Versuch einer Annäherung an den »Wandlungskünstler« Bob Dylan
»Like a Rolling Stone« – Ist der Wandel das einzig Beständige?

Von: Walter Rominger
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Bob Dylan hat viele Gesichter: Folkbarde, Songwriter, Komponist, Protestsänger, Friedensaktivist, Lyriker, Maler und Schauspieler – und es gibt Zeiten in seinem Leben, in denen er als Evangelist auftrat. Walter Rominger über ein schillerndes Pop-Idol.

I. Frühe Jahre – der Folksänger, die Folklegende

Bereits mit Ausgang der 50er Jahre kam die vor allem von Elvis Presley (1935-1977) angestoßene Rock’n’Roll-Rebellion nach nur drei Jahren in ihrer ursprünglichen Form an ihr Ende und erstickte zumindest in ihrem Mainstream in seichter Massenware, da es vor allem um Gewinn aus der Musik ging. In den frühen 60er Jahren wurde denn auch der Folksong wiederbelebt, das mit akustischer Gitarre begleitete Sololied, dessen Themen Volksleben und Missstände in den sozialen und politischen Einrichtungen der USA waren. »Rümpfte er [der Durchschnittsbürger der USA] beim Rock’n’Roll wegen des ›Nigger-Geruchs‹ seine Nase, so witterte er bei den Protestsängern und Beatniks kommunistische Verschwörung«, schreibt der Musikwissenschaftler Tibor Kneif.

Doch gerade in dieser als politisch linkslastig eingeschätzten und deshalb in Amerika von so vielen kritisch beäugten Folksongbewegung sollte der am 24. Mai 1941 in einem tristen Dorf im nördlichen Minnesota geborene Robert Zimmermann, der sich später am Beginn seiner musikalischen Laufbahn, die ihn zunächst als Instrumentalisten zu dem schwarzen Musiker Little Richard führte, Bob Dylan nannte, seine ersten großen Erfolge feiern. Aufs Ganze gesehen war wohl kaum ein Musiker in der Geschichte der Popmusik einflussreicher als der »song and dance man« aus Minnesota, der zum einen wie kaum ein anderer Musikklassiker schuf und dessen Einfluss auf die Entwicklung der Rockmusik sich mit dem der Beatles vergleichen lässt. Als er zu Beginn der 60er Jahre, nachdem er sich auch einmal an einer amerikanischen Universität eingeschrieben hatte, ohne jedoch je ein sprachwissenschaftliches Studium zu beginnen, sondern vergleichbar einem fahrenden Sänger zur Gitarre singend herumtingelte, in den Cafés in New York Greenwich Village auftauchte, da schien er seltsam aus der Zeit gefallen. Die vom Aufbruch der Bürgerrechtsbewegung, von deren Idealen und Ideen getragene Folkszene, die u.a. mit Pete(r) Seeger (geb. 1919) und Joan Baez in Verbindung gebracht wird, nahm Dylan gerne auf. Er ward denn auch rasch zu deren Genie, zu demjenigen, der ihre Ideale in Songs zu gießen verstand.

Doch Dylan entzog sich, kaum dass er den nationalen Durchbruch mit frühen Alben wie »The Freewheelin’« (1962) und »The Times They Are A-Changin’« (1963) erlangt hatte. Zu erinnern ist ebenfalls an Dylans Lied, das um die Welt ging und das so mancher vor sich hinsummte, »Blowin’ in the Wind« (1962). Denn Dylan hatte für sich den Pop entdeckt, dem er sich nun zuwandte, ohne – auch ein Zeichen seiner Wandlungen – diesem durchgängig treu zu bleiben, sondern auch weiterhin Metamorphosen und wahre Brüche zu riskieren, wesentlich mit verursacht durch eigenes biographisches Erleben und der ständigen Suche nach Neuem.

II. Steil, aber anhaltend – die unglaubliche Karriere des Bob Dylan

Dylan verabschiedete sich vom Folk, kaum dass er in dessen New Yorker Szene angekommen war und diesen inhaltlich maßgeblich zu beeinflussen begann. Die New Yorker Szene um Pete(r) Seeger und Joan Baez raste geradezu, was Dylan aber offensichtlich wenig beeindruckte. Im Pop ging es um das Spiel mit Hits, um Moden und Träume und Glamour. Aber die Jugend schien begeistert und hob ihn auf den Schild, gerade zu einer Zeit, als die Beatles sich anschickten, Amerika musikalisch zu erobern (ab etwa 1964) und auch die Rolling Stones bereits von sich hören ließen. In jener Zeit kamen Dylans Langspielplatten »Bringing It All Back Home« (1965), »Highway 61 Revisited« (1965) auf welcher sich, gewissermaßen als primus inter pares, »Like a Rolling Stone« befindet, was schon als der beste Song des vergangenen 20. Jh. angesehen wurde und Dylan die fast schmeichelhafte Bezeichnung einbrachte, er sei der Shakespeare des 20. Jh.

Der »Shakespeare des 20. Jahrhunderts«

Dylan war es denn auch, der die bislang eher naiven Texte des Rock’n’Roll und des aufkommenden Rock im Niveau stark anhob und damit bewirkte, dass Rock-Musik nun allseits als ernstzunehmende Musik eingestuft wurde. Und schließlich brachte Dylan in seiner Pop-Phase auch noch die Doppel-LP »Blonde On Blonde« heraus (1966), gewissermaßen der dritte Teil einer einzigartigen Trilogie, noch intensiver, subtiler und vielschichtiger als die beiden Vorgänger (beide 1965).

Beim legendären Newport Folk Festival 1965 schloss er seine Gitarre an Strom an. Weil er »elektrisch« spielte, wurde er ausgepfiffen. (Ehemalige) Fans pfiffen ihn auch später wegen seines »elektrischen« Spiels aus, was Dylan aber wenig zu beeindrucken schien. Sein »elektrisches« Spiel führte vielmehr dazu, dass ihm bei der Rock-interessierten und -begeisterten Jugend der Durchbruch vollständig gelungen war. Musikgeschichtlich und -wissenschaftlich betrachtet ist jedoch zu beachten, dass er mit diesem Spiel eine eigene Richtung der Rockmusik in den 60er Jahren geschaffen hatte: den Folk-Rock.

Doch Dylan wandelte sich erneut. Er zog aufs Land, wandte sich einem eher sanften Country zu und kümmerte sich um die Familie, wenn auch mit recht wenig Erfolg, denn es kam zur Ehekrise und schließlich auch zur Ehescheidung. Er suchte nach Verbindendem mit Hank Williams, Ray Rogers und Charly Patton. Ergebnis seines Ausflugs in die Gefilde des Country waren die beiden Alben »John Wesley Harding« (1967), mit welchem Dylan den Grundstein für die »Country-Rock-Revolution« der späten 60er Jahre legte, und »Nashville Skyline« (1969), stilreiner Country, wobei dieses Album auch ein Duett mit der Country-Legende Johnny Cash enthält (»Girl from the North Country«). Doch auf Dauer hielt es Dylan nicht auf dem Land und so kehrte er ins Rampenlicht zurück und meldete sich nicht allein mit »Blond on the Tracks« (1975) zurück, dem wohl persönlichsten Album von den vielen seiner Karriere, sondern auch mit seinem kreativen Wanderzirkus der »Rolling Thunder Revue«. Seine Wendung zum Christentum soll eigens behandelt werden. Doch, ohne Übertreibung war diese religiöse Neuorientierung m.E. die größte und dauerhafteste Wandlung des sich so manches Mal wandelnden Dylan, was aber bei den vielfachen Beschäftigungen mit Dylan viel zu wenig Beachtung findet.

Dann kamen die 80er Jahre, die für die Vertreter der inzwischen vielfältig gewordenen Popmusik geradezu eine »Wasserscheide« bedeuteten. Diese waren langsam in die Jahre und vor allem in die Tretmühlen des Pop-Business gekommen; sie standen längst in der Gefahr, von Produzenten und Plattenbossen, Konzertagenturen und Eventmanagern vereinnahmt, vielleicht gar um des schnöden Gewinnes willen verheizt zu werden. So stellte sich denn auch für Dylan die existenzielle Frage, einfach in dieser unerbittlichen Rockstar-Mühle weiterzumachen oder sie hinter sich zu lassen. Dylan entschied sich dafür, aus dem Pop-Markt auszusteigen und nur noch Platten aufzunehmen, wenn er selbst Bedürfnis danach verspürte.

Unendliche künstlerische Katharsis

Damit wurde Dylan aber keineswegs untätig und tauchte auch nicht aus der Öffentlichkeit einfach weg – ganz im Gegenteil; mit der ihm eigenen unbändigen Energie ging er weiterhin ans Werk. Denn da ist zum einen seine von Fans sog. »Never-Ending-Tour«, die er damals begann und die bis heute anhält. Für Dylan bedeutet das, dass er Jahr für Jahr 100 oder mehr Konzerte über das gesamte Erdenrund verstreut gibt; begleitet wird er dabei von einer festen Begleitband. Diese »Never-Ending-Tour« bedeutet für Dylan gewissermaßen eine künstlerische Katharsis. Und man mag bei der doch recht gewaltigen Anzahl von Konzerten durchaus fragen, ob Dylan überhaupt noch Zeit und Kraft für anderes haben könne, da doch solch ein Maß an Konzerten große Anstrengungen bedeutet, schließlich kommen die damit verbundenen oft langen Reisen auch noch hinzu. Doch Dylan findet Zeit für anderes. Vor etlichen Jahren hat er mit Aquarell- und Acrylmalerei überrascht, die er beide erstmals in Deutschland in Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentierte, Bilder in einer naturalistischen Darstellung. Dazu hat der Ausnahmekünstler den ersten Band seiner Autobiographie unter dem Titel »Chronicals« veröffentlicht (2004). Die Anzahl der Alben, die er auf den Markt brachte, dürften allerdings rückläufig geworden sein. und doch meldet sich der Barde von Zeit zu Zeit mit einer in aller Regel recht gut gelungenen CD zu Wort und stellt damit klar, dass mit ihm weiterhin zu rechnen ist.

Mit seinem Ausstieg aus der Tretmühle des Pop-Betriebes war für ihn hinsichtlich der Alben-Produktion zunächst einmal für etliche Zeit Abstinenz angesagt. Zunächst veröffentlichte er lediglich zwei Alben obskurer Folk-Songs – nicht aus seiner Feder (was bei ihm ja selten vorkommt) – aus der Vorkriegszeit: »The Basement Tapes« und »Desire«. Dann war außer einem unplugged-Mitschnitt über Jahre hinweg nichts mehr von ihm zu hören. Erst 1997 machte er mit dem Album »Time out of Mind« in aller wünschenswerten Form deutlich, dass mit ihm trotz permanenter Konzerttour wieder zu rechnen sei. Diese Songs muten düster, visionär und meditativ an.

Katechismus der Gegenkultur

Brechen wir hier einmal ab, um später nochmals darauf zurückzukommen. Aber halten wir als eine Art Zwischenergebnis fest: Bob Dylan ist sowohl leistungs- als auch wandlungsfähig. Mit seinem grandiosen Song »Like a Rolling Stone«, aber doch auch noch mit anderen Songs, hat er in den 60er Jahren einen Katechismus der Gegenkultur geschaffen. Er gilt als der größte Songwriter, ein exzellenter Poet, der regelmäßig für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wird und den er – so mein Wunsch – auch noch erhalten möge. Ja, Dylan war in der Tat schon viel: Protestsänger der frühen 60er Jahre (der sich aber nie als Kommunist verstand), messianisch verehrte Stimme der Generation Rock (obwohl er beileibe keine Singstimme hat, wiewohl diese in den letzten Jahren sogar geschmeidiger geworden ist), dann aber auch der introvertierte Landmann (was der eher publikumsscheue Barde bis heute geblieben ist), ebenso christlicher Missionar und weiser Wanderer zwischen verschiedenen Welten und Gegenwelten. Wie passt all das zusammen? Was ist, wenn es denn einen solchen gibt, der »rote Faden«? Lediglich diesen kann ich darin erblicken, dass der Wandel die einzige Konstante in Dylans Werk ist.

III. Krisenhafte Erlebnisse – verfrühte Midlife-Crisis oder Andeutung einer »Lebenswende«?

Bereits in jungen Jahren hat Bob Dylan viel erreicht. Einige um die Welt gehende Songs, die das Zeug dazu haben, unsterblich zu werden, und die des Öfteren gecovert wurden, hatte er mit Anfang 20 bereits »geliefert«, vor allem den Song, der in so unnachahmlicher Weise das Lebensgefühl der 60er Jahre zum Ausdruck brachte: »Like a Rolling Stone« (August 1965): »Wie findest du das / so hilflos zu sein / keiner bringt dich heim / so anonym zu sein / wie ein rollender Stein«. Damals war Dylan 24. Er war bekannt, beachtet und geachtet. Er hatte Erfolg im Musikgeschäft. Aber durchaus auch persönlichen Misserfolg, den wohl aller Erfolg nicht aufwiegen konnte. In den Jahren nach dem »Rolling Stone« braute sich bei ihm so manches zusammen. Bereits im Jahr nach dem »Rolling Stone«-Triumph, also 1966, erlitt er einen schweren Motorradunfall. Zehn Jahre später folgten Ehekrise und Ehescheidung. Für Dylan war dies mehr als lediglich eine frühe Midlife-Crisis. Offenbar stellte dies seine ganze Existenz, selbst seine religiöse, in Frage. Liberales Judentum, dem er bislang zuzurechnen war, konnte da nicht mehr genügen. Auf existenzielle Fragen hatte dieses nicht die rechte Antwort. Ein neuer Wandel bei dem so wandelbaren, weil stets auf der Suche nach Neuem, bahnte sich bei Dylan an, die wohl tiefste Veränderung seines Lebens, da Religion die größte Tiefenveränderung in Seele und Geist beim Menschen auszulösen vermag.

Einen Hauch davon meint man bereits in dem so suchend klingenden, seltsamen und doch gerade so ergreifend schön produzierten Song »Knockin’ on Heaven’s Door« (Januar 1973, auf dem Soundtrack-Album »Pat Garret & Billy The Kid«) zu vernehmen. Ja, Dylans Leben mutet in diesen Jahren an, wie er dies in »Like a Rolling Stone« besingt. Doch 14 Jahre nach »Like a Rolling Stone« fand Bob Dylan, dessen Herz unruhig war (Augustinus), heim. Da gelangte er auch ans Ende eines langen und schwierigen Weges.

IV. »Extrem entschieden« – vom liberalen Juden zum evangelikalen Christen

1979 geschah es, in den Stunden nach einem Konzert Dylans. Ein Fan hatte ein Kreuz auf die Bühne geworfen. Der gefeierte Rock-Star nahm es mit sich auf sein Hotelzimmer. Da überfällt die eben noch frenetisch gefeierten Stars, wenn es ruhig geworden ist und sie von der Dunkelheit eingehüllt alleine sind, häufig ein Gefühl von Einsamkeit und Leere. So scheint es auch Dylan ergangen zu sein. Doch gerade beim Anblick dieses Kreuzes hatte er sein Bekehrungserlebnis. In Los Angeles schloss er sich einer charismatisch orientierten Vineyard-Gemeinde an. Er ließ sich im Schwimmbecken eines Privathauses taufen und absolvierte einen Bibelkurs. Allen Spekulationen bei seinen Fans über seine Bekehrung machte Dylan selbst dadurch ein Ende, dass er alles andere als ein kryptisches Christenleben führte, sondern dieses öffentlich zum Ausdruck brachte. Bei seinen Konzert-Tourneen ließ er sich von Pastoren begleiten und brachte seine christliche Überzeugung in drei Jahren auf drei Gospel-Alben zu Gehör. Geradezu wie eine Predigt hörte es sich an, was Dylan da sang. »Extrem entschieden« überschrieb denn auch Markus Spieker seine Hommage an Bob Dylan. Dylan war seelisch, geistig und vor allem geistlich sesshaft geworden. Alles Suchen hatte ein Ende; er hatte 1979 ein Zuhause gefunden. Das blieb nicht ohne Folgen. Diese Wandlung war von ganz anderem Gewicht als all die vorigen, »Neues war [ist] geworden« (2. Kor. 5,17).

V. Drei Jahre und drei Alben aussagekräftiger Gospelmusik

Auf seiner ersten Gospel-LP sang Dylan mit der Entschiedenheit eines Neubekehrten. Er spielte bei seinen Konzerten nicht das weltliche Repertoire oder nur noch verkürzt in einem Medley. So mancher Fan nahm ihm das übel und wandte sich von ihm ab. Doch andere blieben ihm treu. Die Produktionsfirma seiner Schallplatten, CBS, boykottierte seine gehaltvollen christlichen Songs, weil sie um ihr Geschäft fürchtete und lieferte die Platten ohne die sonst übliche Textbeilage, wobei sich zumindest die erste, »Slow Train Coming« (1979), gut verkaufte. Zur Begründung hieß es bei CBS: »Solche eindeutigen christlichen Texte können wir unmöglich veröffentlichen.« Doch Dylan ließ sich nicht von abwandernden Fans, nicht von abfälligen Kritiken anlässlich seiner Welttournee 1979 und nicht von unzufriedenen Plattenbossen (die doch vor allem auf das finanzielle Ergebnis achten) beirren. Bob Dylans neues Selbstbewusstsein setzte sich gegen alle nicht enden wollende, unsachliche und mitunter schroffe Kritik durch.

Mit Eifer, Mut und Ergebenheit, wie sie Neubekehrten so manches Mal eigen ist, sang er von Jesus, von Rettung, dem Jüngsten Gericht usw. Dylan wollte Jesus dienen, ungeachtet der Schockwellen, zu der Bekehrung und Nachfolge in Musikwelt und bei Fans führten. Salopp mit Markus Spieker ausgedrückt: Auf »Slow Train Coming«, seinem ersten Gospel-Album, »holte er den [bis dahin] schwersten Hammer raus« (S. 90). »Wenn ich etwas mache, mache ich es ganz«, erklärte Dylan in einem Interview. Wie entschieden er Jesus nachfolgen wollte, das zeigen seine Songs.

»Wenn ich etwas mache, mache ich es ganz«

Im ersten Song »Gotta Serve Somobody« des Albums »Slow Train Coming«, näselt Dylan in seiner typischen Weise: »Du kannst’n Rock’n’Roll-Süchtiger sein, der ’ne wilde Schau abzieht; du kannst jederzeit Drogen haben oder Frauen in ’nem Käfig / Du kannst ein Geschäftsmann sein oder ein Millionendieb / Sie können dich anreden mit Doktor oder Chef / Aber irgendwann musst du dienen, das steht fest / Irgendwann musst du dienen / Ob es nun der Teufel ist oder der liebe Gott / Aber irgendwem musst du dienen.« Solches waren Fans und Musikwelt von Dylan nicht gewohnt. Wenn sie sich unzufrieden und voller Kritik zeigten, dann nicht wegen der Musik. Diese war gut produziert und zudem wirkte Ausnahmegitarrist Mark Knopfler mit. Doch der Inhalt, diese Bekenntnislyrik wirkte verstörend. Soviel Entschiedenheit, geradezu ein Aufruf zur Entscheidung, das war dann doch nicht jedermanns Sache: »entweder man ist gläubig, oder ungläubig, es gibt keine Neutralität«, singt Dylan voller Entschiedenheit in seinem zweiten Song »Precious Angel«. »I Believe in You«, bekennt Dylan von sich im dritten Song und zwar in einem Tonfall tiefster Überzeugung, der den Hörer geradezu aufruft, dasselbe zu tun. »Halt mich von allem fern / Was die im Schilde führen / Ihr Hohn, der kümmert mich nicht / Nicht der kalte Regen im Gesicht / Ich weiß, ich halte stand / Denn ich glaube an dich.«

Ein Autor der »New York Times« stellte trefflich fest, was Dylan hier singe, widerspreche gängigem Rock’n’Roll-Schema: »Dylans Botschaft, verteilt über neun Songs, ist: Wenn du nicht an Jesus glaubst, bist du gegen ihn.« Gängige Rock’n’Roll-Botschaft war (und ist bis jetzt) eine andere. Aufrüttelnd ist Dylans fünftes Lied »Gonna Change My Way of Thinking«: »Wann wacht ihr endlich auf und macht euch stark für Werte von Beständigkeit? Falsche Philosophen haben euer ganzes Denken verseucht.« Prophetisch lässt sich der Titelsong, das vierte Lied der LP, an: »Es braut sich was zusammen, da kommt was auf uns zu.«

Gospel-Prediger mit eindeutig christlicher Botschaft

Fast noch entschiedener klingt es auf der zweiten LP der Gospel-Trilogie, die den bezeichnenden Titel »Saved« hat (1980) und viel geschmäht wurde, aber gerade in den schlichten Texten tiefe Wahrheiten verkündet. Im Titelsong bekennt er: »Ich bin erlöst durch das Blut des Lammes.« Dylans Rebellion gegen das Establishment und die durch dieses verursachte Ungerechtigkeit, Kriegstreiberei usw. war nun einer christlichen Überzeugung gewichen, sodass Dylan bei seinen Auftritten – sehr zur Verwunderung vieler Anhänger – als Evangeliumssänger, als Gospel-Prediger mit eindeutig christlicher Botschaft erscheinen musste.

Weiter heißt es in »Saved«: »Mit mir ging’s unweigerlich zu Ende / Durch seine Barmherzigkeit blieb ich verschont.« Im Lied »Solid Rock« heißt es: »Für mich wurde er gegeißelt, für mich wurde er gehasst«; im Song »In The Garden«: »Als sie ihn ergriffen im Garten, haben sie’s gewusst / wussten sie, das er der Sohn Gottes war, unser Herr?« Und in »Every Grain of Sand«: »In der Hitze des Augenblicks erkenne ich des Meisters Hand / In jedem zitternden Blatt, in jedem Körnchen Sand.« Sowohl beim zweiten wie beim dritten Album (»Shot of Love«, 1981) der Gospel-Trilogie gilt, dass die Musik ganz absichtlich reduziert ist und minimalistisch klingt, denn es ging Dylan um nur eines: die Botschaft von Jesus, von der so wenig als nur irgend möglich ablenken sollte.

In drei Jahren drei Platten, mit denen Dylan nicht allein religiöses, sondern eben auch sprachliches Neuland betrat. Doch nur zwei Jahre nach »Shot of Love« veröffentlichte er als nächstes Album »Infideles« (»Ungläubig«, 1983), auf welchem er sich mit dem 3. und 5. Buch Mose beschäftigte. Und schon begann man zu rätseln und zu raten, ob Dylan dem Christentum nach so kurzer Zeit bereits den Rücken zugekehrt und sich wiederum dem Judentum zugewandt habe wie schon der berühmte Vertreter der Zwölftonmusik Arnold Schönberg (1874-1951). Jedenfalls wird Dylan auf dem Platten-Cover als gerade in Jerusalem weilend dargestellt; im Hintergrund ist der Felsendom zu sehen, einst Bezirk des zweiten Tempels und heute Moschee. Die Bilder sind anscheinend am Rande der Bar-Mizwa-Feier seines Sohnes entstanden, was zeigt, dass der Sohn im Judentum verblieben ist. Aber kann man daraus schließen, wie dies der Theologe Knut Wenzel tut, Dylan sei die Hyper-Christlichkeit des pfingstkirchlichen Christentums dann doch zu eng geworden? Und selbst wenn dem so ist, wofür manches spricht, kann dann daraus einfach gefolgert werden, Dylan sei nach 1981 in eine postchristliche Phase eingetreten? Darauf ist zurückzukommen.

VI. Poet, Musiker, Kunstmaler

Allein die Zahlen sprechen für sich. Bis jetzt sind es etwa 50 Studio-Alben geworden, die Dylan in seinem nunmehr gut 50jährigen Künstlerdasein veröffentlich hat. Dabei reicht die Kreativität des Ausnahmekünstlers weit. Er ist ja nicht allein der Interpret, sondern vor allem der Songwriter im besten Sinne des Wortes, der von Anfang an bis heute vor allem als Poet überzeugte; als Poet mehr denn als Komponist, wiewohl er das Musikleben in ganz entscheidendem Maße mit prägte (»Erfinder« des Folk-Rock). Dennoch: Die musikalischen Fertigkeiten sind es nicht, die bei Bob Dylan aufhorchen lassen, sondern seine Texte, deren Inhalt und Sprache, die allerdings – trotz aller interpretatorischen Unzulänglichkeiten – überzeugend klingen, weil von einem selbst Überzeugten vorgetragen, was mehr ist als sämtliche Perfektion.

Bei der Betrachtung des unermüdlich und hart arbeitenden vielseitigen Künstlers ist wiederum seine »Never-Ending-Tour« zu nennen mit ihren gut 100 Konzerten pro Jahr, verteilt über die ganze Welt. In den Tourneepausen findet Dylan immer noch Zeit und Gelegenheit, an seinem Wohnsitz in Los Angeles an seinen umfangreichen Lebenserinnerungen zu schreiben, die unter dem Titel »Chronicals« stehen und deren erster Teil er 2004 abschloss, ein literarisches Meisterwerk (in deutscher Übersetzung unter demselben Titel 2008 erschienen).

Doch dann sollte sich Dylan noch einmal von einer ganz anderen Seite künstlerischen Schaffens zeigen: 2007 präsentierte er den Kunstsammlungen Chemnitz eine Anzahl von Aquarellen seiner »Drawn Blank Series«, womit er zum ersten Mal als bildender Künstler in die Öffentlichkeit trat. Für Dylan stellte die Malerei keineswegs einen ganz neuen Aspekt seines künstlerischen Strebens dar; denn er malte bereits seit Jahren parallel zu seiner musikalischen Karriere. Da er dies jedoch für sich behielt, wussten vor der Ausstellung nur wenige davon, welch genialer Meister des Pinsels (und des Stiftes) Dylan ist. 1978 hat er bereits erklärt: »Ich habe immer gemalt. Auf die eine oder andere Weise habe ich die Malerei immer verfolgt.« So gibt es von ihm das Buch »Writings und Drawings« (1973; dt.: »Texte und Zeichnungen«, 1975) mit mehreren Skizzen von ihm; auch davor hat er bereits Bilder gemalt, die als Cover für drei Alben verwendet wurden, was aber offensichtlich in der Öffentlichkeit keine weitere Beachtung fand.

Die Chemnitzer Ausstellung wurde mit großem Interesse wahrgenommen, sodass im Jahr darauf (2008) Bilder derselben Aquarellserie in einer Londoner Galerie ausgestellt wurden. Dann jedoch betrachtete er die »Drawn Blank Series« als abgeschlossen und wandte sich einer neuen Technik zu: Acryl auf Leinwand. Im Laufe des Jahres 2009 und zu Beginn des folgende Jahres schuf Dylan in einem wahren Schaffensrausch eine Serie von fast 50 Bildern, inhaltlich dadurch verbunden, dass sie verschiedene brasilianische Motive enthalten, was auch zum Titel »The Brazil Series« führte. Die Ausstellung wurde in Kopenhagen gezeigt. Obwohl es sich m.E. um großartige naturalistische Bilder in einem am ehesten spätromantisch-impressionistischen Stil handelt, fielen die Kritiken teilweise recht ablehnend aus. Jedenfalls boten die Ausstellungen der beiden Serien zum ersten Mal einem breiten Publikum die Möglichkeit, einen Eindruck von Dylans Werk als bildender Künstler zu bekommen, was auch zahlreich angenommen wurde.

VII. Der »Wandlungskünstler«

Die kurze Darstellung dessen, was Dylan in all den Jahren er- und gearbeitet hat, zeigt, welch ungeheure Inspiration, Energie und Schaffenskraft diesem Mann innewohnt. Dass ein solches Leben kaum glatt verlaufen kann, sondern fast zwangsläufig Wandlungen, nicht allein Metamorphosen, sondern auch Brüche und Neuaufbrüche aufweisen muss, ist m.E. nicht überraschend, sondern versteht sich beinahe von selbst. In allen »Wandlungen« vermag ich keineswegs Charakterschwäche zu erkennen, sondern viel eher die Stärke eines künstlerisch vielfältig ausgestatteten Genies, das beständig in ganz verschiedenen Richtungen auf der Suche nach neuen Möglichkeiten der Darstellung seiner Inspiration ist: Poesie (inzwischen auch »Prosa«, vgl. »Chronicals«), Musik, Malerei; und mit Filmen hat sich Dylan auch schon befasst. Als Christ freut mich der m.E. am tiefsten greifende Wandel seines Lebens: sein Glaube an Jesus, den Christus und Messias, und dessen Nachfolge. Ich betrachte diese Konversion vom Judentum zum Christentum nicht nur als eine der »Häutungen« in Dylans Leben oder als Durchgangsstation, auch nicht als Endstation, wie dies so mancher tut. Nein, Dylan traue ich in dieser Beziehung mehr Beständigkeit, Glaubens- und Charakterstärke zu (»was ich mache, mache ich ganz«).

VIII. Der vielfach und hoch Geehrte

Nicht immer wird dem, dem Ehre gebührt, auch solche zuteil. Bob Dylan musste lange auf seine erste bedeutsame Auszeichnung warten: Für »Slow Train Coming« erhielt er seinen ersten Grammy (Kategorie »Beste männliche Rock-Performance«). Damals war Dylan schon um die 20 Jahre im »Geschäft«. Was langsam begann, das hat in den letzten Jahren allerdings beträchtlich an Fahrt gewonnen. Seine CD »Time Out of Mind«, die Dylan nach sieben Jahren Pause 1997 herausgab, »brachte ihn als Plattenkünstler zurück und etablierte ihn als großen Weisen des Post-Pop. Es war der Auftakt für sein einzigartiges, Grammy- und Charts-gekröntes Spätwerk« (Ernst Hofacker). Vier Jahre später (2001) erschien »Love and Theft«, Dylans erste US-Nr. 1 in den Charts seit »Desire« drei Jahrzehnte zuvor. Für »Modern Times« (2006), »entspannter Swing … Gleichermaßen elektrisiert wie elektrisierend« (Ernst Hofacker), erhielt Dylan zwei Grammys in den Kategorien »Bestes zeitgenössisches Folk-Album« und »Bester Solo-Rock-Sänger« für den auf der CD befindlichen Song »Baby«. Wiederum drei Jahre später erschien von Dylan das Album »Togehter throug Life« (2009), feine Liebeslyrik mit musikalischen Anleihen und Ausflügen in südafrikanische Gefilde (in dieser Zeit hatte Dylan bezeichnenderweise auch seine Acryl-Serie »The Brazil Series« gemalt). Die Reaktionen darauf reichten von Zustimmung bis Ablehnung.

Seitdem hat sich eine wahre Dylan-Renaissance eingestellt. Teilweise trieb diese erstaunliche Blüten, etwa im gut gemeinten Filmdokument »No Direction Home«, in welchem Martin Scorsese die frühen Jahre des Songwriters behandelt. Doch es gab und gibt weitaus ernster zu nehmende Ehrungen: Im Jahr 2008 erhielt Dylan den renommierten Pulitzer-Preis. Vor einigen Jahren wurde ihm in der Kategorie »Kunst« der hoch dotierte Prinz von Asturien-Preis zuerkannt, der als der »spanische Nobelpreis« gilt; dabei hatte Dylan mit dem Hollywoodschauspieler, Regisseur und Produzenten Clint Eastwood einen wahrlich starken Konkurrenten. Inzwischen ist Dylan zweifacher Ehren-Doktor, u.a. an der Universität von Aberdeen.

Nach einer inzwischen gut 50 Jahre währenden Künstlerkarriere ist Dylan erfolgreicher denn jemals zuvor. Aber er bleibt, auch nach und trotz seiner Autobiographie »Chronicals« nicht so recht fassbar. Bei Dylan verhält es sich so, dass die reale Gestalt hinter Mythen, Anekdoten und Legenden, durchsetzt mit Fakten – manches Mal kaum zu unterscheiden – verschwindet. Nicht verschwinden werden wohl seine (immer wieder auch gecoverten) Songs; da hat so mancher bleibenden Wert und überdauert aller Wahrscheinlichkeit nach Jahrzehnte.

IX. Was bleibt? Postchristliche Phase? Christ oder bereits Apostat?

Nachdem Dylan mit seiner Platte »Infidels« (»Ungläubig«, 1983), die seiner Gospel-Trilogie folgte, seinen eindeutigen Bekenntnis-Rock der Jahre zuvor vermissen ließ, fragte sich so mancher, ob Dylan bereits wieder dem christlichen Glauben den Abschied gegeben habe und zum Judentum zurückgekehrt sei (der Verdacht wurde bereits im Frühjahr 1982 geäußert). Er legte sich nicht mehr fest und blieb im Ungefähren: »Ich habe nie gesagt, dass ich wiedergeboren bin.« »Das ist eine Etikette. Ich war nie Agnostiker gewesen, ich habe immer an eine höhere Macht geglaubt, dass es eine Macht gibt, die noch kommt und die realer ist als diese hier. Dass keine Seele stirbt, dass jede Seele auch nach dem Tode weiter existiert.« Aber er sprach auch davon, dass er AT und NT für wörtlich halte, was doch nahe legt, er setze eine Verbalinspiration der Bibel voraus.

»Jesus selbst hat auch nur drei Jahre gepredigt«

Gegenüber der »Los Angeles Times« soll er Ende 1983 erklärt haben, er wolle nicht mehr für den christlichen Glauben einladen. Seine Begründung lautete: »Jesus selbst hat auch nur drei Jahre gepredigt.« Er war jedoch davon überzeugt, den Leuten gesagt zu haben, »wie sie ihre Seelen retten können«. Mögen damit auch Dylans christliche Songs zu Ende gekommen sein, so muss damit ja sein christlicher Glaube nicht zu Ende gegangen sein.

Dass Dylan allerdings im Ungefähren blieb, zeigt ein umfangreiches Interview, das er im Juni 1984 dem Musikmagazin »Rolling Stone« gab. Auf dessen Frage: »Die Leute haben dir in den vergangenen Jahren verschiedene Etiketten angehängt: ›Er ist ein wiedergeborener Christ.‹ ›Er ist ein ultraorthodoxer Jude.‹ Sind irgendwelche von diesen Bezeichnungen richtig?« antwortete der Songwriter: »Eigentlich nicht. Die Leute nennen mich mal so, mal so. Aber ich kann nichts weiter dazu sagen, denn das sieht so aus, als müsste ich mich verteidigen, und weißt du, was soll’s eigentlich?« Weiter fragte der Reporter: »Aber waren nicht drei deiner Alben – ›Slow Train Coming‹, ›Saved‹ und ›ShotOf Love‹ – von einer Art religiösen Wiedergeburtserlebnis inspiriert?« Antwort: »Ich würde das niemals so nennen. Ich habe nie gesagt ›Ich bin wiedergeboren‹. Das ist ein Begriff, den die Medien gewählt haben. Ich war nie Agnostiker. … Ich wusste, dass dies hier nicht die wirkliche Welt ist. … Jede Seele lebt, entweder in Heiligkeit oder in Flammen. Und wahrscheinlich gibt es viel dazwischen«. Weiter wurde er gefragt: »Kannst du mit einem orthodoxen Juden etwas Gemeinsames finden?« Dylans dazu: »Yeah, yeah«. – »Und mit Christen?« – »Oh, yeah. Yeah, mit jedem.« Worauf der »Rolling Stone« feststellte: »Hört sich ja an wie eine Synthese.« Wurde Dylan deswegen verunsichert? Seine Antwort könnte dies nahe legen: »Well, no. Wenn ich dächte, die Welt würde eine neue Religion brauchen, würde ich eine gründen. Aber es gibt noch eine Menge anderer Religionen. Zum Beispiel diese indischen Religionen, die östlichen Religionen, Buddhismus, weißt du. Sie sind auch noch da.« Das klingt relativistisch. Von einem Bekenntnischristentum, wie Dylan dies nur zwei, höchstens drei Jahre zuvor noch geradezu offensiv vertreten hatte, scheint nichts mehr übrig.

»Is he or isn’t he?«

So mancher meint, die persönliche Glaubensposition Dylans sei ungelöst. Der Herausgeber von »Christian Contemporary Music« (CCM), der bekanntesten christlichen Musikzeitschrift der USA fragte bereits im Mai 1982: »Bob Dylan: Is he or isn’t he? Only God knows for sure«. Ich bin der Überzeugung, dass man näher an Dylan herankommt, wenn man auch auf die leisen Töne und Zwischentöne hört.

Zum einen hat Dylan 1996 auf die Frage, worauf er sich denn besonders freue, geantwortet: »Erlösung. Ganz einfach Erlösung.« Zum andern: Im Jahr 1997 feierte Dylan mit seinem Album »Time out of Mind« nach einer Reihe durchschnittlicher Alben ein Comeback. »Wenn du glaubst, alles verloren zu haben, so merkst du auf einmal, dass man immer noch etwas verlieren kann.« War Dylan damit endgültig vom »rechten Weg« abgekommen? So verstanden ihn manche – und missverstanden ihn auch. Denn im Gespräch mit einem Reporter des »Rolling Stone« räumte er dies Missverständnis aus: »Man hört viel von Gott in diesen Tagen. Gott der Allmächtige, Gott der Gnädige, Gott der Größte, Gott der Lebensspender. Aber wenn es eins gibt, das wir über Gott wissen, dann ist es: Gott ist eigenmächtig, er macht, was er will. Die Leute sollen lernen, damit fertig zu werden.«

Gott den Allmächtigen, der für ihn auch der persönliche ist, setzt Dylan damit voraus; und ich wage zu sagen: damit auch den liebenden Vater, der in Jesus Christus Mensch und Bruder geworden ist, ohne aufzuhören, ganz Gott zu sein; ich wage dies zu schreiben, selbst wenn er auf die Nachfrage, was er damit genau meine, lediglich antwortete: »Ich bin kein Lehrer oder Erklärer« und damit eine gewisse Unsicherheit zum Ausdruck brachte. Aber oft ist es auch gut, nicht alles wissen zu wollen; zu viele solcher Alles- und Besserwisser gibt es bereits; weniger ist oft ehrlicher.

Undogmatischer Christ?

Freilich, ein »charismatisches Er­weckungs­chris­ten­tum«, wie es in der Vineyard-Gemeinde vertreten wurde, musste für einen Intellektuellen auf die Länge der Zeit dann doch zu dürftig erscheinen. So trieb es ihn darüber hinaus auf das Feld einer universalen Ausdruckssprache. Damit wurde er ganz frei und ausdrucksstark, etwa in der ersten Hälfte der 90er Jahre mit den Alben »Good As I Been to You« (1992) und »World Gone Wrong« (1993). Religionsautoritäten spielten keine Rolle mehr, auch konfessionelle Bindungen nicht, was in Amerika aber noch keinen Seltenheitswert besitzt. In einem Interview mit »Newsweek« gab er zu verstehen, dass er all die Rabbis, Prediger, Evangelisten usw. hinter sich gelassen habe. Aber er beanspruchte den Song von Hank Williams »I Saw the Light« als genuine Ausdrucksform seines Glaubens. Christus hat er damit gerade nicht aufgegeben, sondern sich lediglich von religiösen Autoritäten und Institutionen losgerissen. Er versteht sich weiterhin als Christ, woran sich m.W. bis heute nichts geändert hat. Ihm den Glauben an Jesus abzusprechen, besteht m.E. nicht der geringste Anlass, wiewohl es mir als einem durchaus missionarisch eingestellten Christen doch wesentlich lieber wäre, Dylan verträte sein Christsein weiterhin offensiver. Dass Dylan sein Christsein in aller Freiheit gestaltet, mag auch daraus erhellen, dass er im Jahr nach dem »Newsweek«-Interview beim Eucharistischen Weltkongress vor Papst Johannes Paul II. sang, als souveränes Subjekt, aber doch als überzeugter Christ, wiewohl mir bewusst ist, dass es Einladungen gibt, die nur schwer abgelehnt werden können – und eine durch den Papst gehört dazu.

Der »kein bisschen exzentrisch[e]« (Dave Stewart) Bob Dylan (ist m.E. auch nicht der Wegbereiter eines Postmodernismus, zumindest dann nicht, wenn unter Postmodernismus völlige Beliebigkeit und Relativität verstanden werden im Sinne eines »anything goes« (Paul Feyerabend). Apostat – um diesen Begriff aufzunehmen – ist Dylan nach alledem, was ich von ihm weiß und wie ich ihn charakterlich einschätze, jedenfalls nicht, hatte er doch im Anschluss an sein Bekehrungserlebnis und der Entscheidung, in die Nachfolge Jesu zu treten, in einem Interview erklärt: »Wenn ich etwas mache, mache ich es ganz.« Lediglich eine Phase ist sein Christenleben nicht; dieses hält an.

Über den Autor

Pfarrer i.R. Walter Rominger, Jahrgang 1957, ab 1979 Studium der evang. Theologie in Tübingen, 1985 1. Examen, 1988 2. Examen 1988, danach im württ. Kirchendienst, seit etlichen Jahren hauptsächlich publizistisch tätig.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2013

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