Das Religionspädagogische Gesamtkonzept im Kanton Zürich
Wirkliche Visionen kirchlicher Sozialisation

Von: Prof. Dr. Thomas Schlag
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Wie soll Beheimatung im evangelischen Glauben geschehen, wenn nicht nur die Schule, sondern auch das Elternhaus als Orientierungsinstanz in religiösen Fragen mehr und mehr ausfällt? Im Kanton Zürich wurde als bildungspolitische Antwort ein religionspädagogisches Konzept entwickelt, von dem auch andere Landeskirchen lernen könnten. Thomas Schlag stellt es vor.


Eine prekäre Situation

Welche Konsequenzen hat es für eine evangelische Landeskirche und das kirchliche Gemeindeleben, wenn der Religionsunterricht keinen Ort religiöser Vertrauens-Bildung mehr darstellt? Worauf soll kirchliches Handeln noch aufbauen, wenn religiöse Bildung an der Schule bewusst überkonfessionell, neutral und primär sachorientiert erteilt wird? Und wie soll Beheimatung im evangelischen Glauben geschehen, wenn nicht nur die Schule, sondern auch das Elternhaus als Orientierungsinstanz in diesen Fragen mehr und mehr ausfällt?
Der Vision eines intensiven und umfassenden kirchlichen Sozialisationsangebots in der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich liegen konkrete und zweifelsohne prekäre Erfahrungen solcher Veränderungen zugrunde: Der Religionsunterricht in der Grundschule und an der weiterführenden Volksschule wurde durch verschiedene bildungspolitische Grundsatzentscheidungen der letzten Jahre bewusst so konzipiert, dass alle Versuche der Beheimatung in einer bestimmten religiösen Tradition alsbald nicht mehr möglich sein werden. Als ein »Religionsunterricht für alle« wird dieser zukünftig nur noch durch staatlich aus- und weitergebildete Lehrkräfte erteilt werden, die das obligatorische Fach »Religion und Kultur« religiös neutral erteilen und dabei vor allem die wesentlichen Gehalte und Traditionen der fünf Weltreligionen vermitteln sollen. Lehrkräfte, die ihre Kompetenzen am Ort theologischer Fakultäten oder kirchlicher Ausbildungseinrichtungen erworben haben, sollen aus programmatischen Gründen nicht mehr am Ort der öffentlichen Schule eingesetzt werden, weil man diesen nicht die offiziell notwendige und vermeintlich mögliche religiöse Neutralität zutraut. Doch dies ist nicht der einzig und vermutlich nicht einmal der primäre Grund für den religionspädagogischen Aufbruch der reformierten Landeskirche im Kanton Zürich.
Verschiedene demoskopische Umfragen der letzten zehn Jahre zeigen, dass in den Elternhäusern ein starker religiöser Traditionsabbruch zu verzeichnen ist: In der Stadt Zürich sank der Anteil der Evangelisch-Reformierten von 53% im Jahr 1970 auf 30,3% im Jahr 2000 – Tendenz weiter fallend. Insgesamt hat sich in der Eidgenossenschaft der Anteil von Kindern im Alter von 0-9 Jahren ohne religiöse Zugehörigkeit zwischen 1970 und 2000 verzehnfacht. Als genereller Trend für die Schweiz wird von religionssoziologischer Seite aus konstatiert, dass traditionelle christliche Religiosität an Wichtigkeit verliert, Fundamentalismen, Spiritualisierung und religiöse Pluralität etwas an Boden gewinnen1. So gilt auch für den schweizerischen Kontext, dass der Plausibilitätsverlust der Familienreligiosität die wichtigste Ursache »für den derzeitigen manifesten Verlust an Christlichkeit und Kirchenbindung unter der nachwachsenden Generation«2 darstellt. Bis auf die monetäre Basis – immerhin bezahlen im Kanton Zürich Unternehmen Kirchensteuer – wackelt in der klassischen Volkskirche vieles, was sich nicht zuletzt an der Präsenz der nachwachsenden Generation bei gottesdienstlichen und kirchengemeindlichen Angeboten, etwa im Bereich der Jugendgruppen und Jugendarbeit, deutlich zeigt.
Allerdings wird nach wie vor festgehalten, dass für die Mehrheit der Bevölkerung die Verbindung mit einer Tradition oder Religionsgemeinschaft immer noch einen Bestandteil ihrer gesellschaftlichen und persönlichen Identität darstellt: »Die Religion ist heute gleichzeitig eine private und eine öffentliche Angelegenheit«, wobei »die individuelle und kollektive Bildung des religiösen Selbst in einem gesellschaftlichen Kontext statt[findet], in dem die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft für die Mehrheit der Bevölkerung eine Bedeutung behält«3. Dies zeigt sich nicht zuletzt an der jährlichen Anzahl der Konfirmandinnen und Konfirmanden, die nach wie vor auf hohem Niveau stabil ist und in der Regel etwa 80% eines Jahrgangs umfasst.
Zugleich gilt außerdem – und daran kann die kirchliche Arbeit mit Kindern anknüpfen: »Dem Glauben entspricht auf einer grundsätzlichen Ebene nicht das Nicht-Glauben, vielmehr die existenzielle Frage nach dem Glauben – in der Schwebe allerdings. Diese Einstellung ist nicht Vorstufe zur Aufkündigung sämtlicher religiöser Ressourcen, vielmehr … eine Erwartungshaltung, eine unabgeschlossene Suche ausserhalb des durch die religiösen Organisationen abgesteckten Rahmens«4.
Insofern stellt die kirchliche Initiative eines religionspädagogischen Gesamtkonzepts (im Folgenden: rpg) im Kanton Zürich nicht einfach ein luxuriöses »Sonder-Angebot« dar, sondern markiert eine bewusste bildungspolitische Strategie angesichts der angedeuteten aktuellen Entwicklungen bzw. eine durchaus positive und kreative ultima ratio angesichts der konstatierten Traditionsabbrüche bzw. der zu befürchtenden Konsequenzen einer theologisch inhaltsarm werdenden Volkskirche und eines sich ausdünnenden Gemeindelebens.


»Von der Wiege…« – Zum Profil kirchlicher Sozialisation im Kanton Zürich

Im Jahr 2004 wurde nach einem ausführlichen Konsultations- und Partizipationsprozess das rpg von der Synode der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich verabschiedet5. Dadurch wurde ein weit reichendes Angebot kirchlicher Bildungsarbeit in den Kirch(en)gemeinden implementiert, durch das aktuelle gesellschaftliche und innerkirchliche Herausforderungen sowie Veränderungen familiärer Lebenslagen besser als bisher aufgenommen und bearbeitet werden sollten. Durch die Etablierung des rpg wollte man in der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich in eigenständiger Weise an ähnliche Intentionen und entsprechende Bildungsangebote anderer schweizerischer Landeskirchen aus den letzten Jahren anknüpfen6.
Entstanden ist dabei unter der Überschrift »aufwachsen – aufbrechen« ein Konzept, das eine kirchliche Angebotsstruktur für Heranwachsende von der Geburt bis ins junge Erwachsenenalter umfasst: Das rpg will Kindern für ihr Aufwachsen Heimat bieten und Jugendliche für den Aufbruch in ein selbst verantwortetes (Glaubens-)leben kompetent machen. Dafür sollen kirchliche Lebensräume eröffnet werden, in denen sich die Kinder und Jugendlichen als Persönlichkeiten und bedeutsame Glieder der Gemeinde wahrnehmen können. Durch eine erkennbare und gestaltbare »Kirche am Ort« sowie vertraute Gesichter und Räume soll Kindern und Jugendlichen Heimat geboten werden.
Das rpg ist insofern ganzheitlich und intergenerationell ausgerichtet. Religiöses Lernen wird verstanden als Lernen aus Erfahrungen, in Beziehungen und durch Übernahme von Verantwortung. Mit und durch religiöse Inhalte sollen in altersspezifischer Weise Entwicklungsschritte gefördert werden, die im rpg in folgendem Sinn ausdifferenziert sind: Sich selber finden – In Beziehung leben – Seine Wurzeln kennen – Seinen Glauben ausdrücken – Seinen Blick weiten – Verantwortlich handeln. Damit steht dieses Konzept für eine deutlich erkennbare Gesamttendenz der Stärkung reformierter Identität in den deutschschweizerischen Kirchen. Zugleich zeigen sich im rpg verschiedene kantonale Spezifika, etwa im Blick auf die rechtliche Verankerung, die Finanzierungsmöglichkeiten sowie die Intensität der Ausbildung und Durchführung des »Zürcher Modells«.
Das rpg unterteilt das religionspädagogische Handeln in die vier Phasen der Vorschulzeit (Geburt bis 8 Jahre), der Primarschulzeit (8 bis 12 Jahre), der Zeit bis zur Konfirmation (12 bis 16 Jahre), sowie der Zeit des jungen Erwachsenseins (16 bis 25 Jahre).
Ziel dieser vier Phasen ist es, die Heranwachsenden familiennah und altersgerecht im Glauben beheimaten und im Leben begleiten zu können. Jede der vier Phasen ist von einer spezifischen Ausdrucksform besonders geprägt:
•    In der Vorschulzeit werden die Kinder an das Feiern herangeführt.
•    In der Primarschulzeit bildet das Lernen den Schwerpunkt: Dies geschieht nicht nur im wöchentlichen Unterricht, sondern auch an Projekttagen oder in so genannten »Lagern«, d.h. Jugendfreizeiten oder anderen projektförmigen Aktivitäten.
•    In der Zeit vor der Konfirmation kommt das Teilen besonders zum Zug. Begegnung und Gemeinschaft stehen in dieser Phase im Mittelpunkt.
•    Die Zeit nach der Konfirmation wird als besondere Zeit des Gestaltens verstanden. Die Jugendlichen bestimmen zum großen Teil selber, wie ihr weiterer religiöser Weg in und mit der Kirche bzw. ihrer Gemeinde aussehen soll und mündig gestaltbar ist.
Mit dem rpg wird nicht alles ganz neu gemacht, sondern eher werden die bisher schon bestehenden kirchlichen Angebote unter einer Gesamtstruktur zusammengeführt. So umfasste der kirchliche Religionsunterricht in der Primarschulzeit schon bisher 30 Stunden (à 60 min) in der dritten Klasse. Er soll innerhalb von 10 Jahren etappenweise ausgebaut werden und zwar mit 30 Stunden in der zweiten, 30 Stunden in der vierten und als letzte Etappe 30 Stunden in der fünften bis siebten Klasse. Dazu kommt der bereits bestehende Konfirmationsunterricht in der neunten Klasse, der 72 Stunden umfasst.
Der Besuch dieser insgesamt 192 Stunden kirchlichen Religions- und Konfirmationsunterrichts gilt nach Abschluss der Einführung des rpg als Voraussetzung für die Zulassung zur Konfirmation und muss deshalb von Kindern, die sich am Ende des 9. Schuljahrs konfirmieren lassen möchten, besucht werden7.
Im Anschluss an die kirchenrechtliche Verankerung dieses verbindlichen Angebots sollen die Gemeinden diese Struktur in ihrer Arbeit implementieren und unter Verwendung der eigens dafür ausgearbeiteten Lehrmittel anbieten.
Im Sommer 2008 ist das rpg in seine 2. Ausbauetappe getreten. Nach Schätzungen der verantwortlichen landeskirchlichen Abteilung »Pädagogik und Animation« haben inzwischen ca. 90% der insgesamt ca. 180 reformierten Gemeinden im Kanton Zürich den Unterricht für die vierte Klasse eingeführt. Der Zweit-Klass-Unterricht ist gegenwärtig von ca. 20% der Gemeinden eingeführt. Geplant ist, dass das gesamte Konzept bis zum Jahr 2016 so ausgebaut ist, dass dafür die entsprechenden Lehrmittel vorliegen und die notwendigen Lehrkräfte in ausreichender Zahl ausgebildet sind.
Der zeitliche Umfang, die ausführlichen Lehrmittel sowie die detaillierte Aus- und Weiterbildung in diesem Bereich samt regelmäßiger Visitation machen deutlich, dass die Zürcher Landeskirche hier nicht einfach nur ein Bildungs-Projekt auf Zeit anstoßen wollte, sondern tatsächlich eine umfassende Sozialisations-Initiative angestoßen hat. Auch die finanzielle und personelle Ressourcenzuteilung der Landeskirche in Höhe von immerhin mehreren Millionen Franken pro Jahr belegt dies in eindrücklicher Weise.


Zeichenhafte Wirklichkeit – Konkretionen des Konzepts

Die umfangreichen Lehrmittel, die jeweils als Schülerbuch und als Arbeitshilfe (letztere mit einem Umfang von insgesamt sage und schreibe 842 Seiten!) für den 2.-, 3.- und 4.-Klass-Unterricht erschienen sind8, entsprechen mit ihren insgesamt 14 Themeneinheiten dem Rahmenplan des rpg. Diese sind aufgeteilt in:
•    2. Schuljahr: »Wir gehören zusammen« – »Die Kirche – ein besonderes Haus« – »Advent, Weihnachten und die Kindheit von Jesus« – »Biblische Wandergeschichten« – »Gottes schöne Welt«;
•    3. Schuljahr: »Taufe« – »Das Unservater« – »Abendmahl« – »Pfingsten«;
•    4. Schuljahr: »Forschungsprojekt Bibel« – »Urgeschichten – Urwahrheiten« – »Leben im Vertrauen auf Gott« – »Wer ist Jesus?« – »Unsere Kirche lebt mit Symbolen«.
Durch die einzelnen Themeneinheiten zieht sich in den Arbeitshilfen dabei die einheitliche Struktur einer theologischen und religionspädagogischen Einführung, einer tabellarischen Übersicht über den Unterrichtsverlauf bzw. mögliche Unterrichtsabläufe in 90minütigen und alternativ 45minütigen Sequenzen, weitere Hintergrundinformationen für die Lehrperson, etwa zur Auslegung des Bibeltextes, zur Theologie und Geschichte des Themas und den vorgeschlagenen Materialien sowie Hinweise zur vertiefenden Lektüre. Beigegeben sind in der Regel ausführliche Materialblätter.
Die Schülerbücher enthalten neben vielfältigen Illustrationen und Texten insbesondere auch viele »leere Seiten«, die im Lauf der Unterrichtseinheiten auf eigenständige und kreative Weise gestaltet werden sollen. Großes Gewicht wird auch auf das gemeinsame Singen und Beten gelegt, so dass sich in den Materialien eine Vielzahl von Liedern und Gebeten findet. Ziel ist es hier durchaus, dass diese Lieder und Gebete auch auswendig gelernt werden sollen. Großes Gewicht wird zudem auf handlungsorientierte und gestalterische Zugänge zu den einzelnen Themen gelegt. So finden sich vielfältige Anregungen für eigene Rollenspiele und die Entwicklung von kleineren Theaterszenen, Sprechmotetten oder auch die bildnerische Gestaltung der thematisierten Geschichten und Symbole.
Eine Besonderheit des rpg ist seine Sicht auf die Unterschiede in der Entwicklung von Jungen und Mädchen. Das Konzept sieht deshalb auch geschlechtergetrennte Sequenzen vor. Hinsichtlich der pädagogischen Perspektive ist zu erwähnen, dass kirchliche religiöse Bildung, wie sie das rpg vorsieht, keine Unterschiede zwischen Bildungsniveaus macht. In den strukturierten Bildungsangeboten des rpg soll somit »religiöse Bildung für alle« geschehen, d.h. für diejenigen, die der reformierten Kirche zugehören – nota bene ist dafür nach reformiertem kirchenrechtlichem Verständnis nicht in erster Linie die Taufe das entscheidende Kriterium, sondern schlicht die Eintragung der Kinder in das entsprechende Einwohnermelderegister bzw. die entsprechende Erklärung bzgl. der konfessionellen Zugehörigkeit.
Unter dem Horizont von Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen spielen die Sakramente Taufe und Abendmahl in allen vier Phasen eine besonders wichtige Rolle. Durch die intensive Thematisierung sollen die Kinder verschiedene Zugänge zu diesen sichtbaren Zeichen des Glaubens und der Zuwendung Gottes kennen lernen. Zudem soll durch diese Themen und das entsprechende Feiern von Tauf- und Abendmahlsgottesdiensten schon früh ein Kontaktnetz von Kindern und Eltern zur Kirche sowie zwischen den Eltern und ihren Kindern geknüpft werden. Ausdrücklich thematisiert werden Taufe und Abendmahl insbesondere im 3.-Klass-Unterricht. Die Kinder sollen sich im Erinnern der Taufe und im Mitfeiern des Abendmahls als von Gott angenommen wissen und zugleich lernen, dass diese Gaben Gottes auch für ihr Verhältnis zu ihren Mitmenschen relevant sind. So soll in der 4. Klasse das Abendmahl als christliches Symbol des Teilens gefeiert werden, wobei die Jugendlichen diese Feiern mitgestalten können und sollen. Diese Begegnung mit den Sakramenten mit allen Sinnen wird zugleich als Grundlage für ein späteres mündiges Bekenntnis und die Übernahme von Verantwortung in der Kirche angesehen.
Generell zeigt sich in den ausgearbeiteten Unterrichtsplänen und den vorgeschlagenen Unterrichtsverläufen immer wieder die Absicht, religiöse Themen und Inhalte mit den jeweils entwicklungspsychologisch geprägten Vorstellungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten der Kinder so zu verknüpfen, dass der Unterricht als lebensbezogen und lebensrelevant empfunden werden kann.


»Von Zürich lernen…« – Perspektiven des rpg für andere Landes­kirchen

Insbesondere angesichts der genannten bildungspolitischen Voraussetzungen im Kanton Zürich lässt sich die Situation kaum einlinig auf die Verhältnisse in deutschen Landeskirchen übertragen. Denn dort kann aufgrund der verfassungsrechtlichen Garantie des Religionsunterrichts (Art. 7,3 GG) nach wie vor davon ausgegangen werden, dass im schulischen Religionsunterricht Begegnungen mit evangelischer Glaubenstradition möglich sind und identitätsstiftende Effekte wirksam werden – ganz abgesehen davon, dass hier das kirchliche Personal (noch) seinen selbstverständlichen Ort im Schulleben hat. Insofern scheint es auf den ersten Blick weder notwendig noch sinnvoll, dort ein ähnlich intensives religionspädagogisches Gesamtkonzept aufzulegen, wie dies in Zürich und anderen schweizerischen Landeskirchen der Fall ist. Zu fragen ist somit, ob in deutschen Landeskirchen ein ähnlich umfangreiches Investitionspaket überhaupt geschnürt werden kann oder geschnürt werden muss. Auch ist es aus organisatorischen und theologischen Gründen nicht unproblematisch, ein Unterrichtsprogramm über viele Jahre zur Voraussetzung für die Konfirmation zu machen, wie dies in Zürich nicht ohne elterliche Widerstände geschieht.
Der immer wieder gegenüber dem rpg geäußerte Einwand, dass man sich mit dem rpg gleichsam in die kirchliche Nische zurückziehe und damit auf schweizerischem Boden nichts anderes als eine Christenlehre in neuem Gewand betreibe, greift allerdings kaum. Denn angesichts der genannten bildungspolitischen Entwicklungen ist eine Rückkehr in den Bereich der öffentlichen Schule so für die Kirchen schlichtweg nicht denkbar oder absehbar. Insofern ist eine solche kreative ultima ratio bildungsorientierten Gemeindeaufbaus mehr als zeitgemäß.
Grundsätzlich ist gleichwohl zu betonen, dass die Nachhaltigkeit des rpg im Sinn religiöser und kirchlicher Sozialisationseffekte noch keineswegs ganz klar ist. So wird gegenwärtig in einem Forschungsprojekt der Theologischen Fakultät der Universität Zürich intensiver untersucht, welche Effekte das rpg für die Kinder tatsächlich zu gewinnen vermag. Gleichwohl lassen sich aufgrund bisheriger kleinerer Studien und Beobachtungen folgende Perspektiven des rpg für kirchliche Sozialisationsstrategien und eine beheimatende »Entwicklungsarbeit« auch für andere Landeskirchen gewinnen:
Das besondere Profil des rpg zeigt sich ohne Frage in dem vielfältigen Versuch, Bildungsinhalte nicht nur intensiv zu bearbeiten (was die detaillierten Hinweise in den Lehrmitteln eindrücklich zeigen!), sondern diese auch mit Fragen der persönlichen und gemeinschaftlichen Spiritualität der Kinder zu verbinden. Insbesondere durch die Verknüpfung von biblischen Texten und Traditionen, Liedern, der eigenen Auseinandersetzung mit christlichen Symbolen sowie dem gemeinsamen Feiern werden die meisten Kinder diese Zeit mit Sicherheit nicht lediglich als einen schulischen Religionsunterricht im kirchlichen Raum wahrnehmen, sondern tatsächlich als besondere Form individuellen religiösen Erlebens empfinden. Durch die vielfältigen methodischen Zugangsweisen zu einzelnen Themen »mit allen Sinnen« bzw. die Eröffnung religiöser Vollzüge und Symbolisierungen dürfte das rpg nicht nur in erheblicher Weise zur religiösen Identitätsbildung und persönlichen Beheimatung im evangelischen Glauben beitragen, sondern auch für nachhaltige positive Effekte bei den Kindern sorgen.
Damit soll nun nicht gesagt sein, dass daran der spätere Konfirmandenunterricht automatisch anknüpfen kann und er es – bzw. seine Verantwortlichen – damit später prinzipiell leichter als bisher haben wird. Aber mindestens steht doch zu vermuten, dass die Jugendlichen, die das rpg bis zur Konfirmation durchlaufen haben und dabei positive Erfahrungen gemacht haben, auch in einer größeren Selbstverständlichkeit und einer grundsätzlich positiven Grundhaltung in ihr Konfirmandenjahr gehen werden – abgesehen von dem im gelingenden Fall vorhandenen Vertrautsein mit einzelnen Personen der Kirchengemeinde sowie dem Gemeindeleben bis hin zum Kirchenraum selbst.
Auch die im Unterrichtsmaterial vielfach vorliegenden Versuche, religiöse Inhalte auf ihre ethischen Implikationen hin durchzubuchstabieren, machen deutlich, dass das rpg keineswegs eine kirchliche Bildung im engeren Sinn eines »intra muros« intendiert. Indem die Kinder für eigene Verantwortung, Empathie und diakonisches Helfen ebenso wie eigene Schuld und eigenes Vergeben-Können sensibilisiert werden, wird im rpg eine ethische Dimension klar erkennbar und damit evangelische Bildung auch in ihrer öffentlichen »Außenwirkung« verdeutlicht.
Die Intensität des kirchlichen Bildungsangebots rpg macht augenfällig, dass diese Arbeit weder primär von den Pfarrerinnen und Pfarrern noch – im Unterschied zu manchen Konzepten in deutschen Landeskirchen – von engagierten Eltern getragen werden kann. Vielmehr setzt das rpg bewusst auf eine stärkere Verantwortungsübernahme ausgebildeter Katechetinnen und Katecheten. Dies ist nun nicht einfach als notgedrungene Arbeitsentlastung der Pfarrer zu verstehen, sondern vielmehr als Ausdruck für eine sinnvolle Ausweitung innerkirchlicher professioneller Partizipation zu begreifen. Insofern kann das rpg auch andere Landeskirchen und Gemeinden grundsätzlich für die notwendige und theologisch konsequente stärkere Partizipation von KatechetInnen am gemeindlichen und gottesdienstlichen Leben sowie die stärkere Vernetzung kirchlicher Berufsgruppen sensibilisieren.
Durch die anvisierte Integration der Eltern insbesondere in die gottesdienstliche Praxis ergibt sich ein kaum zu überschätzender gemeindeaufbaurelevanter Effekt. Indem die Kinder an vielen Stellen des Unterrichts zudem dazu ermutigt werden, ihre kreativen Zugänge zu einzelnen Themen immer auch mit ihren Eltern zu kommunizieren, werden diese bewusst in die religiösen Entwicklungen ihres Kindes involviert und dazu herausgefordert, auch ihre eigenen religiösen Fragen wieder intensiver zu reflektieren. Insofern stellt das rpg – über alle religionspädagogischen Intentionen für die Kinder bzw. für jedes einzelne Kind hinaus – zugleich einen bemerkenswerten, innovativen Versuch intergenerationeller evangelischer Bildung in und mit der ganzen Gemeinde dar, den auch andernorts aufmerksam wahrzunehmen sich lohnt.


Anmerkungen:

1    Vgl. M. Baumann/J. Stolz, Religiöse Vielfalt in der Schweiz: Zahlen, Fakten, Trends, in: dies. (Hg.), Eine Schweiz – viele Religionen. Risiken und Chancen des Zusammenlebens, Bielefeld 2007, 63f.
2    F.-X. Kaufmann, Die Entwicklung von Religion in der modernen Gesellschaft, in: K.D. Hildemann (Hg.), Religion – Kirche – Islam. Eine soziale und diakonische Herausforderung, Leipzig 2003, 28.
3    C. Bovay/R. Broquet, Religionslandschaft in der Schweiz. Bundesamt für Statistik, Neuchâtel 2004, 9.
4    R. J. Campiche, Die zwei Gesichter. Faszination und Entzauberung, Zürich 2004, 128. Zur Interpretation: A. Dubach/B. Fuchs, Ein neues Modell von Religion. Zweite Schweizer Sonderfallstudie – Herausforderung für die Kirchen, Zürich 2005.
5    Vgl. zum Hintergrund und Profil: www.rpg-zh.ch.
6    Vgl. Reformierte Kirchen Bern – Jura – Solothurn (Hg.), Wegleitung für die Kirchliche Unterweisung vom 14.2.1994 (Stand am 21.2.2000), Bern 2000; Reformierte Landeskirche Aargau (Hg.), Projekt Pädagogisches Handeln, Bulletin Nr. 15 v. 30. August 1996, Aarau; Evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau (Hg.), Konzept und Verordnung »Kirche, Kind und Jugend«, Frauenfeld 1999.
7    Vgl. dazu die entsprechenden Bestimmungen: »Die Kirchgemeinden führen verbindliche und freiwillige religionspädagogische Angebote. Der Kirchenrat legt die Themen der verbindlichen religionspädagogischen Angebote gemäss den Beschlüssen der Kirchensynode fest« (Art. 70); »Kinder bis acht Jahre werden in die Grundformen des Glaubens und ins Kirchenjahr eingeführt. Kindern von acht bis zwölf Jahren wird ein vertieftes Grundwissen über den Glauben vermittelt. Sie werden angeleitet, für den Glauben Sprache und Ausdruck zu finden. Die verbindlichen religionspädagogischen Angebote für Kinder von acht bis zwölf Jahren umfassen mindestens 120 Stunden, unterteilt in mindestens 30 Stunden je in der zweiten, dritten und vierten sowie 30 Stunden von der fünften bis siebten Klasse. Kinder- und jugendgemässe Gottesdienste sind Bestandteil der Angebote« (Art. 71); »Jugendliche von zwölf Jahren bis zur Konfirmation werden auf der Suche nach einem mündigen Glauben und nach einem Leben in christlicher Verantwortung begleitet. Die verbindlichen religionspädagogischen Angebote für Jugendliche von zwölf Jahren bis zur Konfirmation umfassen mindestens 72 Stunden« (Art. 72), Kirchenordnung der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, in: Antrag und Bericht des Kirchenrates an die Kirchensynode betreffend neue Kirchenordnung vom 9. April, Zürich 2008.
8    Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich (Hg.), minichile. Wir gehören zusammen. Arbeitshilfe und Schülerbuch 2. Schuljahr; 3. Klass-Unti. Wir leben Kirche. Arbeitshilfe und Schülerbuch 3. Schuljahr; Club 4. Wir entdecken die Bibel. Arbeitshilfe und Schülerbuch 4. Schuljahr, Zürich 2008.

Über den Autor

Prof. Dr. Thomas Schlag, Jahrgang 1965, Prof. für Praktische Theologie mit den Schwerpunkten Religionspädagogik und Kybernetik an der Theol. Fakultät der Universität Zürich.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2009

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