16. April 2017, Jesaja 26,13-14.19
Osternacht

Von: Titus Reinmuth
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Wie schmeckt die Auferstehung?


Morning has broken

Es ist lange her und sie waren jung. Ein Sommer in Schweden mit der ganzen Clique. Da war diese eine Nacht. Sie hatten Feuer gemacht am Strand, gegessen, getrunken und erzählt. Die Sonne ging langsam unter, ganz dunkel wurde es nicht. Ein paar Meter weiter spielten sie Gitarre. Andere schlafen bald, aber sie schauen aufs Meer und reden. Über sich, die Liebe und die Pläne. Über Gott und die Welt, die Ungerechtigkeit und das Glück. Irgendwann darüber, wie das Leben mal endet und was dann wohl sein wird. Unwiederbringliche Stunden, Momente, in denen sie sich und alles verstehen. »Wie schmeckt wohl die Auferstehung?« fragt er plötzlich in eine Pause hinein. »Nach frischem Blaubeerkuchen mit Vanillesauce,« antwortet sie. Sie lachen und sehen, wie sich der Himmel verändert. Erste Lichtstrahlen tanzen über das Meer, die Sonne geht auf. »Besser noch«, sagt sie: »Auferstehung schmeckt nach frischem Blaubeerkuchen mit Vanillesauce bei Sonnenaufgang.« »Und was hörst du dann?« fragt er. »Warte mal«, meint sie und holt von nebenan die Gitarre. Vorsichtig, leise zupft sie die Akkorde von »morning has broken« – »Morgenlicht leuchtet«.1

Eine Erzählung, die Gefühle auslöst. Darf man das fragen: Wie die Auferstehung schmeckt? Wie sie aussieht, sich anfühlt, wie sie klingt? Solche Geschichten graben sich tief ein. Sie eröffnen einen Raum, um etwas zu verstehen, ohne dass man es auch nur ansatzweise erklären könnte. Es bleibt etwas Geheimnisvolles. So wie in manchen spirituell aufgeladenen Momenten – in der Natur, im Gespräch, am Sterbebett. So wie in der Osternacht. Wenn es am Anfang noch dunkel ist und während des Gottesdienstes die Sonne aufgeht und Licht in die Kirche fällt. Wenn die alten Texte gelesen werden: vielleicht von der Schöpfung (Gen. 1), von »einer Nacht des Wachens« (Ex. 12,42) und dem Exodus (Ex. 14,15ff), von dem Wort Gottes, das die Erde feuchtet und nicht leer zurückkehrt (Jes. 55), von der Auferstehung (Mt. 28,1-10) und der Taufe (Röm. 6,3-11). Klug ist, wer Liturgie und Lesungen wenige Tage zuvor früh morgens übt zur gleichen Zeit, damit die ersten Sätze, Lieder und Gebete wirklich die müden Augen wach küssen und die Lesungen von der Dunkelheit ins Licht führen.


Der eine Herr und die Herren

In diese Spannung hinein fällt der Predigttext aus Jes. 26 mit seiner eigenen Spannung zwischen dem »Herrn, unserem Gott« und den »anderen Herren«, die gerade herrschen. Zwischen »Tote werden nicht lebendig« und »deine Toten werden leben«. Zwischen menschlicher Erfahrung und göttlichem Handeln. Ein Gottesdienst in der Dämmerung. Jes. 26,19 und Dan. 12,2 sind die beiden explizit formulierten Auferstehungsvorstellungen in der hebräischen Bibel. Die apokalyptischen Texte ringen mit der Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Wann und für wen kommt sie zum Zuge, wie setzt sie sich durch? In Jes. 26 für die, die an Gott festhalten, die seiner gedenken. Man könnte viel erklären und exegetisch einordnen, doch dafür ist die Osternacht nicht der Ort. Stattdessen können Grenzerfahrungen zur Sprache gebracht werden. Zum einen politisch: Menschen erleben Herrschaft und Unterdrückung und Tod. Geflüchteten ist das auf den Leib gerückt. Ehrenamtliche, die sich für andere einsetzen, erleben mitunter Hass und Gewalt. Dann müssen die zusammenrücken, die glauben. Und dann hilft der Glaube selbst. Wer sich fest mit Gott verbunden weiß, hat eine innere Freiheit, die so schnell nichts erschüttern kann.

»Die Herren der Welt gehen, unser Herr kommt« – der berühmte Satz Gustav Heinemanns auf dem Evangelischen Kirchentag 1950 in Essen, hier passt er. Das Osterlachen lacht über den Tod und über alle, die sich aufplustern und meinen, auch nur für einen Moment »Herr« sein zu können. Der Predigttext aus Jes. 26 unterstreicht: Gott ist Herr, niemand sonst. Das macht innerlich stark. »Das könnte den Herren der Welt ja so passen …« – so beginnt das vielen bekannte »Andere Osterlied«.2 Auf den Text von Kurt Marti schrieb Peter Janssens eine Melodie, die sich eng an »Christ ist erstanden« (EG 99) anlehnt. Damit ließe sich in dieser Osternacht spielen.


Keine Grenzen mehr

Nichts kann Gott eine Grenze setzen. Weder Tod noch Leben, weder Licht noch Dunkel. Davon lässt sich auch sehr persönlich reden. Unser Leben ist begrenzt. Wir können nie alle Möglichkeiten ergreifen, die sich uns bieten, sondern nur die eine oder andere. Es gibt Krisen und Träume. Manche werden gelebt, andere beerdigt. Eine Krankheit setzt Grenzen. Körperliche oder geistige Fähigkeiten lassen nach. Menschen sterben. Doch bei Gott gibt es keine Grenzen. Sogar seine Toten werden leben. Deswegen können wir loslassen, wenn es Zeit ist. Und bis dahin bekommen wir einen Vorgeschmack von der Auferstehung. So wie damals in Schweden am Strand. Jeden Morgen weckt Gott das Leben von neuem. Er macht das Licht und die Musik und sogar den Blaubeerkuchen mit Vanillesauce.


Anmerkungen:

1 Die Idee, einmal so oder ähnlich von der Auferstehung zu erzählen, verdanke ich einer Choralandacht von Gerd Höft zu EG 455. Sie wird voraussichtlich am 27.5.2017 auf WDR 3 ausgestrahlt und findet sich dann unter www.kirche-im-wdr.de.

2 Anderes Osterlied, in: Mein Liederbuch für heute und morgen, Nr. B 25, tvd-Verlag Düsseldorf.


Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2017

1 Kommentar zu diesem Artikel

11.04.2017
Ein Kommentar von Bernd Prigge


Herzlichen Dank für diese zahlreichen wunderbaren Ideen, die ich gerne aufgreife. So schwungvoll und so wahr!

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