15. November 2015, Matthäus 25,31-46
Vorletzter Sonntag des ­Kirchenjahres

Von: Titus Reinmuth
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Das große »Like«


Sinnvolles Leben – was hat Bestand?

Eine Frau sitzt in ihrem Zimmer im Seniorenheim. Ihr Lebensraum ist eng geworden. Ihre Krankheit zwingt sie, fast ganz in ihrem Zimmer zu bleiben. Sie ist nicht mehr gut zu Fuß. Umso mehr geht sie in Gedanken den Wegen ihres Lebens nach. Was hat sie getan und wie hat sie gelebt? Ist sie den Kindern gerecht geworden? Sie fragt, ob sie Spuren hinterlassen hat. Ob alles einen Sinn gehabt hat. Oder wenigstens das eine oder andere gut war.

Um die Frage nach Sinn und Ziel geht es. Die Rede Jesu in Mt. 25 gibt darauf eine Antwort: das Wichtigste ist die gute Tat. Sich anderen zuwenden, Gutes tun, das hat Sinn, das hinterlässt Spuren. Es berührt auch den Glauben: »Was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir ­getan.«

Bei den meisten drängt sich diese Frage heute nicht deshalb auf, weil sie sich ein Lob von Gott wünschen oder weil sie das ewige Leben erlangen wollen. Sich an den Bildern der jüdischen Apokalyptik abzuarbeiten, an Gottlosen und Gerechten, Schafen und Böcken, ewiger Strafe und ewigem Leben, hieße auf Fragen einzugehen, die heute kaum einer stellt. Die existentiellen Fragen dahinter sind aber noch da. Es ist der tiefe Wunsch nach Anerkennung und Bestätigung. Nach dem großen »Like«. Es sind drei Sterne der Jury von »Gotto Dance« oder dass sich wenigstens einer der Juroren umdreht bei »The Voice«. Frei nach dem Motto: Ich will nicht in den Himmel, ich will nur ins Fernsehen. Es sind viele Likes für einen geteilten Beitrag auf Facebook. Denn da teile ich nicht, was interessant und wichtig ist, sondern das, womit ich gut aussehe. In Digitalistan stellt man sich einfach selbst zu den Guten. Die Crowd soll es bestätigen. Und wenn es darum geht, ob das ein gutes Leben war, ob man damit gut dasteht, muss man nur noch die Timeline nach unten scrollen.


Christus als Richter? Durchaus.

Die Frage nach einem Leben, dass Bestand hat, stellt sich für die Frau im Altenheim genauso wie für die 13jährige auf Youtube. Die Antwort Jesu ist das Bild vom Gericht: Christus auf dem Richterstuhl urteilt über unser Leben. Jede und jeder hat sich zu verantworten. »Das passt nicht in mein Gottesbild«, werden manche einwenden, »für mich ist Gott immer ein guter und liebender Gott. Und Jesus erst recht.« Mag sein, das Bild vom Richterstuhl ist überholt. Aber es ist auch nicht gleichgültig, wie ein Mensch gelebt hat. »Ich muss doch mein Leben verantworten«, sagen andere mit Recht. »Ohne eine Art Bestandsaufnahme wäre doch alles egal, was ich getan habe und wie ich gelebt habe.« Wer glaubt, wird sagen: Ich möchte schon, dass Gott/Christus ansieht und ernst nimmt, wie ich gelebt habe.

Es macht auch etwas aus, wer richtet. Mag sein, die Eltern urteilen oder die Clique. Vielleicht gibt es mal einen Shitstorm im Netz. Es ist auch erst wenige Jahre her, dass ein amerikanischer Präsident die Welt in Gut und Böse aufteilte. Aber hier hält Christus Weltgericht. Da gelten andere Maßstäbe. Zum Glück.


Spuren hinterlassen? Selbstverständlich!

Eine Spur hinterlässt jeder. Fragt sich nur, welche. Christus beschreibt sie eindeutig: sich dem Kranken zuwenden, den Hungrigen sättigen, den Fremden aufnehmen, den Gefangenen besuchen. Die Zuwendung zu anderen hinterlässt eine Spur. Der oder die andere wird auch urteilen und sagen: Das hat mir gut getan. Und wer weiß: Vielleicht ist es Christus selbst, der uns da begegnet. Das ist das Überraschende an der Geschichte: Die Menschen, von denen hier berichtet wird, haben zwar Hungrige gesehen und ihnen zu essen gegeben, haben Fremde aufgenommen, haben Gefangene besucht, aber sie hatten keine Ahnung, dass ihnen in diesen Menschen Christus begegnen könnte. Kein Foto auf der Timeline, kein Like von ganz oben. Die Zuwendung, die hier beschrieben wird, geschieht ohne Berechnung, ganz selbstverständlich, wie nebenbei. Nicht um zu gefallen, sondern einfach um zu helfen. In unseren Kirchengemeinden stehen schnell Menschen vor Augen, die ohne viel Aufhebens etwas tun. Ob gut organisiert in einem Hospizverein oder einer Tafel oder spontan am Bahnsteig, wenn wieder viele Flüchtlinge ankommen. Solche Menschen hinterlassen Spuren.

Das ist der Maßstab: Was ich aus Glauben und in Liebe tue, das wird bei anderen Spuren hinterlassen. Mt. sagt sogar, dass Christus uns in den andern begegnet, sich mit den Geringsten identifiziert, also gleich macht. So wert geachtet sind sie. Unser gebrochenes, unfertiges, verletztes Leben wird von Gott ernst genommen und gewürdigt. Und wo Menschen sich in diesem Leben als Geschwister begegnen, macht das Leben Sinn.


Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2015

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