15. Oktober 2017, Markus 10,17-27
18. Sonntag nach Trinitatis

Von: Titus Reinmuth
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Bei der Nachfolge die Kurve kriegen

»Komm und folge mir nach!« Der berühmte Satz Jesu, mit dem er ein ums andere Mal Menschen auffordert, etwas hinter sich zu lassen, einen neuen Weg einzuschlagen und ihm zu folgen – normalerweise greift er: bei den Fischern am See, den armen Schluckern, die wenig fangen und über die hohen Steuern der Römer klagen; bei Johannes, dem Intellektuellen, der nach dem Sinn des Lebens fragt; bei Bartimäus, dem Blinden am Stadtrand von Jericho, der Vertrauen fasst; bei Zachäus, dem Zolleintreiber für die Römer, der am Ende die Hälfte seines Besitzes den Armen gibt; bei den Frauen: Maria Magdalena, Susanna und Johanna, der Frau eines römischen Verwaltungsbeamten aus dem Dunstkreis des Statthalters Herodes. Sie alle hatten ihre besondere Begegnung mit dem Wanderprediger. Sie alle waren auf der Suche nach einem anderen Leben, ließen etwas hinter sich und folgten ihm.

Diesmal klappte es nicht. Der junge Mann ging traurig davon. Denn er hatte viele Güter, so heißt es. So bleibt er in Erinnerung: der »reiche Jüngling«, der eigentlich etwas will, aber die Kurve nicht kriegt. Schade. Jesus fand ihn schon sympathisch, hatte ihn »lieb gewonnen« (V. 21). Beim Erzähler Mk. weiß man übrigens nicht sofort, dass er ein Reicher ist. Lk. dagegen macht schon am Anfang klar: Da kam einer von den Oberen, d.h. jemand aus den führenden Kreisen. Jesus hatte erkannt, was ihm fehlte: »Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben.« Eine kleine Anspielung. Wo dein »Schatz« ist, da ist auch dein Herz, sagt Jesus an anderer Stelle (Mt. 6,21). Also pass auf, woran du dein Herz hängst. An irgendwelche Güter, an viele schöne Dinge oder an Gott. Als der Mann das hört, so schreibt Mk., wird er unmutig und geht traurig davon. Alles verändern, so wie die Fischer am See, so wie der reiche Zachäus, so wie Johanna, die Frau des römischen Beamten, das konnte er dann doch nicht.

***

Doch damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Jesus nutzt das kleine Gespräch und schiebt noch etwas hinterher. »Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt«. Kamel durchs Nadelöhr? Das Wort kann auch »Durchgang« oder »Stadttor« heißen. Kamele haben eine natürliche Scheu davor. Sie gehen einfach nicht gern durch ein Tor. Dann werden sie bockig. Es braucht viele Anläufe und gutes Zureden, bis sie dann vielleicht doch die entscheidenden Schritte machen. So sind sie, die Kamele. Deshalb: eher ein Kamel durchs Tor als ein Reicher ins Reich Gottes. Auf die ratlose Rückfrage: »Wer kann dann überhaupt selig werden?« folgt ganz zum Schluss noch ein sehr vom Glauben getränkter Satz: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. Will sagen: Was ihr allein nicht schafft, das geht doch mit Gottes Hilfe. Es geht nicht immer so aus wie hier bei dem jungen Mann. Es gibt da einen Spielraum, es kann sich noch etwas bewegen.

***

Wir wissen nicht, was aus dem jungen Mann geworden ist. Was ihm noch durch den Kopf gegangen ist, ob er einfach noch Zeit brauchte. Aber wir wissen, wie es um uns selber steht. Woran wir uns binden. Oder uns fallen Menschen ein, über die wir uns Sorgen machen, weil sie einfach die Kurve nicht kriegen, die nötigen Schritte nicht schaffen.

Beispiele? Einer lebt nur für seinen Beruf: rund um die Uhr scheint er zu arbeiten, immer das Handy am Ohr, immer in Hektik, ein Termin jagt den andern. Bekommt er wirklich zurück, was er gibt? Eine andere bindet sich an einen Menschen. Sie behauptet, ihn zu lieben. Alle andern erkennen längst, dass sie gar nicht glücklich ist. Was bindet sie? Wie findet sie ihr eignes Leben? Eine Falle kann sogar das Engagement in unserer Kirche sein. Menschen engagieren sich, weil sie dafür Anerkennung bekommen. Und für viel Anerkennung sind sie bereit, unglaublich viel Zeit und Engagement einzusetzen. Sie tun es für eine gute Sache und verlieren dabei das Gleichgewicht, verfehlen ein eigenes Leben. Geld, Arbeit, die gute Sache, ein bestimmter Mensch, die Anerkennung bei den andern – all das kann Menschen gefangen nehmen. Manchmal sind die Bindungen stark. Es kann sehr befreiend sein, etwas loszulassen und durch das Tor hindurch zu gehen. Vielleicht geht es nicht sofort, vielleicht geht es nicht ganz. Aber was bei den Menschen unmöglich ist, das ist doch möglich bei Gott, sagt Jesus. Wie gut, dass diese Geschichte etwas offenhält.


Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2017

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