Aus Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5 / 2013
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30. Juni 2013, Lukas 14,25-33
5. Sonntag nach Trinitatis

Von: Heinz Janssen

Von Jesus lernen

Lesen, Hören – Exegese


Thema der Perikope, die literarisch kaum zufällig in der Mitte des »Reiseberichts« (9,51-19,27) verortet ist, sind die Bedingungen der Nachfolge Jesu. Die Perikope bietet eine Zusammenstellung von vier bzw. mit V. 34f als sinnvollerer Abgrenzung fünf Nachfolgesprüchen Jesu. V. 25 schildert die Situation: »Es gingen zusammen mit ihm viele Volksmengen«, nicht, wie meist übersetzt wird: »Es lief … eine große Menge zusammen«. Das von Lk. hier benutzte Verb wird von ihm bevorzugt und kommt so nur im Lk. vor (7,11; 14,25; 24,15).


Im ersten Spruch (V. 26) spricht Jesus den radikalsten Anspruch an eine Jüngerschaft aus. Das gewöhnlich mit »hassen« übersetzte Verb ist ein Hebraismus, sinngemäß übersetzt Mt. 10,37 mit »mehr lieben als«. Gemeint ist »die Unbedingtheit … des Anspruches Jesu« (O. Michel). Im zweiten Spruch (V. 27) nennt Jesus das Kreuztragen als Kennzeichen wahrer Jüngerschaft. Ob der Spruch die Passion Jesu voraussetzt oder vorösterlich zu verstehen ist (metaphorisch: »Leid tragen«, vgl. Mt. 5,4; Lk. 6,21b.32), ist nicht sicher; beide Deutungen sind homiletisch relevant.


Die letzten drei Sprüche (V. 28-30.31f.34f) sind Gleichnisse: vom Turmbau, von der Kriegsplanung und der Wirkung des Salzes. Die beiden ersten handeln von der Planung eines Vorhabens, ob es sich realisieren lässt, den erhofften Erfolg bringt. Vielleicht spricht das Gleichnis gerade nicht von irgendeinem Bau (dies gilt auch, wenn man statt »Turm« die Bedeutung »Wirtschaftsgebäude« annimmt), wenn Jesus damit auf den hohen Anspruch und die hohe Beanspruchung eines Menschen, der mit ihm zusammen geht, hinweist. Ein solcher Mensch »überragt« andere durch seine besondere Stellung; er ist – wie das zweite Gleichnis betont – gefährlicher Gegnerschaft ausgesetzt, die er nicht unterschätzen darf. Will er bei Jesus bleiben, ihn auf seinen Wegen begleiten, wird er Feindschaft erleben. Mit beiden Gleichnissen warnt Jesus vor überstürztem Eifer, sich ihm anzuschließen. Nicht alle müssen Jünger und Jüngerinnen sein, so scheint es in Jesu Worten anzuklingen.


Die Schlussfolgerung in V. 33 scheint sich eher auf V. 26 zurück zu beziehen, im Falle der Entscheidung, mit Jesus zu gehen, diesem Weg die absolute Priorität einzuräumen, als auf die voran stehenden Gleichnisse. Letztere haben wahrscheinlich die Tendenz, der persönlichen Reflexion Raum zu geben: Hast du deinen Schritt gründlich genug überdacht, kannst du deine persönlichen Bindungen, Familie, Freundschaft, Beruf, Besitz aufgeben, dich von allem, was dir lieb und wert ist, trennen zugunsten eines ständigen Unterwegsseins mit Jesus für Gott und sein Reich?


Das Gleichnis vom Salz (V. 34f, vgl. Mt. 5,13; Mk. 9,50) veranschaulicht, dass Jesu Jüngerschaft erkennbar und unverwechselbar sein muss, sie darf nicht fade, »unschmackhaft« werden, denn: Verliert sie ihre Kraft und ihre Bedeutung, fällt sie nicht mehr auf – man wird darüber hinweg gehen wie über etwas, das auf dem Weg herumliegt, sie wird unbemerkt zertreten. Der Aufmerksamkeitsruf »Wer Ohren hat zu hören …« (V. 35b) unterstreicht die Thematik der gesamten Perikope, er sucht hörende Menschen.




Weiter sagen – Homiletische Impulse


Die Perikope kreist, ohne nähere Konkretion, um den hohen Anspruch, Jünger / Jüngerin Jesu zu sein (vgl. 9,23-27.57-62; 18,28-30). Um zu entfalten, was nach Lk. zur Jesusjüngerschaft gehört, hilft ein Blick in den nahen Kontext, vorher: Krankenheilung oder: heilsamer Umgang miteinander (14,1-6), zwei Gleichnisse zum Verhalten oder: sich zurück nehmen, Andere stärken (14,7-11.12-14), großes Abendmahl oder: Bereitschaft für den Ruf Gottes, einladende Gemeinde/Kirche (14,15-24); nachher: drei Gleichnisse vom Umgang mit Verlorenem oder: nichts und Niemanden aufgeben (15,1-32).


Die exegetischen Beobachtungen legen es nahe, sich in der Predigt auf eines der fünf Worte Jesu zu konzentrieren. Beim ersten Wort sind vielleicht Missverständnisse gegenüber einem lieblosen Aufgeben familiärer und freundschaftlicher Bindungen anzusprechen, auch gegenüber einer vermeintlich »frommen« Selbst- und Weltverachtung. Jesus zwingt nicht, mit ihm zu gehen, und er bindet die Menschen nicht an sich. Das zweite Wort kann anregen, anhand von Beispielen / Personen zu veranschaulichen, was es bedeutet, »sein Kreuz zu tragen« und »mit« zu tragen (Gal. 6,2!). Mit dem dritten und vierten Wort kann das Thema Selbstprüfung / eigene Möglichkeiten bedacht werden, indem seelsorglich entlastend die Gefahr der Selbstüberforderung bzw. Selbstüberschätzung angesprochen wird. Anhand des fünften Wortes kann – ermutigt durch den Zuspruch Jesu (Mt. 5,13) – eingeladen werden, als Christinnen und Christen »Farbe zu bekennen« in Glauben und Leben. Wir werden heute weniger von Jüngerschaft sprechen als z.B. von »Christsein«, »sich an Jesus von Nazareth orientieren«, »Kirche / Gemeinde sein«. In diesem Sinn sei auf die Grundbedeutung des griechischen Wortes hingewiesen, das meist mit »Jünger« übersetzt wird: ein von Jesus »Lernender«, eine »Lernende«.




Lieder


EG 409 »Gott liebt diese Welt«

EG 406 »Bei dir, Jesu«

EG 667 (Baden/Pfalz) »Selig seid ihr«




Literatur


Joachim Jeremias, Die Sprache des Lukasevangeliums …, Göttingen 1980, KEK Sonderband; Eduard Schweizer, NTD 3, Göttingen 31993; François Bovon, EKK III/2, Düsseldorf 1996; Hans Klein, KEK 1,3, Göttingen 2006; Karl Heinrich Rengstorf, Art. μανθάνω / μαθήτης, in: ThWNT IV, 393ff; Otto Michel, Art. μισέω, in: a.a.O., 687ff; Heinz Janssen, Gottes Wort und Menschenwort. Lesen – Hören – Weiter sagen, Saarbrücken 2012




Heinz Janssen

Deutsches Pfarrerblatt, ISSN 0939 - 9771

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