oder Wie arrogant war Dietrich Bonhoeffer?
De mortuis nihil nisi bene

Von: Ferdinand Schlingensiepen
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Über einem der mächtigen Portale der Westminster Abbey stehen seit einigen Jahren in Stein gehauen - und damit sozusagen zur Verehrung freigegeben - zehn Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Da die Abtei das Nationalheiligtum Englands ist, haben manche einen Engländer in dieser erlesenen Schar schmerzlich vermißt; aber daran, daß der Deutsche Dietrich Bonhoeffer dort hingehörte, hat es nie einen Zweifel gegeben. Nun steht er also dort oben; man erkennt ihn sofort. Daß Yad Vaschem ihn im Jahre 2001 wieder nicht haben wollte, ist eigentlich nur gut für ihn. Tote, um die es noch Diskussionen oder gar Streit gibt, bleiben lebendig. Vielen von uns ist Dietrich Bonhoeffer irgendwann nach dem zweiten Weltkrieg durch »Widerstand und Ergebung«, seine Tegeler Gefängnisbriefe, zum Lehrer geworden, und jeder postume Band der »Gesammelten Schriften« hat diesen Lehrer für uns lebendiger gemacht. Dazu kam, daß Eberhard Bethge und die anderen »Zeitzeugen«, die ihn erlebt hatten, so von ihm zu erzählen wußten, daß man meinen konnte, man sei dabei gewesen. Die Podeste über den Portalen mittelalterlicher Kathedralen und Abteikirchen waren jahrhundertelang Heiligen (oder Königen) vorbehalten. Es kann einen schon nachdenklich machen, jetzt einen Mann über dem Westportal der Londoner Abtei zu sehen, der gesagt hat, er sei bereit, selber die Bombe zu werfen, die Hitler umbringen sollte. Die Lutherpose, in der Bonhoeffer dargestellt ist mit Talar und aufgeschlagener Bibel - ist gerade nicht typisch für das, was ihn auf den immer etwas zugigen und meist wohl auch feuchtkalten Platz da oben gebracht hat; aber daß er da steht, das ist gut so. Freilich gilt selbst von den zehn Frauen und Männern, die dort oben stehen, was der alte Fontane an Georg Friedlaender geschrieben hat: »So zweifelsohne ist niemand, daß man ihm nicht seine Dämlichkeit auf irgendwas hin beweisen könnte.« Die alte römische Weisheit »de mortuis nihil nisi bene« macht zwar die meisten Kritiker bei Märtyrern sehr vorsichtig, aber mindestens ein Beispiel dafür, daß man auch Bonhoeffer demontieren kann, gibt es jetzt, und weitere werden vermutlich folgen; denn inzwischen hat die große wissenschaftliche Ausgabe der Werke Bonhoeffers die »Gesammelten Schriften« abgelöst, und für den Nachruhm jedes Schriftstellers ist das ein heikler Augenblick. Klassiker landen meist im Bücherschrank; in jedem Fall aber kommt es zu einer Neubewertung, und damit beginnt ein neues Kapitel ihrer Rezeptionsgeschichte. Nicht von ungefähr fragen jetzt gerade Pädagogen, ob und wie Bonhoeffer auch für die kommende Generation von Schülern und Studenten zum Lehrer werden könnte. So hat Renate Wind zuerst ihren Heidelberger Schülerinnen von ihm erzählt und dann ihr Buch »Dem Rad in die Speichen fallen« geschrieben, und so gibt es jetzt für Erwachsene Sabine Dramms Buch: Dietrich Bonhoeffer. Eine Einführung in sein Denken. Enno Obendieck hat es im Deutschen Pfarrerblatt (1/02) besprochen. Das braucht hier nicht wiederholt zu werden. Dagegen muß von der Besprechung die Rede sein, die Friedrich Wilhelm Graf für die »Süddeutschen Zeitung« geliefert hat. Die beiden Besprechungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Obendieck Sabine Dramms Buch mit freundlichem Interesse gelesen hat und es zur Lektüre empfiehlt, muß Graf sich von der ersten Seite an heftig geärgert und darum beschlossen haben, mit der Keule strenger Wissenschaft darüber herzufallen. Diese Keule rutscht ihm aber aus und trifft nicht die Interpretin, sondern ihren Gegenstand. Graf, der 1930/31 im Union College in New York ebenfalls Stipendiat gewesen zu sein scheint, schildert anschaulich, wie der Neuling Bonhoeffer dort eintrifft und als »promovierter Professorensohn« mit seiner Überheblichkeit und Arroganz die amerikanischen und englischen (?) Studenten sogleich gegen sich aufbringt. »Man mochte ihn nicht sehr.« Die Professoren waren zwar von der reichen theologischen Bildung des jungen Mannes angetan, aber auch sie irritierte »seine herablassende Art«. Wie hätte doch ein solcher Augenzeugenbericht den Biographen Eberhard Bethge fasziniert. Es war nämlich seiner Zeit gar nicht so leicht, Quellen für die frühen dreißiger Jahre zu finden. Nur leider: der Augenzeuge Graf lebte 1930/31 noch gar nicht; seine Darstellung beruht auf reiner Phantasie. Nun ist es keine Frage: Ohne historiographische Phantasie gäbe es keine gute Geschichtsschreibung; aber ohne ein sorgfältiges Studium aller erreichbaren Quellen doch wohl erst recht nicht. Wo, bitte, gibt es Quellen, auf die hin man, um mit Fontane zu reden, Bonhoeffer der »Dämlichkeit« arroganten Auftretens zeihen könnte? Bei Graf regrediert der Professorensohn drei Absätze weiter sogar zum »Professorenkind« (und damit offensichtlich zu etwas ganz Fürchterlichem). Graf wirft Sabine Dramm Fehler vor und leistet sich selber nicht ganz unerhebliche Fehlinterpretationen. Er hätte zum Beispiel nur Bethges Biographie aufzuschlagen brauchen, dann hätte er gesehen, daß Bonhoeffer, als er nach New York kam, nicht nur promoviert war, sondern bereits sein Vikariat absolviert und sich habilitiert hatte. Es trägt zur Wahrheitsfindung wirklich nichts bei, sondern bringt vielmehr einen total falschen Zug ins Bild, wenn man einen ausgewachsenen Privatdozenten, dessen Vater in einem gänzlich anderen Fach Professor ist, ein »Professorenkind« nennt. Wäre das alles, man könnte darüber hingehen; aber weil Graf, um Frau Dramms Buch zu treffen, entgegen dem Rat der alten Römer »de mortuis nihil nisi bene« zu der Sottise greift, Bonhoeffer sei arrogant gewesen, und ihm das so wichtig ist, daß er es, ohne daß es dadurch zutreffender würde, dreimal wiederholt, müssen wir uns diese Behauptung denn doch etwas näher ansehen. Bei ihrer zweiten Erwähnung verbindet sich »die Arroganz« mit einer »tiefen Christusfrömmigkeit«. Graf scheint die theologische Komik gerade dieser »Verbindung« nicht einmal aufgefallen zu sein. Er beschreibt hier bereits die Kirchenkampfzeit, und das heißt, daß Bonhoeffer, wenn man Graf folgt, lebenslang unter »Professorenkindarroganz« gelitten hat. Alles, was Graf in seiner Rezension sonst noch sagt, wird durch diese Seltsamkeit entwertet. Fontane hätte in diesem Zusammenhang nicht von einer Seltsamkeit, sondern von Blödsinn gesprochen, denn die von ihm kritisierten Journalisten konnten immerhin beweisen, daß es bei ihren Opfern irgendeine »Dämlichkeit« gab. (Graf aber ist nicht einmal aufgefallen, daß die Arroganz eines sehr jungen Privatdozenten, wenn es sie denn gegeben hätte, auf keinen Fall mehr gewesen wäre als eben das: eine »Dämlichkeit«. Er macht daraus einen entscheidenden Wesenszug Bonhoeffers. Der Wortbedeutung nach ist derjenige arrogant, der sich eine Autorität oder ein Ansehen anmaßt, das er nicht selbst erworben hat.) Kann Graf nun aber den Beweis führen, daß Bonhoeffer in New York arrogant aufgetreten ist und daß man ihn nicht mochte? Er müßte dann schon andere Quellen entdeckt haben, als die bisher zugänglichen. Ich habe noch drei der Mitstudenten Bonhoeffers aus dem Union College kennengelernt. Selbst wenn man sich klarmacht, daß ihre Erinnerungen durch die Kenntnis des »späteren« Bonhoeffer gefärbt sein mußten, den »arroganten Professorensohn« hätten sie mit großem Vergnügen wiedererstehen lassen. Die Amerikaner waren schon immer Großmeister darin, hochmütige Europäer vom Sockel zu holen, und so ungefähr das Letzte, was ihnen Eindruck machen würde, wäre, daß einer ein Professorensohn ist. Wenn dann aus einem, den man auf den Boden der Tatsachen geholt hat, etwas wird, erzählt man später mit einer gewissen Begeisterung davon und sagt: »Wir haben zu denen gehört, die ihn geformt haben.« Solche Geschichten aber gibt es nicht. Erzählt haben uns die damaligen Freunde Bonhoeffers, wie Ulrich Kabitz bereits in einem Leserbrief an die »Süddeutsche« mitgeteilt hat, daß Frank Fisher Bonhoeffer in seine schwarze Gemeinde nach Harlem mitgenommen und daß der dort großen Eindruck gemacht hat. Was übrigens auf Gegenseitigkeit beruhte. Von dort stammte Bonhoeffers Begeisterung für Spirituals. Ruth Zerner hat in den 60er Jahren in Harlem recherchiert und ist auf eine Reihe von Gemeindegliedern gestoßen, die sich durchaus noch an den großen blonden Pfarrer aus Deutschland erinnern konnten. Der Franzose Jean Lassere, der gleichzeitig Stipendiat im »Union« war, hat Bonhoeffer als »zartfühlend« beschrieben, was sich mit Arroganz auch nicht recht vertragen würde; und hätte Graf nur einmal miterlebt, wie Paul Lehmann von dem Bonhoeffer der frühen 30er Jahre erzählte, er hätte die Professorenkindarroganz, als eine bis dato unbekannte Charakterdeformation, gar nicht erst erfunden. »Der schnelle, polyglotte Intellektuelle verbarg hinter äußerer Arroganz viel Unsicherheit«, heißt es gegen Ende der Graf'-schen Rezension, ehe Sabine Dramm vorgeworfen wird, sie hätte Bonhoeffer zu einer »Gutmenschenikone für den Herrgottswinkel der moralischen Rechthaberei trivialisiert«. Wenn Graf dann anfügt, dagegen könne nur eins helfen: Bonhoeffer selbst lesen, dann gibt er damit das Mittel an, mit dem sich vielleicht auch sein verkorkstes Bonhoefferbild etwas aufhellen ließe. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Graf stellt in seiner verfehlten Rezension durchaus auch Fragen, über die man diskutieren könnte und sollte. Daß er aber Bonhoeffer, den er längst nicht genug zu kennen scheint, auf die »Dämlichkeit« der Arroganz hin stilisiert, macht seine Rezension für jeden, der das sorgfältig recherchierte Kapitel »Amerika« in Bethges Biographie kennt, zu einer ärgerlichen Groteske. »Kapitel« II Ich habe seit dem 25.10.2001 gute Gründe, den zweiten Abschnitt dieser Philippika von ihrem ersten Teil deutlich abzugrenzen, denn es geht im folgenden um etwas total anderes. Ich möchte jetzt nämlich erzählen, daß ich einen Augenzeugen dafür hatte, daß Bonhoeffer in den frühen 30er Jahren tatsächlich als arrogant, ja sogar als »unerträglich arrogant« empfunden werden konnte. Doch ergab sich von einem Tag auf den anderen die Notwendigkeit, diese Passagen völlig umzuschreiben. Ich zitiere noch einmal aus den Friedlaenderbriefen Fontanes: »In den Geschmack und die Vortrefflichkeitsschablone, die der eine so, der andere so mitbringt, immer hineinzupassen, ist nicht nöthig.« Die meisten Menschen, die als arrogant gelten, werden lediglich von anderen so empfunden. Diese anderen muß man beurteilen können, sonst besagt der Ausdruck schlicht gar nichts. Mitte der 60er Jahre habe ich mir als Mitarbeiter des Berliner Konsistoriums die Personalakte Dietrich Bonhoeffers geben lassen, um - mit Genehmigung des Behördenchefs - für Eberhard Bethge die Examensarbeiten Bonhoeffers und einiges andere zu fotokopieren. Ein freundlicher Emeritus, der im Kreise Nauen Pfarrer gewesen und nach seiner Pensionierung nach Westberlin gezogen war, gab mir die Akte und sagte: »Den habe ich 1931 bei einer Diskussion erlebt. Als er redete, habe ich meinen Nachbarn gefragt, wer ist denn dieser arrogante Kerl? Der sagte mir: Er heißt Bonhoeffer. Also, wissen Sie, der Mann war wirklich unerträglich arrogant.« Ich hatte mich mit dem alten Herrn schon öfter unterhalten. Er hatte einen Beschäftigungsauftrag als Archivar, und man konnte einiges von ihm lernen. Was er über Bonhoeffer sagte, schien mir damals unnötig aggressiv. So war er sonst nicht. Als er bei einem unserer späteren Gespräche sagte, mit der Bekennenden Kirche habe er »es nie gehabt«, sagte ich mir, dann werde er wohl schon 1931 auf einem anderen Dampfer gewesen sein. 1973 starb er und bekam er einen ehrenvollen Nachruf. De mortuis nihil nisi bene? Das Adverb bene hat man in der Bundesrepublik nach 1945 ziemlich rasch so interpretiert, als stünde da das Adjektiv bonum. Schon bei Lebenden wurde - wie der Fall Heckel zeigt - ein schützender Mantel über die Vergangenheit gebreitet, soweit es da ein malum gab, und nach dem Tode sollte die Diskussion jedweden »malums« erst recht ausgeschlossen sein. Ein russisches Sprichwort, das auch Stalin gern zitiert haben soll, lautet bei Fällen, in denen ein malum nicht zu übersehen ist: »Das ist vergangen, und die Vergangenheit gehört Gott.« Nun ist ja der Nachsatz sicher richtig, aber wann ist etwas »vergangen«? Karl Themel, der wie viele seinesgleichen nach 1945 ein friedliches Leben im Raum der Kirche geführt hat, ist wohl, bis es Zeit war für den ehrenvollen Nachruf, von der eigenen Gedächtnisschwäche, von der Indolenz seiner Umgebung oder von falschen Freunden geschützt worden. Kaum jemand hat solche Männer mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, und sie selbst haben sich sehr rasch angewöhnt, den wenigen, die sie danach fragten, zu sagen: »Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich würde alles noch einmal ganz genauso machen.« Ich selbst habe diesen Satz erschreckend oft gehört. Was aber hätte ich erfahren, wenn ich mir statt Bonhoeffers Personalakte die des freundlichen Emeritus hätte geben lassen, dem zu Bonhoeffer wegen eines Diskussionsbeitrages aus dem Jahre 1931 auch nach mehr als dreißig Jahren nur das eine einfiel, daß er »unerträglich arrogant« gewesen sei? Man konnte, was ich da zu lesen bekommen hätte und noch einiges mehr der »Zeit« vom 25. Okt. 2001 entnehmen. 1931, als er jener Diskussion beiwohnte, war der 1890 geborene Karl Themel bereits seit einiger Zeit Mitglied der NSDAP. 1932 gehörte er zu den Gründern der »Glaubensbewegung Deutsche Christen«. 1933 wurde er als Gefolgsmann Ludwig Müllers Präsident des Geschäftsausschusses der Inneren Mission und »Reichsführer« des Männerwerkes. Als aber der »Reichsbischof' 1934 an den »intakten« Landeskirchen scheiterte, verlor Themel diese Führungsämter wieder. Er blieb ein wilder deutscher Christ, und man nahm ihm 1948 deshalb und auch wegen seiner Betätigung als SA-Mann, seine Pfarrstelle. Im Berufungsverfahren wurde die Strafe dann gemildert. Es kam 1949 nur noch zur Versetzung in ein Pfarramt außerhalb Berlins. Der Historiker Manfred Gailus, der den Fall jetzt recherchiert hat, wundert sich darüber, daß damals nicht sehr viel mehr zur Sprache gekommen, das heißt, daß die Spruchkammer nicht gründlicher vorgegangen ist. Dabei scheint er mir freilich die damals noch chaotischen Zustände in Berlin außer acht zu lassen. Wenn Themel später gesagt hat, er habe nach 1945 schwere Kämpfe wegen der Verfolgung durch die »Bekennende Kirche« zu bestehen gehabt, dann meinte er damit wohl die Zeit seiner Verfahren, in der die Kirche von Berlin-Brandenburg, angefangen beim Konsistorium, zuerst einmal von Mitarbeitern befreit werden mußte, die nicht mehr tragbar waren. Ersetzt wurden sie durch Kräfte, die sich völlig neu einarbeiten mußten. Daß bei Spruchkammerverfahren die richtigen Zeugen nicht gefunden und gravierende Fakten übersehen worden sind, falls sie überhaupt hätten erkundet werden können, erscheint heute befremdlich, war damals aber an der Tagesordnung. Themel - und das ist in seinem Verfahren nicht zur Sprache gekommen - hatte sich gleich nach dem Verlust seiner Leitungsämter 1934 der »Reichsstelle für Sippenforschung« (RfS) als Helfer angedient und eine Zentralstelle für Kirchenbücher eingerichtet, in der er, wie er das RfS wissen ließ »nur politisch einwandfreie Leute« einstellte. 1936 wollte der Berliner Polizeipräsident »zwecks Zusammenstellung einer Judenkartei« Themels inzwischen vollständige Unterlagen über die Judenchristen Berlins haben. Die Erlaubnis, dieses Material zu übersenden, hat Themel sich nicht vom Konsistorium, dem er unterstellt war, sondern von SS-Obersturmführer Kurt Mayer, dem Leiter der Reichsstelle für Sippenforschung, geben lassen. Gegen die Erkenntnis, daß er dadurch eine Mitschuld für die Verschleppung und den Tod vieler Menschen auf sich geladen hatte, dürfte Themel sich nach 1945 mit Erfolg gesperrt haben. Die Unterlagen lassen aber keinerlei Zweifel daran, daß er seine Sippenforschung freiwillig und aus NS Gesinnung heraus betrieben hat. Er hat die Berliner Judentaufen seit dem Jahre 1800 lückenlos registriert, um eine Kartei mit allen »Personen gemischten Blutes« anlegen zu können. De mortuis nihil nisi bene? Wie soll man »gut« über dergleichen reden, wenn von Themel auch nicht ein Wort des Entsetzens oder der Klage überliefert ist, sondern nur die Behauptung, ihm sei nach 1945 schweres Unrecht geschehen? Geredet werden aber muß darüber. Daß es in einer Zeit, in der die meisten Deutschen manches - und viele so gut wie alles - falsch gemacht haben, Menschen gegeben hat, die - menschlich gesprochen - alles richtig gemacht haben, führt in der Tat dazu, daß man versucht ist, diese wenigen Menschen auf einen Sockel zu heben, denn das entlastet. Wir haben immer noch allen Grund, gegenüber jeder Form von Heiligsprechung Deutscher vorsichtig zu sein. Etwas anderes ist es, wenn Dietrich Bonhoeffer, als einer von denen, die recht getan haben, heute in Stein gehauen mit Talar und Bibel neben neun anderen Märtyrern des 20. Jahrhunderts über dem Westportal der Westminster Abbey »thront«. Falsch wäre das nur, wenn wir ihn dort hingestellt hätten. Wer als Theologe vor vielen Jahren durch Bonhoeffers Schriften auf den Weg gebracht worden ist, wird, wenn er jetzt von ihm erzählt, freilich nicht versucht sein, an ihm herumzumäkeln. Im Gegenteil, er wird wie Sabine Dramm, andere mit der eigenen Begeisterung für Bonhoeffer anzustecken versuchen. Diejenigen, die wie Themel einen dem Wege Bonhoeffers entgegengesetzten Weg gegangen sind, mußten wohl etwas finden, mit dem sie sich sein Tatzeugnis vom Leibe halten konnten. Wenn also ein Themel Bonhoeffer arrogant nennt, kann man nur sagen: »bei den Verkehrten bist du verkehrt« und zur Tagesordnung übergehen. Schlußbemerkungen Ich möchte meinem letzten Absatz eine persönliche Erinnerung vorausschicken. Bei einigen von uns ist der II. Internationale Bonhoeffer Kongreß 1976 in Genf unvergessen und wird es immer bleiben. Neben vielen anderen Verwandten und Freunden Dietrich Bonhoeffers war auch Maria von Wedemeier gekommen. An einem der ersten Abende sagte sie im kleinen Kreise, sie habe seit vielen Jahren Eberhard Bethge fragen wollen, was wohl nach seiner Meinung aus ihrer Ehe mit Dietrich Bonhoeffer geworden wäre, wenn der den Krieg überlebt hätte. Sie habe sich aber nie getraut, ihn das zu fragen, weil sie sich vor seiner Antwort regelrecht gefürchtet habe. Heute nun habe sie sich endlich ein Herz gefaßt und ihm die Frage gestellt. Eberhard Bethge habe ein wenig gezögert und dann geantwortet: »Nun, etwas schwierig war er ja.« Lachend sagte sie, für diesen einen Satz habe sich ihre Reise nach Genf mehr als gelohnt und erzählte uns von ihrem Leben in den USA. Solche Erlebnisse kann es für die, die nach 1945 geboren und vor allem für die, die nicht als »Bonhoefferschüler« zur Theologie gekommen sind, nicht mehr geben. Der »personal touch«, der uns so wichtig war, entfällt und damit zum Beispiel auch der Blick dafür, daß die, die Bonhoeffer gekannt und geliebt hatten, nie auf die Idee gekommen wären, ihn uns gegenüber »zum Heiligen zu stilisieren«. Wer ihn als »etwas schwierig« erlebt hatte, dem brauchte man nicht klarzumachen, daß er »auch nur ein Mensch war«. Es gehört aber ein Meister wie Bethge dazu, die Bonhoeffer'schen »Schwierigkeiten« glaubwürdig zu beschreiben. (Grafs Text dagegen führt sehr schön vor, wie rasch aus dem »etwas schwierigen« Bonhoeffer eine reine Karikatur wird, wenn man den Anschein, man halte ihn für einen Heiligen, um jeden Preis vermeiden möchte.) Es beginnt jetzt wirklich, wie ich oben gesagt habe, ein neues Kapitel der Rezeptionsgeschichte. Die Fertigstellung der großen wissenschaftlichen Ausgabe ist nur das sichtbare Zeichen dafür. Mit ihr ist das eine Hauptziel, das sich die Bonhoeffer Gesellschaft gesetzt hatte, erreicht. Das zweite Ziel, die Förderung der Forschung bleibt ihr weiter aufgegeben. Es geht dabei nicht darum, unser Bonhoefferbild, so es das denn gibt, zu perpetuieren, wohl aber auf einer genauen Interpretation der Quellen zu bestehen. Es wird darauf ankommen, daß wir unsere Erkenntnisse und Erfahrungen mit dem »toten und doch so lebendigen Lehrer« so weitergeben, daß die heutige Theologengeneration sie als diskussionswürdig annimmt, statt sich einen Bonhoeffer zurecht zu machen, den es nie gegeben hat.

Über den Autor

Dr. F. Sch., geb. 1929 in Bonn. Studium der Theologie in Wuppertal, Heidelberg und Edinburgh. Pfarrer einer deutschen Auslandsgemeinde in England (1954-59). Oberkonsistorialrat und Ökumenischer Referent der EKU (1859-69). Danach bis zum Ruhestand Vorsteher des Diakoniewerkes Kaiserswerth.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2002

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