Oder: Welchen Preis hat der Ausstieg aus einem Mobbing-System?
Dreh dich nicht um Frau Lot …

Von: Elvira Neupert-Eyrich
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(23) Und die Sonne war aufgegangen auf Erden, als Lot nach Zoar kam. (24) Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorrha (25) Und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war. (26) Und Lots Weib sah hinter sich und ward zur Salzsäule 1. Mose 19 Zusammenfassung Mobbing erscheint mir, - so schlimm wie die einzelnen Erfahrungen damit auch sind -, zur Zeit als Modethema. Die Medien beschreiben seine Auswirkungen in vielen Details, und jeder kann sehen, hören und lesen, wie schrecklich es für die Betroffenen ist. Die Frage aber, wie ein solches System verlassen werden kann, welcher Preis für den Ausstieg bezahlt werden muß, und was das Opfer aufgibt, wenn es seine Rolle in diesem Spiel nicht mehr mitspielt, wird in den öffentlichen Medien kaum gestellt. Zum Glück gibt es einige leisere Publikationen, in denen Möglichkeiten des Ausstiegs erörtert werden, unterstützt von sozialtherapeutischen, soziologischen und psychologischen Überlegungen, die diese Möglichkeiten deutlich machen. Die Dynamik des Mobbing-Systems zu spüren, zu reflektieren und den Gedanken aufzugeben, es ändern zu wollen, ist kurz gefaßt eine der Möglichkeiten auszusteigen und sich »zu retten«. Das klingt sehr einfach, ist aber äußerst schwierig. Denn jeder Mensch hat Vorstellungen und Bilder davon im Kopf, wie das eigene Leben und das gesellschaftliche Umfeld beschaffen sein sollte, damit die Lebensbewältigung im positiven Sinne gelingt. Um aus einem Mobbing-System herauszukommen, müssen viele dieser inneren Bilder aufgegeben werden. Das ist ein Preis, der von dem Einzelnen oft als sehr hoch empfunden wird. Ich habe mich entschieden, meine Erfahrungen mit diesem Thema und meine Überlegungen dazu in Form eines Essays darzulegen. Dabei geht es mir insbesondere um den hohen Preis des Ausstiegs, der selbst oft den Bruch mit dem menschenfeindlichen System verhindert und das Mobbing-Opfer weiter mit an der Schraube von Druck und Gegenwehr drehen läßt. Was hat die Geschichte von Frau Lot mit Mobbing zu tun? Die Familie Lots lebte in Sodom als Außenseiter. Sie versuchte das gottlose Verhalten der anderen Stadtbewohner nicht mitzumachen und in vielen Dingen so etwas wie ein Vorbild zu sein. Vielleicht mit der Idee damit etwas verändern zu können? Dies könnte eine Interpretation ihrer Handlungsweise sein. Sie wurden vermutlich deswegen verspottet und angefeindet. Manchmal konnte sich die Familie kaum ihrer Haut erwehren und war damit auch in ihrer Existenz und Unversehrtheit bedroht. Dies zeigt deutlich die Geschichte der Engel im Hause Lots, die bei ihm das Gastrecht genossen und von den anderen Bewohnern Sodoms bedroht wurden. Lot stellte sich schützend vor die Engel und riskierte damit die Bedrohung der eigenen Existenz, die, wie in den Berichten vorher zu lesen war, latent die ganze Zeit schon unterschwellig vorhanden war. Meine Erfahrungen mit einem Mobbing-System fühlen sich für mich ähnlich an und zeigen sich auch in den Auswirkungen ähnlich. Statt Gespräche und konstruktive, sachliche Auseinandersetzungen in gegenseitiger Akzeptanz zu führen, werden Schuldvorwürfe verteilt und unklare Forderungen aufgestellt. Dazu werden Argumentationen auf der Machtebene geführt, die inhaltlich eher nicht zu verstehen sind. Danach beginnt die gezielte Suche nach »Verfehlungen« von einzelnen, die dem Betroffenen nicht mehr direkt benannt, sondern in angelegten Dossiers festgehalten werden, um bei passender Gelegenheit als Waffe hervorgeholt zu werden. Das Verrückte an diesem System ist, daß sich darin jeder bedroht fühlt, und es ist irgendwann nicht mehr nachzuvollziehen, wie alles angefangen hat. Ich denke, daß der Ablauf der Geschichte von Lot in Sodom ähnlich ist. Die Bewohner Sodoms haben nicht verstanden, was die Fremden in ihrer Stadt wollten. Möglicherweise hatten sie sogar Angst vor ihnen und verschlossen sich deswegen einem Gespräch zwischen ihnen und Lot und den Männern (Engeln.) Sie hatten negative Vorstellungen von den Fremden im Kopf und fühlten sich schon durch ihre bloße Anwesenheit bedroht. Vergleichbare Vorgänge schildert Hannah Kazda in ihrem Artikel über Mobbing 1995, wenn sie darstellt, wie sich die Paranoia im Kopf des Mobbers entwickelt. So entsteht in den Köpfen und im Zusammensein der beteiligten Personen eines Systems (Arbeitsplatz, Kirche, Familie etc.) eine innere und äußere Dynamik, die dem in der Bibel geschilderten »Sumpf von Sodom und Gomorrha« sehr ähnlich ist. Um zu überleben oder die Angst zu minimieren, orientieren sich viele Menschen in einem solchen System folgerichtig dann an Personen, die Macht haben oder denen Macht unterstellt wird. Sie kämpfen so lange mit den »Mächtigen« gegen die »anderen« bis sie dann selbst an der Reihe sind. Hier wird auch die Nähe zu totalitären Systemen deutlich. Es zählt nur noch die Ausübung und Erhaltung von Macht. Inhaltliche Fragen werden nicht mehr gestellt oder dem Ziel der Machtausübung und des Machtmißbrauchs untergeordnet. Auch ist hier, wie in totalitären Systemen, nicht zu klären, wer die Verantwortung trägt, sondern es gibt ganz Beteiligte, halb Beteiligte, Mitläufer, mehr oder weniger Geschädigte, und das in wechselnden Rollen. Norbert Copray beschreibt in seinem Artikel »Power-Play auf Kirchenart« sehr deutlich, daß diese Rollen innerhalb einer Dynamik von Verfolger, Opfer und Retter, wechselnd sein können und auch wechselnd erlebt werden. So funktioniert das System, und es sind die einzelnen Menschen mit ihren Ängsten und angstgesteuerten Handlungen, die dieses System erhalten und möglicherweise damit noch verstärken. Über die Rolle und Beteiligung der Personen im Mobbing-System an seiner Dynamik Wird eine Person innerhalb des Systems zum dauernden oder überwiegenden Opfer, bleibt nur noch der Bruch. Bruch bedeutet das Verlassen dieses Systems. Im schlimmsten Fall geschieht dies in Form eines Suizides. Weniger spektakulär, aber ebenso Existenz bedrohend, ist der Schritt der Kündigung und die damit oft verbundene Arbeitslosigkeit oder die Flucht in die Krankheit. Auch diese »milderen« Formen gehen an die Wurzeln der eigenen Existenz, weil sie in aller Regel mit einer Zerstörung der Persönlichkeit einhergehen. Die Persönlichkeit des Täters wird dabei aber ebenso deformiert und zerstört, wie die Persönlichkeit des Opfers, denn seine Gedanken fokussieren sich auf Zerstörung und Vernichtung, und der Mobber schreckt im Fortschreiten des Mobbinghandelns vor pervertierten Handlungen nicht zurück. Außer Täter und Opfer gibt es in diesem Machtspiel noch den »Retter«. Alle drei zu sammen verkörpern jeweils unterschiedliche Facetten des Mobbingsystems und sind von einander in ihrem Rollenspiel abhängig. Nach kurzer Zeit beginnt auch der Retter in den gleichen Kategorien zu denken und zu handeln, wie Opfer oder Täter. Außerdem können alle drei Handlungsformen wechselnd von den unterschiedlichen Personen ausgeführt werden, und sie werden ganz sicher von den einzelnen auch unterschiedlich erlebt. Wichtig hierbei ist, daß dabei ein System entsteht, das in sich zerstörerisch ist. Es kann nur verändert werden, wenn das System in seiner destruktiven Kraft als Ganzes erkannt wird und indem die Rollenfixierungen auf die Rolle des Täters, Opfers oder Retters überwunden werden. Welche Möglichkeiten gibt es nun der Zerstörung als Opfer zu entgehen? Eine Möglichkeit ist, sich bereits zum Ausstieg zu entscheiden, wenn man merkt, daß das Arbeitsumfeld die Rollen von Opfer, Täter und Retter immer wieder reproduziert. Das Verrückte an diesem System ist, daß sich in aller Regel bei fortschreitender Dynamik, jeder als Opfer fühlt, aber als Täter handelt, und manchmal noch glaubt andere retten zu müssen. Die absolute Perfektion als Normalität - ein zerstörerisches Potential Wir finden in einem Mobbing System, ähnlich, wie in rigiden, hoch moralischen Familiensystemen - wie es z.B. auch durch Familien, die mit Suchtproblemen kämpfen, repräsentiert wird -, immer wieder den Wunsch besonders gut zu sein und besonderes Ansehen zu genießen. »Ich möchte keinen Makel an mir und meiner Familie bzw. Arbeitssystem haben«. Es gibt strenge Regeln für das äußere Erscheinungsbild, hohe Anforderungen an die Leistungsbereitschaft und besonders an deren Darstellung nach Außen. Es ist wichtig, daß die Außenwelt besonders gut bis hin zu schwärmerischen oder ständigen Lobeshymnen über das Arbeitssystem und/oder die einzelnen Personen denkt. Hier ist Kirche und sind kirchliche Arbeitssysteme besonders anfällig. Kirche hat eine wichtige Moral zu vertreten und wird gemessen, an dem wie sie sich zeigt. Zumindest glauben das, in unterschiedlicher Intensität, die Protagonisten der Kirche. Dabei hat jeder Mensch im Raum der Kirche seine eigene Geschichte, seine eigene Vorstellung, seine eigene Moral. - Dadurch wird der Umgang in dem kirchlichen Arbeitssystem so kompliziert. Es wäre wichtig, wenn diese Unterschiede der Wahrnehmungen und Anschauungen ausgetauscht und verhandelt werden könnten, in einer Grundhaltung von Respekt und Achtung vor den jeweiligen Unterschieden. Werfen wir noch einmal einen vergleichenden Blick auf das hoch moralische Familiensystem. Einige der Doktrine lauten: »Das tut man und jenes tut man nicht«, »Wie sieht das aus, wie wirkt das auf die anderen?« und »Was denken die Leute über uns?« Das Fatale dabei ist, daß von solchen Familien und deren Mitgliedern nicht mehr nachgefragt und überprüft wird, wie die anderen wirklich denken, sondern es wirkt das Bild, das man von den anderen hat. Das heißt, wenn die anderen in einer bestimmten Art und Weise als bewertend und streng erlebt werden, weil die eigene Vorstellungswelt der Personen und der Familie hoch moralisch und streng ist, wird sich das in den Köpfen dieser Familie perpetuieren. Gleichzeitig geht der Kontakt innerhalb der Familie verloren, Gespräche können nicht mehr stattfinden, weil das, was nach außen phantasiert wird, auch innerhalb der Familie nicht mehr verhandelt und in Frage gestellt werden kann. Es kommt dann häufig zu Schuldverschiebungen und zu Anklagen untereinander. Wenn Familien in diesem Stadium Hilfe suchen, ist es oft ein langer, mühsamer Weg, bis der Kontakt untereinander wieder hergestellt werden kann. Das Ziel einer solchen Therapie ist es, die nach außen projizierten Bilder zu hinterfragen und zu verändern, bis sich dann alle untereinander wieder wertschätzend begegnen können. Dieser Vergleich ist schlüssig, weil ein Mobbing-System ähnlich entsteht, wie ein rigides, intern zerstörerisches und hoch moralisches Familiensystem. Es beginnt schleichend, die Fragen nach »richtig« und »falsch« werden langsam und stetig immer wichtiger statt differenzierte Inhalte wahrzunehmen und zu verhandeln. Persönliche Reflexionen lassen nach, die Angst vor Gesichtsverlust wird immer größer. Es darf von außen keiner merken, daß es Schwierigkeiten gibt. Die Kontaktmöglichkeiten der einzelnen Personen innerhalb dieses Systems nehmen ab oder es entstehen, wie in vergleichbaren Familien, Koalitionen, d.h. Subsysteme, die sich zum gegenseitigen Schutz verbünden und dadurch bedrohlich auf die nicht beteiligten Subsysteme wirken. Das wiederum ruft neue Koalitionen hervor, die sich dann an einer bestimmten Stelle dieser Dynamik verfestigen. Deutlich wird, es gibt keine zufriedenen oder gar glücklichen Menschen in einem solchen Mobbing-System. Über die Verabschiedung der Vorstellung von einer einzig richtigen Lösung Soweit der Versuch einer Erklärung. Ich könnte mir vorstellen, daß es in Sodom und Gomorrha eine parallele Struktur herrschte. Dabei bezweifele ich, ob die Menschen in Sodom, die die Familie Lot gequält haben, mit ihrem Tun glücklich waren. Ich bin sogar der Überzeugung, daß sie sich bedroht fühlten durch die Sicherheit, die Lot in seinem Handeln den Fremden gegenüber zeigte. Die Angstdynamik und das dazugehörige Handeln habe ich ja zu Anfang schon einmal geschildert. Der abwertende Umgang miteinander hat sich auch dort bis zur Zerstörung hochgeschaukelt. In der Bibel wird berichtet, daß »Gott hineingefahren ist«, weil nichts mehr an Werten gültig war. Dies wird so schon einige Kapitel vorher so geschildert. Aber in einem System, einer Familie, einer Stadt, in der keine oder kaum noch Werte Gültigkeit haben oder jeder nur von sich selbst glaubt, die richtigen Werte zu vertreten und sein Gegenüber nicht wahrnimmt, braucht Gott nicht mehr »hineinzufahren«. Dieses System ist so selbstzerstörerisch, daß es sich selbst vernichtet. Die Familie Lot hat die Entscheidung getroffen zu gehen, sie entzieht sich damit dem zerstörerischen System und steigt aus der Opferrolle aus. Ich denke mir, daß bei soviel Zerstörung der Schmutz immer noch an den Mänteln und Kleidern hängen bleibt. Wenn ich nun anhalte und glaube zunächst »meinen Mantel säubern zu müssen«, werde ich wieder gefangen und gebunden. Wenn ich spüre, daß es den anderen auch nicht gut geht und glaube hier mitleiden zu müssen, bin ich ebenfalls wieder gefangen und werde gelähmt. Ich kann nicht mehr handeln. Gott hatte der Familie Lot ausdrücklich mitgeteilt, daß sie gehen soll ohne sich umzudrehen. Frau Lot hat sich möglicherweise aus den oben genannten Gründen umgedreht und wurde von der Vergangenheit gefangen bzw. gelähmt. Um selbst zu überleben, mußten die anderen sie zurücklassen. Wenn ich nun ein Mobbing-System verlassen will, ist der erste Schritt der der inneren Entscheidung, sich dem nicht mehr aussetzen zu wollen. Das ist zunächst die innere Kündigung. Man spricht im Volksmund auch davon »auf Tauchstation zu gehen«. Wenn ich das durchhalten kann, kann für mich persönlich damit erst einmal Ruhe einkehren. Nur wenn ich dann wieder zurückblicke, d.h. wahrnehme was an meinem Arbeitsplatz passiert, mich verantwortlich fühle oder wenn ich einfach durch mein Handeln sehr unterschiedlich zu dem bin oder sein muß, wie es in meinem Arbeitssystem verlangt wird, bin ich wieder eingebunden. Ähnlich wie die Familie Lot, die sich so unterschiedlich zu allen anderen in ihrem Verhalten gezeigt hat, daß sie deswegen bedroht wurde. Unterschiedlichkeit ist in Mobbing-Systemen leider schon eine Bedrohung. Wer nicht mitmacht, ist dagegen. Dieser erste Schritt führt also nur ganz am Anfang, und nur wenn noch nichts verfestigt ist, zur Ruhe. In aller Regel verpassen wir diesen Schritt, weil wir emotional viel zu sehr beteiligt sind und eben auch glauben, wir wüßten, wie es richtig geht. Der zweite Schritt ist die Regel, »nach außen darf keiner etwas merken« zu durchbrechen und über das eigene Arbeitsplatzsystem hinaus öffentlich zu werden. Dazu gehört, die eigenen Grenzen intern deutlich zu setzen, eigene Ziele zu entwickeln und gleichzeitig immer wieder das Gespräch zu suchen und möglicherweise Subsysteme zu verändern, wenn es noch möglich ist. Genauso wie rigide Familien eine Chance haben, wenn die interfamiliären Grenzen gestärkt und zur Außenwelt geöffnet werden, genauso kann vielleicht ein Mobbing- System mit seinen negativen Kommunikationsmustern aufgebrochen werden. Dabei darf man sich nichts vormachen und muß akzeptieren, daß man in diesem Konflikt nicht »sauber« bleiben kann. Die Betroffenen müssen sich von dem Gedanken verabschieden, daß sie mit einer weißen Weste aus dem Konfliktfeld gehen können. Ihr Mantel wird schmutzig werden, und es macht keinen Sinn ihn zu säubern, sonst verlieren sie ihren eigenen Schutz aus den Augen. Denn um ihn zu säubern, muß der schützende Mantel erst einmal abgelegt werden. Fazit: Aus einem Mobbing-System kann kein Mensch »sauber« herauskommen. Sich mit Mobbing auseinanderzusetzen heißt auch, das eigene Wertesystem zu hinterfragen, ohne die eigene Persönlichkeit damit aufzugeben. Das ist ein sehr schwieriger Balanceakt. Kann der Betroffene von seinen eigenen perfekten Vorstellungen, wie zum Beispiel Kirche zu sein hat, Abschied nehmen? Kann er eine Situation so nehmen wie sie ist und sich in ihr bewegen, ohne sofort etwas ändern zu wollen? Hat der oder die Betroffene genügend Distanz, um zu reflektieren welche Grenzen sind wichtig und in welcher Richtung sollen welche Grenzen geöffnet werden? Kann das Opfer es ertragen, wenn die anderen zunächst schlecht von ihm reden und denken? Hat es genügend Kontakte? Gibt es auch am Arbeitsplatz Menschen, die das Opfer schätzen? Ist es noch in der Lage positive Seiten bei seinen »Feinden« zu sehen? Ist es noch fähig, die Angst und das Elend seiner »Feinde« wahrzunehmen? Und wenn ja, hat das Opfer eine differenzierte Wahrnehmung von seinen »Feinden«? Diese Fragen sind nicht so einfach zu stellen und schon gar nicht zu beantworten. Das ist besonders schwer, wenn der oder die Betroffene glaubt, das Opfer schlechthin zu sein, auch wenn es in weiten Teilen der Tatsache entspricht. Gelingt aber der innere Abstand zu Mobbing-Situation, kommt der Betroffene zu einer inneren Freiheit, die ihn aus dem Sumpf und der Lähmung führt. Flucht als Chance für Überleben und Zukunft Mit dieser inneren Freiheit, die viel Kraft kostet und auch mit Existenzangst verbunden ist, weil dabei ganz real auch immer der Arbeitsplatz gefährdet ist, können die Strukturen, die Mobbing begünstigen, deutlich sichtbar werden. Mobbing wird begünstigt durch unklare Strukturen wie zum Beispiel Macht, die als solche verschleiert wird, und damit zu Machtmißbrauch führen kann. Das Ideal der Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit in der Kirche steht im diametralen Gegensatz zu den Hierarchien, die trotzdem Fakt sind und aus sich selbst heraus eine Mobbingsituation erzeugen können. Erst wenn das Bewußtsein für die negativen Kommunikationsmuster auf einer nächst höheren Stufe der Kirchenhierarchie zum Thema wird und zur Übernahme von Verantwortung führt, besteht die Chance auf Veränderung. In der Praxis jedoch führt der öffentliche Diskurs oft zu neuen Reglementierungen oder arbeitsrechtlichen Schritten der Vorgesetzten gegenüber den Gemobbten. Dann können diese Personen ähnlich wie die Familie Lot nur eines tun, um sich zu retten - nämlich weitergehen und nicht mehr zurückblicken, auch wenn sie die Herabwürdigung ihrer Person ertragen müssen. Familien, denen es nicht gelingt, ihre Chancen durch Offenlegung ihrer Dynamik wahrzunehmen, versinken in Krankheit und Elend oder zerstreuen sich als Einzelne in alle Winde. Leider nimmt jede Person diese gefährliche Dynamik mit sich und gibt sie im neuen Umfeld weiter. Es sei denn, sie versteht, welche Rolle sie gespielt hat und was die anderen getan haben, und kann diesen Anteil ihres Lebens verabschieden. Erst damit hat jede Person die Verantwortung für ihr Handeln und ihre Gefühle selbst. Denn es hilft dem Aussteiger aus einem Mobbingsystem oder aus einem rigiden Familiensystem nicht, sich bei eigenen Schwächen und Fehlern auf die Schuld der anderen zu berufen. Damit bliebe er im Mobbingsystem gefangen. Erst wer sagt, »Ich handele jetzt und nehme dafür in kauf, daß …« hat die Chance diese Dynamik abzulegen. Dreh dich nicht um Frau Lot, du änderst im Zurückliegenden nichts. Laß es hinter dir, es reicht, wenn du verstehst und es so sein läßt, wie es ist. Sieh dann nach vorne und rette dich, weil es im Weitergehen immer wieder eine neue Chance gibt.

Über den Autor

E. N.-E., Jgg. 1951, Buchhändlerin 1970, Diplom-Sozialarbeiterin 1977, Systemische Familientherapeutin 1987, Aufbaustudium Supervision an Gh Kassel seit 1996, Diplomabschluß im Januar 2001. Im Suchtbereich tätig seit 1977, 1978 Aufbau einer Jugend- und Drogenberatungsstelle, von 1985 bis November 2000 in der Evangelischen Suchtkrankenberatung in Frankfurt/M. Seit 1. Dezember 2000 tätig in der Kontaktstelle für Körperbehinderte und Langzeitkranke in FFM. Nach dem Jugendengagement in der Evang. Kirche normale Kirchgängerin bis 1989. Seit dieser Zeit aktiv in der Gemeindearbeit (KV und [später oder] Arbeitsgruppen) in Hofheim am Taunus. Verheiratet, 2 erwachsene Kinder.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2001

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