Offene Kirchen als Chance der Begegnung
Der anvertraute Schatz – unsere Kirchen

Von: Gerhard Köhnlein
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»Der Seele Raum geben – Kirchen als Orte der Besinnung und der Ermutigung«: so lautete das Sachthema der 1. Tagung, zu der sich die 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 22. bis 25. Mai 2003 in Leipzig versammelte1. Mit der Wahl dieses Themas zu Beginn ihrer Arbeit hat die Synode ein Signal gesetzt, welch große Bedeutung sie unseren Kirchengebäuden als Angebot für die Menschen unserer Zeit – unabhängig von deren Nähe oder Distanz zu christlichem Glauben und Kirche – beimisst. Anlass dafür ist nach den Worten von Barbara Rinke, Präses der Synode, »die Beobachtung, dass das Interesse an den Kirchen wächst, während die Zahl der Kirchenmitglieder abnimmt.«2 In einer von der Synode verabschiedeten Kundgebung3 wird daher begrüßt, dass auch evangelische Gemeinden damit beginnen, ihre Kirchen während der Woche, also außerhalb der Gottesdienste, offen zu halten. Ausdrücklich bittet die Synode »die Gemeinden, die sich dazu noch nicht entschließen konnten, diesem Beispiel zu folgen.«4 Der besondere Ort … In der Tat: Kirchen haben eine besondere Anziehungskraft. In der EKD-Studie »Fremde Heimat Kirche« kann man lesen, dass von sogenannten Konfessionslosen im Westen 13 Prozent und im Osten 28 Prozent in den letzten zwölf Monaten eine Kirche besucht haben. Einen ähnlichen Trend zeigt eine Untersuchung von Touristen und Urlaubern in Ostfriesland. Danach hatte ein Drittel während ihres Urlaubs bereits die örtliche Kirche besucht, andere wollten es noch tun. Man kann also davon ausgehen, dass gut die Hälfte der Urlauber bis zum Ende ihres Urlaubs die Kirche vor Ort besucht haben. Dabei ist noch gar nicht in den Blick genommen, welch zentrale Rolle den Kirchen zu manchen Zeiten zukommen kann. »In besonderen Stunden haben sich unsere Kirchen immer wieder als Stätten gemeinsamen Empfindens, gemeinsamer Freude und Ermutigung im Leid bewährt«5. Zu denken ist dabei an die Feste des Kirchenjahrs und an die freudigen und leidvollen Wendepunkte des Lebens, aber auch an die Ereignisse von 1989 oder nach dem 11. September 2001, während des jüngsten Krieges im Irak und nach den Terroranschlägen auf Züge in Madrid. Doch was macht das Besondere einer Kirche aus? »Kirchen dienen der christlichen Gemeinde zum Gottesdienst. Dazu sind sie gebaut. Aber sie sind mehr: Sie haben eine Ausstrahlungskraft weit über die Gemeinden hinaus, denen sie gehören. Wer eine Kirche aufsucht, betritt einen Raum, der für eine andere Welt steht. Ob man das Heilige sucht, ob man Segen und Gottesnähe sucht oder schlicht Ruhe, ob ästhetische Motive im Vordergrund stehen – immer spricht der Raum: Durch seine Architektur, seine Geschichte, seine Kunst, seine Liturgie. Kirchen sind Orte, die Sinn eröffnen und zum Leben helfen können, Orte der Gastfreundschaft und Zuflucht. Sie sind Räume, die Glauben symbolisieren, Erinnerungen wach halten, Zukunft denkbar werden lassen, Beziehungen ermöglichen: zu sich selbst, zur Welt, zu Gott.«6 … bleibt oft verschlossen Schon diese wenige Sätze machen deutlich, welcher Schatz den Gemeinden in unserem Land mit ihren Kirchen anvertraut ist. Sie haben etwas anzubieten, wonach sich Menschen heute sehnen und was sie anderswo kaum finden. Doch wenn das alles stimmt, was hier über unsere Kirchen gesagt wird, warum sind dann so viele Kirchengebäude außerhalb der Gottesdienste noch immer geschlossen? Bis vor kurzem konnte man es fast als äußeres Unterscheidungsmerkmal zwischen einer evangelischen und einer katholischen Kirche ansehen: Evangelische Kirchen sind meist abgeschlossen! Als Grund dafür wird in vielen Fällen erklärt, man könne die Kirche nicht offen halten, weil man sonst mit Diebstahl, Verunreinigung und blinder Zerstörungswut (Vandalismus) rechnen müsse. Zumindest sei es notwendig, dass dann immer jemand da sei, der allein schon durch seine Anwesenheit in der Kirche dafür sorgt, dass solche Vorkommnisse verhindert werden. Das sei aber nicht machbar. Diesen Argumenten kann man sich nicht verschließen. Immerhin gibt es Beispiele dafür, dass Ängste solcher Art nicht grundlos sind. Dennoch ist zu fragen, ob man sich davon das Gesetz des Handelns aufzwingen lässt. Natürlich sind Dieb-stahl, Verunreinigung und Vandalismus, wenn es dazu kommt, unangenehme und schmerzliche Erfahrungen. Doch diese Vorkommnisse sind eher Einzelfälle und nicht die Regel. Kunstgegenstände werden viel öfter aus abgeschlossenen als aus offenen Kirchen gestohlen. Auch lässt sich das Risiko verringern, indem man Wertvolles wegsperrt oder sichert. Schließlich lässt man wertvolle Schmuckstücke auch in der eigenen Wohnung nicht einfach herumliegen. Zu bedenken ist, dass es in vielen evangelischen Kirchen sowieso nicht allzu viel zu stehlen gibt, sieht man einmal von einem Gesangbuch aus dem Regal am Ausgang ab. Im übrigen gilt: Je mehr Menschen tagsüber die Kirche im Auge behalten und den Kirchenraum betreten, umso geringer ist die Gefahr, dass es dort zu Zerstörung und Verunreinigung kommt. Das gespaltene Verhältnis zum heiligen Raum Es muss also noch andere Gründe geben, warum bis heute so viele evangelische Kirchen – im Gegensatz zu katholischen – abgeschlossen sind. Tatsächlich hat das etwas mit protestantischer Tradition zu tun. In Abgrenzung gegen eine in der spätmittelalterlichen Frömmigkeit allgegenwärtigen Verehrung von Heiligen, wundertätigen Reliquien und heiligen Orten hat der Protestantismus ein gebrochenes Verhältnis zu heiligen Räumen. Nach evangelischem Verständnis sind Räume nicht an sich heilig. Sie sind der äußere Rahmen, in denen Heiliges geschehen kann. Das bedeutet: Die Gemeinde braucht zum Glauben eigentlich keine grandiosen Gotteshäuser. Sie kann sich überall versammeln, um die Predigt zu hören und die Sakramente zu empfangen, zur Not auch im Freien. Ihr genügt im Grunde ein Versammlungsraum. Das mag ein Wohnzimmer sein, ein Laden oder sogar eine Fabrikhalle. Allerdings wirkt sich das gottesdienstliche Geschehen, das sich in einem Raum ereignet, auf dessen Gestaltung aus. Darum werden Orte, an denen Gottesdienst gefeiert wird, besonders gestaltet und ausgeschmückt. Gemeinden mit reformierter Tradition waren in der Vergangenheit dabei sehr zurückhaltend. Oft wurden mittelalterliche Kirchen, die man übernahm, regelrecht ausgeräumt. Um dem biblischen Gebot zu folgen »Du sollst dir kein Bildnis machen« wurden vorgefundene Altäre, Bilder und Skulpturen zerstört. Nichts sollte vom aufmerksamen Hören auf das Wort Gottes ablenken. Dem entspricht die Kargheit vieler reformierter Kirchen. In lutherisch geprägten Gemeinden war man da nie so streng. Dort blieb deshalb manches heute bestaunte Kunstwerk erhalten. Doch für alle evangelische Frömmigkeit gilt: »Beten kann man überall. Dafür muss die Kirche nicht offen bleiben.« So denken und entscheiden dann folgerichtig viele Kirchenvorstände, wenn sie ihre Kirche außerhalb des gottesdienstlichen Gebrauchs oder geistlich geprägter Veranstaltungen wie z.B. Kirchenkonzerten geschlossen halten. Dass der Kirchenraum für den Glauben des einzelnen auch dann von Bedeutung sein kann, wenn darin gerade kein Gottesdienst stattfindet, war lange nicht im Bewusstsein, und als besonderes Thema spielte dieses Anliegen in der Ausbildung von Theologen so gut wie keine Rolle. Dass es sich hier um eine blinde Stelle in der herkömmlichen Theologie handelt, lehren uns die vielen Menschen, die sich von Kirchen geradezu magnetisch angezogen fühlen. Das Gebäude und der Raum als solcher interessieren, nicht zuerst der Gottesdienst, der hier gefeiert wird. Doch empfinden viele der Gäste etwas davon, dass die Mauern gerade alter Kirche die Gebete von Jahrhunderten atmen. Es gibt also doch so etwas wie heilige Räume. Ansätze, diese Erkenntnisse theologisch aufzuarbeiten, gibt es unterdessen. Der wiederentdeckte Schatz Denn allmählich beginnt ein Umdenken im Blick auf den Wert unserer Kirchen. Sicher sind es unterschiedliche Gründe, warum Menschen heute eine Kirche betreten. Auf jeden Fall sind Kirchen Räume, in denen sich gelebter Glaube niederschlägt. Keine Kirche ist in ihrer Form und Ausstattung zufällig. Was Christen zu bestimmten Zeiten glaubten, wie sie Gottesdienst feierten, davon predigen Steine, Bilder und Skulpturen. Manchmal, nicht immer, bedarf es eines Dolmetschers, der diese Predigt für Menschen des 21. Jahrhunderts verstehbar macht. Vielleicht genügt dafür ein Faltblatt, das man als Begleiter beim Rundgang durch die Kirche mitnehmen kann.7 Da Kirchen jedoch Orte sind, an denen sich auch heute Gemeinde sammelt, um im Gottesdienst Gott zu begegnen und miteinander den Glauben zu feiern, sind sie nicht nur Zeugen einer Zeit und ihrer Kultur, die längst vergangen zu sein scheinen. Sie sind auch Anstoß, darüber nachzudenken, was der Glaube an den lebendigen Gott für unsere Gegenwart, für das Leben des einzelnen und für die Fragen unserer Zeit bedeuten kann. Fulbert Steffensky, ehemaliger Benediktinermönch und nun emeritierter Professor für Religionspädagogik an der Fakultät für Evangelische Theologie in Hamburg, der das Grundsatzreferat bei der Synode in Leipzig gehalten hat, bemerkt dazu: »Im heiligen Raum muss ich nicht eloquent sein – Der heilige Raum arrangiert meine Gebete … Der heilige Raum ist der fremde Raum, nur in der Fremde kann ich mich erken-nen … Eine Kirche ist ein Raum des Hörens.«8 Nun haben wir die meisten Kirchen vorgefunden und sozusagen geerbt. Mancher Kirchenvorstand und manches Bauamt sieht sie daher nur unter dem Gesichtspunkt, welche finanzielle Last die Erhaltung ihrer Bausubstanz ist. Diese Sichtweite relativiert sich jedoch und kehrt sich möglicherweise in ihr Gegenteil um, wenn wir die Kirchengebäude als ein hohes Gut sehen, das uns anvertraut ist. Ohne Zweifel können sie zu einer Kontaktbrücke der christlichen Gemeinde zu vielen Menschen werden, die sonst nicht in die Gemeindegottesdienste kommen. Dabei geht es nicht darum, die Besucherinnen und Besucher zu vereinnahmen. Doch wenn man Steffensky zustimmt, dass »Mission heißt, zeigen, was man liebt«9, dann sind die vorhandenen Kirchen eine außergewöhnliche missionarische Chance in unserer Zeit. In der Kundgebung der EKD-Synode heißt es dazu: »Oft stehen Kirchen mitten im Ort. Dort gehören sie auch hin, weil die christliche Gemeinde in der Mitte der Gesellschaft ihren Ort hat – hellhörig für das, was Menschen bewegt, und in ihrer Hörweite, um ihnen das Wort zu sagen, das wie die Kirchtürme auf eine andere Dimension unseres Lebens weist: das Wort Gottes.«10 All das, was Kirchen für Menschen unserer Zeit sein können, kann sich jedoch nur entfalten, wenn die Kirchengebäude geöffnet und zugänglich sind. Dafür zu sorgen, ist jedoch Sache der Gemeinde. Denn sie ist in der Regel für ihr Gotteshaus zuständig. In der Art und Weise, wie sie dieses in der Öffentlichkeit präsentiert, sendet sie auf jeden Fall ein Signal aus: Eine offene Kirche ist einladend. »Hier bin ich willkommen. Hier ist Raum und Platz für mich – jetzt!« Eine geschlossene Kirche signalisiert mir: Geschlossene Gesellschaft! »Die wollen mich nicht – jedenfalls nicht jetzt. Die wollen unter sich bleiben, ohne mich.« Die Schlüsselfrage Das Öffnen und Offenhalten der örtlichen Kirche ist zunächst eine Schlüsselfrage im wörtlichen Sinne: Wo ist der Schlüssel zu bekommen? Wer sperrt auf und zu? Wer behält die offene Kirche im Auge? Manchmal scheitert das Offenhalten eines Gotteshauses schon daran, dass man in einer Gemeinde niemanden findet, der sich darum kümmern kann. Allerdings sollte man bedenken, dass es viele Möglichkeiten gibt, aus einer verschlossenen Kirche eine geöffnete zu machen. Sicher ist es schon ein erster Schritt, wenn an einer Kirchentür zu lesen ist, wo man einen Schlüssel bekommen kann. Sich dann auf den Weg zu machen und die angegebene Adresse aufzusuchen, setzt jedoch bei potentiellen Besucherinnen und Besuchern eine hohe Motivation voraus und kann u.U. die spontane Begegnung mit einem Kirchenraum verhindern. Ein weiterer Schritt könnte darin bestehen, zu bedenken, welche besonderen Anlässe außerhalb der Gottesdienste es gibt, die Kirche offen zu halten11. Das kann. am Tag eines örtlichen Festes sein, an dem die Kirche zum Ort der Stille mitten im lauten Umtrieb der Umgebung wird. Weiter bieten sich Markttage an, an denen viele Menschen in den Ort kommen, ein Krippenbummel in der Zeit nach Weihnachten oder auch der »Tag des offenen Denkmals«. Eine besondere Chance bietet auch die Urlaubszeit. In Finnland und in anderen Ländern Skandinaviens hat man für die diese Wochen das so genannte Wegkirchenprojekt entwickelt12. Im Sommer, wenn die Touristenströme durch das Land unterwegs sind, sind an den Hauptrouten viele Kirchen geöffnet. Die örtlichen Gemeinden sorgen dann dafür, dass ihre Kirchen zu Raststätten für Seele und Leib werden: Die Gotteshäuser sind in dieser Zeit nicht nur zu besichtigen. Es ist auch jemand anwesend, der Auskunft über Kirche, Gemeinde und Ort geben kann. Daneben gibt es oft kleine Erfrischungen und das stille Örtchen für die Gäste. All das kann man erst einmal ausprobieren und dabei Erfahrungen sammeln, bevor man sich zu festen Öffnungszeiten auf Dauer entschließt. Auf Kirchen, die geöffnet sind, sollte dann jedoch auch werbewirksam hingewiesen werden. Das vom Fachausschuss Kirchen- und Klostertourismus in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover entwickeltes Signet »Verlässlich geöffnete Kirche« kann hier eine Hilfe sein13. Leicht erkennbar wird es an der Außenseite der Kirche angebracht. Kirchen mit diesem Signet werden zunehmend in Wander- Rad- und Autoführern aufgenommen. Eine Gemeinde, die ihre Kirche offen hält, wird sich auch Gedanken darüber machen, wie einladend dieser Raum auf Menschen wirkt, die eben mal reinschauen wollen14. Ist er aufgeräumt? Lädt er zum Bleiben ein? Welche Hilfen zum Verstehen eventuell vorhandener Kunstwerke stehen zur Verfügung?15 Gibt es Anregungen zu Stille und Gebet? Kann man seinen Wünschen und Hoffnungen Ausdruck geben, z.B. durch das Anzünden einer Kerze oder einen Eintrag ins Gästebuch? Liegen Impulstexte für das weitere Nachdenken zum Mitnehmen bereit? Nicht vergessen werden darf bei allen Überlegungen zur Gestaltung des Raumes die Rolle der Musik. Wenn Musik in einer offenen Kirche erklingt – gleichgültig ob Orgel oder Flöte –, fühlen sich viele Menschen angezogen. Offene Kirchen – offene Gemeinden Dies alles macht deutlich, dass bei dem Bemühen, die eigene Kirche offen zu halten, eine Reihe praktischer Fragen zu bedenken sind. Hilfen dazu erhält man z.Zt. über die Landeskirchen mit ihren Einrichtungen der missionarischen Dienste und der Evangelischen Erwachsenenbildung. So haben z.B. die Evangelische Kirchen von Westfalen und im Rheinland zusammen mit der Lippischen Landeskirche einen Leitfaden »Offene Kirchen« herausgebracht. Darin findet man auch konkrete Beispiele geöffneter Kirchen. Da jedoch die Verhältnisse in den Orten und Gemeinden verschieden sind, sind meist individuelle Lösungen vor Ort zu suchen. Dies wird sicher Zeit und Aufmerksamkeit der jeweiligen Leitungsgremien erfordern. Doch abgesehen davon, dass es manch neue Entdeckung und Erfahrung bringt, sich intensiv mit der eigenen Kirche zu befassen, lohnt es sich, die Frage der Kirchenöffnung auch im Kontext der Auswirkung auf die Entwicklung einer Gemeinde zu bedenken. Denn offene Kirchen haben etwas mit offenen Gemeinden zu tun. Hier geht es um das Selbstverständnis und die Perspektiven einer Gemeinde. Das Offenhalten der Gemeindekirche kann eine wichtige Station sein in einem Prozess, in dem sich eine Gemeinde für andere öffnet. Einige Gesichtspunkte dazu, was das heißen kann, seien angedeutet: 1. Eine Gemeinde, die ihr Kirchengebäude offen hält, praktiziert ein Stück Gastfreundschaft. Um sie für Gäste einladend zu machen, wird sie dafür sorgen, dass die Schönheit und Würde ihrer Kirche zur Geltung kommt. Dabei entdeckt man die eigene Kirche von neuem und gewinnt sie lieb. Das geschieht vor allem dann, wenn man sie anderen zeigt und erklärt. Für diese Aufgabe gibt es unterdessen wertvolle Hilfen aus den Bereich der Kirchenpädagogik und der Ausbildung in Kirchenführung, auf die die Gemeinden zurückgreifen können.16 2. In ihrer offenen Kirche begegnet die Gemeinde Menschen mit Denk- und Lebensweisen, die sich oftmals weit von der eigenen religiösen und gesellschaftlichen Prägung unterscheiden. Es sind säkulare Menschen darunter, die nichts oder nicht viel vom Glauben wissen, aber auch Menschen mit anderen Weltanschauungen oder aus anderen Religionen. Auf deren Erfahrungs-, Denk- und Sprachverhalten gilt es sich einzustellen. Das bedeutet, Fremdes wahr zu nehmen und zu akzeptieren. Gleichzeitig erfordert es die Bereitschaft zu Dialog. Nach Steffensky17 wird jedoch die Begegnung mit dem Fremden zur Chance, sich selbst und was einem wichtig ist zu erkennen. 3. In einer Zeit, in der das christliche Grundwissen ständig abnimmt und auch viele Christinnen und Christen Schwierigkeiten haben, Auskunft über den eigenen Glauben zu geben, können Kirchen durch ihre Bilder und Skulpturen helfen, biblische Geschichten neu zu entdecken, und gleichzeitig Impulse zu einer Sprachschule des Glauben geben. Das geschieht nicht viel anders als im Mittelalter, als die ausgemalte Kirche zur Biblia pauperum (Bibel der Armen) für die des Schreibens und Lesens unkundigen Menschen wurde. 4. Mit dem Offenhalten ihrer Kirche verlässt die Gemeinde die fromme Nische, in der sie für sich bleibt. Sie bekennt sich dazu, eine öffentliche, gesellschaftliche Rolle zu haben und diese zu übernehmen. Ihr Kirchengebäude kann dann zur Stätte gemeinsamen Empfindens, gemeinsamer Freude und Ermutigung im Leid werden. Sie wird dann zum Gotteshaus für viele. Dazu heißt es in der Kundgebung der Synode: »Im Rückgriff auf biblische Texte und überlieferte Formen wird Sprachlosigkeit überwunden, werden lösende und versöhnende Worte gefunden, als Ausdruck von Freude und Dankbarkeit, als Ausdruck des Entsetzens über Schicksalsschläge und Katastrophen, über menschliche Bosheit oder die Ambivalenz des technischen Fortschritts … Ohne Anspruch auf Alleinbesitz des Evangeliums Jesu Christi und mit dem Schatz ihrer Glaubenserfahrung leiht die Kirche dem Entsetzen und Schrecken, der Angst, dem Leid und der Trauer, aber auch der Freude und dem Jubel Form und Sprache.«18 5. Die eigene Kirche zu öffnen bzw. offen zu halten, ist Sache der ganzen Gemeinde. Immer weniger kann dies eine zusätzliche Aufgabe sein, die der Pfarrerin oder dem Pfarrer aufgeladen wird, vor allem wenn diese Verantwortung für mehrere Gemeinden tragen. Einerseits gilt es, versteckte Begabungen einzelner in der Gemeinde für diese Aufgabe zu entdecken. Erstaunlich dabei ist: Oftmals findet man sie gar nicht zuerst in der Kerngemeinde. Vielmehr lassen sich für Kirchenführungen auch Menschen gewinnen, deren Interesse zuerst dem Raum und seiner Geschichte gilt. Nicht selten wird dies zum Anstoß, sich selbst wieder intensiver mit dem Glauben zu beschäftigen. Andererseits kann im Rahmen einer von Gemeindegliedern verantworteten Führung durch die eigene Kirche ein Stück Priestertums der Glaubenden sichtbar werden. In dem Maße, in dem Gemeindeglieder entdecken, dass sie auch in Blick auf die Kommunikation des Evangeliums theologische Kompetenz haben, wächst die Mündigkeit im Glauben in einer Gemeinde. Dies aber ist ein wichtiger Schritt weg von einer von Pfarrern und Hauptamtlichen geprägten zu einer lebendigen von vielen gemeinsam getragenen Kirche. Das Haus für alle Eine offene Kirche bietet die Chance der Begegnung – für die Gäste wie für die Gemeinde. Kirchen waren in ihrer Geschichte immer auch öffentliche Räume. Einladend ausgedrückt ist das in einem Begrüßungswort, das an der Schloßkirche in Ansouis in der Provence zu lesen ist: Das ist eine Kirche Haus Gottes Haus für alle Komm Ob du Christ bist oder nicht Ob du von hier bist oder auf der Reise Ob du fröhlich oder bedrückt bist Tritt ein Im vollen Vertrauen Dies ist auch dein Haus Denn es ist das Haus Gottes19 Wichtig ist also nicht, wer der Bauherr ist, der diese Kirche erbaut hat und wem sie gehört. Wichtig ist vielmehr: Dieses Kirchengebäude ist ein Ort der Begegnung. Gerade weil es zur Begegnung mit Gott einlädt, lädt es auch ein zur Begegnung mit sich selbst und mit anderen Menschen. Anmerkungen 1 dokumentiert in »Der Seele Raum geben. Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung, Texte zum Sachthema der 1. Tagung der 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), 22. bis 25. Mai 2003, Leipzig.« Im Auftrag des Präsidiums der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) herausgegeben vom Kirchenamt der EKD. Mai 2003. 2 im Vorwort der Dokumentation. 3 im weiteren zitiert mit KG. 4 KG Seite 2. 5 KG Seite 3. 6 KG Seite 2. 7 Die Evangelische Kirchengemeinde in Dausenau/Lahn hat an Pfingsten 2004 einen im Rahmen eines Pilotprojekts entwickelten Audio-Guide für ihre 825 Jahre alte St. Kastorkirche eingeführt. Neben einer meditativen Erkundung der Kirche lädt er auch zu einem Rundgang durch den Ort ein. 8 Steffensky im Vortrag vor der Synode, Textheft Seite 9 und 10. 9 Steffenky a.a.O. Seite 13. 10 KG Seite 3. 11 z.B. ist hier an regionale Veranstaltungen wie den »Sachsen-Anhalt-Tag«, den »Hessentag« oder Ähnliches zu denken. 12 siehe dazu: Gerhard Köhnlein, Projekt »Wegkirchen« in Finnland, in Heft »Offene Kirche«, Nr. 44 der Reihe Organisationsmodelle kirchlicher Erwachsenenbildung, herausgegeben vom Zentrum Bildung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Fachbereich Erwachsenenbildung, Erbacher Straße 17, 64287 Darmstadt. 13 Die Vergabe des Signet »Verlässlich geöffnete Kirche« ist an bestimmte Kriterien gebunden. Näheres dazu im Internet unter www.offene-kirchen.de. 14 Anregungen dazu in: Birgit Neumann, Antje Rösener, Kirchenpädagogik, Kirchen öffnen, entdecken und verstehen, Gütersloh 2003. 15 Audio-Guide der Evangelischen Kirchengemeinde in Dausenau/Lahn. 16 Zu nennen sind hier vor allem zwei Angebote für Mitarbeitende an Offenen Kirchen: Das Projekt »Kirchen erzählen vom Glauben« wird durch das vom Gemeindekolleg des VELKD in Celle betreut. Der Kurs »Ausbildung in Kirchenführung«, der mit einem Zertifikat des Bundesverbandes für Kirchenpädagogik abgeschlossen wird, wird – meist in Verbindung mit der Evangelischen Erwachsenenbildung – in etlichen Landeskirchen durchgeführt. Dazu gibt es bereits eine breite Palette weiterführender Literatur, über die u.a. die Religionspädagogischen Institutionen Auskunft geben können. 17 im Vortrag aaO. Seite 9. 18 KG Seite 3f. 19 Der französische Orginaltext lautet: Eglise – Maison de Dieu – Maison de tous – Viens – Que tu sois chrétien ou non – Que tu sois du pays ou de passage – Que tu sois joyeux ou peine – Entre – En toute confiance – C’est aussi ta maison – Car c’est la maison de Dieu. Literaturliste zum Thema Kirchenpädagogik kirchenPÄDAGOGIK Zeitschrift des Bundesverbandes Kirchenpädagogik e.V. erhältlich für 5 e plus Versandkosten in der Geschäftsstelle des BV Fax 0511-2796709 E-Mail: kuerschner@bvkirchenpaedagogik.de Kirchen erzählen vom Glauben Ein Projekt für Kirchenführerinnen und Kirchenführer Gemeindekolleg der VELKD in Celle, 2002 Kirchenpädagogik A. Rösener, B. Neumann Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2003 Praxishilfe für die Krichenführerausbildung Kirchenräume begreifen 70 Bausteine für Kirchenbesuch und Klassenzimmer Werkbuch Religionsunterricht 1 bis 6 Siegfried Macht Verlag Ernst Kaufmann 2002 Kirchen-Raum-Pädagogik (Reihe Ästhetik-Theologie-Liturgik) Sigrid Glockzin-Bever, Horst Schwebel (Hg.) Münster u.a.: LIT-Verlag, 2002 Lernort Kirchenraum Roland Degen, Inge Hansen (Hg.) Waxmann-Verlag Münster 1998 ISBN 3-89325-601-6 Der Religion Raum geben Kirchenpädagogik und religiöses Lernen Thomas Klie (Hg.) LIT Verlag Münster 1998 ISBN 3-8258-3723-8 Der Religion Raum geben Eine kirchenpädagogische Praxishilfe Christiane-B. Julius, Tessen v. Kameke, Thomas Klie, Anita Schürmann-Menzel RPI LKoccum 1999, ISBN 3-925258-75-2 Kirchenpädagogik und Religionsunterricht 12 Unterrichtseinheiten für alle Schulformen Thomas Klie (Hg.) RPI Loccum ISBN 3-925258-90-6 Kirchen erkunden, Kirchen erschließen Margarete Luise Goecke-Seischab, Jörg Ohlemacher Verlag Ernst Kaufmann, Lahr 1998 ISBN 3-78062453-2 Komm, wir entdecken eine Kirche Tipps für Kindergarten, Grundschule, Familie Margarete Goecke Seischab, Frieder Harz Kösel, 2001, München Im Bilde sein Bildbetrachtungen, Beispiele, Methoden, Ziele – Religionsunterricht im Museum / Schriften des Kunstpädagogischen Zentrums im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, ISBN 3-924991-24-3 Gabriele Harrassowitz Kirche entdecken – Kirche erkunden Arbeitshilfe für Religonsunterricht und Seelsorgestunde U. Schräer-Drewer, G. Krombusch Erzbischöfliches Generalvikariat Paderborn, Domplatz 3, 33098 Paderborn Lebensraum Kirche – 12 Tage und 1 Nacht – eine Entdeckungsreise Konfernormal – Die Arbeitshilfe für den KU Heft 45, 1/2000 Gütersloher Verlagshaus Wenn Steine sprechen Perspektiven der Kirchenpädagogik Tagungsprotokolle Institut für Kirche und Gesellschaft 2002 Ev. Akademie Iserlohn ISBN 3-931845-61-3 Kirche zum Anfassen Christiane Kürschner Streifzug durch die Kirchenpädagogik Nachrichten der Ev.-Luth. Landeskirche in Bayern 6/2001 Kursreihe »Kirche zum Anfassen« – Was bleibt? Eine Fortbildung mit Praxisrelevanz und Nachhaltigkeit Lena Kuhl Loccumer Pelikan 1/03 Räume und Orte das baugerüst – Zeitschrift für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der ev. Jugendarbeit und außerschulischen Bildung 1/03 Werkmaterialien ALS-Verlag Voltastr. 3, 63128 Dietzenbach Tel.: 06074-82160, Fax: 06074-43658 Kulturgeschichte sehen lernen Gottfried Kiesow monumente Verlag Deutsche Stiftung Denkmalschutz 1997

Über den Autor

G. K., Pfarrer mit Teilauftrag in einer Projektstelle »Offene Kirchen«, zuletzt zehn Jahre Leiter des Amtes für missionarische Dienste und Gemeindeaufbau der EKHN, davor Referent für Fragen des Gemeindeaufbaus bei der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste und im Nordelbischen Gemeindedienst, Gemeindepfarrer in Landshut und München.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2004

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