11. August 2013, Lukas 7,36-50
11. Sonntag nach Trinitatis

Von: Titus Reinmuth
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Simon und Jesus

In Lk. 7,36-50 zeigt sich Lukas als Regisseur mit guten Ideen. Wie in einem Drehbuch sind zwei Geschichten miteinander verwoben. Aus der einen lernt man etwas für die andere. Den Rahmen bildet die Begegnung der drei Hauptakteure: Simon, Jesus und die Frau. Mitten drin die Geschichte von dem Gläubiger und den beiden Schuldnern. Gut nacherzählt ein echtes Drama.

Was ist die Kernaussage? V. 47 lässt den Zusammenhang von Liebe und Vergebung in einer Spannung. Weiß die Frau längst, dass sie bei Jesus Vergebung findet, und zeigt dies in ihrer liebevollen Zuwendung? Oder führt ihre Liebe erst zur Vergebung? Ich entscheide mich für die erste Deutung, sie liegt auf der Linie der Geschichte von den beiden Schuldnern: Der ist besonders dankbar, dem viele Schulden vergeben wurden.

Wer steht im Zentrum der Erzählung? Jesus, der vergeben kann? Simon, der urteilt, beobachtet, Schlüsse zieht? Die Frau mit ihrer Hingabe und Liebe? Die Predigt muss sich entscheiden – und je nachdem, wie die Entscheidung ausfällt, verändert sich der Fokus der Erzählung. Ich entscheide mich für Simon, den Pharisäer. Er bietet die meisten Möglichkeiten zur Identifizierung. Am Leben der Frau soll er etwas für das eigene Leben lernen. Das ist am ehesten die Situation der Predigthörer/innen.

 

Wir und die andern

Es liegt in der Natur des Menschen: Uns interessiert das Leben der anderen. Dabei vergleichen wir uns gern. Manchmal sind es der Arbeitswechsel oder ein Umzug oder Erlebnisse aus dem letzten Urlaub, manchmal eine große Veränderung. Da ist ein Kind geboren worden oder jemand hat sich getrennt oder bei Familie Maier gab es einen plötzlichen Todesfall… Wenn’s um andere geht, fühlen wir uns meist in unserem eigenen Denken bestätigt. Gerade die Schuldfrage wird schnell geklärt. Ein Autounfall! Wer hatte Schuld? Missmanagement in der Politik! Wer hat versagt? Eine Affäre im Freundeskreis! Zum Glück nicht bei uns! Selbst wenn jemand seine Arbeit verliert, fragen manche noch, ob er nicht selbst Schuld daran hat.

Auch in biblischen Geschichten gibt es die, die immer schon alles wissen: die gelehrten Männer, die auf die Ehebrecherin zeigen (Joh. 8,1-10); der ältere Bruder, der immer alles richtig gemacht hat (Lk. 15,29); Simon, der weiß, was sich gehört (Lk. 7,39). Doch wer ist ohne Schuld?

 

Bibel und Psychologie

Wir selbst haben Licht- und Schattenseiten. Diese Geschichten bringen uns zum Nachdenken. Bibel und Psychologie liegen mal wieder nah beieinander. Die Schattenseiten der anderen zeigen mir auch meine eigenen. Was mich bei den andern ärgert, das ärgert mich auch an mir selbst. Wer unter euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein!

In Lk. 7,36ff bleibt offen, ob sich der Pharisäer verändert. Es könnte sein, weil er die Geschichte mit den Schulden durchaus versteht und richtig beurteilt. Aber es liegt auch noch fern, weil er sich selbst über die Frau erhebt und nur schwer aushalten kann, dass Jesus ihr vergibt. Einen Stein werfen würde er nicht mehr (Joh. 8,9), ein Fest feiern aber wohl auch noch nicht (Lk. 15,28).

 

Begegnungen, die etwas verändern

Manchmal gibt es eine Begegnung, die etwas verändert. Mir geht es jedenfalls so. Eine Frau lebt mit der schweren Krankheit ihres Mannes. Sie wünscht sich vieles anders und kann ihn doch so begleiten, wie er halt geworden ist im Laufe seines Lebens. Ein bedürftiger Mann steht vor meiner Tür und erzählt mir ganz aufrichtig, wie es um ihn steht und was er jetzt braucht. Ein Kollege, der immer so stark wirkt, zeigt auf einmal eine Schwäche und steht dazu.

In solchen Begegnungen spüre ich: So will ich auch sein. Dann merke ich, dass das Leben der andern mit meinem Leben zu tun hat. Wenn Gott gnädig auf ihr Leben sieht, dann womöglich auch auf meins. Wenn die andern solche Liebe zeigen können, dann kann ich es vielleicht auch. Dafür bin ich dankbar. Das lässt mich leben.

 

Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2013

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