Dietrich Bonhoeffer und die Bibel
»Es gehen mir täglich mehr Rätsel auf«

Von: Heiner Süselbeck
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Mit Meditation gegen den Offenbarungspositivismus Als 1936 Karl Barth davon Kenntnis erhielt, dass Dietrich Bonhoeffer in Finkenwalde seinen Kandidaten neben theologischer Reflexion auch die Meditation biblischer Texte empfahl, reagierte Barth bei aller Sympathie mit Erstaunen und Widerspruch. Geistliche Erfahrungen mit Bibeltexten abseits der Erfassung ihrer buchstäblichen Bedeutung waren Barth verdächtig: »Ich kann … die grundsätzliche Unterscheidung zwischen theologischer Arbeit und erbaulicher Betrachtung … nicht mit machen.« (DBW 14,252 / GS II,290) Die bloße Kenntnis des theologischen Gehalts biblischer Texte genügte ihm, um daraus zu einem angemessenen Glaubensgehorsam in Kirche und Welt vorzustoßen. Bonhoeffer jedoch war diese Basis zu schmal. Sie reichte nach seinem Verständnis nicht aus, um zu einem Verständnis von Bibelworten zu gelangen. Wenn Christus »mitten in der Wirklichkeit« Christus (DBW 6,53 / E 219) war, dann musste sein Wort ebenfalls dem einzelnen auf seine Weise fassbar und wie auch immer wirklich werden. Bonhoeffer hatte Barth darum in seinem Brief vom 19.9.1936 mitgeteilt, dass es Ziel seiner Arbeit in Finkenwalde war, den Kandidaten zu einem Leben mit der Hlg. Schrift zu verhelfen. Er war davon überzeugt, dass »sowohl theologische Arbeit wie auch wirklich seelsorgliche Gemeinschaft nur erwachsen kann in einem Leben, das durch morgendliche Sammlung um das Wort, durch feste Gebetszeit bestimmt ist.« Denn die Fragen »die heute im Ernst … gestellt werden, heißen: wie lerne ich beten? Wie lerne ich die Schrift lesen? Entweder wir können … da helfen, oder wir helfen … überhaupt nicht.« (DBW 14,237 / GS II 286) Bonhoeffer zeigt hier, wie sehr er trotz seiner Hinwendung zu Karl Barth – nach einschlägigen Erfahrungen in der Ökumene – ein Schüler A. von Harnacks geblieben war. Es lässt sich nicht leugnen, dass Bonhoeffers Theologie durch die liberale Theologie »seiner« Berliner Fakultät mit geprägt war und blieb. Mit zu dieser Prägung gehört die Überzeugung, dass biblische Texte die Wirklichkeit einer bestimmten »Kultur« beanspruchen und entfalten. Das »Verstehen« der Bibel bedeutet in dieser Tradition darum auch gestaltetes »Erleben« und damit mehr als bloßes zur Kenntnis nehmen. Wer die Bibel bewusst lesen möchte wird nicht anders können als den Einfluss eines Erfahrungsraumes zu bejahen, der um des Gegenstandes dieser Lektüre willen nach sensiblen Methoden und Kultivierung verlangt. So gesehen war Bonhoeffer im Gegenüber zu Karl Barth »Kulturprotestant« geblieben. Während der Haft fand Bonhoeffer die Zeit, um den in Finkenwalde praktizierten Ansatz zur Wahrnehmung der Heiligen Schrift in die theologischen Strömungen seiner Zeit einzuordnen: Dabei warf er Barth »Offenbarungspositivismus« vor. Seiner Auffassung nach hatte Barth für die Interpretation biblischer Texte nicht die nötige »konkrete Wegweisung« geben können. Dies hätte die Bekennende Kirche »in die konservative Restauration« geraten lassen. (DBW 8,481 / WEN 359) Aber auch der Versuch Bultmanns, biblische Inhalte durch »Entmythologisierung« zu aktualisieren fand ebenso die Ablehnung Bonhoeffers: »Ich bin nun der Auffassung, dass die vollen Inhalte einschließlich der mythologischen bestehen bleiben müssen – das N.T. ist nicht die Einkleidung einer allgemeinen Wahrheit!, sondern diese Mythologie (Auferstehung etc.) ist die Sache selbst! – aber dass diese Begriffe nun in einer Weise interpretiert werden müssen, die nicht die Religion als Bedingung des Glaubens … voraussetzt. Erst damit ist meines Erachtens die liberale Theologie (durch welche auch Barth, wenn auch negativ, noch bestimmt ist) überwunden, zugleich aber ist ihre Frage wirklich aufgenommen und beantwortet (was im Offenbarungspositivismus der BK nicht der Fall ist).« (DBW 8,482 / WEN 360f) Wenn der Vorwurf eines »Offenbarungspositivismus« Barth selbst unverständlich blieb, so ist doch festzustellen, dass Barth mit Bonhoeffer darin übereinstimmt, dass die »mythischen« Aussagen biblischer Texte – bei aller Bemühung um deren hermeneutische Kultivierung – nicht abzufiltern seien, sondern »die Sache selbst« zur Sprache bringen würden. Ein solches Verständnis der Bibel hatte für ihn darum jedwede Engführung – die im Bann der Bultmannschen »Entmythologisierung« befindliche ebenso wie die bürgerlich-religiöse des liberal geprägten Kulturprotestantismus – zu sprengen und einem Erleben Raum zu geben, dass nach der geistlichen »Übung« eines in kirchlichen Traditionen verankerten gemeinsamen Lebens verlangte. Die Bitte an Barth, die Finkenwalder Bemühungen um die Meditation biblischer Texte zu würdigen und evtl. weiter gemeinsam zu durchdenken fand jedoch keine Resonanz. Dies bildet m.E. den Hintergrund für Bonhoeffers in den Gefängnisbriefen geäußerte Kritik gegenüber Barths »Offenbarungspositivismus«. Üben Barths Vorbehalte gegen die Gestaltung einer wie auch immer gearteten Spiritualität speisen sich aus der reformatorischen Ablehnung gegenüber jeglichem Habitus. Bonhoeffer teilte diese Bedenken, als er seine Studierenden dennoch dazu einlud, sich im Lesen und Verstehen der Bibel zu »üben«. Er warnte bereits in der Zeit seiner Berliner Dozentur vor einem festen Habitus bei der Gestaltung geistlicher Lebensführung. »Es gehört zum Wesen des christlichen Habitus, dass er sich selbst immer wieder aufhebt, d.h. es gehört zu ihm, dass er um seine Vorletzlichkeit weiß.« (DBW 12,198) Geistliches Leben und damit auch die Auseinandersetzung mit biblischen Zusammenhängen konnte gemäß seiner Auffassung nur geübt aber niemals beherrscht werden. Gemäß Psalm 1,2 ist die ständige Auseinandersetzung (»Tag und Nacht«) mit der Thora eine Grundverpflichtung jüdischer Spiritualität. Denn: »Die Pforte der Gerechtigkeit ist das Studium«. G. Sholem schrieb diese für jüdisches Thorastudium programmatische These nieder, als er unter dem Eindruck von Kafkas Roman »Der Prozess« stand. Dabei kann besonders die in ihr eingearbeitete Parabel »Vor dem Gesetz«, als »Bild des Lebens vom Warten auf den Einlass ins Gesetz« (C. Heselhaus Art Kafka, Franz RGG III 3. Aufl. Sp. 1085) gelten. Jüdische Wahrnehmung der Schrift lebt demnach in dem Bewusstsein, den Segen von Gottes Weisung mehr vor als hinter sich zu haben. In diesem Sinn teilte auch Bonhoeffer über den Ertrag des Bibellesens seinem Schwager R. Schleicher mit: »Es gehen mir auch täglich mehr Rätsel auf«. (DBW 14,147 / GS III,29) Diesem Ansatz ist eine weitere Grundregel für jüdisches Leben mit der Schrift vergleichbar: »Eines hat Gott geredet, ein Zweifaches habe ich gehört« (Psalm 62,12), – wobei »Zweifaches« getrost in Potenz multipliziert werden kann, und damit den literaturtheoretischen Erkenntnissen heutiger »Rezeptionsästhetik« nahe kommt. Wer sich der Wucht biblischer Texte stellen möchte, braucht innere und äußere Disziplin. Sie fördert das Vermögen, die mit dem Verstehen biblischer Aussagen verbundenen Erschütterungen zuzulassen, auszuhalten und nicht auszuklammern. Wer sich allerdings den damit verbundenen Übungen entzieht, steht in der Gefahr, biblische Aussagen affirmativ zu funktionalisieren oder borniert zu eliminieren. Bonhoeffer brachte diese Gefahr selbstkritisch auf einer ökumenischen Jugendkonferenz zur Sprache, als er den Teilnehmenden und sich den Vorwurf machte: »Wir lesen die Bibel nicht mehr ernst, wir lesen sie nicht mehr gegen uns, sondern nur noch für uns.« (DBW 11,353 / GS I 166) Dem setzte er eine Praxis des Umgangs mit biblischen Worten entgegen, die er im WS 1931/32 vor Studierenden mit den Stichworten umreißen konnte: – »Das Hinnehmen können, – – das sich etwas sagen lassen können. – das Stillesein im Reich der Kirche. – das sich belassen lassen … geübt durch – das Lesen der Bibel, – durch Meditation, – durch Gebet …« Dem fügte er jedoch direkt auch die Warnung an, dass solche Übungen nicht »opus bleiben« bzw. werden dürften. Und: »Wo Askese mich knechten will, da muss ich Freiheit üben.« (DBW 12,198f) Erste Exerzitien Diese Bemerkung wirft die Frage auf: Wie gestaltet sich das Lesen der Bibel, wenn es »ernst« sein soll? Um Dietrich Bonhoeffers Haltung in dieser Frage zu verstehen und biografisch einzuordnen, scheint es sinnvoll auf eine »Übung« hinzuweisen, der sich bereits der junge Bonhoeffer als Kind mit seiner Zwillingsschwester Sabine unterzog. Demnach war es für die jungen Geschwister bedeutsam, die ihnen überkommenen Begriffe christlicher Glaubenstradition mit eigenen und konkreten Vorstellungen zu füllen. Für diese »Exerzitien« nahmen sie sich Zeit. Die Verabredung, die sie darüber trafen, machen den Eindruck einer kindliche Vorform der späteren Regeln in Bonhoeffers Buch »Gemeinsames Leben«. Es klingt wie eine Ouvertüre zu den klösterlichen Lebensformen, die er später den Kandidaten von Finkenwalde z.B. mit dem Einhalten von Meditationszeiten empfahl, wenn sich Sabine Leipholz-Bonhoeffer erinnert: »… so lagen wir abends nach dem Singen und Beten, zu dem sich unsere Mutter, wenn sie im Hause war, immer einfand – noch lange wach und versuchten, uns das Totsein und das ewige Leben vorzustellen. Wir bemühten uns , nur an das Wort Ewigkeit zu denken und keinen anderen Gedanken einzulassen. Sie schien uns sehr lang und unheimlich. An diesem Exercitium hielten wir lange fest … Dies alles war ein absolutes Geheimnis zwischen uns Zwillingen.« (S. Leipholz-Bonhoeffer, Vergangen …, 53) Die Angst, nur auf einen metaphysischen Doppelgänger seiner selbst zu stoßen Später als erwachsenem Christ wurde Bonhoeffer jedoch deutlich: »… über Gott kann man … nicht so einfach von sich aus nachdenken«. Ihm war klar geworden: In der bloßen Auslegung seines ausschließlich eigenen frommen Selbstbewusstseins Vorstellungen von Gott zu pflegen brächte ihn in die Gefahr, bei den Gedanken über Gott »nur auf einen Doppelgänger von mir selbst zu stoßen.« (DBW 14,147/GS III,3) Diese Bemerkung setzt voraus, dass die Bibel Wort des einen lebendigen Gottes ist, der den Menschen mit deren Aussagen begleiten und orientieren möchte. »Nur wenn wir es einmal wagen, uns so auf die Bibel einzulassen, als redete hier wirklich der Gott zu uns, der uns liebt und uns mit unseren Fragen nicht allein lassen will, werden wir an der Bibel froh.« (ebd) Zwar lässt sich die Bibel auch lesen »wie jedes andere Buch«. Aber das wäre nicht der Gebrauch, der das »Wesen« der Bibel erschließt, »sondern nur ihre Oberfläche«. Es kommt für Bonhoeffer demnach darauf an, die Bibel wie das Wort oder den Brief eines Menschen wahr zu nehmen »den wir lieben«. (aao 145 / GS III,27) Solche Wahrnehmung der Schrift entfaltet sich in vielen Formen. Bonhoeffer stand damals nicht die Zahl der sich heute anbietenden Methoden (z.B. Bibliodrama, Bibliolog , Bibelteilen usw.) für den Umgang mit der Bibel zur Verfügung. Trotzdem ist es hilfreich, die von ihm empfohlenen , elementaren Schritte für den geistlichen Umgang mit der Bibel zu bedenken. Sehen In einem Brief an H. Rössler entfuhr Bonhoeffer der Seufzer: »Die Unsichtbarkeit macht uns kaputt.« (DBW 11,33 / GS I,61) Ein erster Versuch, gegen solche Anfechtung anzugehen, war der Rat an die Finkenwalder Kandidaten: Im »wiederholten Lesen und Befragen beginnt der Text plastisch zu werden.« Sie sollten sich so mit den zu bearbeitenden Perikopen vertraut machen, um eine innere Schau von dem zu bekommen, was sie der Gemeinde predigen wollten. Diese »Mühe muss unbedingt aufgewendet werden. Sie lohnt einen mit der Freude, wenn man zu sehen beginnt.« (Finkenwalder Homiletik, GS IV 259) Dieser Hinweis deckt sich mit einer Regel ignatianischer Exerzitien, die für Bonhoeffer wesentliche Voraussetzung zur Erfassung eines Textes bot: »Mirar con la vista imaginativa todas y cada una de las personas, fijandose en todas las circunstancias particuclares y sacando algunas conclusiones de provecho« – »Alle und jeden in einer bibl. Geschichte zu sehen anfangen und dabei auf deren genaue Lebensumstände achten, um daraus dann für sich welchen Gewinn auch immer zu ziehen« (Ignatius von Loyola Geistliche Übungen, Punkt 122). In Bonhoeffers Meditation zu Psalm 119,18 (»Herr öffne mir die Augen, dass sie sehen die Wunder an deinem Gesetz«) wird dieser Ansatz vertieft: »Ich muss die Augen meiner Sinne schließen, wenn ich sehen will, was Gott mir zeigt … Dem Auge meiner Vernunft muss Gottes Gesetz als eine … bald gelernte Lebensregel erscheinen, über die es nicht mehr viel … zu staunen gibt. Solange ich mit diesen Augen zu sehen meine, habe ich kein Verlangen nach den geöffneten Augen … Wir müssen es dem blinden Bartimäus gleichtun … Wem Gott die Augen für sein Wort geöffnet hat, der sieht in eine Wunderwelt hinein: … in vergangener Geschichte erkenne ich den gegenwärtigen Gott und sein Wirken mir zum Heil.« (DBW 15, 528f / GS IV 536f) Hier nähert sich Bonhoeffer der Tradition des Bibellesens in der christlichen Mystik. Meister Eckhardt z.B. predigte, dass Leer-Werden, und Unter-den-Dingen-Sein als entscheidende Voraussetzungen für einen verständnisvollen Umgang mit Gottes Wort: »Wer nicht durchaus unten ist, dem wird auch nichts zuteil … Siehst du es irgendwie ab auf dich oder ein Ding oder auf irgend jemand, so bist du nicht unten und empfängst auch nichts. Bist du aber ganz und gar unten, so empfängst du auch ganz und vollkommen.« (Predigt über Jak 1,17) Wiederholen und sich Versenken Biblische Texte bieten mehr als Information. Die Weihnachtsgeschichte z.B. ist gut bekannt. Dennoch wird sie Jahr für Jahr neu betrachtet und in der versammelten Gemeinde gehört. Diese Wiederholung erklärt ihren »Erfolg« und die Wirkung, die sie für Menschen unterschiedlichster Herkunft entfalten konnte. Solche Potenzen stecken in allen Geschichten und Texten der Bibel. Bonhoeffer setzte sich ihnen darum regelmäßig aus.. Er schrieb dazu an seinen Schwager Rüdiger Schleicher in einem Brief, mit dem er darüber Rechenschaft gab, welche Bedeutung die Bibel in seinem Leben gewonnen hatte: »… jeden Tag nehme ich mir einen Text, den ich für die ganze Woche habe, vor und versuche mich ganz in ihn zu versenken, um ihn wirklich zu hören. Ich weiß, dass ich ohne das nicht mehr richtig leben könnte. Auch erst recht nicht glauben. Es gehen mir auch täglich mehr Rätsel auf; es ist eben immer noch ganz die Oberfläche, an der wir kleben« (DBW 14,147 / GS III 29) Weil ein solches Lesen der Bibel zumindest ebenso viele Fragen wie Antworten mit sich brachte, hieß für Bonhoeffer Sich-in-die-Schrift-Versenken auch die Spannungen aushalten, in die sie ihre Leserinnen und Leser versetzt. Dabei kam es ihm darauf an, zu »lernen, … Unbegreifliches und Schwieriges der Heiligen Schrift ganz schlicht stehen zu lassen und immer wieder zu dem Einfachen und Begreiflichen zurückzukehren.« (DBW 5,39 GL 36) Eine entscheidende Hilfe hierzu waren für Bonhoeffer die Psalmen. Sie halfen ihm, weil sie ihre Inhalte im sogenannten parallelismus membrorum stets in neuen Wendungen wiederholen. Besonders das Beten des 119. Psalms bot Bonhoeffer hierzu ein entscheidendes Exerzitium: »Sollte nicht auch in der Wiederholung derselben Sache, die sich schließlich im 119. Psalm ins Nicht-enden-Wollende fast Unzugänglich-unauslegbar-Einfache steigert, eben dies angedeutet werden, dass jedes … Wort in eine Tiefe des Herzens eindringen will, die … nur in unaufhörlicher Wiederholung – und letztlich auch so nicht – erreichbar wird«? (DBW 5,42 / GL 40f) Zwangsläufig ergibt sich daraus der Schluss: Bibelworte können tief berühren, wenn ihnen dafür täglich genügend Zeit eingeräumt wird. »Gottes Wort ist nicht eine Summe einiger allgemeiner Sätze, die ich jederzeit gegenwärtig haben könnte, sondern sie ist das täglich neue Wort Gottes an mich« (zu Ps 119,15, DBW 15,524 GS IV 532) Wer Gottes Weisungen folgen möchte, wird regelmäßig »Meditation d.h. betende Schriftbetrachtung« suchen. »Jedem« wird die »Zeit geschenkt werden, die er dazu braucht, wenn er sie wirklich sucht.« (DBW 15,524 / GS IV 532) »Nicht-religiöse Interpretation« heißt: Orientierung an dem, was Gott verheißt Bonhoeffers viel diskutierte Forderung nach einer »nicht religiösen Interpretation« der Bibel schließt keineswegs einen meditativen Umgang mit der Bibel aus. Das Wort »Religion« hatte für Bonhoeffer nicht den Klang, den es für uns heute hat. Wir verstehen unter Religion die allgemeine Achtung vor transzendenten Lebensbezügen, wie sie auch in anderen Weltreligionen als dem Christentum lebendig sind. Religiosität äußert sich demnach in einer Praxis, die den Alltag des Lebens für Mystik, Meditation und Gebet offen hält ohne sich den festen Lehrsätzen einer bestimmten Auffassung von Gott zu unterwerfen. Für Bonhoeffer jedoch war »Religion« Heilsegoismus und metaphysisches Spießertum, das provinziell-partielle und regressive Wunschvorstellungen mit den biblischen Verheißungen für Israel, Kirche und Welt verwechselte. Die kritische Grundabsicht des Programms der »nichtreligiösen Interpretation« – so wie Bonhoeffer es verstand – lässt sich mit dessen eigenen Worten kurz so wiedergeben: »Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott« (DBW 8,569 / WEN 421) Wie sehr Bonhoeffer jedoch – auch zur Zeit der Tegeler Briefe – auf in unseren Augen »religiöse« Praktiken setzt, zeigt ein Zitat aus einem Brief vom 21.8.1944 ( DBW 8, 572f / WEN 425): »Wir müssen uns immer wieder sehr lange und sehr ruhig in das Leben, Sprechen, Handeln, Leiden und Sterben Jesu versenken, um zu erkennen, was Gott verheißt und was er erfüllt.« Absichtslos schweigende Schriftbetrachtung oder: Probleme in Finkenwalde Schweigen und absichtslose Betrachtung eines Bibeltextes zu festen Zeiten gehörten nach Bonhoeffers Vorstellung in den Tageslauf des Kurse von Zingst und Finkenwalde: »Als Bonhoeffer in Zingst den Tagesablauf bekannt gab, ordnete er auch eine halbe Stunde stiller Meditationszeit am Morgen nach dem Frühstück an, ehe die eigentliche Arbeit beginnen sollte. Er schlug vor, die Meditation um einige wenige gemeinsam vereinbarte Schriftverse für jeweils eine Woche kreisen zu lassen. Diese Verse sollten nichts mit der laufenden theologischen Arbeit, nichts mit dem Predigttext oder dem Kirchenjahr zu tun haben, sondern von jeder Zweckbestimmung frei bleiben.« (E. Bethge DB 529) Zunächst gab es jedoch Schwierigkeiten bei diesem Vorhaben. Als Bonhoeffer von einer Dienstreise zurückkehrte, war es nötig, sich noch einmal neu über die Meditationszeit zu verständigen, da viele Kandidaten mit dieser Anweisung nichts anfangen konnten. »Endlich setzte er einen Abend zur Aussprache über die anstößige Meditationszeit an … Einige erklärten sie schliefen ein … wieder andere gestanden sie wüssten … absolut nichts mit der Zeit anzufangen. Fortgeschrittene monierten, dass einige sich dazu die Pfeife angesteckt hatten – aber die Pfeife fand Bonhoeffers Beifall.« Nach einer Zeit der Gewöhnung und Hilfen zur Gestaltung von Meditation (»Wie das Wort eines lieben Menschen dir den ganzen Tag lang nachgeht, so soll das Wort der Schrift unaufhörlich in dir nachklingen und an dir arbeiten. … Immer wieder dasselbe Wort, sich die Gedanken niederschreiben, zeitweilig die Verse auswendig lernen.« (DBW 14 947ff / GS II 480ff) behielten die meisten Finkenwalder diese Übung bei und spürten »dass die Schrift nicht nur Material zur Ausübung ihres Amtes war.« (E. Bethge, DB 531) Für seine protestantisch erzogenen Kandidaten war es allerdings eine zunächst schwer zu bewältigende Herausforderung, dass sich diese Art von Auseinandersetzung mit der Bibel in der Form des Schweigens vollzog. Bonhoeffer hielt jedoch an dieser Übung fest: »Wir schweigen … um des Wortes willen, … um es recht zu ehren und aufzunehmen. Schweigen heißt nichts anderes als auf Gottes Wort warten und von Gottes Wort gesegnet herkommen« Schweigen »in Verbindung mit dem Wort« bedeutet »Sammlung auf das Wesentliche«. Es »führt zum rechten Hören und damit auch zum rechten Reden des Wortes Gottes zu rechten Stunde.« (DBW 5, 67f / GL 67f) Das Schweigen der Meditation war für Bonhoeffer stets schriftorientiert: »Die Meditationszeit lässt uns nicht in die Leere und den Abgrund des Alleinseins versinken, sondern sie lässt uns allein sein mit dem Wort.« ( DBW 5, 70 / GL 70) Dabei ist es allerdings »nicht nötig, dass … wir neue Gedanken finden. Es genügt vollkommen, wenn das Wort, wie wir es lesen und verstehen … bei uns Wohnung macht … Gottes Wort will uns bewegen, in uns arbeiten, wirken, dass wir den ganzen Tag lang nicht mehr davon los kommen und es wird dann sein Werk an uns tun, oft ohne dass wir davon wissen« (DBW 5,71 / GL 71). Singen Das Singen der Gemeinde ist menschliches, aber auch Gottes eigenes Wort: »Ein einziges Loblied hat Gott sich in Ewigkeit bereitet und wer zur Gemeinde Gottes hinzutritt, der stimmt in dieses Lied mit ein.« (DBW 5, 49 / GL 47) Die Lieder der Kirche sind das Lied des himmlischen Volkes Gottes und seiner Engel. »Am Morgen jedes Tages stimmt die Gemeinde auf Erden in dieses Lied ein und des Abends beschließt sie den Tag mit diesem Lied.« (ebd) Gebunden an »Gottes Offenbarungswort in Jesus Christus« ist das Singen seiner Gemeinde »nicht ekstatisch, nicht entrückt, sondern nüchtern, dankbar, andächtig und auf Gottes offenbares Wort gerichtet.« (DBW 5, 50 / GL 48) »So steht das Musikalische ganz im Dienst des Wortes Gottes. Es verdeutlicht es in seiner Unbegreiflichkeit.« (DBW 5, 50/GL 48) Diese Zitate belegen, warum Erinnerungen an kirchliche Lieder Bonhoeffer später in der Zeit seiner Gefangenschaft Trost und die Kraft für ein Leben zwischen »Widerstand und Ergebung« verliehen: »Das Singen vor der Tür, das Gebet bei der Andacht, das du an diesen Tagen übernahmst, das Claudiussche Lied …, dies alles bleiben schöne Erinnerungen, denen die scheußliche Atmosphäre hier nichts anhaben kann« (WEN 233 / DBW 8, 316) Musik und Gesang stiften für Bonhoeffer auch in seiner Zelle ein nachhaltiges Erleben der biblischen Botschaft: »Seit einem Jahr habe ich keinen Choral mehr singen hören. Aber es ist merkwürdig, wie die nur mit dem inneren Ohr gehörte Musik, wenn man sich ihr gesammelt hingibt, fast schöner sein kann als die physisch gehörte« (WEN 269 / DBW 8, 368). Die »Psalmen 3,47,70 u.a.« konnte Bonhoeffer nicht mehr lesen »ohne sie in der Musik von Heinrich Schütz zu hören« (DBW 8, 72 WEN 52). Biblische Geschichte, Vorsehung und Widerstandsvermögen Hitlers Reden griffen mehrfach vulgäre Vorstellungen von »Vorsehung« auf, um sein Überleben der an ihm verübten Attentate für gottgewollt zu erklären. Im Raster einer solchen Begrifflichkeit bekam die bestehende Wirklichkeit göttlichen Rang. Erfolge und Siege waren um ihrer selbst willen gerechtfertigt. Ihnen wurde die Gloriole des von Gott Gefügten gewunden. Rassismus und nationaler Dünkel durften »um Himmels willen« weder hinterfragt, noch einer fundamentalen Opposition ausgesetzt werden. Bonhoeffer jedoch empfahl seinen Kandidaten sozusagen als Gegengift die lectio continua von auch befremdlich wirkenden biblische Texten, weil sie aus den geschlossenen Systemen von kollektivem Hochmut und Hass herausführen konnten. »Die fortlaufende Lesung biblischer Bücher zwingt jeden, der hören will sich dorthin zu begeben, sich dort finden zu lassen, wo Gott zum Heil der Menschen ein für – alle mal gehandelt hat … Wir werden aus unserer eigenen Existenz herausgerissen und mitten hinein versetzt in die heilige Geschichte Gottes auf Erden.« (DBW 5, 46 / GL 44). Entgegen Vorstellungen, die Gott zum »Teilnehmer unseres heutigen Lebens« machen möchten, bringt der Blick in biblische Geschichten eine »völlige Umkehrung« (ebd): »Nicht in unserem Leben muss sich Gottes Hilfe und Gegenwart erweisen, sondern im Licht Jesu Christi hat sich Gottes Gegenwart und Hilfe für uns erwiesen.« (ebd) Die Widersprüche von Wirklichkeit und Leben geraten auf diese Weise in ein neues Licht. Aus der heiligen Schrift »lernen wir unsere eigene Geschichte kennen.« (DBW 5,47 / GL 45). Aus dem Horizont ihrer messianischen Hoffnung heraus bietet sie die Maßstäbe, um die Fragmente menschlichen Daseins einer würdigenden Deutung zu unterziehen und deren Bestimmung im Blick auf Gottes Reich zu erkennen. Für Bonhoeffer bedeutete das zunächst eine eminent kritische »innerste Konzentration für den Dienst nach außen« (DBW 14, 77 / GS II 450) in einer faschistisch orientierten Kultur. Dieser Dienst sollte der »Verklärung hohen Menschentums« das »Ja Gottes zum wirklichen Menschen« (DBW 6,71 / E 76) tapfer entgegensetzen. Die regelmäßige Meditation biblischer Textabschnitte bot ihm bzw. seinen Kandidaten dabei das Vermögen, in ihrer Umgebung als ungesicherte Außenseiter zu bestehen, Verfolgung auszuhalten und auf den möglichen Tod zuzugehen. Die intensive Betrachtung der Heiligen Schrift schenkte ihnen die Gewissheit: »Dass Jesus Christus starb, ist wichtiger als dass ich sterbe, und dass Jesus Christus von den Toten auferweckt wurde, ist der einzige Grund meiner Hoffnung, dass auch ich auferweckt werde am Jüngsten Tag.« (DBW 5, 46 / GL 44) Aus einer solchen von Versenkung in die Bibel getragenen Mystik heraus entstand ein politisch und sozial relevantes Widerstandsvermögen, das bereit war, sein Leben einzusetzen, um es abseits von jeglichem partikularen und individuellen Heilsegoismus in Christus neu zu gewinnen: »Unser Heil ist außerhalb unserer selbst (extra nos), nicht in meiner Lebensgeschichte, sondern allein in der Geschichte Jesu Christi finde ich es.« (DBW 5, 46f / GL 44) Anders gesagt und knapp zusammengefasst: Für Bonhoeffer bedeutete Bibellesen umfassende menschliche »Bildung« und zwar eine Bildung, die ihren Namen verdient, weil sie »der Gefahr und dem Tod gegenüber treten« kann (DBW 8,292; WEN 217) Eine Vermittlung zwischen Barth und Bonhoeffer Aus dramatischen und nur zu beklagenden Gründen musste das direkte Gespräch über Medititationsübungen, Bibellesen und Offenbarungspositivismus zwischen Barth und Bonhoeffer abbrechen. F. W. Marquardt hat jedoch 1970 in seinem Essay (»Exegese und Dogmatik in Karl Barths Theologie« in: Registerband zur KD) versucht, Barths Haltung beim Umgang mit der hlg. Schrift nachzuzeichnen und dabei aufgezeigt, dass Barth und Bonhoeffer im Umgang mit der Bibel vergleichbare Voraussetzungen teilen. Demnach ist Bibellesen bei Barth nicht anders als bei Bonhoeffer durch kirchlich orientiertes Üben geprägt: »Und der von Bonhoeffer so genannte »Offenbarungspositivismus« Barths, die ganzen »objektivistischen« Aprioris seines Denkens, haben ihre Voraussetzungen nicht in dem Entschluss, den biblischen Kanon einfach hinzunehmen, sondern in der Erfahrung, dass es sinnvoll ist, sich gymnastisch auf ihn einzulassen.« (aaO 664) »Gymnastisch„ heißt in diesem Zusammenhang ebenfalls wie bei Bonhoeffer mit innerer und äußerer Disziplin die Schrift in wechselnder Perspektive zum »Meister« (»Wo die heilige Schrift Meister ist, da ist theologische Existenz«, K. Barth ThEx 1,5f) einer geistlichen Lebensorientierung werden zu lassen. Auch für Barth ist demnach die Bemühung um die Bibel durch ein »Aushaltenkönnen des Fremden« (aaO 661) gekennzeichnet. Es liest sich wie eine Meditationsanleitung, wenn Marquardt Barths Bemühungen um die Bibel abspürt, dass ein solches Aushalten des Fremden nur durch »Ausharren beim Text durch Vertrauen zum Text« (ebd) wachsen kann. Marquardt unterstreicht, dass bei Barth diese Haltung durch eine gelebte Bindung an die »vorhandene sichtbare Kirche« und den Schatz ihrer Erfahrungen mit der Schrift geprägt wird. So qualifiziert kann ein sachgemäßes Bedenken der heiligen Schrift möglich werden, wenn es bereit ist »diszipliniert zu denken« (aaO 657). Nach dem oben Dargelegten würde Bonhoeffer lebhaft Barth darin zustimmen, dass solche Disziplin sich auch in anhaltender »Bekanntschaft mit der signifikativen, als Erkenntnisgrund aktuellen Wirklichkeit des Sakraments« (657) einbettet und daraus die nötigen Kräfte für das »Ausharren« bei biblischen Texten bezieht. Impulse aus dem Umgang mit der Schrift, wie sie der Kirche aus Begegnungen mit dem Judentum heute erwachsen, haben beide jedoch kaum gekannt und nicht fruchtbar machen können.

Über den Autor

H. S., geb. 1946, Gemeindepfarrer im Saarland und am Niederrhein, 1990–1996 Pfr.in der Tourismusseelorge der EKD auf den Balearen, z.Zt. Rektor der Pastoralkollegs der Evang. Kirche im Rheinland in Rengsdorf.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2004

1 Kommentar zu diesem Artikel

Ein Kommentar von F.Krause / 03.09.2015
Sehr geehrter,lieber Autor!Ihre niedergelegten Gedanken habe ich mit wachsendem Interesse gelesen.Es gibt ein Faimlientreffen.Ich bin gebeten worden einige (unvollkommene)Gedanken zur "Theologie"meines Vaters,der auch einige Monate im KZ Sachsenburg gefangen saß,mitzuteilen. Ich suchte zum Begeriff:Offenbarungspositivismus und las Ihren Artikel mit Interesse weiter und weiter. Danke für Ihre präzise Zusammenfassung zu Bonhoeffers Haltung. Es grüßt Sie aus Leipzig,Friedrich Krause

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