24. Oktober 2003, 1. Thessalonicher 4,1–8
20. Sonntag nach Trinitatis

Von: Kurt Rainer Klein
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Im Detail gesehen Der Lebenswandel der Gläubigen ist Gegenstand von 1. Thess. 4,1-8. In Vers 1f erinnert Paulus die Gemeinde in Thessaloniki an das bereits durch ihn und seine Mitarbeiter »Empfangene«. Sie haben den dort lebenden Heidenchristen schon die christliche Lebensführung, die Gott gefällt, nahe gebracht. Wohlwollend gesteht Paulus den Thessalonichern zu, dass sie auch nach diesen Vorgaben leben. Er bringt ihnen nun im Namen des gemeinsamen Herrn Jesus die mahnende Bitte entgegen, in der praktischen Umsetzung des »Empfangenen« immer vollkommener zu werden. Das Ziel dieses Lebenswandels benennt Paulus als Heiligung. Darin liegt der Wille Gottes, der in den Versen 3–5 in der geschlechtlichen Beziehung, der Leiblichkeit von Mann und Frau dreifach ausgeführt wird: 1. Die Meidung der porneia (Unzucht). Gemeint ist damit jegliche geschlechtliche Betätigung außerehelicher und unnatürlicher Art, geltend sowohl für Verheiratete wie für Unverheiratete. 2. Die Werbung um die eigene Frau. Ein jeder Mann bemühe sich, seine Frau – nicht die des Nächsten – zum geschlechtlichen Beisammensein zu gewinnen, wobei ihre Würde und ihr eigener Wille gewahrt bleibt. 3. Die Verneinung des Lustprinzips. Der Lustmissbrauch, der bei den gottlosen Heiden bekannt ist, gilt den Christen als Tabu: Die Frau ist nicht das »Gefäß« (skeuos) männlich egoistischer Lustbefriedigung. Vers 6a scheidet die Auslegungsgeister. pragma kann einerseits »Geschäft, Handel« bedeuten. Andererseits auch »Sache, Angelegenheit«. Ich plädiere für Letzteres, womit ich der Meinung bin, dass Paulus bei dem in den vorgehenden Versen angeschlagenen Thema der geschlechtlichen Beziehung bleibt. Übersetzen wir Vers 6 so: »Niemand verfehle sich gegen (seinen Bruder) und übervorteile seinen Bruder in der Sache (des Geschlechtslebens).« Folglich bleibt die Ehefrau des Nächsten tabu und damit das Haben-Wollen. Vers 6b weist auf Gott als die letzte Instanz des Richtens und betont damit die Gewichtigkeit des von Paulus Dargelegten. Das in Vers 7 Gesagte klingt wie eine Zusammenfassung des Vorhergehenden. Die Thessalonicher sind von Gott selbst Berufene. Das bedeutet, sie sind Herausgerufene aus der heidnischen, gottlosen Welt. Und das wird deutlich in ihrem geschlechtlichen Lebenswandel. Dieser soll nicht durch akatharsia (Unsittlichkeit, Schamlosigkeit) gekennzeichnet sein, wie Paulus in den Versen 3–6 ausgeführt hat. [Der Begriff akatharsia in Vers 7 spricht ebenso wie das neue Thema philadelphia ab Vers 9 für die obige Auslegung von Vers 6a.] Gott hat die Thessalonicher zur Heiligung in scharfem Gegensatz zur porneia und akatharsia berufen. Ein Lebenswandel in akatharsia ist laut Vers 8 nicht nur Menschen unwürdig, sondern viel gravierender, nämlich Gott verachtend. Dieser gibt seinen heiligen Geist, der Menschen heilig macht. Wem dies bewusst wird, wird in dem Bewusstsein wandeln, dass auch die Leiblichkeit auf Heiligung zielt. In diesem Sinne meint Heiligung die Übereinstimmung des Lebenswandels in allen Bereichen mit dem göttlichen Willen und der göttlichen Bestimmung des Menschen. Im Ganzen betrachtet Paulus teilt die Menschheit in zwei Kategorien ein: In die unzüchtigen Heiden und die zur Heiligung berufenen Christen. Offensichtlich ist das grenzenlose Sexualleben ein auffälliges Wesensmerkmal nichtchristlicher Lebensweise. Um sich davon zu unterscheiden und das Wirken des heiligen Geistes in der Welt sichtbar werden zu lassen, benennt Paulus seiner Ansicht nach Gott wohlgefällige Verhaltensweisen in Sachen Sexualität. Die Gier, die alle Grenzen geschlechtlichen Zusammenlebens zu überschreiten droht, bringt die gottgeschaffene Ordnung aus den Fugen. Gottes Wille ist die Heiligung des Einzelnen, die auch den Grenzen akzeptierenden Umgang mit der eigenen Sexualität einschließt. Ein zügelloses Ausleben eigener Triebe missachtet den Mitmenschen in seiner Würde und verachtet Gott als den Geber des heiligen Geistes in uns. Eine Gott wohlgefällige Lebensweise ist ein immerwährender Prozess des vollkommenen Werdens und orientiert sich am Willen Gottes. Im Heute beleuchtet Könnte Paulus heute noch so reden wie zu seiner Zeit? Die Beziehungsmodelle sind vielfältiger geworden. Wir kennen den Sextourismus – auch verheirateter Männer. Ein Drittel der in Deutschland geschlossenen Ehen wird wieder geschieden. Alleinerziehende nehmen zu. Die Patchworkfamilie ist keine Seltenheit. Von One-Night-Stands redet man ungeniert. Die wenigsten Frauen kennen sexuelle Erfüllung. Die Deutsche Olympiamannschaft-TeilnehmerInnen reisen nach Athen mit jeweils zwei Kondomen im Gepäck, laut dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Über die Sexualität von der Kanzel herab zu predigen, ist eine schwierige Aufgabe. Ganz und gar in einer Zeit, in der die Freiheiten größer und die althergebrachten Werte belangloser geworden sind, in der sich die Gesellschaft komplexer und die persönlichen Anforderungen zahlreicher darstellen. Diese Predigt steht in der Gefahr, entweder moralinsauer oder allzu liberal daher zu kommen. Je nachdem, auf welches biblische Vorverständnis unsere Rede trifft. Wir wollen gewiss keinen Blick in deutsche Schlafzimmer werfen, wie das die Illustrierten tun. Oder an den Pranger stellen, wovon wir vielleicht heimlich träumen. Zumal unter unserer Kanzel auch Witwen und Konfirmanden sitzen. Aber wir könnten etwas sagen, dass Begrenzungen nicht nur Einengungen sind, sondern Schutzräume aufzeigen, in der partnerschaftliche Liebe sich erfreuen kann. Wir könnten von den unterschiedlichen Bedürfnissen von Männern und Frauen reden und den gleichen Rechten beider. Wir könnten über die Facetten der Liebe nachdenken, die sich an der Würde des Anderen orientiert. Wir könnten bewusst machen, dass das um einander Werben sich durch eine Partnerschaft hindurchzieht. Wir könnten die Frage stellen, worin wir uns als Christen in unserer Lebensweise vom heiligen Geist bewegt sehen. Wir könnten unsere und die Schwächen unserer Mitmenschen der menschlichen Verurteilung entziehen. Wir könnten andeuten, worin sich eine gelingende Partnerschaft auszeichnet. Lieder: EG 629 Liebe ist nicht nur ein Wort EG 170 Komm, Herr, segne uns Kurt Rainer Klein

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2004

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