt wird (81%) und auch, dass ein Kind getauft wird, weil es christlich erzogen werden soll (78%). Letzteres ist im Übrigen auch ein zentrales Motiv der konfessionslosen Eltern für die Taufe ihrer Kinder, weil sie sich selbst nicht in der Lage sehen, ihr Kind christlich zu erziehen, ihnen aber viel daran liegt, dass ihr Kind die Grundsätze und Normen des christlichen Glaubens kennen lernt. Wir sehen uns also einem paradoxen Befund gegenüber. Einerseits ist der Abwärtstrend mit seinen vielfältigen Ursachen unübersehbar, andererseits nehmen die Ansprüche und Erwartungen an die Kirche eher zu als ab. Vor allem die hohe Bedeutung von Gottesdienst und Seelsorge, ganz besonders im Zusammenhang der Kasualpraxis, sticht dabei ins Auge. Was bedeutet das für den Pfarrberuf? Mit der Wertschätzung der Kasualien und der besonders bedeutsamen Gottesdienste im Kirchenjahr wie vor allem an Weihnachten, am Totensonntag und am Erntedankfest geht eine hohe Wertschätzung des Pfarrberufs einher. Der Pastor/die Pastorin repräsentiert die Kirche. Und die Kirche wird akzeptiert in ihrem Bezug zur persönlichen Geschichte und zur Geschichte der Familie. Die Kasualien markieren dabei die zentralen Eckpunkte der Biographie und stellen auch in der nachmodernen Gesellschaft die wesentlichen Übergangsriten dar. Die Pfarrerinnen und Pfarrer haben deshalb eine Schlüsselrolle innerhalb der evangelischen Kirche in Deutschland inne. Sie sind Schlüsselfiguren, wie schon die erste Mitgliedschaftsbefragung von 1972 etwas verblüfft, aber sachlich richtig feststellte. Meine These, die ich im Folgenden entfalten will, lautet daher: Die Stabilität und Zukunft der Volkskirche hängt wesentlich von einer professionellen und damit zuverlässigen, seelsorgerlich sensiblen und theologisch kompetenten Begleitung in Krisensituationen, wie sie vor allem die Kasualien repräsentieren, ab. Sie sind meines Erachtens auch – ganz entgegen der These von Rudolf Bohren aus den sechziger Jahren – wesentliche missionarische Gelegenheiten und deshalb für die Zukunft der Volkskirche ein zentraler Faktor. Die Chancen, die in den Kasualien und in den großen Festgottesdiensten im Kirchenjahr mit ihrer großen Reichweite liegen, können aber nur genutzt und ausgelotet werden, wenn hauptamtliche, theologisch gut ausgebildete professionelle Pastorinnen und Pastoren da sind, die sie sorgfältig und das heißt nicht zuletzt auch mit der nötigen Zeit vorbereiten und durchführen können. Die Zukunft der Volkskirche hängt mithin nicht zuletzt von einer starken Stellung von Pfarrerinnen und Pfarrern ab, die gleichzeitig die Beteiligungsmöglichkeiten von Ehrenamtlichen freizusetzen und zu fördern wissen. Und sie setzt innerkirchlich eine behutsame Pflege und Förderung des Images und der Professionalität von Pfarrerinnen und Pfarrern voraus.2 Beides hat in den letzten Jahren gelitten und wurde in seiner Bedeutung von vielen Synoden verkannt, die nicht selten kurzschlüssig die Zentralität der hauptamtlichen Pfarrerinnen und Pfarrer als Hindernis für ehren- und nebenamtliche Engagements betrachteten. 2. Vertrauen als Basis professionellen Handelns Für das Religionssystem ist die direkte Kommunikation unter anwesenden Personen die zentrale Kommunikationsform, auch wenn massenmediale Kommunikationsmittel an Bedeutung gewonnen haben. Religiöse Kommunikation ist existenzielle Kommunikation und existentielle Kommunikation setzt Leibhaftigkeit voraus. Denn Vertrauen wächst und stabilisiert sich vor allem über den persönlichen Kontakt. Identitätsvorschläge, Haltungen und Einstellungen können bei der Kommunikation unter Anwesenden an leibhaften Personen überprüft und abgelesen werden und auf diese Weise die Glaubwürdigkeit der kommunizierten Inhalte verstärken oder auch in Frage stellen. Das ist im Hinblick auf den Pfarrer bzw. die Pfarrerin von hoher Bedeutung, nicht zuletzt in der funktional differenzierten Gesellschaft, in der die meisten Informationen nur noch massenmedial gewonnen werden und kaum noch selbst überprüft oder durch eigene Erfahrungen bestätigt werden können. Pfarrer und Pfarrerin symbolisieren das christliche Programm konkret an ihrem Leib. Sie stellen körperlich und wahrnehmbar Religion und Kirche dar. Sie versinnbildlichen in ihrer Person die Kirche und ihre Gemeinde. Der Pfarrberuf bildet zusammen mit dem Beruf der Ärztin, der Juristin und des Lehrers die Berufsgruppe der Professionen. Weil existentielle, die eigene Identität unmittelbar berührende Inhalte und Situationen im Mittelpunkt der Professionsberufe stehen, ist der Erwerb und die Stabilisierung des Vertrauens der Patienten, Schülerinnen oder Kirchenmitglieder zentral für sie. Vertrauen ist Grundlage und Voraussetzung allen professionellen Handelns. Habe ich kein Vertrauen mehr zu meinem Arzt, ist jeder Therapievorschlag sinnlos bzw. verdächtig. Gesundheit, Recht und Glauben sind sehr persönliche und komplexe Sachverhalte und deshalb viel schwerer »herstellbar« oder vermittelbar als irgendwelche Produkte für den ökonomischen Markt. Sie verlangen ein professionsethisch sensibles Verhalten und ein individuelles Eingehen auf die jeweils Betroffenen. Sie setzen eine differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit, Behutsamkeit und ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit und Verantwortungsbereitschaft voraus. Deshalb können sich professionelle Ärztinnen und Richter, Pfarrerinnen und Lehrer auch nur bedingt an Standardsituationen orientieren, obwohl viele Krankheiten, Rechts- und Seelsorgeprobleme ständig wiederkehren. Aufgrund der Existenzialität und Komplexität der Thematiken und der individuell oft sehr verschiedenen Art, mit einer Krankheit oder einem Trauerfall umzugehen, verlangen professionelle Situationen viel Einfühlungsvermögen und zugleich ein an der jeweils individuellen Lage orientiertes autonomes Handeln. Aufgrund dieser Komplexität ist es im Übrigen auch so schwer, professionelles Handeln einer Erfolgskontrolle zu unterziehen. Die Verkündigung und Bezeugung des Evangeliums, die den Pfarrberuf inhaltlich qualifiziert, setzt mithin eine bestimmte Kommunikationsform, nämlich die Kommunikation unter körperlich Anwesenden, voraus und sie geht zugleich mit einem hohen Berufsethos einher. Das Berufsethos zielt darauf, Vertrauen nicht zu missbrauchen, sondern zu schützen. In der Kirche sind es insbesondere die Kasualien und die Seelsorge, die einen besonderen Schutz des Vertrauens erforderlich machen. Kasualien beziehen sich auf Situationen, in denen sich Menschen an Krisen- und Schnittpunkten ihrer Biographie befinden, auf Situationen also, in denen sich Menschen tendenziell abhängig fühlen, in denen sie persönlich betroffen sind, in denen sie Ängste vor der ungewissen Zukunft haben oder in der Trauer und Schmerz sie aus der Bahn geworfen haben oder in einer Situation, in der sie nach Worten für ihre Freude und ihren Dank suchen. Die Kasualien bedürfen deshalb in ganz besonderer Weise des Schutzes und der Vertrauenswürdigkeit, die das professionelle Amt symbolisiert und zu gewährleisten sucht. Im Amt sind Erwartungen an die Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit einer Person generalisiert. Freilich hängt dann noch einmal viel von der individuellen Ausgestaltung dieser Erwartungen und dem seelsorgerlichen Geschick des einzelnen Pastors ab. Zugleich zeigt die Typik der Kasualien, warum sie nahezu zwangsläufig an die Professionalität von Pastorinnen und Pastoren gekoppelt sind. 3. Die Kasualien als typisch professionelle Problemsituationen Kasualien stellen zum einen besonders typische professionelle Problemsituationen dar, zum andern werden sie nicht nur von engagierten Kerngemeindemitgliedern, sondern auch und vor allem von der großen Mehrheit der Kirchenmitglieder, die ein distanzierteres Verhältnis zur Kirche pflegen, wahrgenommen. Anders als die engagierten Gemeindeglieder gewinnen die distanzierten Kirchenmitglieder in der Regel nur über den Pastor oder die Pastorin persönlichen Kontakt zur Kirche. Die Kasualien und die Seelsorge, die mit ihr zusammen hängt, sind eine zentrale und undelegierbare Aufgabe der Pfarrerin in der volkskirchlichen Gemeinde. Ein Kirchenmitglied, das eine Taufe, Trauung, Konfirmation oder Bestattung wünscht, will in aller Regel, dass der Pfarrer oder die Pfarrerin das selbst übernimmt und diese Aufgabe nicht an einen Prädikanten oder Jugendkreisleiter delegiert, was prinzipiell möglich wäre. Kirchenmitglieder erwarten in diesen für sie existentiellen und prekären Ausnahmesituationen und lebensgeschichtlichen Übergängen, dass die Pfarrerin sie selbst begleitet und nicht der Diakon oder ein Presbyter. Kasualien sind gewissermaßen Chefsache. Umgekehrt gehört taufen und konfirmieren, trauen und beerdigen zu den Insignien pastoraler Tätigkeit und Identität. Die Amtshandlungen haben mithin auch hohe Bedeutung für die Pastorinnen und Pastoren selbst und für ihre berufliche Identität. Sie prägen das Pfarrerbild nachhaltig. Kein Pastor und keine Pastorin würde sie gern aus der Hand geben, auch wenn Pastoren und Pastorinnen immer wieder über die Belastungen, die damit einhergehen, klagen. Das liegt daran, dass in den Kasualien die Professionalität des Pfarrers und der Pfarrerin in besonderer Weise eingefordert wird. Professionen sind nach professionssoziologischer Definition »typischerweise befasst mit der Bewältigung kritischer Schwellen und Gefährdungen menschlicher Lebensführung«3. Die Kasualien repräsentieren per definitionem Krisensituationen und Gefährdungen menschlicher Lebensführung. Deshalb ist die Typik professionellen Handelns bei den Kasualien auch besonders ausgeprägt und die professionelle Betreuung und seelsorgerliche Begleitung generell in besonderer Weise gefragt. Überall lässt sich die Pfarrerin leichter vertreten als hier. Kasualien helfen, kritische Schwellen und Passagen zu bewältigen. Situationen, die tief greifend verunsichern und eine weit reichende Umstellung in der eigenen Biographie verlangen, werden im Kasualgottesdienst dargestellt und gedeutet. In der rituellen Handlung, dem Kern jedes Kasualgottesdienstes, wird der Übergang von einer Lebensphase in die andere für alle sichtbar vollzogen und der göttliche Beistand und Segen vermittelt. Der Wechsel von einer Lebensphase in die nächste wird dabei nicht nur symbolisiert, sondern überhaupt erst Realität. Besonders augenfällig ist das bei der Trauung, bei der sich heute in aller Regel wenig oder gar nichts mehr ändert, weil die meisten Paare schon längst zusammen leben. Die kirchliche Trauung mit ihren Riten – den Traufragen, dem Ringwechsel, dem Hochzeitsmarsch etc. –, markiert deshalb nicht nur den Übergang, sondern verbürgt zugleich, dass hier tatsächlich etwas Neues beginnt und sichtbar Realität wird.4 Alle kirchlichen Kasualien – Taufe, Konfirmation, Trauung, Bestattung – stellen mithin typische professionelle Problemsituationen dar. Sie thematisieren wichtige Knotenpunkte menschlicher Lebensführung, in denen die sensible, umsichtige und professionelle Hilfe und Begleitung des Pfarrers bzw. der Pfarrerin gefragt ist: am Lebensbeginn, auf der Schwelle zum Erwachsenwerden, beim verbindlichen Wechsel der Lebensform und am Lebensende. Viele Kirchenmitglieder, die eine Kasualie wünschen, suchen überdies nur selten den Kontakt zur Kirche. Zu speziellen Zeiten und an biographisch besonders bedeutsamen Zäsuren nimmt die große Mehrheit der Kirchenmitglieder kirchliche Angebote wahr, möchte dann aber auch von einem Pfarrer oder einer Pfarrerin betreut werden. Rudolf Roosen formuliert: »Der persönliche Pfarrerkontakt stärkt erwiesenermaßen die emotionale Nähe zur Kirche. Die Mitglieder […] wünschen, dass ihre Pfarrerin oder ihr Pfarrer für sie Zeit haben, wenn sie nach ihnen rufen. Sie sind in dieser Hinsicht weder verwöhnt noch anspruchsvoll. Sie melden sich selten. Wenn sie sich aber melden, möchten sie ernstgenommen werden.«5 4. Die Schlüsselstellung von Pastorinnen und Pastoren und das Allgemeine Priestertum Pastorinnen und Pastoren sind nicht zuletzt aufgrund ihrer Unvertretbarkeit bei den Kasualien für die Mehrzahl der Kirchenmitglieder die Schlüsselfiguren im Kontakt zur Kirche und genießen als solche ein hohes Ansehen. Das drückt sich nicht zuletzt in der bemerkenswert hohen Zufriedenheit der Kirchenmitglieder aus: Nur ca. sechs Prozent haben einen weniger guten oder schlechten Eindruck von ihrem Gemeindepfarrer, dagegen finden deutlich über neunzig Prozent ihren Pfarrer bzw. ihre Pfarrerin gut oder sehr gut.6 Diese Schlüsselstellung des Pastors bzw. der Pastorin im Kontakt zur Kirche bedeutet keine Aufhebung oder Relativierung des allgemeinen Priestertums, wie immer wieder beklagt wird. Sie folgt vielmehr aus der funktional differenzierten Gesellschaftsstruktur, die auf Rollendifferenzierungen angewiesen ist, um in der unüberschaubaren und vielfältig differenzierten gesellschaftlichen Umwelt Ansprechbarkeit und Erwartbarkeit zu gewährleisten. Die Schwelle, an religiöser Kommunikation teilzunehmen, wird durch die Erwartungssicherheit, die durch das professionelle Amt gewährleistet wird, erheblich gesenkt. Anders als von einem anderweitig berufstätigen Kirchenvorstand kann ein Kirchenmitglied von einem Pfarrer bzw. einer Pfarrerin begründet und sicher erwarten, dass er oder sie sich für seine Fragen in Bezug auf die Taufe der Tochter oder die Beerdigung eines Elternteils auf jeden Fall zuständig fühlt und interessiert, dass er die entsprechende Feier sorgfältig, verantwortlich und sachgerecht durchführen wird und sich überdies an das Beichtgeheimnis gebunden weiß. Im Übrigen ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Partizipation und das Engagement von Ehrenamtlichen in Gemeinden mit starken Pfarrerpersönlichkeiten gefördert werden, deutlich größer als in Gemeinden mit vakanten Pfarrstellen oder schwachen Pfarrerfiguren. Wenn sich Pfarrerinnen und Pfarrer in der Weise Zeit für ihre Kernaufgaben in Verkündigung, Unterricht und Seelsorge nehmen sollen, wie es meine Ausführungen nahe legen, ist es unabdingbar, etliche andere gemeindlichen Aktivitäten und Aufgaben an ehren- und nebenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu delegieren. Die Schlüsselstellung des Pfarrers und der Pfarrerin für die große Mehrheit der Kirchenmitglieder bedeutet insofern nicht, dass das ehrenamtliche Engagement vernachlässigt würde oder vernachlässigbar wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Der Pfarrer oder die Pfarrerin wird durch viel ehrenamtliches Engagement eher wichtiger als unwichtiger. Zugleich nimmt die Bedeutung des Engagements von Ehrenamtlichen durch eine sorgfältige professionelle pastorale Arbeit eher zu als ab. Hier liegt kein Nullsummenspiel vor. Hier ist die wechselseitige Steigerung der Aktivitäten die Regel. 5. Die Bedeutung der Kasualien für das Berufsethos von Pastorinnen und Pastoren Amtshandlungen sind in ihrer Verschränkung von Seelsorge, Predigt, Liturgie und Unterricht eine besondere Herausforderung für den Pastor und die Pastorin. Die Pastorinnen und Pastoren selbst erleben sich in diesen existentiellen Situationen als mehr oder weniger unersetzlich. Sie sind bei den Amtshandlungen als Geistliche, als Seelsorger, als Theologinnen gefragt und haben nicht selten tiefe und bewegende Begegnungen. Bei den Kasualien spüren und erleben Pastorinnen und Pastoren in der Regel unmittelbarer als sonst, wofür sie da sind. Zugleich haben sie eine hohe Verantwortung und Gestaltungskompetenz. All dies ist aus beruflicher Perspektive betrachtet sehr befriedigend, befriedigender jedenfalls als so mancher Geburtstagsbesuch oder manche Presbyteriumssitzung. Deshalb schätzen engagierte Pastorinnen und Pastoren die Amtshandlungen und gewinnen berufliche Selbstbestätigung und Gewinn für ihre pastorale Identität daraus. Für die Bestattung gilt dies in besonderer Weise. Die Bestattung stellt den Ernstfall pastoraler Tätigkeit dar. »Im Umgang mit dem Tod – im rituellen Vollzug der Bestattung, in der homiletischen Arbeit an einer Beerdigungspredigt, in der seelsorgerlichen Begleitung der Hinterbliebenen – bildet sich in besonderer Weise pastorale Identität aus. Hier, an der Grenze des Lebens, zeigt sich und verdeutlicht sich die Aufgabe und der Auftrag ihres Amtes: präsent zu sein angesichts der schmerzlichen Erfahrung«7 des Todes, tragfähige Worte angesichts von Tod und Sterben zu finden und angesichts von Leid und Trauer beten zu können. Hier kommt es auf die Person im Amt an, hier sind Pfarrerinnen und Pfarrer deutlich identifizierbar, hier sind sie gefragt. Umgekehrt ist die erste Bestattung für Vikarinnen und Vikare wie kein anderer Ritus eine Art initiierender Akt ins Pfarramt hinein. Die pastorale Identität von Pfarrerinnen und Pfarrern »speist sich nicht zuletzt daraus, dass sie im Namen Gottes, der ins Leben ruft, […] die Konfrontation mit dem Tod bestehen.«8 Zugleich ist es genau dieser Ernstfall, der das pastorale Berufsethos und das Pfarrerbild wesentlich bestimmt. Von jemandem, der mich einmal bestatten soll, erwarte ich, dass er glaubwürdig ist, dass er sich auch in seinem sonstigen Auftreten nicht als Filou oder Kasper darstellt und dass er dem Ernst und der Schwere dieser existentiellen Grenzsituation auch im Alltag mit seinem Verhalten Rechnung zu tragen weiß. 6. Integrale Amtshandlungspraxis Joachim Matthes hat den Begriff von der integralen Amtshandlungspraxis 1975 geprägt, als er in einem Aufsatz auf die erste EKD-Mitgliedschaftsumfrage »Wie stabil ist die Kirche?« reagierte. Matthes versteht unter integraler Amtshandlungspraxis eine »Verknüpfung der verschiedenen an der einzelnen Amtshandlungspraxis beteiligten Lebenswirklichkeiten« und die »Erweiterung des Amtshandlungsgeschehens um fortsetzendes seelsorgerliches Handeln im Hinblick auf die verschiedenen beteiligten Lebenswirklichkeiten«9. Tatsächlich wird die Kasualienseelsorge heute ernster genommen als noch vor wenigen Jahrzehnten, aber im Hinblick auf die Pluralität im Adressatenkreis und auch im Hinblick auf die verweisungsreichen Überschneidungen und Verknüpfungen, die sich im Gemeindepfarramt ergeben, scheint mir das Potential der Kasualpraxis noch nicht voll ausgeschöpft. Der Forderung nach integrierendem Handeln liegt die Beobachtung zu Grunde, dass es bei einer Amtshandlung nie nur um die jeweiligen unmittelbaren Adressaten, sondern immer auch um den weiteren beteiligten Interaktionskreis, insbesondere die Familie, die Verwandten und Freunde geht. Auch die Eltern, nicht nur die Konfirmandinnen und Konfirmanden, werden mit der Konfirmation ihrer Kinder in eine neue Lebensphase versetzt und bedürfen gerade deshalb der Unterstützung in ihrer Neuorientierung. Umgekehrt ist die Taufe für alle Phasen des Lebenszyklus bedeutsam und damit auch für alle relevant, die in einem Taufgottesdienst anwesend sind. Es kommt deshalb darauf an, die Pluralität der Adressaten im Blick zu haben und Querverbindungen herzustellen. Die anzustrebende Integration betrifft aber nicht nur den Längsschnitt der kirchlichen Arbeit, sondern auch den Querschnitt der aktuellen Kasualpraxis selbst. Deuten, feiern, helfen und lernen sind sämtlich Dimensionen kasueller Praxis, die sich nicht aufeinander reduzieren lassen. Ganz besonders kommt diese Verknüpfung bei der Konfirmationskasualie zur Geltung, die liturgische, pädagogische und seelsorgerliche Aspekte über lange Zeit hinweg miteinander verbindet. Auch dies betrifft nicht nur die unmittelbar betroffenen Konfirmanden, sondern ebenfalls die Konfirmandeneltern, die vom Pfarrer besucht werden, oder die durch den Gottesdienstbesuch ihrer Kinder motiviert werden, wieder einmal in den Sonntagsgottesdienst zu kommen. Wenn die Kirche die Zentralität der Amtshandlungen besser nutzen will, dann muss sie die vielfältigen Aspekte und den Verweisungsreichtum der Kasualpraxis sehr ernst nehmen und den Kasualien insgesamt größere Priorität einräumen. Bei einer geplanten Parochiegröße von 3000 oder 4000 Kirchenmitgliedern pro Pfarrstelle, wie sie manche Landeskirchen anstreben, ist eine solch sorgfältige und aufeinander verweisende komplexe Praxis freilich nicht mehr möglich. Eine integrale Amtshandlungspraxis führt überdies vor Augen, warum die Kontinuität der Person im Pfarramt von so hoher Bedeutung ist. Die Person des Gemeindepfarrers und der Gemeindepfarrerin hat für viele eine integrierende Funktion, weil man ihr in den verschiedensten Feldern gemeindlichen Lebens begegnet. Dies schafft nicht nur Vertrauen, sondern vermag auch über den persönlichen Kontakt genau jene Querverbindungen von der Seelsorge zur Verkündigung zum Konfirmandenunterricht und zurück herzustellen, die ansonsten in sich ausdifferenziert blieben und damit wichtige Kommunikationsmöglichkeiten gar nicht erst entstehen ließen. Die Kontinuität derselben Berufsperson in verschiedenen kirchlichen Kommunikationszusammenhängen spielt aufgrund des Vertrauens eine zentrale Rolle im Pfarramt. Der typische Professionelle ist in spezifischer Weise Generalist wie der Hausarzt und nicht Spezialist. Erlebt die Konfirmandin ihren Pastor nicht nur im Konfirmandenunterricht, sondern auch bei einer Bestattung, wird ihr anschaulich vor Augen geführt, dass sich der christliche Glaube auf das ganze Leben bezieht. Das Gespräch im Konfirmandenunterricht über die Frage nach einem Leben nach dem Tod gewinnt dadurch zugleich eine ganz andere existentielle Dimension. Die bislang nur auf den Konfirmandenunterricht reduzierte Begegnung mit der christlichen Religion findet durch die Begegnung mit demselben Pfarrer in einem ganz anderen biographischen und religiösen Kontext eine nachhaltige Bestätigung. Der Glaube ist auf solch bestätigende Erfahrungen angewiesen, er braucht die Redundanz und gewinnt dadurch an Realitätsnähe. Die Kasualien sind deshalb, wenn man ihr komplexes und verweisungsreiches Potential nutzen will, auf die Rolle eines Allgemeinpraktikers als professionelle Kernrolle angewiesen. 7. Kasualien als missionarische Gelegenheiten Die Kasualpraxis enthält große Möglichkeiten, sehr viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlicher Nähe und Distanz zum christlichen Glauben zu erreichen. Sie ist deshalb wohl die beste implizite missionarische Gelegenheit mit der größten Reichweite, die der Volkskirche zu Verfügung steht. Denn: »Wenn Menschen neu oder wieder Zugang zur Kirche suchen und finden, lassen sie sich oder ihre Angehörigen taufen, konfirmieren, trauen und beerdigen. Umgekehrt drückt sich der Verlust positiver Beziehungen zur Kirche darin aus, dass Menschen auf diese Handlungen verzichten.«10 In den neuen Bundesländern ist der Schwund der Volkskirche am deutlichen Rückgang besonders von Taufe, Konfirmation und Trauung abzulesen. Eberhard Winkler kommentiert aus ostdeutscher Perspektive: »Es scheint sich ein Trend abzuzeichnen, dass dort, wo die Volkskirche relativ stabil blieb, ein Aufschwung der Kasualpraxis erfolgt.«11 Und er fasst pointiert zusammen: »Volkskirche ist Kasualkirche.«12 Während man die Kasualien in den siebziger Jahren vielfach als Hort der Bürgerlichkeit kritisierte und als verfehltes kirchliches Engagement betrachtete, weiß man heute: »Weniger Kasualien bedeuten nicht mehr geistliches Leben, sondern einen Verlust an Möglichkeiten zur Kommunikation des Evangeliums.« 13 Ich möchte in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass es im Gefolge der dialektisch-theologischen Ära eine Zeit gab, in der es geradezu verrufen war, sich an Fragen und Bedürfnissen von Kirchenmitgliedern zu orientieren und auf diese sensibel einzugehen. Teilweise war man sogar darauf stolz, Kirchenmitglieder von Amtshandlungen abzubringen. Heute wissen wir: Auch dort, wo die Kirche schrumpft, entsteht keine Bekenntniskirche, sondern bleibt sie eine Art Volkskirche. Selbst in Gebieten wie Halle und Bitterfeld, wo die Kirchenmitgliedschaft von 80 auf 8% zurückging, bleibt nicht eine Kerngemeinde oder Bekenntniskirche übrig, sondern ein sehr differenziertes Misch-Gebilde. Es ist eine umstrittene Frage, inwiefern Kasualien missionarische Gelegenheiten darstellen. Rudolf Bohren hat diese Frage eindeutig verneint und gemeint, dass der Kasus so sehr im Vordergrund stehe, dass die Menschen dem Wort auf der Kanzel gar nicht zuhörten. Das wird man so wohl kaum mehr beurteilen. Wir wissen heute, dass Menschen an den Sollbruchstellen des Lebens und in existentiellen Situationen religiös besonders ansprechbar und kreativ sind. Das bedeutet freilich nicht, dass man Kasualien missbrauchen sollte für Missionspredigten. Ganz im Gegenteil. Kirchenmitglieder, die eine Kasualie wünschen, sind zunächst und ganz unvoreingenommen als Mitchristen wahrzunehmen und zu würdigen. Friedrich Schleiermacher hat im Hinblick auf eine gängige Kritik an seinen Predigten einmal deutlich gemacht, dass es nicht weiterführt, sich am defizitären Glauben einzelner Individuen oder einer sich als kirchenkritisch oder religionsverachtend gebenden Öffentlichkeit zu orientieren. Er schlägt vielmehr vor, im Gottesdienst den Glauben auch dort zu unterstellen, wo man nicht sicher weiß, ob er individuell tatsächlich vorhanden ist. Dadurch kommt der Glaube am ehesten wieder zustande und wird er öffentlich und innerpsychisch gestärkt und belebt. Schleiermacher wörtlich: »Vielleicht kommt auch die Sache dadurch wieder zu Stande, dass man sie voraussetzt«14. Schleiermacher geht mithin, ganz modern gesprochen, davon aus, dass sich der christliche Glaube im Sinne einer self-fulfilling prophecy selbst wahrscheinlich macht. Der Kasualgottesdienst als Darstellung des christlichen Lebens bewirkt insofern im günstigsten Fall, dass der Glaube gerade dadurch zustande kommt, dass man ihn voraussetzt – und nicht etwa in Frage oder Abrede stellt. Kasualien bieten in besonderer Weise die Möglichkeit, Menschen in ihrer konkreten biographischen Situation persönlich zu erreichen. »Im Kasualgespräch gewinnt der Prediger Informationen über die an der Kasualie Beteiligten und damit ein viel präziseres Bild von der homiletischen Situation, als das im [normalen] Gemeindegottesdienst möglich ist.«15 Text und Situation werden hier vorbildlich miteinander in Beziehung gebracht. Präzise wahrnehmen und theologisch deuten gehen im Kasualgespräch und in der Verkündigung deshalb Hand in Hand. Schon Friedrich Schleiermacher und sehr viel später Ernst Lange haben gefordert, auch den Sonntagsgottesdienst so kasuell wie möglich zu verstehen und zu gestalten. Kristian Fechtner fordert in diesen Tagen erneut eine Kasualisierung des Sonntagsgottesdienstes, weil in Gottesdiensten, die sich auf einen bestimmten Anlass beziehen – wie Weihnachten, Ostern, das Erntedankfest, der Totensonntag oder auch Familien- und Tauferinnerungsgottesdienste –, der Bezug von Religion und Leben nicht umständlich und abstrakt gesucht werden muss, sondern immer schon gegeben ist und die Menschen sich viel unmittelbarer angesprochen fühlen. Eberhard Winker betont die Chancen der Kasualien für die Zukunft der Volkskirche in diesem Sinn nachdrücklich: »Nur eine theologisch gut begründete Verbindung von Kasualpraxis und Gemeindeaufbau entbindet die in den Kasualien und in der Volkskirche liegenden Chancen, und ohne diese Verbindung ist die Kasualpraxis in der nachvolkskirchlichen Situation zum allmählichen Absterben verurteilt.«16 Die Volkskirche ermöglicht eine Partizipation aus der Halbdistanz heraus. »Wer dann und wann diesen Schritt aus der Halbdistanz zur punktuellen Nähe hin tut, ist in der Kirche willkommen und soll das spüren.«17 Eine wesentliche »Missionsstrategie« ist deshalb schlicht, dass die Kasualpraxis einladend wirkt, zumal bei den Kasualien in aller Regel auch viele Menschen anwesend sind, die aus der Kirche ausgetreten sind und die den Kontakt zur Pfarrerin, den sie über die Kasualie gewonnen haben und die Erfahrung der Kasualie selbst vielleicht zum Anlass nehmen wieder einzutreten. Bei Konfirmandeneltern, deren Kinder sich unabhängig von ihren Eltern dafür entscheiden zum Konfirmandenunterricht zu gehen, passiert das gar nicht so selten. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang noch, dass entgegen der These, dass die Religiosität sich von den kirchlichen Institutionen löse, die Motivation beispielsweise zur Taufe sehr viel deutlicher als noch vor 20 Jahren auf die Kirche bezogen ist. Überdies sind alle Kasualien in ihrem gottesdienstlichen Profil gestärkt worden. Bis in die 60er Jahre hinein sind Taufen und Trauungen als eigene Gottesdienste im Kreis der erweiterten Familie zumeist am Samstagnachmittag gefeiert worden. Mittlerweile ist die Taufe an vielen Orten in den sonntäglichen Gemeindegottesdienst zurückkehrt. Und die Bestattung, die noch zu Zeiten Schleiermachers vielfach als »stille Beerdigung« ohne Geistliche stattfand, wird heute selbstverständlich als Gottesdienst gefeiert und hat angesichts der säkularen Konkurrenz noch einmal an Profil gewonnen. Kristian Fechtner betont deshalb: »Alle Kasualien sind, so lassen sich die unterschiedlichen Entwicklungsstränge bündeln, in ihrem gottesdienstlichen Charakter gestärkt worden.«18 Ein besonders interessanter und nachdenkenswerter Befund ist, dass sich 32% der aus westdeutschen Landeskirchen Ausgetretenen für die Taufe ihrer Kinder entscheiden würden. Das ist sehr viel. Konfessionslose, die aus der Kirche ausgetreten sind, sind offenbar in weit höherem Maß für Glaube und Kirche ansprechbar als Menschen, die schon immer konfessionslos waren. Denn den 32% der konfessionslosen Ausgetretenen, die ihr Kind gern zur Taufe bringen würden, stehen nur 3% der schon immer Konfessionslosen, die einen solchen Wunsch äußern, gegenüber. Statt die Taufe durch die Einführung einer Kindersegnung zu einer exklusiven Handlung zu stilisieren, wäre es meines Erachtens deshalb ganz im Gegenteil geboten, die Taufpraxis der Kirche zu erweitern und auch die Kinder von konfessionslosen Eltern, die dies wünschen, zu taufen, vorausgesetzt, ein evangelisches Kirchenmitglied kann als Pate begleitend zur Seite stehen. Die Kirche nähme damit nicht nur die Kinder als eigenständige Glieder am Leib Christi ernst, sondern setzte auch Jesu Gebot, die Kinder bedingungslos zu ihm kommen zu lassen und sie nicht daran zu hindern, konsequent in die Tat um. Die Kirche ermöglichte damit Kindern den Kontakt zur Kirche, den sie von sich aus in einer säkularen Umgebung kaum je finden würden. Außerdem würde die Kirche durch eine solche Praxis die konfessionslosen Eltern – die mit dem Taufwunsch mindestens ein vages religiöses Bedürfnis bekunden – gleichsam als »foboumenoi« wieder stärker an sich binden. Sicherlich werden dadurch nicht alle den Schritt des Austritts revidieren, aber beträchtlich mehr als dies jetzt der Fall ist. Das Potential, das hier verborgen liegt, müsste endlich sinnvoller und gezielter genutzt werden, wenn die evangelische Kirche Perspektiven entwickeln und ihre Chancen nicht ungenutzt verstreichen lassen will. Kasualien sind entscheidende Kontaktmöglichkeiten nicht nur zu den Kirchenmitgliedern, die nur selten den Kontakt zur Kirche suchen, sondern auch zu Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. Im gelungen Fall stabilisieren sie die Kirchenmitgliedschaft erheblich oder bringen Ausgetretene wieder zum Nachdenken. In der Kasualpraxis erleben Menschen in einer für sie prekären und existentiellen Situation über den Kontakt zum Pfarrer oder zur Pfarrerin, dass sie von der Kirche individuell ernst genommen und professionell begleitet werden. Sie wissen dann wieder, warum sie in der Kirche sind und warum sie Kirchensteuern zahlen, obwohl sie die Dienste der Kirche nur selten beanspruchen. Oder sie fangen als Ausgetretene an darüber nachzudenken, ob sie ihren Schritt aus der Kirche heraus nicht revidieren sollten oder, was häufiger geschieht, sie suchen nach anderen Formen, die Kirche zu unterstützen. Kasualien heißen nicht zufällig Amtshandlungen. Hier sind Pfarrerinnen und Pfarrer in ihrem Amt unvertretbar. Hier tragen sie zugleich hohe Verantwortung. Für die vielfältigen Dimensionen der Kasualpraxis und der kasuell orientierten Gottesdienste im Kirchenjahr sollten Pfarrerinnen und Pfarrer deshalb genügend Zeit und Sorgfalt aufbringen können. Zugleich sollten sich Pfarrerinnen und Pfarrer bei den Kasualien nicht vorschnell den Luxus gönnen, sich als Zeremonienmeister missbraucht zu fühlen, sondern mit viel Engagement auch den etwas diffusen religiösen Bedürfnissen nachgehen, um sie theologisch zu entschlüsseln. Dass dies im individuellen Fall auch eine Ablehnung einschließen kann, versteht sich von selbst. Die evangelische Kirche braucht professionelle Pfarrerinnen und Pfarrer, damit sie auch in Zukunft als Volkskirche existieren kann. Volkskirche ist Kasualienkirche und die Kasualienkirche ist engstens an die Pfarrerinnen und Pfarrer als Schlüsselfiguren gekoppelt. Die Pfarrerinnen und Pfarrer wiederum brauchen die Unterstützung der Synoden und Kirchenvorstände bei ihrem herausfordernden und verantwortungsvollen Dienst, Synoden und Kirchenleitungen, die begriffen haben, dass die Zukunft der evangelischen Kirche wesentlich von der Präsenz und dem Engagement von Pastorinnen und Pastoren abhängt, von Pastorinnen und Pastoren, die die vielfältigen Möglichkeiten zur Kommunikation des Evangeliums zu nutzen und zu fördern wissen. Anmerkungen Überarbeiteter und gekürzter Vortrag auf der Synodalpräsidententagung der VELKD am 3.9. in Ahlhorn und auf dem nordelbischen Pastorentag am 8.9.04 in Hamburg. 1 Vgl. zu allen Bezügen auf die vierte Befragung die schon vorliegenden Ergebnisse im Vorabdruck: Weltsichten. Kirchenbindung. Lebensstile. Vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, hg. v. Kirchenamt der EKD, Hannover 2003. 2 Zum Professionalitätsbegriff vgl. ausführlich: Isolde Karle, Der Pfarrberuf als Profession. Eine Berufstheorie im Kontext der modernen Gesellschaft, Gütersloh 2001; dies., Pfarrerinnen und Pfarrer in der Spannung zwischen Professionalisierung und Professionalität, in: DtPfrBl 103 (2003), 629–634 und dies., Pastorale Kompetenz, in: Pastoraltheologie 89 (2000), 508–523. 3 Rudolf Stichweh, Inklusion in Funktionssysteme der modernen Gesellschaft, in: Differenzierung und Verständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, (Hrsg.) Renate Mayntz u.a., Frankfurt a.M. 1988, 261–293, 276 [Hervorhebung I.K.]. 4 Vgl. Kristian Fechtner, Kirche von Fall zu Fall. Kasualpraxis in der Gegenwart – eine Orientierung, Gütersloh 2003, 140. 5 Rudolf Roosen, Die Kirchengemeinde – Sozialsystem im Wandel. Analysen und Anregungen für die Reform der evangelischen Gemeindearbeit, Berlin/New York 1997, 602. 6 Vgl. Fremde Heimat Kirche. Die dritte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, hg. v. Klaus Engelhardt/Hermann von Loewenich/ Peter Steinacker, Gütersloh 1997, 384. 7 Fechtner, Kirche von Fall zu Fall, 63 [Hervorhebung I.K.]. 8 Fechtner, Kirche von Fall zu Fall, 64. 9 Joachim Matthes (Hrsg.), Erneuerung der Kirche – Stabilität als Chance?, Gelnhausen/Berlin 1975, 101. 10 Eberhard Winkler, Tore zum Leben. Taufe, Konfirmation, Trauung, Bestattung, Neukirchen 1995, 14. 11 Winkler, Tore zum Leben ,12. 12 Winkler, Tore zum Leben, 13. 13 Winkler, Tore zum Leben, 15 [Hervorhebung I.K.]. 14 Friedrich Schleiermacher, Predigten, Bd. 1, Neue Ausgabe, SW II, 1, Berlin 1834, 10f (unpaginiert) [Hervorhebung I.K.]. 15 Winkler, Tore zum Leben, 32. 16 Winkler, Tore zum Leben, 34. 17 Winkler, Tore zum Leben, 35. 18 Fechtner, Kirche von Fall zu Fall, 25.L

Über den Autor

Prof. Dr. I. K., geb. 1963, Professorin für Praktische Theologie an der evangelisch-theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2004

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