15. Januar 2017, 2. Mose 33,(12)17b-23
2. Sonntag nach Epiphanias

Von: Titus Reinmuth
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Ein sichtbares Zeichen!
 

An ein Tabu gerührt?

Ein Erzähltext, den man gut erzählen kann. Der Kontext, die Stimmungslage, alles lässt sich mit wenigen Handstrichen anschaulich machen: Mose ist fertig mit Gott und der Welt. Er sitzt zwischen allen Stühlen, hadert mit Gott und mit seinem Volk. Das gelobte Land ist in weiter Ferne, die Fleischtöpfe Ägyptens sind in guter Erinnerung. Und Gott verbirgt sich. Da fällt es schwer, die eigenen Leute weiter zu motivieren. Das goldene Kalb zerschlagen, die Schuldigen vernichtet, die Gesetzestafeln zerbrochen. Trümmer, Blut, Staub. Und jetzt?

Es braucht jetzt sichtbare Zeichen, dass Gott weiter führt und mitgeht. Mose möchte erkennen, dass Gott es noch gut meint mit ihm selbst und mit seinem Volk. Irgendwann möchte er ankommen, Ruhe finden, Frieden haben.

Was Mose nun wünscht, muss jeden, der bisher mitgegangen und der Geschichte gefolgt ist, erschaudern lassen. Mose möchte die Herrlichkeit Gottes sehen, übersetzt: die Gewichtigkeit Gottes, seine Macht – und das gleichsam von Angesicht zu Angesicht. Ein Tabu. Doch Gott willigt ein, auf eigene Weise. Seine Güte will er an Mose vorübergehen lassen und seinen Namen ausrufen. »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich«, so äußert sich der »Ich bin, der ich bin« (Ex. 3,14). Es folgt eine väterlich-beschützende Geste: Gott stellt Mose in eine Felsspalte und hält seine Hand über ihn. Dann, wenn seine Güte vorübergezogen ist, darf Mose Gott sehen. Er darf ihm hinterher schauen.


Ein Selfie von Gott?

Ganz gleich, ob Angela Merkel mit einem syrischen Flüchtling oder Justin Bieber mit einem strahlenden Fan: das Selfie ist der Ausweis unmittelbarer Nähe. Man hat den Angebeteten oder die Mächtige getroffen, jedenfalls für einen kostbaren Augenblick. Aufgenommen mit der Rück-Kamera des Handys. Zumindest Jugendlichen stockt dann der Atem.

»Selfi von Gott« hieß eine Aktion der Stiftung »Bibel und Kultur« in Nordrheinwestfalen, Kirchen und Schulen machten mit. Es gab 1200 Einsendungen: Bilder, Skulpturen, Songs, Videos. Jugendliche stellten biblische Geschichten dar oder setzten Bilder in Szene, in denen anschaulich wird, wie Menschen heute glauben. Das geschah alles im Rückblick. Denn Gott zeigt sich nicht einfach so von Angesicht zu Angesicht. Aber er lässt sich finden.


Ein sinnvoller Rückblick

Die Geschichte des Mose zeigt: Gott ist uns immer voraus und er zeigt sich nie offensichtlich. Auch wir können Pläne machen, aufbrechen, etwas schaffen – und in der Wüste landen. Dann wünschen sich viele sichtbare Zeichen, dass Gott noch da ist und es gut meint. Wir Menschen erleben es in der eigenen Geschichte immer nur im Rückblick, im Hinterherschauen. Mal sind es kräftige Spuren, mal ein Hauch, mal nur das Gefühl: da war eine beschützende Hand. Plötzlich kann jemand der Trennung einen Sinn abgewinnen, erkennt in der Absage einen guten Umweg oder sieht nach dem Unfall anders aufs Leben. Gott? Vielleicht. Wenn ja, nur von hinten.

Die Geschichte des Mose braucht keinen Zusatz. Sie spricht. Sie findet ihre Analogien in unserem Erleben. Wer mag, kann am 2. So. nach Epiphanias dennoch eine Fortschreibung anbieten. Schülerinnen und Schüler des Europa-Gymnasiums Kerpen haben Gott in einem Rap dargestellt. Darin heißt es: »Er, der am Kreuz hing, er ist das Selfie von Gott.« Gott gibt sich so zu erkennen, wie er es will. Im brennenden Dornbusch, in einer Wolkensäule, in der Krippe, am Kreuz. Manchmal können wir ihn auch heute erkennen. Abseits solcher Momente braucht es Geduld, die Verborgenheit Gottes auszuhalten, und das Vertrauen, dass er zu seinem Lebensversprechen steht und sich unserer erbarmt.


Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2016

1 Kommentar zu diesem Artikel

02.01.2017
Ein Kommentar von Ralph Schneler


Guten Tag , Ich bin Prädikant der bad Landeskirche und habe diesen Predigttext . Super Beitrag . Hat mir sehr geholfen Danke Gesegnetes Neues und vergelts Gott MfG R. Schneller

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