31. Oktober 2016, Römer 3,21-28
Reformationsfest

Von: Titus Reinmuth
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»Du darfst leben – obwohl du so bist«

»Nicht sendefähig«

Ein komplizierter Text mit großen Worten. Als Rundfunkpfarrer würde ich sagen: »nicht sendefähig«. Da müssen wir nochmal ran, mein lieber Paulus! Das liegt nicht nur an der Sprache, sondern auch am Leben der Hörerinnen und Hörer. Mit den Fragen nach der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ringen sie nicht wie der Apostel. Sie fragen auch nicht nach dem gnädigen Gott wie einst Martin Luther. Als gute Prediger/innen sollen wir aber mit den Hörerinnen und Hörern über ihr Leben reden – im Licht des Evangeliums. Es wird auch heute Lebensfragen geben, die eine Analogie bilden zu dem, was Paulus in Röm. 3,21-28 erörtert. Also: Nur Mut!


Existenzielle Erfahrungen

Drei Kernaussagen der Reformation stehen hier im Mittelpunkt: Wir werden Gott recht nicht durch das, was wir tun, sondern allein aus Gnade, allein durch Christus und allein aus Glauben. Am liebsten würde ich mein Aufnahmegerät nehmen und mit bestimmten Menschen darüber sprechen. Welche Erfahrungen passen zu diesen großen Worten? Was sagt der Gefängnisseelsorger über Gnade? Würden manche Insassen gerne »begnadigt«? Oder bleiben sie bei »mit meiner Schuld muss ich selber klar kommen«? Was sagt die Richterin am Amtsgericht über »Gerechtigkeit«? Sie urteilt über Recht und Unrecht anhand einer Tat. Urteilt sie auch über den Menschen? Was sagt ein Rettungssanitäter über Tod und Leben? Was ist das für ein Gefühl, in diesem Leben jemanden »gerettet« zu haben? Wie spricht die Sonderpädagogin an der Schule über Leistungsfähigkeit – und darüber, was die ihr anbefohlenen Kinder in unserer Gesellschaft »gelten«? Was sagt der Arzt über »Vertrauen«, wenn Patienten schwere Entscheidungen treffen müssen – aufgrund seiner Diagnose und Beratung? Was sagt die Psychologin über die Fähigkeiten und Ressourcen ihrer Klienten, die meinen, sie seien so »nicht recht« für ihre Umwelt? Finden sie neues Grundvertrauen ins Leben?

Stoff genug für zwei Podiumsgespräche in der Gemeinde im Vorfeld des Reformationstags. Oder für entsprechende Statements im Gottesdienst. Schon wird die Sache spannend. Mindestens ließe sich in der Predigt von solchen Gesprächen erzählen. Dann wird anschaulich, um welche existenziellen Erfahrungen es geht, wenn ich anderen »recht« bin, Gnade erfahre, gerettet werde, Vertrauen fasse.


Die gute Nachricht

Auch ohne im Gefängnis zu sitzen, mit einer Behinderung zu leben oder gerade in psychologischer Behandlung zu sein, ist es für viele heute eine Grunderfahrung, um Anerkennung zu ringen. Überall muss man sich selbst inszenieren, sich »verwirklichen«, möglichst viele »Gefällt mir« bekommen. Egal ob im Job oder in der Liebe: nichts ist sicher oder versteht sich von selbst. Leistung zählt. Ich bin aber nicht immer nur stark, aktiv und erfolgreich. Ich bin schon gescheitert, fühle mich mal schwach, bin manchmal mir selbst gegenüber ungnädig. Habe Fehler gemacht, andere enttäuscht, schlaflose Nächte gehabt. Musste mich zu Entschuldigungen durchringen. Sich rühmen? Ausgeschlossen. Wer sagt dann zu mir: Hab Vertrauen! Du darfst leben – obwohl du es bist?

Gleiches gilt für gute Maßstäbe, die von außen an uns herangetragen werden. Von Kindheit an wissen wir, was gut und böse ist, richtig und falsch. Irgendwann werden wir souverän und autonom, trotzdem ist für die meisten klar, was gut ist: den Müll rausbringen, fair einkaufen, Rücksicht nehmen, anderen helfen, Verantwortung übernehmen. Kurz: Wohltäter sein. Am besten mal eben noch die Welt retten. Ich bin aber nicht nur gut. Sondern auch ein Berufspendler, der viel Sprit verbraucht, ein Spontan-Einkäufer, der schnell billiges Fleisch im Supermarkt holt, ein Sohn, der seinen Vater lange nicht angerufen hat. Wer sagt dann zu mir: Trotzdem bist du so recht. Du darfst leben – obwohl du es bist?

Gutes tun, es recht machen, das gibt es auch heute – nur die Maßstäbe, die Gesetze sind andere. Sich rühmen wollen, das gibt es ebenso – nur die Autoritäten, vor denen das geschieht, sind andere. Vor diesem Hintergrund hat Paulus eine gute Nachricht. Gott sagt: Hab Vertrauen, du bist längst gerettet, du darfst leben, obwohl du es bist. Alles andere ist Kommentar.


Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2016

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