24. Dezember 2001, 1. Timotheus 3, 16
Christvesper

Von: Kurt Rainer Klein
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Zur Situation Am Heiligen Abend gilt zu bedenken: 1. Die Stimmung dieses Abends ist einzigartig und unwiederholbar. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, die jeder - der Einzelne, die Gemeinde, die/der Pfarrer/in - hat. Eine solche Sensibilität macht besonders empfänglich für die gute Botschaft, aber auch empfindlich für Verletzungen. 2. Die überwiegende Zahl der Menschen, die den Gottesdienst an diesem Abend besuchen, kommen sonst eher selten oder nie. Das bedingt zwangsläufig eine Gottesdienst-, insbesondere Liturgie-Fremdheit. 3. Eins und zwei fordern vom Prediger/liturgen eine hohe Konzentration und bergen die Gefahr, theologischer Verkrampfung zu erliegen. Im Bild gesprochen: Mit dem Herzen im Himmel und mit den Füßen auf der Erde wird die Gratwanderung an diesem Abend gelingen. Zum Text 1. Tim. 3, 16 ist ein hymnisches Traditionsstück (vgl. Phil. 2, 5-11), das in 16b mit einem Relativpronomen beginnt, welches Jesus Christus als logisches Subjekt voraussetzt. In drei doppelgliedrigen Strophen, die einander chiastisch (ABBAAB) zugeordnet sind, werden die Aussagen des Liedfragments jeweils auf die Seinssphären Himmel (das Unsichtbare) und Erde (das Sichtbare) bezogen. Die Verben der jeweiligen Seinssphäre legen eine gegenläufige Bewegung nahe: »offenbaren - verkündigen - glauben« zeigen eine Bewegung von oben nach unten, »rechtfertigen - erscheinen - erhohen« eine Bewegung von unten nach oben. Beide Seinssphären (Erde: Fleisch - Völker - Welt / Himmel: Geist - Engel - Herrlichkeit) sind auf diese Weise untrennbar miteinander verwoben. Inhaltlich handelt das Lied vom Geschick Jesu Christi: Er ist als ein Mensch in Fleisch und Blut auf dieser Erde gewandelt und somit keine Idee oder Mythos. Durch seine Auferstehung ist der Gekreuzigte und von Gott Verlassene »gerechtfertigt im Geist«, d.h. als Herr der Welt anerkannt und bestätigt, er hat von Gott recht bekommen. Im zweiten Doppelglied geschieht die Proklamation des Pantokrators im belebten Himmel und auf der bewohnten Erde, worauf die Akklamation in der dritten Strophe erfolgt, die auf der Erde durch die Annahme im Glauben geschieht. Das Geheimnis Jesu Christi, so groß es auch ist, erschließt sich somit im Glauben. Die Offenbarung im Fleisch führt uns zur Krippe nach Bethlehem (vgl. Joh. 1, 14). Gott begibt sich in einer konkreten Person auf unsere Ebene und kommt zur Welt wie alle Menschen. Er wird sichtbar und erfahrbar in unseren menschlichen Kategorien. Assoziationen zur lukanischen Weihnachtsgeschichte ergeben sich u.a. darin: »Erschienen den Engeln« erinnert an die »himmlischen Heerscharen« von Lk. 2, 13. »Gepredigt den Völkern« lässt an »die große Freude, die allem Volk widerfahren wird« in Lk 2, 10 denken. Und »Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens« (Luk 2, 14) ließe sich bei dem einschränkenden »geglaubt in der Welt« assoziieren. Zur Predigt Der Heilig Abend-Gottesdienst eignet sich nicht für eine theologisch in die Tiefe gehende Predigt. Das mag nicht davon abhalten, den in die Tiefe unserer menschlichen Seinsweise gekommenen Christus zu verkünden. Zu bedenken sei Kurt Martis drastisches Gedicht »weihnacht«: damals / als gott / im schrei der geburt / die gottesbilder zerschlug / und / zwischen marias schenkeln / runzelig rot / das kind lag. Darin offenbart sich eine Anschaulichkeit, die uns die Menschlichkeit Gottes unübersehbar nahe bringt. Die Graffiti-Aufforderung: »Mach's wie Gott, werde Mensch!« bringt Weihnacht und unseren Alltag zusammen. Im familiären Miteinander, im interkulturellen Umgang am Arbeitsplatz, im religiösen Tun und Trachten erfahren wir die unübersehbare Diskrepanz zur Weihnachtsidylle. Wie sehr wünschen wir uns mehr Harmonie, mehr Toleranz, mehr Verständnis, mehr Frieden. Und wie schmerzlich empfinden wir unsere eigene Ohnmacht, das Gute zu wollen und zu tun. Wie tröstlich ist es da zu hören, was EG 36,2 besingt: »Gott wird Mensch dir, Mensch, zugute.« Den Predigttext in verschiedenen Sprachen zu hören, kann ungeahnte Assoziationen ermöglichen. Wer die Möglichkeit hat, nutze sie. Hier sei noch eine Übersetzung von Jörg Zink - die menschliche Ebene betonend - genannt: »Ja, unbestreitbar groß ist das Geheimnis, vor dem wir uns im Glauben beugen: Er war uns nahe, ein Mensch wie wir, mit Gott verbunden im Geist. Ihn schauten himmlische Mächte, ihn hörten die Völker. Menschen glaubten an ihn, und Gott gab ihm göttliche Ehre.« »Ein Mensch wie wir, der uns nahe ist«, kann uns auch ihm, Christus, an Heilig Abend näher bringen. Zur Liturgie Wer Phantasie besitzt und Zeit aufbringt, kann einen Dialog (evtl. thematisch gegliedert und unterbrochen von Gemeindeliedern) gestalten, der Aktuelles aus Gemeinde oder Gesellschaft aufnimmt und mit der Weihnachtsbotschaft konfrontiert und kontrastiert. Als Gemeindelieder schlage ich vor: EG 23 / 27 / 36 / 40. Im gemeinsamen Singen finden Himmel und Erde zusammen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2001

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