Landeskirchen brauchen dringend junge PfarrerInnen
Von der »Theologenwelle« zur »Pensionierungsdelle«

Von: Verena Schneider
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Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für ein Theologiestudium. Schon jetzt bleiben Pfarrstellen vakant, weil der Nachwuchs fehlt. Doch es kommt noch härter: Zwischen 2017 und 2027 wird in vielen Regionen mehr als die Hälfte der PfarrerInnen in den Ruhestand gehen. Was bedeutet das für Gemeindemitglieder und Studierende bzw. für die PfarrerInnen selbst? Und was kann die Kirche tun, um den Pfarrberuf wieder attraktiver zu machen?


Während immer mehr junge Menschen in Deutschland ein Hochschulstudium beginnen, entscheiden sich immer weniger für Evangelische Theologie. Waren in den 1980er Jahren noch etwa 12.000 Studierende auf landeskirchlichen Kandidatenlisten eingetragen, so sind es heute nur noch gut 2400. Der Anteil der Theologiestudierenden unter allen Studienanfängern ist immer weiter gesunken, von circa einem Prozent in den 1980er Jahren auf etwa ein Promille heute. Inzwischen hat er sich auf niedrigem Niveau etwas stabilisiert.1

Gleichzeitig werden in den kommenden Jahren viele Pfarrstellen frei. Im Zeitraum zwischen 2017 und 2027 gehen mit den geburtenstarken Nachkriegsjahrgängen in vielen Regionen die Hälfte der Geistlichen in den Ruhestand2. Beispielsweise gibt es in der EKHN rund 1600 Pfarrstellen. Im genannten Zeitraum werden fast 1100 PastorInnen pensioniert (siehe Grafik). Die Pensionierungswelle führt also zu eklatanten Lücken. Junge Menschen, die die Nachfolge übernehmen, werden dringend gebraucht.

Das Problem betrifft nicht nur die Kirche. Auch in anderen Berufen, etwa bei LehrerInnen und ÄrztInnen, lässt sich bereits ein leichter Mangel feststellen, der sich aller Voraussicht nach in den kommenden Jahren deutlich verschärfen wird. Das Durchschnittsalter in diesen Berufen ist ebenfalls hoch. Einige Stellen sind schwer zu besetzen. Gerade auf dem Land gibt es Vakanzen. »Das ist ein grundsätzliches Problem«, sagt der Vorsitzende des Pfarrerverbandes, Andreas Kahnt. »Es gibt generell nicht mehr genügend junge Leute.«


Die Studierenden fehlen

Im Wintersemester 2011/12 waren bundesweit 5426 Studierende im Fach Evangelische Theologie mit Studienziel Pfarramt eingeschrieben3. Davon hat sich knapp die Hälfte auf landeskirchlichen Listen offiziell als Nachwuchs registrieren lassen: Im Wintersemester 2012/13 waren es 2421 Studierende4. Die Eintragung auf Kandidatenlisten ist nicht verpflichtend. Einige Studierende warten ab, welche Landeskirche ihnen das beste Angebot macht, ehe sie sich auf eine Region festlegen. Die Ausbildungsdauer von Pfarrern (von der Einschreibung bis zum Antritt der ersten Stelle) beträgt etwa zehn Jahre.

Interesse am Theologiestudium zeigen heute vor allem Frauen. Im Wintersemester 2009/10 waren 1360 Frauen auf den landeskirchlichen Listen eingetragen. Das entspricht einem Anteil von 56%5. Laut Friedrich Wilhelm Graf, Professor für Systematische Theologie und Ethik in München, nimmt unter den Studierenden außerdem ein »evangelikaler, neu-pietistischer Frömmigkeitstypus« zu. Dies sagte Graf auf einer Expertendiskussion anlässlich der Ausstellung »Leben nach Luther. Eine Kulturgeschichte des Evangelischen Pfarrhauses« im Februar in Berlin6.



Rückläufige Studierendenzahlen, weniger Pfarramtsanwärter

Aus den Studierendenzahlen lässt sich nicht direkt darauf schließen, wie viele später in den Pfarrdienst gehen. Manche nehmen das Studium aus Interesse an literaturwissenschaftlichen, religionspädagogischen oder philosophischen Inhalten auf, wollen aber kein(e) PfarrerIn werden. Andere entscheiden sich nach dem Abschluss für eine andere Laufbahn (z.B. ReligionslehrerIn). Wie in anderen Fächern auch gibt es StudienabbrecherInnen. Da keine bundesweiten, belastbaren Statistiken über die Abbrecherquote unter Theologiestudierenden vorliegen, hier ein Beispiel: An der Uni Hannover, die ausschließlich Religionspädagogen ausbildet, bringen etwa 20% ihr Studium nicht zu Ende7. Manche merken später im Vikariat, dass der Beruf nicht ihren Vorstellungen entspricht. Und selbst nach erfolgreichem Abschluss des Vikariats gehen viele nicht in den Pfarrdienst. So entschieden sich 2013 in der Nordkirche nur knapp die Hälfte der VikarInnen für das Pfarramt, in der EKHN 15 von 30, in Sachsen zwei von fast 30, in Braunschweig ein oder zwei von 16, in Hannover zwei von 278.

Es gibt also nicht nur zu wenige Studierende. Es gibt auch unter den fertig ausgebildeten PfarrerInnen zu wenige, die in den Dienst möchten. In den 1980er Jahren strebten fast alle VikarInnen ein Pfarramt an. Könnte es sein, dass die jungen Menschen zwar mit den Anforderungen in Studium und Beruf zurechtkommen, auch mit dem Glauben, allerdings nicht mit der Arbeitswirklichkeit und mit der Kirche als Arbeitgeberin? Nur eine unabhängige Studie könnte hier Klarheit schaffen.

Zu bemerken ist, dass die EKD diese Entwicklung bereits in den 1990er Jahren erkannt hat. In ihrer Pfarrdienststatistik von damals ist zu lesen, dass sich die Zahl der Studienanfänger in Evangelischer Theologie zwischen 1975 und 1998 fast halbiert hat. »Künftig werden demnach wesentlich weniger Kandidatinnen und Kandidaten zur Verfügung stehen, als Stellen durch das Erreichen der Altersgrenze vakant werden«, heißt es in der Statistik. »Ob mit den langfristig verfügbaren Nachwuchskräften der Bedarf an Pfarrerinnen und Pfarrern gedeckt werden kann, ist insbesondere dann fraglich, wenn sich der aufgezeigte Trend fortsetzt.«9


Gründe für das schwindende Interesse am Theologiestudium

Die Gründe dafür, warum sich weniger AbiturientInnen für ein Theologiestudium entscheiden, sind vielfältig. Einer davon ist, dass in den 1990er Jahren viele Kirchen nicht alle AbsolventInnen in den Pfarrdienst übernahmen. In der EKHN wurde 1997 und 1998 sogar der komplette Jahrgang abgewiesen. Um mehr Anstellungen zu ermöglichen, wurden BerufsanfängerInnen in den ersten Dienstjahren auf Teilzeit-Stellen (mit entsprechend geringerer Bezahlung) eingesetzt. In Bayern, in der Nordkirche und anderswo wurden Theologenehepaare verpflichtet, sich eine Stelle zu teilen. Gerade für junge Familien war das Gehalt sehr niedrig.

»Die Praxis der meisten Kirchen, Anwärterinnen und Anwärter für den Pfarrdienst in Zeiten vieler Bewerbungen nicht in den Dienst zu übernehmen, und wenn doch, zu finanziell prekären Bedingungen, wirkt noch nach«, erklärt Kahnt. »Kirche gilt vielen daher als unsichere Arbeitgeberin.«

Einen weiteren Grund für das gesunkene Interesse am Theologiestudium sieht Alexander John (29), Theologiestudent in Heidelberg, in der Selbstdarstellung der Kirche. »Junge Menschen wollen etwas studieren, wo sie eine gute Zukunft haben«, sagt er. Wenn Kirche jedoch in der externen Kommunikation klage, dass die Mitgliederzahlen zurückgehen, dass Pensionen unter Umständen nicht gezahlt werden können, mache sie sich selbst unattraktiv.

Andreas Dreyer, Vorsitzender des Hannoverschen Pfarrvereins, sieht dies ähnlich. Die Kernaussage des Reformprozesses »Kirche der Freiheit«, dass die evangelische Kirche bis zum Jahr 2030 ein Drittel ihrer Mitglieder und die Hälfte ihrer Finanzkraft verliere, bezeichnet er als »Kapitulationserklärung an die gesellschaftliche Entwicklung, die potentielle Interessenten geradezu abschrecken muss«10.


Werbemaßnahmen der Landeskirchen

Obwohl sich der Mangel an NachwuchspfarrerInnen wie oben beschrieben bereits in den 1990er Jahren abzeichnete, haben die Kirchen lange gebraucht, um darauf zu reagieren. So schrieb Pfarrer Christoph Bergner im Jahr 2012: »Die EKHN hat in den letzten fünf Jahren nichts unternommen, um nachhaltig für pastoralen Nachwuchs zu werben.«11 Zwar veranstaltete die Landeskirche auch zwischen 2005 und 2010 Seminare für StudieninteressentInnen. Allerdings mussten die TeilnehmerInnen dafür in gewissen Phasen sogar Gebühren entrichten.

Mittlerweile haben einige Landeskirchen wie die Nordkirche, Hannover und die EKHN spezielle Stellen geschaffen, um mehr junge Leute für ein Theologiestudium zu gewinnen. Die Nachwuchs-Beauftragten geben Flyer heraus und organisieren Seminare, in denen junge Menschen sich über die Ausbildung und den Pfarrberuf informieren können. Sie besuchen Gymnasien und Universitäten, sprechen mit Jugendlichen über ihre Berufswünsche.

In Johns Augen sollte die Kirche dabei vor allem mit den sozialen und kreativen Seiten des Pfarrberufs werben – beispielsweise damit, dass auch ein Musikinteresse eingebracht werden kann. Es sei jedoch ebenso wichtig, dass StudieninteressentInnen wüssten, welche Verantwortung auf sie zukommt. »Man ist als Pfarrer auch Leiter eines mittelständischen Betriebes«, sagt er.

Um mehr junge Leute für eine Tätigkeit in der Kirche zu interessieren, könnten Gemeinden Sozialpraktika für Schüler anbieten, schlägt der Student vor. Auch sollten AusbildungsreferentInnen der Kirche verstärkt auf Hochschulmessen präsent sein. Dort würden teilweise nur die Universitäten um Theologiestudierende werben.


Gute Arbeitsbedingungen sind die beste Werbemaßnahme

Für Kahnt sind die Werbemaßnahmen der Landeskirchen eine gute Möglichkeit, um mit jungen Menschen in Kontakt zu treten. Das entscheidende Kriterium, um Nachwuchs zu gewinnen und zu binden, sind für ihn jedoch gute Arbeitsbedingungen für Pfarrerinnen und Pfarrer. Diensthabende PastorInnen erfüllten eine Vorbildrolle für potentielle Studieninteressierte. »Wenn junge Menschen sehen, dass Pfarrerinnen und Pfarrer bei allen Belastungen einen tollen Beruf haben, den sie gelassen und ohne finanzielle Sorgen ausüben können, werden sich auch wieder mehr dafür interessieren«, sagt er. AbiturientInnen seien heute sehr gut informiert, so Kahnt. Sie wüssten genau, was sie in welchem Beruf verdienen können. Gleichzeitig legten sie großen Wert auf die Work-Life-Balance sowie auf die Möglichkeit, Beruf und Familie vereinbaren zu können.

In den vergangenen beiden Jahrzehnten haben sich die Arbeitsbedingungen der PfarrerInnen jedoch verschärft. 54 Arbeitsstunden pro Woche gelten noch immer als Richtschnur. Es kam zu höherer Arbeitsbelastung bei gleichzeitiger Gehaltskürzung und steigenden Kosten, z.B. für Energie und Wohnen. Auch wurde die Kilometervergütung den Energiepreisen nicht angepasst, sodass PfarrerInnen einen Teil ihrer Mobilitätskosten selbst tragen. »Diese Einbußen der vergangenen 15 Jahre müssen zurückgenommen werden«, fordert Kahnt.


Der Nachwuchs fehlt schon heute

Schon heute sind bundesweit nur etwa 87% der vorgesehenen Pfarrstellen besetzt. Die EKD rechnet in ihrer Pfarrdienststatistik von 2011 mit 14.366 Pfarrstellen in Kirchengemeinden (Vollzeitäquivalente). Tatsächlich besetzt sind jedoch nur 12.471 Stellen.12 Gegenwärtig wird versucht, dem Problem durch Stellenzusammenlegungen zu begegnen, was die Arbeitsbelastung der PastorInnen weiter erhöht.

»In mehreren Kirchen sind Pfarrstellen nicht besetzbar«, bestätigt Kahnt. Dies liege zum einen am fehlenden Nachwuchs, zum anderen an unattraktiven Rahmenbedingungen, z.B. der Lage in ländlichen Rand­gebieten. In solchen Regionen sei es oft nicht möglich, dass auch der/die Ehepartner(in) eine Arbeit findet. Auch die Suche nach einer geeigneten Schule für die Kinder könne sich als schwierig erweisen. Hiervon sind vor allem Kirchen im Osten oder Norden Deutschlands betroffen, etwa die Gliedkirchen Mecklenburg, Pommern, Braunschweig und Hannover. Doch auch in Bayern ist es teilweise schwierig, Stellen zu besetzen: In ländlichen Regionen Frankens sind 20-30% der Stellen vakant. Um dem Problem zu begegnen, fordert Kahnt eine »Buschzulage«, also eine bessere Be­zahlung oder andere Vorteile wie einen Dienstwagen oder zusätzliche Sekretärinnenstunden.

Mit Verweis auf den Rückgang an Kirchenmitgliedern durch den demografischen Wandel wollen die Kirchenleitungen die Anzahl des Pfarrpersonals von 21.000 im Jahr 2006 auf 13.000 im Jahr 2030 reduzieren13. Man beachte, dass davon nur etwa 70-80% der Personen auf Gemeindepfarrstellen arbeiten14. Angesichts der demografischen Entwicklung wäre eine Reduktion um ein Prozent pro Jahr realistisch. Der geplante Stellenabbau ist somit höher, als es dem Rückgang der Gemeindegliederzahlen entspricht. Und auch diese Planung wird sich angesichts des Nachwuchsmangels nicht realisieren lassen. Es werden also noch deutlich mehr Stellen gestrichen und Gemeinden zusammengelegt werden müssen. Im Blick auf die theologische Tradition, kommen dabei Bedenken auf, denn nach der CA wirkt der Heilige Geist dort, wo das Wort im Predigtamt verkündigt wird.


Die Gemeindegliederzahlen pro Pfarrer werden steigen

Langfristig erwartet Kahnt, dass der Nachwuchsmangel auf höhere Gemeindegliederzahlen hinauslaufen wird. Gemäß dem von der EKD errechneten Durchschnitt der Stellenpläne ist derzeit ein Pfarrer für 1684 Gemeindeglieder vorgesehen. In der offiziellen Ist-Besetzung war ein Pfarrer im Jahr 2009 durchschnittlich für 1940 Mitglieder zuständig, mit z.T. starken Abweichungen bei den einzelnen Gliedkirchen sowie innerhalb der Landeskirchen15. Wobei die Statistiken nicht immer in gleicher Weise nach Personen und Vollzeitäquivalenten differenzieren: Beim landeskirchlichen Vergleich sind etwa die Unterschiede der Religionsstundenzahl zu berücksichtigen. In der EKHN etwa sind vier Stunden, in Bayern sogar sechs Stunden Religionsunterricht in einer Pfarrstelle enthalten. Gerechnet auf ein Vollzeitdeputat bei Lehrern (24 Stunden) sind das 17% bzw. sogar 25% einer Stelle.

Kahnt empfiehlt als Maximalwert im dörflichen oder kleinstädtischen Bereich eine Mitgliederzahl von etwa 1800, also weniger, als zur Zeit durchschnittlich zu einer Gemeinde gehören. Bei dieser Zahl könnten PfarrerInnen wirklich für ihre Gemeinde da sein und würden zugleich weder ihre Familie noch das theologische Arbeiten aus dem Blick verlieren. Allerdings seien hier mehrere Faktoren zu berücksichtigen, etwa die Zahl der Predigtstellen in einer Gemeinde und ob die Betreuung eines Kindergartens, eines Altersheims oder eines Krankenhauses vorgesehen ist. Auf dem Land, wo Pfarrer weite Wege zurücklegen müssen, um ihre Gemeindeglieder zu betreuen, müsse die Zahl entsprechend niedriger sein. In der Stadt könne sie auch etwas höher ausfallen.


Schlüsselrolle PfarrerIn

Dass gerade der persönliche Kontakt zu einem/r PfarrerIn grundlegend ist für die Bindung der Gemeindemitglieder an ihre Kirche, hat die jüngste EKD-Mitgliederstudie erneut bestätigt. »Mehr als drei Viertel der evangelischen Kirchenmitglieder kennen eine Pfarrerin bzw. einen Pfarrer mindestens namentlich oder vom Sehen. Ein solcher persönlicher Eindruck – das zeigt der Vergleich mit denen, die keinen Pfarrer kennen – steht in engem Zusammenhang mit der Kirchenbindung«, heißt es in der Studie16. Von einer »pastoralen Schlüsselrolle für die Wahrnehmung der Kirche im Ganzen« ist die Rede. Bei denjenigen, die eine(n) PfarrerIn zwar nicht persönlich, aber vom Sehen her kennen, könne von einer »zwar zurückhaltenderen, aber doch sehr stabilen Kirchenbindung« gesprochen werden, heißt es weiter. In dieser Gruppe würden PastorInnen vor allem bei öffentlichen Auftritten wie Gottesdiensten oder Festen wohlwollend beobachtet.

Ein klarer Zusammenhang besteht auch zwischen dem Kontakt zu einem/r PfarrerIn und dem Wunsch, in der Kirche zu bleiben: »Die Vorstellung, aus der Kirche auszutreten, liegt denjenigen, die eine Pfarrperson namentlich oder vom Sehen kennen, ebenso fern wie denjenigen, die einen persönlichen Kontakt haben: Beide Gruppen geben mit 93% bis 95% an, dass dieser Schritt für sie letztlich nicht in Frage kommt«, heißt es in der Studie.

Der Nachwuchsmangel unter TheologInnen könnte sich also auch nachteilig auf die Kirchenbindung der Mitglieder auswirken. »Je weniger wir sind, desto schwieriger wird es, Begegnungen mit dem Einzelnen zu gewährleisten«, warnt Kahnt. »Wenn wir Volkskirche bleiben wollen, geht das nur mit mehr Personal.« Mit Blick auf die Situation im Rheinland (dort rechnet man ab 2020 bei 100 Pensionierungen jährlich mit etwa 20 Neueinstellungen) fragt sich auch Hannes Leitlein, Theologiestudent in Wuppertal: »Wie sieht ›Missionarische Volkskirche‹ aus, wenn nur noch jedes fünfte Pfarrhaus bewohnt ist?«17 In abgelegenen Regionen, etwa in Mecklenburg-Vorpommern, rechnet er künftig mit 12.000 Gemeindegliedern und sechs bis zehn Beerdigungen pro Woche. »Meine Zukunft als Pastor wird sich in erster Linie auf dem Friedhof abspielen.«


Wanderungsbewegungen zu finanziell besser gestellten Kirchen denkbar

Neben höheren Gemeindegliederzahlen rechnet Kahnt auf lange Sicht mit Wanderungsbewegungen der PfarrerInnen hin zu finanziell besser gestellten Landeskirchen. »Der Mangel wird sich unterschiedlich verteilen«, sagt auch Corinna Hektor, stellvertretende Vorsitzende des bayerischen Pfarrvereins. »Mehr Pfarrer werden die Landeskirche wechseln, und die Bedingungen sind bei den finanzstärkeren Kirchen besser.«

Der finanzielle Aspekt sei allerdings nicht allein ausschlaggebend bei der Entscheidung für einen Dienstort, erklärt Kahnt weiter. Viele wollten auch in der Gegend leben, in der sie aufgewachsen sind, in der die Eltern wohnen, die möglicherweise Unterstützung brauchen.

Auch die Arbeitsbedingungen können den Ausschlag für einen Wechsel der Landeskirche geben. Einige Studierende nutzten den Mangel, um in weniger restriktive Landeskirchen versetzt zu werden, beobachtet John. Entscheidend könne hier etwa die Akzeptanz eingetragener LebenspartnerInnen im Pfarrhaus sein.

In ihre Überlegungen, wie sie das Nachwuchsproblem angehen will, sollte die Kirchenleitung die PfarrerInnen und insbesondere die junge Generation stärker einbeziehen. »Die jetzt anstehenden Sparmaßnahmen werden ohne jegliche Beteiligung der betroffenen Generation durchgeboxt«, sagt Leitlein18. Nicht einmal Theologiestudierende würden in die Prozesse eingebunden. Auch Max Melzer, Theologiestudent in Leipzig und Chefredakteur des Internetportals www.theologiestudierende.de, wünscht sich einen »transparenten Gesprächsprozess, in den die Nachwuchstheologen einbezogen werden«19. Denkbar sei etwa eine Internetseite, in der Überlegungen und Ergebnisse der mit dem Thema Nachwuchs befassten Arbeitskreise präsentiert und zur Diskussion gestellt werden. Außerdem fordert Melzer grundsätzlich mehr Rückhalt von der Kirchenleitung, z.B. in Form einer »Zusage, dafür zu sorgen, dass das alles machbar bleibt«. Die lapidare Aufforderung, der Nachwuchs solle sich angesichts der erwartungsgemäß steigenden Arbeitsbelastung im Pfarrdienst »mal was zutrauen«, wie es der sächsische Bischof Jochen Bohl formuliert, hält er für unangemessen. Melzer unterstreicht, dass es für Studierende zahlreiche Alternativen in der Wirtschaft oder aber in anderen Landeskirchen gibt.


Fazit: Das Problem des Nachwuchs­mangels offensiv angehen

Die Kirche wollte ursprünglich in den 1990er Jahren gegen die große Anzahl an Pfarramtsanwärtern Maßnahmen ergreifen. Das ist durch die Abweisung von Absolventen teilweise rigoros erfolgt. Diese Eindämmungspolitik wurde jedoch nicht rechtzeitig gestoppt. Dabei änderten sich schon in den 1990er Jahren die Präferenzen der Studierenden, was auch in der damaligen EKD-Statistik vermerkt ist. Eine frühzeitige Reaktion unterblieb.

Die aktuelle EKD-Mitgliedschaftsstudie belegt, wie wichtig PfarrerInnen für die Kirchenbindung der Gemeindeglieder sind. Die Lösung kann also nicht sein, Stellen zu streichen und zusammenzulegen und Gemeindegliederzahlen pro Pfarrstelle zu erhöhen. Dies würde lediglich die Arbeitsbelastung der PfarrerInnen weiter erhöhen, den Beruf damit auch für StudieninteressentInnen unattraktiver machen. Zugleich wären weniger persönliche Kontakte möglich, was die Kirchenbindung der Mitglieder schwächen könnte.

Es ist daher dringend notwendig, dass die Kirchenleitungen das Problem des Nachwuchsmangels offensiv angehen. Dafür sollten sie nicht allein die junge Generation, sondern auch die amtierenden PfarrerInnen in ihre Überlegungen, wie am besten vorgegangen werden sollte, einbeziehen. Offene Kommunikation und Transparenz sind hier sehr wichtig. Theologiestudierende, aber auch diensttuende PfarrerInnen, brauchen die Zusage, dass, wie Melzer es sagt, »das alles machbar bleibt«.


Literatur:

Corinna Hektor: Zukunftsmusik (Korrespondenzblatt 11/2013)

Andreas Dreyer: »… und wir dachten, wir hätten ein Amt errungen …« (DPfBl 2/2013)

»Pfarrernachwuchs braucht Rückhalt von der Kirchenleitung«, Interview mit Max Melzer von Hanno Terbuyken auf evangelisch.de (18.2.2014)

»Die Attraktivität des Pfarrberufes nimmt ab«, idea.de (25.2.2014)

In die landeskirchlichen Listen eingetragene Studierende der evangelischen Theologie am 31.12.2012 (EKD, August 2013)

Pfarrdienststatistik: Kirchengemeinden, Theologiestudierende, Ausbildung zum Pfarrdienst, Pfarrstellen, Theologinnen und Theologen in den Gliedkirchen der EKD im Jahr 2009 (EKD, April 2011)

Pfarrdienststatistik: Kirchengemeinden, Kirchenkreise, Theologiestudierende, Ausbildung zum Pfarrdienst, Pfarrstellen, Theologinnen und Theologen in den Gliedkirchen der EKD in den Jahren 1991 bis 1997 (EKD, März 2011)

Daniel Lenski: Pfiffiger Pfarrerfang, Südd. Zeitung (19.11.2012)

Matthias Kamann: Protestanten in Deutschland droht Pfarrermangel, Die Welt (18.9.2012)

Hannes Leitlein: »O Gott, was kommt da auf mich zu?« (Die ZEIT 49/2013)

Max Melzer: »Liebe Kirche, wir brauchen Euch nicht!« auf »theologiestudierende.de« (13.2.2014)

Christoph Bergner: »25 Jahre Reform in der EKHN« (DPfBl 9/2012)

Studierendenzahlen EKD 2011-2012

Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis. V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft (März 2014; http://www. ekd.de/download/ekd_v_kmu2014.pdf)


Anmerkungen:

1 Andreas Dreyer: »… und wir dachten, wir hätten ein Amt errungen …«, DPfBl 2/2013, 64ff.

2 Daniel Lenski: »Pfiffiger Pfarrerfang«, Südd. Zeitung vom 19.11.2012.

3 Studierendenzahlen EKD 2011-2012.

4 »Pfarrdienststatistik: Kirchengemeinden, Kirchenkreise, Theologiestudierende, Ausbildung zum Pfarrdienst, Pfarrstellen, Theologinnen und Theologen in den Gliedkirchen der EKD in den Jahren 1991 bis 1997«, EKD, März 2011.

5 Ebd.

6 »Die Attraktivität des Pfarrberufes nimmt ab«, »idea.de« (25.02.2014).

7 »Internetselbsttest für angehende Theologen«, http://www.ekd.de/aktuell_presse/77684.html.

8 Corinna Hektor: Zukunftsmusik, Korrespondenzblatt 11/2013, 163.

9 »Pfarrdienststatistik: Kirchengemeinden, Kirchenkreise, Theologiestudierende, Ausbildung zum Pfarrdienst, Pfarrstellen, Theologinnen und Theologen in den Gliedkirchen der EKD in den Jahren 1991 bis 1997«, EKD, März 2011.

10 Andreas Dreyer: »… und wir dachten, wir hätten ein Amt errungen …«, DPfBl 2/2013, 64ff.

11 Christoph Bergner: »25 Jahre Reform in der EKHN«, DPfBl 9/2012, 510ff.

12 »Pfarrdienststatistik: Kirchengemeinden, Theologiestudierende, Ausbildung zum Pfarrdienst, Pfarrstellen, Theologinnen und Theologen in den Gliedkirchen der EKD im Jahr 2009«, EKD, April 2011.

13 EKD, Kirche der Freiheit, 2006, 74.

14 Z.B. EKHN: 1550 Pfarrstellen, davon 1034 im Gemeindedienst.

15 »Pfarrdienststatistik: Kirchengemeinden, Theologiestudierende, Ausbildung zum Pfarrdienst, Pfarrstellen, Theologinnen und Theologen in den Gliedkirchen der EKD im Jahr 2009«, EKD, April 2011.

16 »Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis. V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft«, März 2014, http://www. ekd.de/download/ekd_v_kmu2014.pdf.

17 Hannes Leitlein: »O Gott, was kommt da auf mich zu?«, Die ZEIT 49/2013.

18 Ebd.

19 Max Melzer, »Liebe Kirche, wir brauchen Euch nicht!«, »theologiestudierende.de« (13.2.2014).

Über den Autor

Verena Schneider ist Volontärin in Berlin.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2014

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