Sünde, Schuld, Opfer und Liebe im Werk von Claudia Schreiber
Von zerbrechlicher Liebe und der Fülle des Lebens trotz allem (II)

Von: Heike Springhart
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Claudia Schreiber entfaltet in ihren Romanen »Emmas Glück«, »Ihr ständiger Begleiter« und »Süß wie Schattenmorellen« ihre ganz eigene Form von Alltagstheologie. Im Anschluss an Heike Springharts Überlegungen zu Geburt und Tod in DPfBl 8/2012 geht es in diesem Beitrag um die Fragen von Sünde, Schuld und Scham auf der einen Seite und um Liebe und Opfer auf der anderen.

Schuld und Sünde: »Dollarzigarren aus deutschen Würsten«

Bei der Auseinandersetzung mit Emmas Sterbehilfe an Max ist deutlich geworden: Was schuldhaftes Verhalten ist und was nicht, mag juristisch klar zu beantworten sein, theologisch ist es nicht immer so eindeutig. Theologisch muss man sogar noch einen Schritt weiter gehen und die Unausweichlichkeit der Schuld feststellen. Wenn das geschieht, ist von Sünde die Rede. Sünde und Schuld haben es nicht selten mit Dilemmata und Verstrickungen zu tun. Entgegen einer reduktionistischen Identifizierung von Sünde mit Moral ist an den ausdifferenzierten Begriff von Sünde zu erinnern, der Sünde auf die kategorische und strukturelle Verstrickung des Menschen in sich selbst weist, die sowohl schuldhafte als auch unausweichliche Dimensionen hat.

Aus theologischer Sicht ist zentral, was sich durch die Bücher von Claudia Schreiber im Zusammenhang mit der Frage von Schuld und Sünde zieht: beide sind nicht zu moralisieren. Sünde, Schuld und Moral sind nicht einfach gleichzusetzen.

Das Geld, das der todkranke Max aus der Autohausschatulle gestohlen hat und das er zunächst im Auto verbrannt wähnt, erreicht am Ende auf wundersame Weise doch noch Weißrussland: »Wie jedes Jahr zu Weihnachten organisierten Karl und seine Freiwillige Feuerwehr eine Hilfslieferung nach Weißrussland. Emmas Kittel und ihre alte Wäsche, die letzten Würste und Schinken gingen mit. […] Und so kam es, dass bei so mancher weißrussischer Familie beim Aufschneiden der deutschen Wurst die Dollarzigarren auf den Gabentisch fielen. Was für ein Staunen, Feiern, Jubeln! Das Geld ging dorthin zurück, woher es gekommen war, nur in bedürftigere Hände. In vielen weißrussischen Wohnzimmern trank man auf den edlen Spender und wünschte ihm ein langes und gesundes Leben.«1

Schuldbekenntnisse und Schuldgefühle: »Er machte Striche in sein Buch für alle geretteten Seelen.«

Wo wirklich Schuld im Spiel ist, spielt meist auch Scham eine Rolle. Deswegen braucht ein echtes Schuldbekenntnis einen angemessenen Ort. Solche Orte und Rahmen bieten die Seelsorge und der Gottesdienst, in deren Rahmen das Schuldbekenntnis unter den Bedingungen Platz hat, dass Schuld unter den vergebenden Augen Gottes bekannt wird. Daran wird deutlich, dass es nicht um Bloßstellung und Beschämung geht, sondern um befreiendes Aussprechen dessen, was wir uns haben zuschulden kommen lassen und was uns auf der Seele liegt. Im Roman »Ihr ständiger Begleiter« schildert Schreiber eine ganz andere Praxis von Schuldbekenntnissen. Im Rahmen der strengen Gemeinde, die der Überzeugung war, dass in jedem Gottesdienst wenigstens einer aus der Gemeinde seine Schuld bekennen musste, erfüllt ein polnischer Melker diese Funktion. Auf seine regelmäßigen Schuldbekenntnisse ist Verlass: »Der Vater hielt eine strenge Predigt. Johanna bereute alles, aber leise. Der polnische Melker dagegen bereute alles sehr laut und vor allen Leuten. Er brach jedes Mal in Tränen aus, trat vor die Gemeinde und bekannte seine Schuld der letzten Woche. Das war immer genauso interessant, wie sich im Mutterland miteinander zu unterhalten. Der Vater legte ihm die Hand auf den Kopf und segnete ihn. Danach war der polnische Melker wieder einmal gerettet und wie neu geboren. Einer musste sich so laut und sichtbar bekehren lassen, sonst war der Vater enttäuscht. Er machte Striche in sein Buch für alle Seelen, die er gerettet hatte. Je mehr Striche, desto sicherer konnte er sein, dass Gott ihn liebte.«2

Hier wird das intime und persönliche Schuldbekenntnis zu einer öffentlichen Bloßstellung des polnischen Melkers, die überdies instrumentalisiert wird als Ausweis des »geistlichen Erfolgs« des Predigers. Dieser und die Gemeinschaft, in der dieses Schuldbekenntnis angesiedelt ist, sind dabei jedoch selbst aufs tiefste in sich und ihren Ehrgeiz verstrickt und verlieren jeden Blick für das Wohl und die Grenzen des Nächsten. M.a.W.: der Prediger ist getrieben von Hochmut, hybris, also: Sünde.

Entgegen einer populären Gleichsetzung von Sünde und Moral, meist Sexualmoral, wie sie im Ringen Johannas um ihre Leidenschaft für Rob und das »Pass auf, kleine Hand  …«-Lied3 zum Ausdruck kommt, schärft ein differenzierter Sündenbegriff den Blick für die Verwerfungen des Lebens, die eher auf die fragmentarischen Grundstrukturen und die Unausweichlichkeit der Schuld, gelegentlich auch auf die strukturellen Dimensionen von Sünde weisen. In der Dogmatik wird Sünde neben Begierde (concupiscentia – damit ist mehr als Sexualität gemeint!) auch als Hochmut und Anmaßung (hybris) und als Verkrümmtsein in sich selbst (incurvatio in seipsum) bezeichnet. Die Sünde beherrscht also den Menschen nicht unbedingt da, wo gängige Moral eine Grenze zu ziehen meint, sondern da, wo einer nichts sieht als sich selbst und sich selbst als das grenzenlose Maß aller Dinge und Urteile sieht. Dazu gehört auch die vorschnelle Vereinnahmung Gottes. In »Ihr ständiger Begleiter« zeichnet Schreiber das Bild Gottes, der mit der Beziehung zu den Menschen ringt wie diese selbst: »Er: Und wer hat erlaubt, dass mich alle Welt duzen darf? Hab ich jemandem mein Du angeboten? Hab ich nicht! Und dann dieser Vorname, lieber! Lieber Gott, immer lieber. Wie ein Kind. Liebes Kind, lieber Gott. Dann, wie nennen sie mich noch? Mein Vater! Das auch noch. Hab ich meine Vaterschaft bei jedem akzeptiert? Ich werde Tests machen lassen und sie dem ein oder andern vorlegen, diesen Kuckuckskindern, die ich da mitversorgen muss! Das lehne ich in Zukunft ab, das mache ich nicht mehr mit.«4

Besonders deutlich wird die Verkehrung zur Selbstherrlichkeit in der Szene, in der Johanna vor der Gemeinde über ihre Beziehung zu Rob befragt wird. Bis in jedes Detail kriecht die Versammlung verbal unter ihre Bettdecke, beschämt Johanna dabei unendlich und als Johanna am Ende mit ihrer detaillierten Beschreibung ist, wird das Ausmaß deutlich, in dem sich die Versammlung an dem Berichteten ergötzt: »Der Atem der Brüder und Schwestern wurde schwerer. Eine Woge süßlichen Schweißes quoll aus den Poren aller Zuhörer und erfüllte die Kapelle wie katholischer Weihrauch, Begierde strömte durch den Raum wie sonst die Bitternis.«5 Nicht nur die Selbstgerechtigkeit, mit der die Versammlung den moralischen Stab über Johanna bricht, die nichts Verwerfliches getan hat, sondern auch die wolllüsterne Begierde, die sich darin äußert und die Johanna instrumentalisiert, können als Ausdruck der Sünde verstanden werden.

Die Verstrickung und das Dilemma der Schuld wird insbesondere an der kurzen Sequenz deutlich, in der die Schuldgefühle zum Ausdruck kommen, die den Vater von Johanna quälen: »Ich habe drei Jahre neben ihm diesen Krieg ausgehalten. Drei Jahre auf Gedeih und Verderb, dann war mein Kamerad tot. Nicht ich, sondern er, der Bessere von uns beiden. Ich habe seine Hand gehalten.«6 Seine Lebensgeschichte hat diesen Mann hart und fanatisch gemacht. Aber er ist selbst unfähig, mit seinen Schuldgefühlen produktiv umzugehen, geschweige denn zu unterscheiden, worin seine Schuld besteht und worin gerade nicht. Stattdessen überträgt er all seine Schuldgefühle auf die ihm anvertraute Gemeinde – und bleibt genauso beständig getrieben von der Verkrümmung in sich selbst.

Scham: »Gott konnte alles, nur nicht weggucken.«

Es ist schon deutlich geworden, dass mit Sünde und Schuld auch das Thema der Scham verknüpft ist. Scham weist auf die verletzliche und zerbrechliche Dimension des Menschseins, das in der Rede von Sünde auch – und jenseits eines moralischen Verständnisses – impliziert ist. Diese Dimension kommt in »Emmas Glück« deutlich zur Sprache: »Im Garten spannte Emma die Wäscheleine und hängte Laken neben Laken. Es war früher Abend, aber noch heiß, zu heiß für einen Kittel und einen Unterrock. Geschützt hinter den großen Wäschestücken zog sie den hässlichen bunten Kittel wieder aus […] So fand Max Emma. […] Sie schaute an sich herunter, schämte sich. Jetzt stand er hinter der Wäsche, die sie eben aufgehängt hatte.« Und ihr fallen alte Worte ein, die sich offenbar tief in ihre Seele gebrannt haben und die immer wieder kommen: »Fall nicht in die Arme eines andern, er lässt dich fallen, dich Arme.«7 Angesichts der liebenden Augen von Max fasst Emma Mut, die schützende Kittelschürze gegen den transparenteren Leinenrock zu tauschen und schämt sich doch plötzlich. Ihre Angst bleibt, ob er das, was er da so ungeschützt sieht, ausnutzen wird. Zu Unrecht.

Anders die Erfahrung, die Johanna mit ihrem »ständigen Begleiter« macht – und die etwas mit der Frage nach dem Angesehen- und Gesehen-Werden zu tun haben: »Johanna wollte aufs Klo. Jesus wollte mit. Natürlich ging das nicht, also wartete er vor der Tür. Aber Gott sieht alles. Es nützte Johanna nichts, die Tür abzuschließen, niemand konnte sich vor Ihm verbergen. Sie hob ihren Rock, zog die Unterhose runter und setzte sich auf den Klodeckel. Saß da, wartete und konnte nicht. Schaute hoch, an die Decke, Er war da. ›Könntest Du Dich bitte mal umdrehen?‹ bat Johanna. Gott konnte alles, nur nicht weggucken. Von Weggehen gar keine Rede, wo sollte Er denn auch hingehen, Er war ja überall.«8

Durch die Romane »Emmas Glück«, »Ihr ständiger Begleiter« und »Süß wie Schattenmorellen« mit den Geschichten um Emma, Paula und Johanna zieht sich das Motiv des Gesehen-Werdens, Angesehen-Werdens und der damit verbundenen Grenze, überwacht zu werden.

Johanna hat es mit den bedrohlichen und einengenden Dimensionen zu tun. Sie hat es mit dem ständigen Begleiter zu tun, der sie nicht einmal auf der Toilette aus den Augen lässt. Der Druck und die Drohungen, die der Vater dem Mädchen immer wieder mit auf den Weg gibt, haben in diesem Gottesbild ihren Anhalt. Es sind die gestrengen Vateraugen, unter denen niemand bestehen kann und unter denen erst recht kein Raum ist, sich selbst, das Leben und die Liebe spielerisch zu entdecken. Ihm kann man nicht entfliehen. Wo sie es trotzig oder mutig versucht und in den Armen von Rob landet, folgt die Strafe auf den Fuß: »Er hatte wahrhaftig dabei zugesehen. Johanna sah, dass Ihm Tränen über die Wangen liefen, so weh tat Ihm ihre Lust. Johanna war zu weit gegangen, sie selbst war berauscht davon, endlich einmal. […] Am Morgen danach war Er verschwunden. Brennender Schmerz hatte sie geweckt: überall dort, wo sie an Robs Körper gelegen hatte, war ihre Haut tiefrot geschwollen und wund – als habe sie sich verbrannt. Er [der ständige Begleiter, H.S.] konnte auch anders.«9

Gottes Mitleiden: »Die alte Leier. Dir liegt was auf den Schultern.«

Mit moderner Technik und in elterlicher Überfürsorge erlebt das ganz ähnlich Paula: »Zuletzt hatten [die Eltern] der Heranwachsenden eine Minisonde unter die Haut gesetzt, nicht größer als ein Fingernagel, ein digitaler Aufpasser […]. ›Ein kleiner Piks zu ihrem eigenen Wohl, mehr nicht. Mithilfe des Senders kann man Paula orten.‹ […] ›Nie und nimmer hat Paula den selbst entfernt‹, war sich die Mutter sicher, ›sie ist viel zu empfindlich, ja wehleidig geradezu.‹ ›Vielleicht hat Ihre Überwachung noch mehr geschmerzt.‹, gab die Polizistin zu bedenken. Das war der Moment, in dem die Eltern ihren Umzug nach Dresden bedauerten. Sie hatten bereits vermutet, dass die Ostdeutschen kein ungezwungenes Verhältnis zu Überwachungsmaßnahmen hatten.«10 Paula entzieht sich durch die schmerzhafte Entfernung des Chips und die Flucht zu dem Unbekannten und ins Unbekannte der überwachenden Überfürsorge durch die Eltern und lernt die Freiheit kennen, die mit Verantwortung verbunden ist. Und Johanna entwickelt im Lauf ihres Lebens, nach vielem Ringen mit und gegen diesen Überwachergott ein ganz neues, geradezu inniges und erotisches Verhältnis zu Gott, in dem auch etwas von dessen Bedürftigkeit deutlich wird. Im Roman lässt er sich von Johanna massieren und klagt ihr dabei sein Leid mit dieser Welt und seiner Schöpfung:

»Er: Mir tut der Rücken so weh, das kannst du dir nicht vorstellen.

Johanna: Tja, die alte Leier. Dir liegt was auf den Schultern.

Er: Das geht schon eine Weile so, langsam werde ich zu alt dafür. Und was es alles gibt! Geilheit in Gotteshäusern und Stoßgebete im Bordell. Modefürsten, Mottenkugeln, Betonhöhlen, Ehebrüche, Lazarette. Blasenentzündung, Kindergartenplätze, Arbeitslosigkeit, zu viel Regen, zu viel Sonne, die Weltbank, der Klimawechsel. Oh, da tut’s mir besonders weh.«11

Dahinter verbirgt sich ein aufregender theologischer Gedanke: dass Gott nicht als der entfernte Allmächtige und Apathische (wie es die Protestantische Orthodoxie formulierte) erhaben über der Welt schwebt, sondern dass er an dieser Welt mitleidet und sich von ihr affizieren lässt. In der Theologie des 20. Jh., die immer auch eine Theologie nach Auschwitz ist, hat dieser Gedanke immer mehr Platz eingenommen. Theologinnen und Theologen wie Dorothee Sölle und Jürgen Moltmann12 haben den Gedanken des gekreuzigten Gottes formuliert, der sich in seiner Geschichte an diese Welt riskiert, ihr zum Opfer fällt und den Menschen auf diese Weise unendlich nah kommt und sie so zugleich aus ihren gottlosen Bindungen befreit.13

In der Bibel hat die Vorstellung von der Wandelbarkeit Gottes schon in der Urgeschichte ihren Platz, wo am Ende der Sintflutgeschichte die Rede von der Reue Gottes zu finden ist. Nachdem Gott zuerst als Reaktion auf die »Bosheit unter den Menschen« die Sintflut kommen ließ und Noah nebst Frau und Arche als einzigen Gerechten retten wollte, verspricht er am Ende, die Erde nie mehr zu zerstören. Aber nicht etwa, weil sich die Welt und die Menschen aufgrund einer läuternden Katastrophe gebessert hätten – sondern, weil er erkennt: »Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.« (Gen. 8,21f)

Opfer: »Ich habe schon damals, seit der Sache mit Abraham, meine Meinung geändert.«

Johanna entdeckt im Laufe ihres Lebens diesen Gott, der einen realistischen, aber eben auch einen gnädigen Blick auf diese Welt und seine Schöpfung hat und der seine ganz eigene Lebens- und Liebesgeschichte mit dieser Welt hat. Und Paula gebiert aus dem leidenschaftlichen Chaos einer lustvollen Nacht neues Leben, mit dem sie ringt und von dem sie überfordert ist.

Eng damit verbunden ist die Geschichte von der Bindung Isaaks (Gen. 22), die sich wie ein roter Faden motivisch durch »Ihr ständiger Begleiter« zieht. Johanna, ihr Vater, die Brüder – ob auf der Straße beim Quietschen der LKW-Reifen oder auf dem Schlittenberg – sie fragen sich: Wer muss geopfert werden? Welche Opfer braucht Gott? Am Ende dieses Ringens am und auf dem Berg steht die erlösende Lösung, die sich auch im biblischen Original findet: Gott will und braucht keine Opfer. Am Ende erklärt er es in einem letzten leidenschaftlichen Dialog der erwachsen gewordenen Johanna:

»Johanna: Wie soll das denn hier ausgehen? Wenn ich dir meinen Ben zu opfern bereit bin? Kann ich mich darauf verlassen, dass du dazwischen gehst?

Er: Du verstehst das falsch, diese Geschichte mit Abraham und seinem Sohn.

Johanna: Oder ich opfere mich für ihn!

Er: Hör mir doch bitte einmal zu: Abraham glaubte damals, ich wolle ein Opfer! Weil das vorher immer so war: Opfer bringen, um die Gewalten des Himmels zu besänftigen. Ich habe schon damals, seit der Sache mit Abraham, meine Meinung geändert.

Johanna: Du hast deine Meinung geändert?

Er: Aber ja, warum nicht? Ich will schon lange keine Opfer mehr, ich brauche sie nicht. Ich muss nicht besänftigt werden.

Johanna: Du willst das Opfer nicht?

Er: Nein!

Johanna: Und was war mit Jesus? Geopfert am Kreuz, gestorben für unsere Schuld?

Er: Ich wiederhole mich: ich nehme seit Abraham keine Opfer mehr an, sie machen nicht heil. Mir tut es leid, was meinem Sohn geschehen ist. Aber ich habe ihn nicht ans Messer geliefert, wer bin ich denn!«14

In der Theologie flammen die Debatten um den sog. Sühnopfertod Jesu immer wieder auf. Die Kritik an einer auf den Satisfaktionsgedanken Anselm von Canterburys reduzierten Sühnopfervorstellung hat zu einer theologisch breit geführten Diskussion, insbesondere zu einer Neubestimmung des Opferbegriffs geführt.15 Ein zentraler Gedanke und eine hilfreiche Unterscheidung dabei ist die nur in der englischen Sprache zu vollziehende Unterscheidung zwischen victim (i.S. von Verkehrsopfer) und sacrifice (i.S. des priesterlichen Opfers). Auf der theologischen Spur der Verschreibung von Gottes Geschichte mit der Geschichte dieser Welt lässt sich sagen: Gott hat sich an diese Welt riskiert und Jesus ist ihren Mächten und Gewalten zum Opfer gefallen – im Sinne eines victim.16 Die Heilsbedeutung dieses Todes liegt nicht in der Opferung, sondern darin, dass der Tod am Kreuz nicht das Ende der Geschichte ist, sondern dass in der Auferweckung Jesu von den Toten dem Tod und den todbringenden Mächten und Gewalten die letzte Macht genommen ist.

Die Lebendigkeit der Liebe: »Sie zappelte vor alter Angst, die er fortstreichelte.«

Die Zerbrechlichkeit des Lebens wird nicht aufgelöst zugunsten eines Heldengottes und einer klaren Schwarz-Weiß und Gut-Böse-Struktur. Das, was erfolgreich, glatt und gelingend aussah, ist zutiefst bedroht – wie das geordnete Leben von Max durch seine Krebserkrankung lebensbedrohlich in Frage gestellt ist. Und es wird durch die Liebe, die behutsam, sensibel und mit diesen Verwerfungen rechnend, leise und nicht triumphal wächst, zu neuem Leben. Im Angesicht des Todes und nachdem er all sein geplantes, geordnetes und längst totes Leben hinter sich gelassen hat, erwacht in Max die Lebendigkeit der Liebe. Trotz aller Skrupel – »er war ja schon halb tot, da konnte er nicht eine Frau an sich binden, Hoffnungen wecken, wo keine Hoffnung mehr war«17 – entdeckt er gemeinsam mit Emma eine zarte, verletzliche und unbeugsam tragende Liebe. Auch Emma kann es kaum fassen, dass sie da einer liebevoll und zärtlich ansieht: »Ein Mensch. Nicht gedacht, nicht geträumt. Ein wirklicher echter Mensch mit Haut und Knochen, Haaren, Schweiß, Atem, Wärme. […] Sie war so einsam gewesen, dass es im Hals gebrannt hatte bei jedem Wort, das sie an die Tiere gerichtet hatte.«18

Endlich, endlich macht sie eine Gegenerfahrung zu dem, was das Leben – das sie ja mit zupackendem Pragmatismus gemeistert hatte – ihr bislang geboten hat. Mehr noch: jetzt, wo sie sich bedingungslos geliebt weiß, kann sie auch ihren Schmerz und ihre Angst zulassen und sie aus sich herausschreien: »›Meine Mutter? Das waren drohende Schritte auf mich zu.‹ […] ›Mein Vater, das waren feige Schritte von mir weg.‹ Max nahm sie fest in seine Arme: ›Ach, mein Mädchen, du.‹ Bei ihm hatte ihr Puls einen Takt, wurde ihr Atem gleichmäßig, und sein magerer Körper war ihr Halt. Endlich konnte sich ihr Zorn entfalten. Sie zappelte vor alter Angst, die er fortstreichelte. Sie schrie, und Max hielt sie fest.«19

Bedingungslose Liebe, die die Person ansieht, nicht aufdeckend, sondern zärtlich dazu ermutigend, auch die Schattenseiten, die laute Klage und das lustvolle Lob des Lebens zum Klingen zu bringen, das hat viel mit dem zu tun, was in der Sprache der Theologie Rechtfertigung genannt wird. Emmas Glück ist es, wenigstens für einen kurzen Moment ihres Lebens diese unendlich tragende Zuwendung und Liebe zu spüren, in vollen Zügen auszukosten und in allen Konsequenzen zu tragen. In Mexiko bringt sie später ein Mädchen zur Welt.

Die paradoxe Süße von Schattenmorellen und das Leben, das sich allen Widrigkeiten zum Trotz zwischen Fritzis flashmob und Paulas unheimlicher Schwangerschaft ereignet und an dem Annie über sich hinauswächst – all das ist ein Hinweis darauf, dass es auch theologisch nicht darum geht, die aalglatte Scheinwelt zu suchen, sondern sich mitten ins Leben in seiner beglückenden und gelegentlich auch bedrückenden Fülle zu werfen. Dass dabei ein ständiger Begleiter mitgeht, der eben diesen behutsam liebenden und nicht den bedrohlich einengenden Blick auf unser Leben hat, ist Anlass zur Hoffnung auf ein Leben in Freiheit.

Genau hinzusehen und das Leben in seiner Tiefe zu ergründen und immer damit zu rechnen, dass alles noch einmal ganz anders sein kann – das lehren uns Emma und Max, Annie und Paula, Johanna – und Claudia Schreiber. Welch theologischer Schatz!

Anmerkungen:

1   Claudia Schreiber, Emmas Glück, 187.
2   Claudia Schreiber, Ihr ständiger Begleiter, 23.
3   »Pass auf, kleine Hand, was du tust. / Pass auf, kleine Hand, was du tust. / Denn der Vater in dem Himmel schaut herab auf dich. / Pass auf, kleine Hand, was du tust«, in: Ihr ständiger Begleiter, 16.
4   Ihr ständiger Begleiter, 127.
5   Ihr ständiger Begleiter, 87.
6   Ihr ständiger Begleiter, 68.
7   Emmas Glück, 123f.
8   Ihr ständiger Begleiter, 34.
9   Ihr ständiger Begleiter, 59.
10  Süß wie Schattenmorellen, 39.
11  Ihr ständiger Begleiter, 126.
12  Jürgen Moltmann, Der gekreuzigte Gott. Das Kreuz Christi als Grund und Kritik christlicher Theologie, München 31976.
13  Dies nimmt auch Michael Welker in seiner soeben erschienenen Christologie auf. Vgl. Michael Welker, Gottes Offenbarung. Christologie, Neukirchen-Vluyn 2012.
14  Ihr ständiger Begleiter, 216.
15  Vgl. Sigrid Brandt, Opfer als Gedächtnis. Auf dem Weg zu einer befreienden theologischen Rede von Opfer, Münster 2001; Bernd Janowski/Michael Welker (Hg.), Opfer. Theologische und kulturelle Kontexte, Frankfurt/M. 2000; Walter Klaiber, Jesu Tod und unser Leben. Was das Kreuz bedeutet, Leipzig 2011.
16  Vgl. Michael Welker, Gottes Offenbarung. Christologie, Neukirchen-Vluyn 2012, 190ff.
17  Emmas Glück, 128.
18  Emmas Glück, 149.
19  Emmas Glück, 170.

Über den Autor

Pfarrerin Dr. Heike Springhart, Jahrgang 1975, Studienleiterin am Theol. Studienhaus Heidelberg; Dissertation »Aufbrüche zu neuen Ufern. Der Beitrag von Religion und Kirche für Demokratisierung und Reeducation im Westen Deutschlands nach 1945« (Leipzig 2008), ausgezeichnet mit dem John Templeton Award for Theological Promise 2008.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2012

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