16. Juli 2017, Johannes 1,35-42
5. Sonntag nach Trinitatis

Von: Titus Reinmuth
1 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Ein unaufgeregtes Modell von Mission


Fragen

Der 5. Sonntag nach Trinitatis fällt in die Sommerzeit. Manche feiern Gemeindefest, andere sind im Urlaub. Aussteigen, Innehalten, Bilanz ziehen, auf einem langen Strandspaziergang nachdenken über die eigene Lebensaufgabe, das gehört für viele dazu. Woher komme ich, wohin gehe ich, wo will ich bleiben? Verrinnt alles wie der Sand zwischen den Fingern? Was hat Bestand? Das sind Fragen, die viele umtreiben. Das wird mitunter konkret: Soll es beruflich so weitergehen? Wie steht es um die persönlichen Beziehungen? Braucht es irgendwo eine Trennung, einen Neuanfang, eine Klärung? Auch im Blick auf die eigene Gemeinde lässt sich so fragen: Wie gestalten sich ihre sozialen Beziehungen, welche Ziele verfolgt sie, welche Aktivitäten möchte sie also entfalten?


Thema »Berufung«

Die biblischen Texte des Sonntags sprechen mit ihrem Thema »Berufung« zu genau diesen Fragen. Ps. 73 formuliert die Spannung von Berufung und Sendung: »Du hältst mich – ich halte mich zu dir.« Oder: »Du leitest mich nach deinem Rat – ich verkündige all dein Tun.« Unter den übrigen Texten des Sonntags zeigt die Berufung Abrams eine besondere Nähe zu Joh. 1,35-42: Abram wird in ein Land gerufen, das Gott ihm zeigen will (Gen. 12,1). Das ist nicht weit entfernt vom »Kommt und seht!«, das Jesus den beiden Jüngern zuruft (Joh. 1,39).


Eine knappe Skizze

»Woher komme ich, wohin gehe ich, wo will ich bleiben?« Diese »sommerlichen« Fragen beschäftigen auch die Jünger. Der Evangelist Johannes erzählt alles mit einem gewissen Abstand, sehr komprimiert und längst reflektiert. Jesus ist für ihn das Lamm Gottes, die Jünger finden in ihm gleich den Messias, Petrus ist der Fels. Die Erzählung wirkt wie eine grobe Skizze, schnell gezeichnet, oder eine dichte Zusammenfassung, wohl überlegt. Man möchte Johannes zurufen: Moment mal! So schnell geht das doch alles nicht. Wie haben denn die Jünger vorher gelebt? Was hatten sie für Fragen? Was genau haben sie bei Jesus gefunden? Erzähl uns mal die ganze Geschichte!


Bewegung

Zumindest die Bewegung der Geschichte, die Kommunikation der Berufung, schildert Johannes anhand weniger Fragen und Antworten. Man muss nur den tragenden Verben im Dialog folgen: »Was sucht ihr?« – »Wo wirst du blieben?« – »Kommt und seht!« – »Wir haben gefunden.« Interessant auch die Verben der Bewegung: Johannes stand, Jesus ging vorüber, die Jünger folgten ihm nach, er wandte sich um, sah sie folgen, sie kamen und blieben. Eine Suchbewegung, eine Annäherung. Eine Szene für die breite Bühne.


Mission heute

Was sich hier abzeichnet, ist ein unaufgeregtes Modell von Mission. So ist das auch heute, wenn Menschen sich dem Glauben annähern oder Anschluss an eine Gemeinde suchen, oder? Hoffentlich dreht sich jemand um und sieht sie.

Andere einladen und sich ihnen öffnen. Erkunden, was sie suchen. Es möglich machen, dass sie kommen und sehen – und am Ende etwas finden und bleiben. So unaufgeregt könnte sich auch heute »Mission« abspielen. Im Gemeindesaal oder im Ladenlokal, im Bibelgesprächskreis oder auf der Geburtstagsfeier, wo jemand sucht und ein anderer sagt: »Guck mal!« …

Wo immer sich Menschen so begegnen, können Fragen nach dem eigenen Lebenssinn und der eigenen Lebensaufgabe angestoßen werden. Hoffentlich ist dann in der eigenen Gemeinde oder im eigenen Leben nicht schon alles zu fest eingerichtet. Dann könnte es gelingen, den eigenen Glauben tiefer kennenzulernen. Für ein Gespräch am Stehtisch beim Bier, für eine längere Strecke auf einem gemeinsamen Weg oder sogar auf ganz lange Sicht. Für Johannes ist klar, wen er vor sich hat: das Lamm Gottes, den Messias. Aber er erzählt die Berufung der Jünger sehr entspannt und wenig belehrend: Sie können suchen und fragen, kommen und sehen, dürfen, wenn alles gut geht, am Ende finden und bleiben. Wo es so zugeht, bin ich gerne dabei.


Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2017

1 Kommentar zu diesem Artikel

12.07.2017
Ein Kommentar von Joachim D. Lauer, Pfr.i.R.


Danke, Herr Kollege Reinmuth, für die ermutigenden Gedanken zum Predigttext Joh 1,35-42 im Pfarrerblatt! Dass Sie Chancen sehen, dass Menschen über ihre Lebensfragen nachdenken und dass es Menschen in der Kirche gibt, die einladend sind und die suchenden Menschen sehen. Dass das "unaufgeregte Modell von Mission" immer wieder damit enden kann, dass Menschen in der Kirche "finden", was sie für ihr Leben suchen. Ja, das liebevolle "Lamm Gottes" und der "Messias" mit seiner Autorität ist für uns da. Welch eine Chance. Danke für Ihre Anregungen! Ich nehme gern etwas davon in meine Predigt mit.

Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

»Nicht mehr steigerbarer Wahnsinn«
Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg, Teil III: Die Weimarer Republik und das Erbe des Krieges
Artikel lesen
Klingendes Mahnmal gegen den Krieg
Zu Benjamin Brittens »War Requiem«
Artikel lesen
Christnacht
24. Dezember 2018, 1. Timotheus 3,16
Artikel lesen
Altjahresabend
31. Dezember 2018, Jesaja 51,4-6
Artikel lesen
Neujahrstag
1. Januar 2019, Josua 1,1-9
Artikel lesen
Was die Kirche für eine funktionierende Gesellschaft leisten kann

Artikel lesen
Heiße Debatten und kühle Perspektiven

Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument