Editorial


Wasser des Lebens

Von: Peter Haigis
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Vom »Wasser des Lebens« spricht die Jahreslosung 2018 (Luther übersetzt nicht ganz korrekt, aber sprachlich eleganter »lebendiges Wasser«). Vom Wasser des Lebens erzählt auch ein so betiteltes Märchen der Gebrüder Grimm. Im Kern dieses sehr vielschichtigen Märchens geht es um einen alten, schwer kranken König, zu dessen Lebenserhalt dieses Lebenswasser nötig ist. Er schickt seine drei Söhne nacheinander aus, um es zu beschaffen, doch erst der jüngste erweist sich als fähig zu dieser Aufgabe.

In alter Zeit sprach man von »Lebenswasser« im Hinblick auf eine wohltuende, heilende und damit auch Leben erhaltende Arznei. Die Bezeichnung »Aquavit« für ein alkoholisches Getränk hat davon ebenso etwas aufbewahrt wie der Ausdruck »Whisky«, der sich aus dem schottisch-gälischen Wort für »Wasser des Lebens«, »uisge beatha«, ableitet. Es waren schottische Mönche, die die Technik des Whisky-Brennens entwickelten, um auf diese Weise ein Heilmittel zu gewinnen.

Im Grimmschen Märchen ist das Wasser des Lebens ein kostbares und schwer zu beschaffendes Gut; die Jahreslosung hingegen enthält die zusätzliche Pointe »umsonst«. Freilich, der Kontext für den Brunnquell des Gratis-Wassers ist das himmlische Jerusalem. In diesem Leben sind die Lebenswasserbrunnen manchmal doch auch trocken oder zumindest ziemlich verstopft.

Wenn in der Bibel von »lebendigem Wasser« die Rede ist, dann ist damit oft das fließende, frische Wasser (im Vergleich zum stehenden Wasser) gemeint: die Quelle (statt der Zisterne), aber ebenso das Leben spendende Wasser. Wasser ist ein Grundlebensmittel, ohne Wasser wäre Leben auf diesem Planeten nicht möglich. In unseren Tagen lässt das allerdings auch politisch kritisch nach unserem Umgang mit diesem wertvollen Gut fragen. Hierzulande strömt es einfach aus dem Wasserhahn und dazu noch in meist trinkbarer Qualität. Anderswo tragen Frauen und Kinder auf kilometerlangen Straßen Kanister voll Brunnenwassers in ihre Häuser. Verrückt auch, dass wir angesichts der Lebensnotwendigkeit von Wasser Wasserrechte privatisieren, anstatt die Verwaltung dieses Lebensmittels der öffentlichen Hand zu überlassen. Künftige Kriege würden um Wasser geführt, heißt es …

In seinem 2015 bei der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichneten Dokumentarfilm »El Botón de Nazár« (»Der Perlmuttknopf«) erzählt der chilenische Regisseur und Filmemacher Patricio Guzmán eine ganz eigene Geschichte des Wassers. Guzmán ist den Spuren der chilenischen Ureinwohner nachgegangen – ein Volk, das durch Kolonialismus und Mission ausgelöscht wurde (heute gibt es noch etwa 20 direkte Nachfahren). Sie lebten als Wassernomaden in der endlosen chilenischen Fjordlandschaft und haben eine einzigartige Kultur ausgebildet. Für Guzmán ist Wasser ein kosmisches Geschenk an den Planeten Erde, vor Jahrmilliarden durch Meteoriten auf die Erde getragen. Und es hat für den Filmemacher zugleich eine schon mythologisch zu nennende Qualität: Nachdem die chilenischen Militärs rund 1400 ihrer Terroropfer im Pazifik versenkten, wendet Guzmán sich nun an dieses Wasser, um die Geschichte aufzuarbeiten – denn Wasser hat ein Gedächtnis.

Man mag dies metaphorisch verstehen oder auch im wörtlichen Sinn. Wie sich Qualitäten und Strukturen des Wassers bilden und wandeln und inwiefern Bestrahlungen und Beschallungen sich darauf auswirken könnten, ist noch nicht zureichend erforscht. Dass Mozarts Musik die Ausbildung guter Kristalle im Wasser begünstigen könnte, mag man für esoterisch halten. Dass aber umgekehrt das Element Wasser die Musik in enormer Weise inspiriert hat, zeigt zumindest Helène Grimaud auf ihrem Album »Water«. Die französische Pianistin und Umwelt-Aktivistin hat acht Wasser-Titel von Liszt und Debussy über Fauré und Ravel bis zu Berio und Takemitsu versammelt. Dazwischen sind zeitgenössische Kompositionen des indischen Musikers Nitin Sawhney zu hören. Ein spielerisches und spannendes Hörerlebnis – für mich die musikalische Entdeckung zur Jahreslosung 2018.

Herzliche grüßt Sie Ihr

Peter Haigis


Save the Date!

Vom 16.–19. September 2018 findet der diesjährige Pfarrertag in Augsburg statt.

Thema: »Religion und Gewalt«; Haupt­referent: Heribert Prantl (»Süddeutsche Zeitung«)


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2018

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