10. Juli 2016, Apostelgeschichte 2,41a.42-47
7. Sonntag nach Trinitatis

Von: Titus Reinmuth
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Zeichen der Solidarität


Offen sein

Die Gemeinde schmunzelt über die Bilder, die auf dem Liedblatt abgedruckt sind: Die verschlossene Konservendose, die noch ungeöffnete Weinflasche, die verriegelte Tür. Offen wär’ besser. Schnell was zu Essen machen, am Abend nach getaner Arbeit ein Glas Wein trinken, den Überraschungsbesuch fröhlich hereinbitten. Offen sein ist gut.

Bin ich ein offener Mensch? Wen empfange ich gerne mit offenen Armen? Für wen öffne ich tatsächlich fröhlich die Tür und bald danach die Flasche Wein? Wo bin ich freigiebig mit meinem Geld? Offenheit ist nicht selbstverständlich. Solidarisch sein schon gar nicht. Manchmal merke ich in einem Gespräch, die Offenheit des andern ist doch nur oberflächlich. Wirklich verstehen will er mich nicht. Schade. Und manchmal ist es umgekehrt. Dann schaffe ich es nicht, offen zu sein. Weil ich gerade etwas ganz anderes im Sinn habe, das mich sehr beschäftigt. Weil mir der andere letzte Woche schon quer kam. Manchmal verschließt mich eine Sorge. Etwas, worüber ich nicht reden möchte. Dann ist die Tür einfach zu. Manchmal sind wir verschlossen. Ich erlebe es auch im Materiellen: Wohin mit der kleinen Erbschaft der Schwiegereltern? Was tun für die eigene Altersvorsorge? Mittelschichtsprobleme. Dinge zu haben, kann einen verschließen.


Solidarität üben

In der Pfingstgeschichte Apg. 2 können sich Menschen öffnen, die zuvor verschlossen waren. Offene Türen, offene Worte, offene Ohren. »Und sie wurden alle erfüllt vom Heiligen Geist«. Bei den ersten christlichen Gemeinden, von denen die Apg. dann erzählt, führte die Offenheit für Gottes Geist und Gottes Wort auch zu einer offenen Hand. Von der Urgemeinde wird eine Offenheit berichtet, die sehr weit geht: Sie teilten sie alles miteinander und pflegten eine Gütergemeinschaft. Davon erzählt Apg. 2,41a.42-47.

Das Wort »Ich« kommt hier nicht vor, die Vorstellung, dass man zuerst für sich selber sorgen müsste, fehlt. Stattdessen Sätze wie: »Sie waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam«, oder: »Sie teilten aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte«. Leitbild ist: Wir werden das Leben miteinander teilen.

Eine solche Gemeinde ist zuerst Solidargemeinschaft. Sie ist auch eine Lerngemeinschaft, die auf Gottes Wort hört, eine Mahlgemeinschaft, die das Brot bricht, eine Gebetsgemeinschaft, die sich im Gottesdienst versammelt. Alle vier Aspekte gehören hier zusammen: Die christliche Gemeinschaft kann nicht Gemeinde sein, ohne auf Gottes Wort zu hören; sie kann nicht das Brot im Abendmahl brechen, ohne im Alltag die Güter des Lebens zu teilen; sie kann nicht diakonisch in Aktion treten, ohne sich im ­Gebet zu vergewissern; sie kann nicht gemeinsam beten, ohne verbindlich zu ­handeln.

Aus heutiger Sicht vielleicht eine Utopie. Ein Thema für schwärmerische Aufsätze in »Christ und Sozialist«. In einem reichen Land, in einer satten Volkskirche nicht leicht zu predigen. Gütergemeinschaft – wo gibt es das noch? In einem kleinen Orden vielleicht, wo die Mitglieder keinen Privatbesitz haben; in einem Kibbuz oder in einer kleinbäuerlichen Basisgemeinde in Südamerika, die tatsächlich Land und Besitz miteinander teilt. Kleine Inseln im Meer des Kapitalismus. Immerhin habe ich es so aus eigener Anschauung erlebt: Kleinbauern in der Landlosenbewegung im Süden Brasiliens teilten das Land und bildeten eine Basisgemeinde. Gemeinsamer Besitz als Sozialversicherung, gemeinsame Arbeit als Aufgabe, gemeinsame Gottesdienste als Stärkung. Keine Utopie. Es gibt Orte, wo eine solche urgemeindliche Praxis gelebt wird.


Leitbild: Das Leben miteinander teilen

Was auch für die hiesige Kirche bleibt, ist das Leitbild der Solidargemeinschaft. Die Gegensätze zwischen arm und reich, zwischen Einheimischen und Fremden, werden uns als christliche Gemeinde nicht unberührt lassen. Wir erleben, dass die Mittelschicht schrumpft. Das untere Drittel der Gesellschaft gehört schon gar nicht mehr dazu. Wir erleben, wie rechtspopulistische Kreise Angst schüren und ganze Gruppen der Gesellschaft ächten. So schließen sich Menschen gegeneinander aus: wirtschaftlich oder ideologisch.

Das Leitbild aus Apg. 2 sagt etwas anderes: Wir werden das Leben miteinander teilen. Die Tür öffnen und die Flasche Wein, das Ohr und das Portemonnaie. Wir werden uns weiter einsetzen für diejenigen, die am Rand stehen oder an den Rand gedrängt werden, die eben nicht für sich selber sorgen können, werden weiterhin beispielhaft Hab und Gut teilen, um anderswo Not zu lindern. Für meine Freunde aus Brasilien war es übrigens unglaublich bewegend, dass es am anderen Ende der Welt Menschen gibt, die an sie denken. Da, wo die christliche Gemeinde fürbittend betet, umspannt ein Netz von guten Gedanken die Welt. Auch das ist ein Zeichen der Solidarität nach Apg. 2.


Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2016

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