Exegetische Überlegungen zum Verständnis1
Opfertod Jesu

Von: Wolfgang Rülke
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Seit unserem Studium vor dreißig Jahren stellt sich uns die Vorstellung, Gott müsse erst das Blut seines lieben Sohnes sehen, bevor er uns verzeihen könne2, zu der Erfahrung quer, die sich durch die gesamte jesuanische Botschaft zieht, dass Gott der uns liebende abba, Papa, ist, der seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute und regnen lässt über Gerechte und Ungerechte (Mt 5,45), dessen Liebe den Sünder zur Umkehr treibt. Die nachstehenden Überlegungen verdanken sich Vorarbeiten für eine wissenschaftliche Untersuchung über Passah-Erwartungen zur Zeit Jesu und ihren eventuellen Einfluss auf das Passionsgeschehen. Sie können erklären, warum Jesus bewusst in den Tod ging, obwohl er Gott als den liebenden Vater erfuhr. Ein erster Ausgangspunkt sind die Leidensweissagungen, die wohl nicht, wie noch BULTMANN vollmundig behauptete, »längst als sekundäre Gemeindebildungen erkannt sind«3, sondern sich nach J. JEREMIAS auf eine aramäische Urform zurückführen lassen, die hinter Mk 9,31 steht: mitmser bar enascha lide bene enascha, was soviel bedeutet wie: »Gott wird (bald) den Menschen (Sing.) den Menschen (Plur.) ausliefern.«4 Markus leitet die beiden ersten Leidensweissagungen (8,31–33, 9,30–32) ausdrücklich als »Lehre« ein. Möglich, dass Jesus das Wissen dieser »Lehre« der heiligen Schrift5 verdankt. Deutlich sind Anspielungen auf Js 53. Von den in der ersten Leidensankündigung (Mk 8,31) mitgeteilten Einzelheiten – Der Menschensohn muss viel leiden – und verworfen werden ... – und getötet werden – und nach drei Tagen6 auferstehen. mag – das »viel leiden« Js 53 insgesamt zusammenfassen, – das »verworfen werden« an Ps 117,22G (»Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden«) erinnern, ein Psalm, der während des Hallel der ersten Passah-Nacht gesprochen wird, – das »getötet werden« – und das »wieder auf(er)stehen« konnte wiederum aus Js 53 herausgelesen werden7. Eine weitere Anspielung auf Js 53 enthält Jesu Antwort auf die Frage der Zebedäus-Söhne: »Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.« (Mk 10,45 / Mt 20,28), was auf Js 53,11–12 zielt. Von zentraler Bedeutung aber ist Mk 14,24: »Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.« Hier erinnert Jesus wiederum Js 53,11–12 und gibt damit seinem Tod eine Deutung. Js 53,11–12 lautet: »11Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. 12Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.« »Die Vielen« meint die Heidenvölker, die sich nach alttestamentlicher Prophetie am Ende der Tage zu JHWH bekehren. Aus Js 53,11–128 konnte Jesus also herauslesen, dass die Voraussetzung für die Bekehrung der Heidenvölker der Tod des Gottesknechtes ist. Neben Jesaja 53 scheint mir Deuterosacharja Jesu Gang in die letzten Jerusalemer Tage beeinflusst zu haben. Anspielungen Jesu auf das Sacharja-Buch sehe ich im Ausdruck »Blut des Bundes« (Mk 14,24 – dieser Ausdruck wird Ex 24,8 im Zusammenhang des Sinaibundes und Sa 9,11 im Zusammenhang einer messianischen Verheißung gebraucht). Sa 9,9 mochte ihm schon bei seinem Einzug in Jerusalem vor Augen gestanden haben, und nach Mk 14,27 || Mt 26,31 glaubt Jesus, dass sich in der Passahnacht Sa 13,7 erfüllt. Weitere Anspielungen der Evangelisten auf das Sacharjabuch finden sich Mt 27,10 (Sa 11,12–13) und Jo 19,37 (Sa 12,10). Ich selbst vermute, dass die Übernachtung Jesu in der Passahnacht am Ölberg in Erinnerung an Sa 14,4 geschieht: Hier beginnt der endzeitliche Kampf, und es macht guten Sinn, dass Judas die Häscher hierher führt. Deuterosacharja beschreibt in dunklen Worten den Endkampf der Heidenvölker gegen Jerusalem. Im Verlaufe dieses Endkampfes ist von einem Durchbohrten die Rede (12,10), JHWH kämpft vom Ölberg aus gegen die Heidenvölker (14,3f.), durch eine eigenartige Plage werden die Völker besiegt (»ihr Fleisch wird verwesen, während sie noch auf ihren Füßen stehen, und ihre Augen werden in ihren Höhlen verwesen und ihre Zungen im Mund« – 14,12). Die jüdische Tradition erwartet diesen Endkampf für die Zeit des Passah-Festes.9 Ein Teil der Heiden überlebt nach Deuterosacharja diesen Kampf und zieht zum Laubhüttenfest nach Jerusalem, um dort JHWH anzubeten (14,16).10 Deuterosacharja endet mit den Worten »Und es wird keinen Händler mehr geben im Hause des HERRN Zebaoth zu der Zeit.« (14,21) – wollte Jesus für diesen Gottesdienst den Tempel »reinigen«? Der Eselsritt, »Tempelreinigung«, die Übernachtung in Gethsemane (Endkampf vom Ölberg her), die Annahme einer Zwischenzeit11 zwischen Jesu Tod (Passah-Fest) und Einbruch des Gottesreiches (Sa 14,16 – Völkerwallfahrt zum Laubhüttenfest) mögen von den deuterosacharjanischen Verheißungen beeinflusst sein. Wenn Jesus am Abend vor seinem Tod an Js 53,11–12 und mit der Erwähnung des Blutes des (neuen) Bundes an Sa 9,11 erinnert, dann bedeutet dies, dass er dazu bereit ist, die Voraussetzung für den Anbruch der Gottesherrschaft zu schaffen.12 Als Zeitpunkt für das Erlösungswerk des Messias wird in der rabbinischen Literatur immer wieder das Passahfest genannt. So wie im Nisan die Weltschöpfung und die Erlösung aus Ägypten stattfanden, so wird der Messias ebenfalls im Nisan sein Erlösungswerk vollenden.13 Der Codex Neophyti I (1. oder 2. Jhdt. n.Chr.) fügt zu Ex 12,42 ein Gedicht über die »vier Nächte« an, das in den einzelnen Strophen die Ereignisse aufzählt, die während der Passahnacht stattgefunden haben, bzw. noch stattfinden werden: I Die Erschaffung der Welt, I die Fesselung Isaaks, I der Auszug aus Ägypten I und das Erlösungswerk des Messias. – Der Text der vierten Strophe lautet: »Die vierte Nacht: Wenn die Welt ihr Ende vollenden wird, um aufgelöst (oder: getrennt) zu werden. Die Eisenjoche werden zerbrochen werden, und die Geschlechter des Gottlosen werden vernichtet. Und Mose wird heraufsteigen mitten aus der Wüste, [und der König-Messias mitten aus Rom]14. Der eine führt an an der Spitze der [einen] Lämmer[herde], und der andere führt an an der Spitze der [anderen] Lämmer[herde], und Sein Wort führt an zwischen den beiden. Und ICH und sie führen zusammen an.«15 Als eigentlichen Zeitpunkt der Erlösung benennt die jüdische Homilienliteratur dann die Mitternacht – einen Zeitpunkt, den – im Hinblick auf damalige Zeitmesser – nur Gott exakt zu bestimmen vermochte.16 Dass Jesus zu diesem eschatologisch bedeutsamen Zeitpunkt sein Erlösungswerk vollbringen kann, wird durch einen Beschluss des Hohen Rates gefährdet, Jesus ja nicht »auf dem Fest« zu ergreifen (Mk 14,2). Daraufhin17 bietet Judas die Übergabe Jesu an (V. 10–11). Mit diesem Angebot liegt der Zeitpunkt der Auslieferung wieder in den Händen Judas bzw. seines Auftraggebers. Es spricht einiges dafür, dass Jesus selbst den Judas mit diesem schweren Auftrag betraute: I Nirgendwo im Neuen Testament wird die Tat des Judas als »Verrat« bezeichnet. paradidomi bedeutet in erster Linie »überliefern«, »ausliefern«, freilich kann auch gelegentlich die Bedeutung »verraten« mit anklingen. Doch wird paradidomi auch im positiven Sinn für die Traditionsübergabe verwendet, so gerade auch in 1Kor 11,23. I Als Jesus seine bevorstehende Auslieferung durch einen aus dem Jüngerkreis andeutete, hielten alle Anwesenden es für möglich, dass sie mit dieser Aufgabe betraut werden konnten – sie fragten: »Bin ich’s?« (Mk 14,18). Die Ur-Leidensweissagung Mk 9,31 mochte eine solche Frage erwarten lassen. – Im Gegensatz dazu wird die Ankündigung der Verleugnung Petri mit lautem Protest beantwortet (Mk 14,31). I Judas wusste den Ort, an dem Jesus mit dem Jüngerkreis übernachtete: den Garten Gethsemane. Zuvor übernachtete Jesus mit dem Jüngerkreis in Bethanien (vgl. Mk 11,12). Für die Passahnacht selbst aber war eine Übernachtung im erweiterten Stadtbezirk Jerusalems vorgeschrieben. Dass Judas über die Schlafstätte Jesu und der Jünger informiert war, lässt sich für mich nur durch eine Absprache erklären. I Judas küsste Jesus nach Mk 14,45 herzlich18, und Mt 26,50 redet Jesus Judas mit hetaire« an. Eine Verteufelung des Judas ist erst bei Lk und Jo zu beobachten. Judas also ermöglicht, dass Jesus in der Nacht des erstes Passah-Tages ausgeliefert wird. Möglicherweise erwartete Jesus für diese Nacht den messianischen Endkampf19, in dessen Verlauf er ums Leben kommen sollte. Die Abendmahlsworte mit ihrer Zeichenhandlung des Brotbrechens und der Erwähnung des Blutvergießens weisen wohl darauf hin, dass Jesus damit rechnete, entweder durch einen Schwertstreich oder bei einer Steinigung ums Leben zu kommen. Eine Kreuzigung, bei der der Leib ja nicht zerbrochen wird und eigentlich auch nicht viel Blut fließt, passt nicht zu den Abendmahlsworten.20 In der Mitternacht des. 1. Passahtages kam die Blutmanipulation Ex 12,7 zu ihrer Wirkung, als JHWH bzw. sein Verderber an den Häusern der Israeliten vorüberging (pasach, V. 13 und 23). Mir erscheint es sehr wahrscheinlich, dass Jesus seine Blutmanipulation im Garten Gethsemane erwartete.21 Möglich, dass die Jünger deswegen den Garten Gethsemane trotz aller vorherigen Beteuerungen so fluchtartig verließen, weil das Erwartete eben nicht eintrat.22 Die eschatologisch so bedeutsame Stunde verstrich, ohne dass Jesus sein Blut vergoss. Als Jesus dann anderntags gekreuzigt wurde, rief er aus: lama elohi lama sabachtans – Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Ist dies die aramäische Wiedergabe von Psalm 22,2a, mit bewusster Anspielung auf den ganzen Psalm? Oder drückt Jesus damit seine tiefste Gottverlassenheit aus? Auffallend ist, dass die Gebetsanrede elohi nicht der Gebetssprache Jesu entspricht. Alle anderen ihm zugeschriebenen Gebete beginnen mit pater. Mk 14,36 ist sogar noch der aramäische Wortlaut abba erhalten. Diese Gebetsanrede macht die besondere Qualität der Gebete Jesu aus (zum urchristlichen Nachhall dieser Gebetsanrede vgl. Rm 8,15, Gl 4,6). Bedeuten die letzten Worte Jesu nach dem ältesten Evangelisten, dass Jesus sich angesichts dieses Todes aus seiner intimen Gottesbeziehung wieder herausgefallen fühlte? Ist ihm nach allem, was er an diesem Vormittag hatte durchmachen müssen, der tiefe Glaube zerbrochen, und sah er sich selbst in seiner Mission gescheitert? Gerade dass Jesus diese Worte auf aramäisch sprach, belegt m.E., dass er nicht in die Sprache des Psalters verfällt, sondern hier eigene Befindlichkeit ausdrückt. Gelernt wurde der Psalter doch wohl in der lingua sacra. Wie bei der Fesselung Isaaks Gen 2223 ereignet sich – zumindest nach den Berichten der Synoptiker – auch bei Jesu Selbstopfer ein Synchronizitätsphänomen: »37Aber Jesus schrie laut und verschied. 38Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.« (Mk 15). Dieser Vorfall erinnert an jüdische Berichte, nach denen 40 Jahre vor Zerstörung des Tempels eigenartige Dinge geschahen, aus denen die Zeitgenossen erschlossen, die Schechina JHWHs habe bereits den Tempel verlassen. Von den zahlreichen Belegen sei Joma 39b zitiert: »Unsere Meister lehrten: Vierzig Jahre lang vor der Zerstörung des Hauses kam das Los nicht in die Rechte,24 noch wurde der rotgefärbte Stoffstreifen weiß,25 noch brannte das westliche Licht,26 und es öffneten sich die Türen des Tempels von selbst.«27 Theologisches Nachdenken über dieses Synchronizitätsphänomen mochte dazu führen, nun im Kreuzestod Jesu den Höhepunkt und Abschluss des Opfergedankens zu sehen, wie es dann klassisch im Hebräerbrief ausgedrückt wird: »Das [nämlich ein Sündopfer darzubringen] hat er [Christus] ein für allemal getan, als er sich selbst opferte.« (7,27) Verstand Jesus selbst noch seinen Tod als Voraussetzung dafür, dass die Heidenvölker im Sinne der alttestamentlichen Propheten bekehrt werden konnten, so ermöglicht das Zusammenfallen des Todes Jesu mit dem Zerreißen des Vorhangs im Allerheiligsten, Jesu Tod nun doch als Sühnopfer zu verstehen, das aber alle weiteren Sühnopfer ersetzte und unnötig machte. Der Opferkult – der zumindest seit Hosea 6,6 suspekt geworden ist – ist damit endgültig an sein Ende gekommen. Von der Fesselung Isaaks – auch sie geschah nach jüdischer Tradition an einem Passahfest28 – und ihrer Aufhebung des Menschenopfers spannt sich der Bogen zum Selbstopfer Jesu, durch das der Opferkult selbst aufgehoben wird. Dass die Auflösung des Opferkultes nun wieder durch ein Menschenopfer geschah, verdankt sich wohl nicht eigentlich dem göttlichen Willen und göttlicher Setzung, sondern der Tat jenes Mannes aus Nazareth, der die Nähe Gottes als liebenden Vaters in ganz besonderer Weise erfuhr, der aber die bei den Propheten Jesaja und Sacharja mitgeteilten Aussagen als Willenskundgebungen seines himmlischen Vaters in dem Sinne verstand, dass er – um die Heidenvölker »als Beute« zu erhalten – sterben müsse. Dürfen wir die Mk 15,37f. mitgeteilte Synchronizität so verstehen, dass Gott dieses Opfer annahm, damit es fortan keine weiteren Opfer mehr gibt? Anmerkungen: 1 Für Ursula zum 30.3.2003. 2 Wohl als Spätfolge der Anselm’schen Satisfactionstheorie (Cur deus homo – 1098) wurde die Ansicht vertreten, durch den stellvertretenden Tod der Opfertiere bzw. Christi werde menschliche Schuld gesühnt, Gottes Zorn darüber gestillt. Hinsichtlich der Tötung der Opfertiere glaubte man, diese Sicht schon im Alten Testament verankert zu sehen, auch in der Schlachtung der Passah-Lämmer. Vgl. dazu: Frey, Hellmuth: Das Buch der Heimsuchung und des Auszugs. Kapitel 1–18 des zweiten Buches Mose … Die Botschaft des Alten Testaments, Band 5, Stuttgart 1949, 135: »Der Blutritus ist eine Sühnehandlung zur Beschwichtigung des Zornes Gottes.« Inzwischen ist solche Redeweise (auch auf der Kanzel) suspekt geworden. 3 Bultmann, Rudolf: Die Geschichte der synoptischen Tradition, Göttingen 81970, 163. 4 Jeremias, Joachim: Neutestamentliche Theologie, Erster Teil: Die Verkündigung Jesu. Gütersloh 31979, 268. Das Hitpecel ist hier als passivum divinum zu verstehen. 5 Ähnlich fügt Lk in die dritte Leidensankündigung ein: »es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn« (1831). Vgl. dazu auch die Emmaus-Geschichte (Lk 24,27). 6 Jeremias a.a.O. [Anm. 4], 271, weist darauf hin, dass dieser Ausdruck semitisch ist. »Das Semitische [kennt] kein Wort für »mehrere«, »ein paar«, »einige« ... und [hilft] sich u.a. so ..., dass es dafür »drei« sagt. So kommt es, dass schon im Alten Testament die Wendung »drei Tage« eine unbestimmte, aber nicht allzu lange Zeitspanne bezeichnet.« Jesus gebraucht diese Wendung, um seine Parusie, seine Auferstehung, die Vollendung und den Tempelneubau anzukündigen, Ereignisse, die »den in Kürze erfolgenden Triumph Gottes umschreiben«, ebenda. Vgl. Dodd, C. H.: The Parables of the Kingdom, London 1935, 100f. – Die Formulierung »nach drei Tagen« heißt soviel wie »in Kürze«. Sie ist nicht wie die matthäische und lukanische Umformung »am dritten Tag« von Ostern her formuliert, sondern bewahrt wohl ipsissima vox. 7 Vgl. schon Schweitzer, Albert: Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums. Zweites Heft: Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu. Tübingen und Leipzig 1901, 89: »In dem Bild des leidenden Gottesknechtes erkannte Jesus sich wieder. Dort fand er seinen Leidensberuf vorgebildet.« [Hervorhebung von mir] Jeremias, a.a.O. lAnm. 4], 272, listet die Stellen in den Evangelien auf, die auf Js 53 Bezug nehmen. 8 Wie Js 52,13–53,12 historisch verstanden werden kann, hat Hans-Jürgen Hermisson plausibel gemacht: Deuterojesaja habe in den drei ersten Gottesknechtsliedern sein eigenes Schicksal beschrieben. Der Prophet rechnete damit, durch seine Botschaft auch die Heidenvölker zu erreichen. Diese Hoffnung wurde von der Erfahrung genährt, dass sich etliche Babylonier den Synagogengemeinden anschlossen. Doch dann wurde dem Propheten der Prozess gemacht, bei dem er auf unehrenhafte Weise zu Tode kam. Dieses Schicksal reflektiere das vierte Gottesknechtslied, Js 52,13–53,12, das von einem Schüler des Propheten stamme. Trotz des Schicksals des Propheten hält sein Schüler an der deuterojesaianischen Erwartung fest, »Licht der Heiden« (496) zu werden: Nach dem Tod des Propheten werde dieser »die Vielen zur Beute« erhalten (53,12). Janowski, Bernd und Stuhlmacher, Peter (Hrg.): Der leidende Gottesknecht: Jesaja 53 und seine Wirkungsgeschichte, Tübingen 1996, 1–25. 9 Der Tag, der weder Tag noch Nacht ist, (Sa 147) ist nach ·Kallir die Passahnacht. Im 18-Bitten-Gebet für das Passahfest schreibt er: »Bringe doch das Ende nahe (nämlich den Tag, der) nicht Tag und nicht Nacht ist«, Edelmann, Rafael: Zur Frühgeschichte des Ma·hzor, Genizafragmente mit palästinischer Punktation, Bonner orientalische Studien, herausgegeben von P. Kahle und W. Kirfel, Heft 6, Stuttgart 1934, S. 20. 10 Ist es dieses Fest, zu dem Jesus nach seinem Logion (Mk 14,25) »wieder Wein trinken wird im Reich Gottes«? Aufgrund dieser Angabe vermuten etliche Forscher, dass Jesus mit dem baldigen Beginn des (irdischen) Gottesreiches gerechnet hat, vgl. Patsch, Hermann: Abendmahl und historischer Jesus. Calwer Theologische Monographien, Bd. 1, Stuttgart 1972, 143. 11 Vgl. Patsch, ebenda, 129: Jesus »blickte … bei einer Reihe von Texten über seinen Tod hinaus, rechnete also mit einer »Zwischenzeit« zwischen seinem Hinscheiden und dem Anbruch der sichtbaren Gottesherrschaft, in der seine Jünger ohne ihn wären.« 12 Damit ist sein Tod eigentlich kein Sühnetod zur Vergebung der Sünden, sondern eher eine Auslösung der Heidenvölker aus der Macht der – nach neutestamentlicher Vorstellung – dem Teufel verhafteten Götter. Der Ausdruck eis aphesin harmation wird erst im Matthäusevangelium mit dem Kelchwort in Verbindung gebracht. Mk hat noch das altertümliche hyper pommonmit deutlichem Anklang an Js 53, das I Kor/Luk dann sachgemäß (denn die Korinther gehören ja zu den »Vielen« aus den Heidenvölkern) als hyper hümon versteht. Diesem Befund entspricht, dass nach dem Verständnis des AT das Opfer des Passah-Lammes, mit dem der Tod Jesu in Verbindung steht, kein Sühnopfer ist (gegen Frey, vgl. oben Anm. 2). Das Blut des Passah-Lammes war ursprünglich ein magisches Schutzzeichen. 13 Rosch HaSchana 11a. 14 Ergänzung nach dem Fragmenten-Targum. Die Auslassung im Kodex Neophyti geschah aus Gründen der Zensur. Eine Lücke weist auf die bewusste Auslassung hin. Klein, Michael L.: The Fragment-Targums of the Pentateuch. According to their Extant Sources. Volume 1: Texts, Indices and Introductory Essays. Rom 1980, 167. – Statt »aus Rom« ist vermutlich zu lesen: »aus der Höhe«, vgl. Black, Matthew: An Aramaic Approach to the Gospels and Acts, Oxford 21954, 174. 15 Díez Macho, Alejandro [Hrg.]: Neophyti 1 / Targum palestinense / MS de la biblioteca Vaticana, Tomo II, Éxodo, Madrid/Barcelona 1970, 76–79. 16 Pesikta des Rab Kahana, Piska 7, nach: Mandelbaum, Bernhard, New York 1961/62, I, 122. 17 Kontakte von Mitgliedern des Hohen Rates zu Jesus können bestanden haben durch Josef von Arimathäa (vgl. Mk 15,43) oder durch die Priester, die in der eigenartigen Notiz Apg 6,7 genannt werden, oder durch Nikodemus (Jo 31–21), falls diese Perikope überhaupt einen historischen Kern hat. – Vgl. dazu die Bemerkung von Weiß, Johannes [Herausgeber]: Die Schriften des Neuen Testaments, Erster Band, Göttingen 1906, 197, zu Mk 14,53–72. – Undichte Stellen kennen wir ja auch von heutigen Kirchen-Gremien! 18 Katethilesen, ein Wort, das Lk 15,20 bei der Begrüßung des verlorenen Sohnes durch den barmherzigen Vater verwendet. – Diese Nuance verschweigen alle gängigen Übersetzungen. 19 Dazu könnten die eigenartige Notiz Lk 22,38 und der zaghafte Versuch einer kämpferischen Auseinandersetzung (Mk 14,47) passen. 20 Darauf wies schon Goetz, K. G., Das Abendmahl eine Diatheke Jesu oder sein letztes Gleichnis, Leipzig 1920, Untersuchungen zum Neuen Testament, Herausgegeben von Hans Windisch, Heft 8, 31, hin. 21 Schon früh wird der Tod Jesu mit der Opferung des Passah-Lammes in Verbindung gebracht (1 Kor 57), was sich aber mit der synoptischen Datierung des Todes Jesu auf etwa 15 Uhr des 1. Passahtages beißt. Bei oberflächlichem Lesen erhält man den Eindruck, Jo biete eine andere Chronologie: Kreuzigung Jesu am Vortag des Passahfestes, Jesu Tod zu dem Zeitpunkt, zu dem die Passahlammer geschlachtet wurden. Jo, der diese Assoziation wohl beabsichtigt, drückt sich aber (sicher mit Bedacht) zweideutig aus: paraskeve tov pascha (1914) kann sowohl »Vortag des Passahfestes« als auch »Freitag [nämlich Rüsttag auf den Schabbat] der Passahwoche« bedeuten, und das pascha essen (18,28), weswegen sich die Priester bei den Verhandlungen mit Pilatus nicht verunreinigen wollten, kann auch bedeuten, das Mincha-Opfer des 1. Passahtages essen, was ausschließlich den Priestern vorbehalten war. So steht Jo nicht im Widerspruch zu den Synoptikern, ermöglicht aber durch seine absichtlich zweideutige Redeweise die theologische Deutung des Todes Jesu als Opferung des wahren Passah-Lammes. Folgendes erscheint mir wahrscheinlich: 1) Jesus selbst brachte sein Sterben mit dem Blut des Passahlammes in Verbindung, dachte dabei aber wohl an die Mitternacht des 1. Passahtages, zu der auch in Ägypten die Blutmanipulation der Israeliten ihre Wirkung zeigte. 2) Jesus starb dann gegen seine Erwartungen etwa um 15 Uhr am 1. Passahtages, wie es die Synoptiker berichten. 3) 1 Kr 5,7 bewahrt möglicherweise das Jüngerwissen, dass Jesus seinen Tod mit dem Blut das Passah Lammes in Verbindung brachte. 4) Jo drückt sich so raffiniert aus, dass seine Aussagen einerseits nicht in Widerspruch zur historischen Überlieferung stehen, Jesus sei am Freitag der Passahwoche gestorben, andererseits aber die theologische Deutung zulassen, Jesus sei als wahres Passah-Lamm gestorben. 22 Seit Reimarus wird gegen die Historizität der Leidensankündigungen eingewandt, dass die Jünger von der Verhaftung Jesu überrascht waren, was sie nicht hätten sein dürfen, wenn sie durch die Leidensweissagungen darauf vorbereitet gewesen wären. Die Jüngerflucht erklärt sich aber dann, wenn die Ereignisse dieser Nacht eben anders kamen, als Jesus dies erwartet hatte. 23 V. 13 erwähnt, dass Abraham nach dem Ende der Engelrede seine Augen erhob und sah, wie sich ein Widder im Gebüsch verfangen hatte. Mitten in einer aggressiven Handlung durch die Engelrede unterbrochen, entlud sich nun Abrahams aggressive Energie auf das Tier. Einen Auftrag zu diesem Tieropfer erhielt Abraham nicht. Aber der Engel JHWHs greift nicht noch einmal ein. Offensichtlich duldet JHWH das Tieropfer, um der menschlichen Aggressivität ein Ventil zu geben. Das Ersatzopfer zur Auslösung der menschlichen Erstgeburt ordnet dann Ex 13,13 als Satzung JHWHs an. Menschenopfer sind nach dem Gesamtzeugnis des Alten Testament ein Greuel in den Augen JHWHs (Dtn 12,21 u.ö.). So kennzeichnet es den Beginn der JHWH-Religion, dass JHWH dem Kindsopfer Einhalt gebietet. 24 »Dazu 3. Mose 16,8. Der Hochpriester legte seine Hände mit den Losen auf die beiden Böcke. Lag in der rechten Hand das Los, das den Bock für Gott bestimmte, in der linken das für den Sündenbock, so galt dies als gutes Vorzeichen, umgekehrt aber als schlechtes.« Mayer, S. Anm. 27. 25 »Dem Sündenbock wurde ein solcher Streifen zwischen die Hörner gebunden. Wurde er weiß, wenn der Bock tot war, so war dies ein Zeichen, daß Gott alle Sünden vergeben hatte. Dazu Jesaja 1,18.« Mayer, s. Anm. 27. 26 »Das am meisten im Westen stehende Licht des Tempelleuchters wurde zuerst angezündet, mit derselben Menge Öl gefüllt wie die andern und brannte dennoch weiter, wenn alle andern Lichter erlöscht waren. Auch dieses Wunder galt als Zeichen dafür, dan Gottes Gnade bei Israel weile.« Mayer, s. Anm. 27. 27 Nach Mayer, Reinhold: Der Talmud / ausgewählt, übersetzt und erklärt …, München 71984 [=51980], 176f. Zu weiteren Belegstellen s. Billerbeck, Paul, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, Bd. 1: Das Evangelium nach Matthäus, München 1922, 1043–46. 28 Vgl. oben Anm. 15.

Über den Autor

W. R., Jahrgang 1952. Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Baden, seit 1. September 2002 Religionslehrer in Ettenheim.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2003

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